Van Goghs Ohr: Mythos und Wirklichkeit

29/11/2018

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Die Geschichte, die sich um die Selbstverstümmelung des berühmten Malers Vincent van Gogh rankt, insbesondere das Ereignis, bei dem er sich einen Teil seines Ohrs abschnitt, gehört zweifellos zu den mysteriösesten und makabersten Episoden der Kunstgeschichte. Es ist eine Erzählung, die nach wie vor viele Fragen aufwirft und Spekulationen nährt, nicht zuletzt, weil Van Gogh selbst nur sehr wenige Details über die genauen Umstände und Beweggründe preisgegeben hat, die zu den Vorfällen in jener schicksalhaften Nacht des 23. Dezembers 1888 führten.

Warum hat sich Vincent van Gogh das Ohr abgeschnitten?
Doch so viel scheint klar: Nach einem heftigen Streit mit dem Maler Paul Gauguin, mit dem er seit zwei Monaten in Arles seinen Traum einer Künstlergemeinschaft verwirklicht hatte, schnitt sich der nervlich zerrüttete und betrunkene van Gogh mit dem Rasiermesser ein Stück seines Ohrs ab.

Dennoch gibt es Informationen, die ein Bild dessen zeichnen, was sich zugetragen haben muss. Was als relativ gesichert gilt, ist, dass der drastische Akt der Selbstverletzung unmittelbar auf einen heftigen und schwerwiegenden Streit folgte. Dieser Streit fand zwischen Vincent van Gogh und seinem Malerkollegen Paul Gauguin statt. Van Gogh und Gauguin hatten die vorangegangenen zwei Monate gemeinsam in der südfranzösischen Stadt Arles verbracht. Ihr Zusammenleben war von dem Ideal geprägt, eine Künstlergemeinschaft zu gründen und gemeinsam zu arbeiten – ein Traum, den Van Gogh mit großer Leidenschaft verfolgte.

Übersicht

Die dramatische Nacht in Arles

Nachdem die Spannungen zwischen den beiden Künstlern in dem hitzigen Disput gipfelten, muss Van Goghs ohnehin schon angegriffener nervlicher Zustand weiter destabilisiert worden sein. Die ihm zur Verfügung stehende Information legt nahe, dass der Künstler in dieser Nacht nicht nur nervlich zerrüttet war, sondern auch unter Alkoholeinfluss stand. In diesem Zustand der extremen emotionalen und geistigen Belastung griff Van Gogh zu einem Rasiermesser. Mit diesem Werkzeug fügte er sich die schwere Verletzung zu und schnitt sich ein Stück seines eigenen Ohrs ab.

Unmittelbar nach der Tat, getrieben von den Geschehnissen und dem Glauben, dass Gauguin ihn nun endgültig verlassen hatte, verließ Van Gogh sein Atelier. Er rannte los, offenbar in der Absicht, Gauguin zu suchen. Dabei hatte er das abgetrennte und in Zeitungspapier eingewickelte Stück seines Ohrs bei sich. Laut der spannenden Biografie von Naifeh/Smith war es Van Goghs mutmaßliche Absicht, Gauguin mit dieser schockierenden Trophäe „zu zeigen, was für ein schrecklicher Preis entrichtet worden war“. Dies deutet auf eine verzweifelte Geste hin, die das Ausmaß seines emotionalen Leidens und seiner Bindung zu Gauguin zum Ausdruck bringen sollte.

Seine Suche nach Gauguin führte ihn auch in dessen bevorzugtes Bordell. Doch auch dort wurde er nicht fündig. Schließlich drückte er das blutige Päckchen, das das abgeschnittene Ohr enthielt, einer Prostituierten in die Hand. Danach schleppte sich der schwer verletzte Maler nach Hause zurück. Er suchte nicht sofort medizinische Hilfe auf; erst am nächsten Tag wurde er ins Krankenhaus gebracht, wo er die notwendige Versorgung erhielt.

Das berühmte Selbstporträt

Eines der wohl bekanntesten Zeugnisse dieses Vorfalls ist Van Goghs „Selbstporträt mit verbundenem Ohr“, das er kurz nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus schuf. Dieses Gemälde, das heute im Besitz der Courtauld Gallery in London ist, zeigt den Künstler mit einem Verband über seinem rechten Ohr – ein deutlicher Hinweis auf die frische Verletzung. Auf dem Selbstporträt erscheint Van Gogh, gewappnet gegen die Januarkälte, in einem Mantel und mit einer Pelzmütze. Sein Blick ist durchdringend, aber gleichzeitig wirkt er stoisch und schicksalsergeben, ins Leere gerichtet.

Die Malweise in diesem Bild konzentriert sich auf das schmale Gesicht und die Mütze, wo seine typischen langen, vertikalen Pinselstriche zu sehen sind. Interessante Details im Hintergrund des Porträts geben Einblicke in Van Goghs Interessen und Hoffnungen. Rechts von ihm ist ein Druck von Sato Torakiyo abgebildet, der einst sein Atelier schmückte. Dieser Druck weist auf Van Goghs tiefe Faszination für die japanische Kunst und Kultur hin, die einen bedeutenden Einfluss auf seine eigene Arbeit hatte. Links von ihm ist eine leere Leinwand zu sehen. Dieses Detail könnte symbolisch interpretiert werden und andeuten, dass von diesem produktiven Künstler noch viele weitere Bilder zu erwarten waren, dass seine kreative Schaffenskraft trotz des persönlichen Dramas ungebrochen war.

Die Genesung und der Kampf um Normalität

Van Gogh malte dieses Selbstporträt um den 7. oder 8. Januar 1889, direkt nachdem er aus dem Spital entlassen worden war. Seine Entlassung war offenbar kein selbstverständlicher Vorgang, sondern etwas, wofür er kämpfen musste. Angesichts der Brutalität seiner Selbstverletzung und der wahnhaften Anfälle, die ihn bis zum Jahresende 1888 plagten, sahen die Ärzte seine Situation als so schwerwiegend an, dass sie seine Einweisung in eine der „Irrenanstalten“ in Aix oder Marseille in Erwägung zogen. Van Gogh musste also nicht nur körperlich genesen, sondern auch um seine Freiheit und die Fortsetzung seiner Arbeit ringen.

Gleichzeitig bemühte sich Van Gogh, seinen Bruder Theo in Paris zu beruhigen, der verständlicherweise zutiefst besorgt war. In einem seiner Briefe aus dem Januar beginnt er mit den Worten: „Um Dich völlig über meinen Zustand zu beruhigen, schreibe ich Dir diese Zeilen.“ Es scheint, dass Van Gogh mit dieser Formulierung und auch mit seinen Selbstporträts, einschließlich der zweiten Version, einer Dauerleihgabe der Reederfamilie Niarchos im Kunsthaus Zürich, die Dramatik seines Zustands herunterspielen wollte. Er strebte danach, den Anschein von Normalität und Kontrolle zu wahren, obwohl er innerlich zerrüttet war.

Eine widerlegte Theorie

Die Umstände des Vorfalls haben im Laufe der Zeit zu verschiedenen Interpretationen und sogar neuen Theorien geführt. Eine kürzlich publizierte These stellte die Behauptung auf, dass es gar nicht Van Gogh selbst war, der sich das Ohr abschnitt, sondern dass Paul Gauguin dies im Zuge des Streits mit seinem Degen getan habe. Diese spektakuläre Theorie sorgte für Aufsehen, wurde jedoch von führenden Van-Gogh-Experten als unhaltbar und nicht mit den historischen Fakten und Zeugenaussagen vereinbar erklärt. Die überwältigende Mehrheit der Experten stützt weiterhin die Version der Selbstverstümmelung durch Van Gogh selbst.

Warum hat sich Vincent van Gogh das Ohr abgeschnitten?
Doch so viel scheint klar: Nach einem heftigen Streit mit dem Maler Paul Gauguin, mit dem er seit zwei Monaten in Arles seinen Traum einer Künstlergemeinschaft verwirklicht hatte, schnitt sich der nervlich zerrüttete und betrunkene van Gogh mit dem Rasiermesser ein Stück seines Ohrs ab.

Häufig gestellte Fragen zum Vorfall

Obwohl die genauen psychologischen Hintergründe und der exakte Ablauf der Ereignisse in jener Nacht für immer im Dunkel bleiben mögen, lassen sich einige häufig gestellte Fragen basierend auf den bekannten Informationen beantworten:

Wann genau ereignete sich der Vorfall?
Der Vorfall, bei dem Vincent van Gogh sich einen Teil seines Ohrs abschnitt, geschah in der Nacht vom 23. auf den 24. Dezember 1888.

Mit wem stritt sich Van Gogh unmittelbar vor der Tat?
Er hatte einen heftigen Streit mit seinem Malerkollegen Paul Gauguin.

Wo lebten Van Gogh und Gauguin zu dieser Zeit?
Sie teilten sich ein Atelier und Wohnhaus in Arles, Südfrankreich.

Welches Werkzeug benutzte Van Gogh für die Selbstverletzung?
Van Gogh benutzte ein Rasiermesser, um sich das Ohr abzuschneiden.

Was geschah mit dem abgetrennten Ohrstück?
Van Gogh wickelte es in Zeitungspapier ein und brachte es zu einem Bordell, wo er es einer Prostituierten übergab.

Wann malte Van Gogh sein berühmtes Selbstporträt mit dem Verband?
Er malte es um den 7. oder 8. Januar 1889, kurz nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus.

Was wollten die Ärzte nach dem Vorfall tun?
Angesichts seiner Verletzung und wahnhaften Anfälle wollten die Ärzte ihn in eine psychiatrische Anstalt einweisen.

Wurde die Theorie, dass Gauguin das Ohr abschnitt, von Experten anerkannt?
Nein, Van-Gogh-Experten halten diese neuere Theorie für unhaltbar.

Die tragische Episode von Van Goghs Selbstverstümmelung bleibt ein komplexes und zutiefst menschliches Drama, das untrennbar mit dem Leben und Werk eines der bedeutendsten Künstler aller Zeiten verbunden ist. Es zeigt die extremen inneren Kämpfe, mit denen Van Gogh zeitlebens rang, und wirft ein Licht auf die fragile Grenze zwischen Genie und Wahnsinn, die sein Leben und letztlich auch sein künstlerisches Schaffen prägte.

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