04/10/2014
Das Leben im Weltraum stellt den menschlichen Körper vor einzigartige Herausforderungen. Astronautinnen und Astronauten sind über lange Zeiträume der Isolation und vor allem der Schwerelosigkeit ausgesetzt. Diese extremen Bedingungen beeinflussen nahezu jedes System im Körper, von den Muskeln und Knochen über das Herz bis hin zum Gehirn. Die Erfahrungen dieser Weltraumpioniere liefern uns wertvolle Erkenntnisse darüber, wie anpassungsfähig unser Körper ist und was passiert, wenn wir längere Zeit isoliert leben oder der Schwerkraft entzogen sind. Die Forschung auf der Internationalen Raumstation (ISS) und die Beobachtung von Astronauten wie dem US-Astronauten Mark Vande Hei, der über 340 Tage im All verbrachte, sind entscheidend, um die Auswirkungen besser zu verstehen.

Die Rückkehr von Astronauten zur Erde ist nicht nur ein wissenschaftliches, sondern auch ein physiologisches Ereignis. Nach Monaten oder sogar über einem Jahr in der Schwerelosigkeit muss sich der Körper wieder an die irdische Schwerkraft gewöhnen. Die Veränderungen, die im All stattgefunden haben, werden rückgängig gemacht, aber dieser Prozess kann Zeit und Anstrengung erfordern. Die medizinische Überwachung vor, während und nach Weltraummissionen ist daher von größter Bedeutung, um die Gesundheit der Astronauten zu gewährleisten und gleichzeitig unser Wissen über die Grenzen und Fähigkeiten des menschlichen Körpers zu erweitern.
Veränderungen der Körpergröße im All
Eine der sofort spürbaren und oft überraschenden Auswirkungen der Schwerelosigkeit ist, dass Astronauten im Weltraum größer werden. Dieses Phänomen tritt auf, weil die Bandscheiben in der Wirbelsäule, die auf der Erde durch die Schwerkraft komprimiert werden, sich in der Schwerelosigkeit ausdehnen können. Laut Weltraummedizinerin Bergita Ganse wächst der Körper in den ersten 24 Stunden im Durchschnitt um etwa fünfeinhalb Zentimeter. Dies ist jedoch keine dauerhafte Veränderung. Sobald die Astronauten zur Erde zurückkehren, zieht die Schwerkraft die Wirbelsäule wieder zusammen, und der Körper schrumpft auf seine ursprüngliche Größe zurück. Es handelt sich also um einen temporären Effekt der fehlenden Kompression durch die Gravitation.
Flüssigkeitsverschiebung: Puffy Face und Bird Legs
Ein weiteres auffälliges Phänomen in der Schwerelosigkeit ist die Verschiebung der Körperflüssigkeiten. Auf der Erde zieht die Schwerkraft Blut und andere Flüssigkeiten nach unten, insbesondere in die Beine. Im Weltraum fehlt diese Zugkraft. Infolgedessen wandern die Flüssigkeiten nach oben in den Oberkörper und Kopfbereich. Dies führt dazu, dass Astronauten oft ein geschwollenes Gesicht, das sogenannte „Puffy Face“, und gleichzeitig dünnere Beine, auch „Bird Legs“ genannt, entwickeln. Diese Umverteilung des Blutes signalisiert dem Körper zunächst, dass er zu viel Flüssigkeit hat, was zu einer erhöhten Ausscheidung von Wasser führt und den Flüssigkeitshaushalt weiter beeinflusst.
Diese Flüssigkeitsverschiebung hat auch Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System. Da mehr Blut im oberen Körper zirkuliert, muss das Herz weniger arbeiten, um Blut gegen die Schwerkraft nach oben zu pumpen, wie es auf der Erde der Fall ist. Das Herz passt sich an diese geringere Belastung an und kann mit der Zeit an Masse verlieren oder schrumpfen. Die Beinmuskeln, die auf der Erde ständig arbeiten müssen, um Blut zum Herzen zurückzupumpen und gegen die Schwerkraft zu agieren, werden in der Schwerelosigkeit kaum noch für diese Funktion benötigt.
Muskel- und Knochenabbau
Die fehlende Belastung durch die Schwerkraft führt unweigerlich zu einem Abbau von Muskelmasse und Knochendichte. Besonders betroffen sind die Muskeln, die auf der Erde zur Fortbewegung und zum aufrechten Stehen benötigt werden, wie die Bein- und Rückenmuskulatur. Da diese Muskeln in der Schwerelosigkeit nicht ständig beansprucht werden, baut der Körper sie ab, um Energie zu sparen. Weltraummedizinerin Bergita Ganse beschreibt, dass die Beine von Astronauten nach ihrer Rückkehr zunächst so weich wie Gummi sein können. Um diesem Muskelabbau entgegenzuwirken, müssen Astronauten täglich ein intensives Trainingsprogramm absolvieren, das speziell auf die Bedingungen in der Schwerelosigkeit zugeschnitten ist und den Widerstand simuliert, den die Schwerkraft normalerweise bietet.
Ebenso kritisch ist der Verlust an Knochendichte. Auf der Erde sorgt die mechanische Belastung durch die Schwerkraft und Bewegung dafür, dass die Knochenmasse erhalten bleibt. Im Weltraum fehlt diese Belastung, was zu einem schnelleren Abbau von Knochensubstanz führen kann. Dieser Prozess ähnelt dem bei Osteoporose auf der Erde, tritt aber viel schneller auf. Der Verlust von Knochenmasse ist besonders besorgniserregend, da die Regeneration der Knochensubstanz nach der Rückkehr zur Erde Jahre dauern kann. Auch hier sind spezielle Übungen und Ernährungspläne wichtige Gegenmaßnahmen, aber der Knochenverlust bleibt eine der größten Herausforderungen für langfristige Weltraummissionen.
Die Kombination aus Muskel- und Knochenabbau macht die Rückkehr zur Erde zu einer erheblichen Herausforderung. Die Astronauten müssen sich langsam wieder an das Gehen und das Tragen ihres eigenen Körpergewichts gewöhnen. Es kann ungefähr zwei Wochen dauern, bis sie wieder normal gehen können, während die vollständige Erholung der Knochensubstanz, wie erwähnt, deutlich länger dauern kann.
Anpassung des Gehirns an die Schwerelosigkeit
Auch das Gehirn passt sich den ungewohnten Bedingungen im Weltraum an. Eine Studie von Forschenden aus Belgien und Russland aus dem Jahr 2020 untersuchte die Gehirne von elf Astronauten. Sie stellten fest, dass bestimmte Bereiche des Gehirns, die für Bewegungsabläufe zuständig sind, an Masse zunahmen. Dies betraf beispielsweise den Motorkortex in der Großhirnrinde, der Signale an die Muskeln sendet und somit Bewegungen steuert. Diese Zunahme wird als Anpassung des Gehirns an die neue Umgebung und die veränderten Anforderungen an die Steuerung von Bewegungen in der Schwerelosigkeit interpretiert. Das Gehirn lernt quasi neu, wie es sich in einem dreidimensionalen Raum ohne Schwerkraft orientieren und bewegen muss.
Einfluss der Isolation auf das Gehirn
Neben der Schwerelosigkeit spielt auch die Isolation eine Rolle. Eine Untersuchung von deutschen Forschenden zeigte, dass Isolation die Größe bestimmter Gehirnbereiche beeinflussen kann. Sie untersuchten die Gehirne von neun Personen, die über ein Jahr isoliert auf einer Forschungsstation in der Antarktis lebten. Dabei stellten sie eine Verkleinerung einiger Bereiche des Hippocampus fest, einer Hirnregion, die für räumliches Denken und das Gedächtnis wichtig ist. Diese Verkleinerung wird darauf zurückgeführt, dass in einer isolierten Umgebung wie in der Antarktis oder im Weltall die äußeren Reize und sozialen Interaktionen stark reduziert sind. Das Gehirn wird weniger herausgefordert, was zu einem Abbau in bestimmten Bereichen führen kann. Dieses Phänomen wirft auch Fragen im Zusammenhang mit Isolation auf der Erde auf, beispielsweise während der Corona-Pandemie. Der Körper reduziert offenbar alles, was nicht ständig benötigt wird, und dies könnte auch für bestimmte Funktionen des Gehirns gelten, wenn die Umgebung weniger stimulierend ist.
Zusammenfassung der körperlichen Veränderungen
Die Auswirkungen von längeren Aufenthalten im Weltraum sind vielfältig und betreffen fast alle Körpersysteme. Hier ist eine Übersicht der wichtigsten Veränderungen:
| Körpersystem | Veränderung in Schwerelosigkeit | Effekt / Grund | Erholung auf der Erde |
|---|---|---|---|
| Körpergröße | Zunahme (ca. 5,5 cm) | Ausdehnung der Bandscheiben | Sofortige Rückkehr zur Ursprungsgröße |
| Flüssigkeitsverteilung | Verschiebung nach oben (Puffy Face, dünne Beine) | Fehlende Schwerkraft zieht Flüssigkeit nach unten | Schnelle Normalisierung |
| Muskulatur | Abbau (besonders Beine) | Geringere Belastung, fehlende Notwendigkeit gegen Schwerkraft zu arbeiten | Wochen bis normale Gehfähigkeit |
| Knochen | Abbau der Dichte | Fehlende mechanische Belastung | Jahre für vollständige Erholung |
| Herz | Schrumpfung | Weniger Arbeit nötig um Blut zu pumpen | Normalisierung |
| Gehirn (Motorik) | Zunahme von Masse (z.B. Motorkortex) | Anpassung an Bewegungen in 3D-Raum | Anpassung an Schwerkraftumgebung |
| Gehirn (Gedächtnis/Raum) | Möglicher Abbau (Hippocampus) | Reduzierte Reize und Isolation | Untersuchungen laufen |
Diese Veränderungen zeigen, wie dynamisch und anpassungsfähig der menschliche Körper ist, aber auch, welche Belastungen extreme Umgebungen mit sich bringen. Die Forschung im All ist daher nicht nur für die Raumfahrt wichtig, sondern liefert auch wertvolle Einblicke in grundlegende physiologische Prozesse, die für die Gesundheit auf der Erde relevant sind, insbesondere im Zusammenhang mit Bewegungsmangel, Alterung und Isolation.
Fragen und Antworten zu Körperveränderungen im All
Wird man im All wirklich größer?
Ja, Astronauten werden in der Schwerelosigkeit vorübergehend größer. Das liegt an der Ausdehnung der Bandscheiben in der Wirbelsäule, die auf der Erde durch die Schwerkraft zusammengedrückt werden. Die Größe normalisiert sich nach der Rückkehr zur Erde wieder.
Warum bekommen Astronauten ein geschwollenes Gesicht und dünne Beine?
In der Schwerelosigkeit verschieben sich die Körperflüssigkeiten nach oben, da die Schwerkraft sie nicht mehr in die Beine zieht. Das führt zu einem geschwollenen Gesicht (Puffy Face) und dünneren Beinen (Bird Legs).
Verliert man im Weltraum Muskeln und Knochen?
Ja, aufgrund der fehlenden Belastung durch die Schwerkraft kommt es zu einem Abbau von Muskelmasse (besonders in den Beinen) und Knochendichte. Intensives Training ist notwendig, um diesen Effekten entgegenzuwirken.
Wie lange dauert die Erholung nach der Rückkehr zur Erde?
Die Anpassung an die Schwerkraft braucht Zeit. Es kann etwa zwei Wochen dauern, bis Astronauten wieder normal gehen können. Die Regeneration der Knochensubstanz kann sogar mehrere Jahre in Anspruch nehmen.
Verändert sich das Gehirn im Weltraum?
Ja, das Gehirn passt sich an die Schwerelosigkeit an, zum Beispiel durch eine Zunahme in Bereichen, die für Bewegungsabläufe zuständig sind. Isolation kann aber auch zu einer Verkleinerung anderer Bereiche (z.B. Hippocampus) führen.
Die Forschung am menschlichen Körper im Weltraum ist ein fortlaufender Prozess. Jede Mission liefert neue Daten und Erkenntnisse, die uns helfen, die physiologischen Grenzen des Menschen besser zu verstehen und Strategien zu entwickeln, um die Gesundheit und Leistungsfähigkeit von Astronauten auf zukünftigen, noch längeren Reisen zu gewährleisten. Gleichzeitig lernen wir mehr über die Auswirkungen von Isolation und veränderten Umweltbedingungen, was auch für das Leben auf der Erde relevant ist.
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