23/08/2015
Das Schreiben von Comics oder Graphic Novels mag auf den ersten Blick einfacher erscheinen als das Verfassen traditioneller Romane. Doch weit gefehlt! Es ist ein einzigartiger Prozess, der ein tiefes Verständnis für visuelles Erzählen erfordert und oft die Zusammenarbeit eines kreativen Teams. Graphic Novels haben einen besonderen Platz in den Herzen vieler Leser und inspirieren zahlreiche Autoren dazu, selbst in dieses Medium einzutauchen. Sie besitzen eine Art Magie, die uns oft seit Kindheitstagen begleitet.

- Was sind Comics und Graphic Novels?
- Die Bausteine des Erzählens im Comic
- Der Prozess des Comic-Schreibens
- Das Kreativteam und die Zusammenarbeit
- Vertrieb und Veröffentlichung
- Comics im Kontext anderer Medien
- Ein Blick auf die Geschichte und Forschung
- Tipps für angehende Comic-Autoren
- Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Was sind Comics und Graphic Novels?
Bevor wir ins Detail gehen, klären wir die grundlegenden Begriffe. Der Begriff „Comic“ stammt ursprünglich aus dem Englischen („comic strip“ – wörtlich „komischer Streifen“) und bezog sich auf humorvolle Bildgeschichten in Zeitungen. Heute hat sich die Bedeutung erweitert und umfasst das Medium der sequenziellen Kunst unabhängig von Inhalt oder Länge. Eine weit verbreitete Definition, unter anderem von Scott McCloud, beschreibt Comics als „zu räumlichen Sequenzen angeordnete, bildliche oder andere Zeichen, die Informationen vermitteln und/oder eine ästhetische Wirkung beim Betrachter erzeugen“. Sie sind eine Form der „Bildgeschichte“, bei der die Erzählung durch eine Abfolge von Bildern getragen wird.
Eine Graphic Novel ist im Wesentlichen eine längere, in sich abgeschlossene Geschichte im Comic-Format, die typischerweise als Buch gebunden ist (im Gegensatz zu den oft dünneren, fortlaufenden Comic-Heften). Es ist wichtig zu verstehen, dass eine Graphic Novel kein Genre (wie Fantasy oder Krimi) ist, sondern ein Medium oder ein Format, um Geschichten in sequenzieller Kunst zu erzählen. Innerhalb dieses Formats können unzählige Arten von Geschichten erzählt werden.
Graphic Novels vs. Comic Books vs. Manga
Obwohl alle diese Formen illustrierte Geschichten nutzen, gibt es Unterschiede:
- Comic Books: Sind in der Regel fortlaufende, serialisierte Erzählungen, die regelmäßig in Heftform erscheinen. Oft sind sie Teil einer längeren Serie.
- Graphic Novels: Enthalten eine vollständige Geschichte in einem einzigen Band. Sie sind oft umfangreicher als einzelne Comic-Hefte und wie Bücher gebunden.
- Manga: Ist das japanische Wort für Comics. Manga stammen aus Japan und haben oft einen eigenen visuellen Stil und Erzählkonventionen (z. B. Leserichtung von rechts nach links). Wie Graphic Novels können sie alle Genres abdecken und erscheinen oft in dicken Sammelbänden, die dann ins Deutsche übersetzt werden. Ähnliche Formen aus Korea heißen Manhwa.
Entgegen dem verbreiteten Klischee sind Graphic Novels nicht nur für Kinder oder handeln ausschließlich von Superhelden. Sie können alle Genres von Belletristik und Sachbüchern abdecken, darunter Biografien, Geschichte, Science-Fiction, Romanzen, Horror oder einfach nur „Slice of Life“-Geschichten. Sie werden oft in Altersgruppen unterteilt: Middle Grade (8-12), Young Adult (12-18) und Adult (18+).
Die Bausteine des Erzählens im Comic
Was macht einen Comic oder eine Graphic Novel aus? Neben der sequenziellen Kunst, also der Anordnung von Bildern in einer bestimmten Reihenfolge, um eine Narrative zu schaffen, gibt es spezifische Elemente der visuellen Sprache:
- Panels: Dies sind die einzelnen Rahmen oder Kästchen, die ein Bild oder eine kurze Bildsequenz enthalten. Sie stellen einen eingefrorenen Moment der Geschichte dar. Panels sind oft, aber nicht immer, durch einen Zwischenraum, den sogenannten „Gutter“, getrennt. Zeitungs-Comicstrips bestehen oft aus 3 oder 4 Panels, während Graphic Novels eine viel größere Vielfalt an Panelformen und -größen auf einer Seite aufweisen können.
- Sprechblasen (Word Balloons): Runde oder anders geformte Blasen mit einem „Schwanz“, der anzeigt, wer spricht. Gedanken werden oft in „Wolkenblasen“ dargestellt, Schreien in zackigen Blasen.
- Beschriftungen (Captions): Meist rechteckige Kästen, die oft oben oder unten im Panel platziert sind. Sie dienen als Erzählertext, beschreiben eine Szene oder geben Einblick in die Gedankenwelt einer Figur (innerer Monolog).
- Soundeffekte: Große, stilisierte Buchstaben, die Geräusche darstellen (Onomatopoesie), wie „BUMM“, „KRACH“ oder „ZISCH“.
Darüber hinaus nutzt der Comic eine reiche Formensprache und Symbolik. Überzogene Darstellungen von Emotionen (Schweißtropfen, Tränen), Bewegungslinien („Speedlines“) oder die Darstellung mehrerer Bewegungsphasen helfen, Dynamik und Gefühlszustände visuell zu vermitteln. Auch die Wahl von Strichstärke, Linienführung, Schriftart und -größe sowie Farben spielen eine wichtige Rolle bei der Gestaltung der Atmosphäre und der Charakterisierung.

Ein zentrales Konzept der visuellen Sprache ist die Stilisierung oder Überzeichnung von Figuren und Hintergründen. Cartoonhafte Figuren mit vereinfachten Merkmalen erleichtern die Identifikation für den Leser. Oft wird eine Kombination aus stark stilisierten Figuren und realistischen Hintergründen verwendet (manchmal als „Maskierungseffekt“ bezeichnet), um den Leser sicher in die dargestellte Welt eintauchen zu lassen.
Der Prozess des Comic-Schreibens
Das Schreiben eines Comics ist mehr als nur das Skizzieren einer Storyboard-Idee. Es erfordert kreatives Schreiben, Charakterentwicklung und Plot-Struktur, bevor die erste Illustration entsteht.
Von der Idee zur Geschichte
Jeder Comic beginnt mit einer Idee. Diese Idee wird zu einer Geschichte mit einem klaren Anfang, Mittelteil und Ende. Wie bei Romanen geht es darum, Charaktere einzuführen, ihre Ziele zu definieren, Hindernisse zu schaffen und sie am Ende durch ihre Reise zu verändern. Ein guter Handlungsbogen, innere Konflikte und eine detaillierte Welt sind entscheidend.
Der Unterschied liegt darin, diese Geschichte in ein Comic-Skript zu übersetzen. Das Skript ist das Herzstück der Zusammenarbeit zwischen Autor und Zeichner. Es ist ähnlich einem Drehbuch aufgebaut, aber speziell auf das Medium Comic zugeschnitten.
Das Comic-Skript
Ein Comic-Skript beschreibt Seite für Seite und Panel für Panel, was genau passieren soll. Es gibt verschiedene Ansätze:
- Full-Script (Volles Skript): Dies ist der detaillierteste Ansatz. Das Skript ist Panel für Panel aufgeschlüsselt und enthält alle Dialoge, Beschriftungen und genaue Anweisungen für den Zeichner bezüglich der Handlung und des Bildinhalts in jedem Panel. Ziel ist es, so spezifisch wie möglich zu sein, ohne dem Zeichner seine künstlerische Freiheit zu nehmen.
- Plot-First („Marvel Style“): Bei diesem Ansatz schreibt der Autor zunächst nur eine Zusammenfassung des Plots, oft nur wenige Absätze pro Seite, möglicherweise mit groben Dialogideen. Der Zeichner interpretiert diesen Plot und erstellt die Seiten mit den Panels und der visuellen Erzählung. Erst danach fügt der Autor die finalen Dialoge und Beschriftungen in die gezeichneten Panels ein. Dieser Stil war früher weiter verbreitet.
Unabhängig vom Ansatz ist es üblich, dass der Autor das Skript anpasst, nachdem die Zeichnungen vorliegen. Der Platz für Text in den Sprechblasen oder Beschriftungen kann variieren, und der Zeichner kann aus erzählerischen Gründen Panels hinzufügen oder entfernen. Die Fähigkeit, das Skript während des Prozesses anzupassen, ist entscheidend.

Layout und Panel-Gestaltung
Manchmal gibt der Autor auch Vorschläge für das Panel-Layout, also die Anordnung und Größe der Panels auf einer Seite. Dies beeinflusst den Lesefluss, das Tempo und die Betonung bestimmter Momente. Die Art und Weise, wie Panels aneinandergereiht sind, erzeugt beim Leser die Illusion von Bewegung und Zeit. Der Leser schließt aus den Unterschieden zwischen aufeinanderfolgenden Panels auf das Geschehen, das nicht explizit gezeigt wird – ein Prozess, der als Induktion bezeichnet wird. Die Wahl des Bildausschnitts und des dargestellten Moments in einem Panel („fruchtbarer Moment“) ist hierbei essenziell.
Das Kreativteam und die Zusammenarbeit
Die Erstellung eines Comics, insbesondere einer Graphic Novel, ist fast immer ein kollaborativer Prozess. Neben dem Autor gehören oft dazu:
- Zeichner (Artist): Übersetzt das Skript in Bilder, entwirft Charaktere und Schauplätze.
- Kolorist (Colourist): Fügt die Farben hinzu, was maßgeblich zur Atmosphäre und Stimmung beiträgt.
- Letterer: Platziert den Text (Dialoge, Beschriftungen, Soundeffekte) in den Panels und Sprechblasen.
- Editor: Überwacht den gesamten Prozess, gibt Feedback und stellt die Konsistenz sicher.
Als Autor bist du oft der Initiator des Projekts, aber die visuelle Interpretation des Zeichners ist genauso wichtig wie dein Text. Eine gute Zusammenarbeit und klare Kommunikation sind unerlässlich. Es hat sich bewährt, dass Autor und Zeichner rechtlich als Mit-Schöpfer (Co-Creators) des Werkes gelten.
Vertrieb und Veröffentlichung
Wenn deine Graphic Novel Gestalt annimmt, stellt sich die Frage der Veröffentlichung. Es ist selten notwendig, das gesamte Werk fertigzustellen, bevor man sich an Verlage wendet.
Üblich ist die Erstellung eines Einreichungspakets (Submission Package). Dieses enthält in der Regel eine Zusammenfassung der Geschichte, eine Gliederung der Kapitel, Charakterbeschreibungen, ein Skript-Sample und vor allem mehrere Seiten fertiger Beispielzeichnungen. Mit diesem Paket kannst du:
- Einen Literaturagenten suchen, der das Werk bei Verlagen einreicht.
- Verlage direkt kontaktieren.
- Self-Publishing betreiben. Dabei übernimmst du selbst die Kosten und Organisation für Druck, Marketing und Vertrieb. Dies kann digital oder auch als Printausgabe erfolgen, oft finanziert über Crowdfunding-Plattformen wie Kickstarter.
Comics im Kontext anderer Medien
Comics haben Berührungspunkte mit vielen anderen Kunstformen, sind aber gleichzeitig ein eigenständiges Medium.
- Film: Comics ähneln Storyboards und nutzen ähnliche Konzepte wie Bildausschnitte und Perspektivwechsel. Der Hauptunterschied liegt in der Bewegung: Während im Film Bewegung direkt dargestellt wird, muss der Comic sie durch Symbole, Bewegungslinien oder die Darstellung mehrerer Phasen suggerieren. Der Comic erfordert auch eine aktivere Beteiligung des Lesers, der die Lücken zwischen den Panels füllen muss (Induktion).
- Literatur: Wie Textliteratur erfordert der Comic einen aktiven Leser. Der größte Unterschied ist die Nutzung visueller Mittel. Symbole und Bilder ermöglichen eine unmittelbarere Wirkung. Der Autor kann seinen Stil nicht nur durch Worte, sondern auch durch die visuelle Gestaltung ausdrücken.
- Theater: Es gibt Parallelen in der Bedeutung von Posen, Symbolen und stilisierten Figuren zur Charakterisierung. Beide Medien nutzen oft prägnante Hintergründe. Der Comic kann jedoch parallele Handlungen sowie Zeit- und Ortssprünge leichter darstellen als das Theater.
- Bildende Kunst: Comics teilen die Bedeutung von Komposition, Perspektive und der Wahl des dargestellten Moments mit der bildenden Kunst. Techniken zur Darstellung von Bewegung, wie sie im Futurismus erforscht wurden, fanden später Anwendung im Comic.
Ein Blick auf die Geschichte und Forschung
Die Geschichte der Bildgeschichte reicht weit zurück, aber der moderne Comic entwickelte sich im 19. Jahrhundert. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Comics begann erst relativ spät. Anfänglich gab es oft undifferenzierte Kritik (z. B. die „Schmutz-und-Schund“-Kampagnen der 1950er Jahre in Deutschland), die dem Medium Sprachverarmung vorwarf – ein Vorwurf, der die Funktion von Dialogen im Comic, die eher mit Theater oder Film vergleichbar sind, verkannte.

Eine ernsthafte kulturwissenschaftliche Auseinandersetzung setzte in den 1960er Jahren in Frankreich ein. Später folgten andere Länder. Die Forschung betrachtet heute die Geschichte, Genres, einzelnen Werke und Künstler sowie die Formen und die Semiotik des Comics. Die Frage, ob Comics eine eigene Kunstform darstellen, wurde in den 1970er Jahren diskutiert und in den 1990er Jahren zunehmend bejaht. Heute gibt es spezialisierte Forschungseinrichtungen und Publikationen, die sich mit allen Aspekten des Mediums befassen.
Tipps für angehende Comic-Autoren
Wenn du mit dem Schreiben deines ersten Comics beginnst, hier ein paar Ratschläge:
- Studiere die Meister: Lies viele Comics und Graphic Novels. Versuche, ihre Skripte zu finden und zu analysieren. Achte auf die Struktur, das Panel-Layout, den Dialogfluss und den Aufbau der Handlung.
- Denke visuell: Comics sind ein visuelles Medium. Vermeide seitenlange Dialoge ohne Handlung. Zeige Aktionen, nutze die Umgebung, um deine Geschichte zu erzählen.
- Fange klein an: Auch wenn du eine epische Saga im Kopf hast, beginne mit einer kürzeren Geschichte. Konzentriere dich auf wenige Charaktere und eine einfache, aber gut erzählte Narrative.
- Schreibe für dich: Verfolge deine eigenen Ideen und erzähle Geschichten, die dir wichtig sind, anstatt nur darauf zu warten, für große Verlage zu arbeiten.
- Finde Inspiration: Trage ein Notizbuch bei dir. Beobachte die Welt. Filme, andere Bücher, sogar schlechte Kunst können inspirieren, indem sie dich motivieren, etwas Besseres zu schaffen. Persönliche Erfahrungen fließen oft unbewusst in deine Charaktere und Geschichten ein.
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Was ist das Format eines Comics?
Ein Comic ist ein Medium, das sequentielle Kunst nutzt, um eine Geschichte zu erzählen. Graphic Novels sind dabei ein spezifisches Format: abgeschlossene Geschichten in Buchform, im Gegensatz zu fortlaufenden Comic-Heften oder kurzen Zeitungs-Comicstrips.
Wie lange dauert das Schreiben einer Graphic Novel?
Der Prozess von der Idee bis zum fertigen Buch ist kollaborativ und kann stark variieren. Realistisch ist eine Dauer von ein bis drei Jahren für eine Graphic Novel, abhängig von Umfang und Team.
Wie viele Seiten hat eine Graphic Novel?
Graphic Novels sind in der Regel länger als einzelne Comic-Hefte. Sie können von etwa 50 Seiten bis zu mehreren hundert Seiten reichen.
Ich hoffe, dieser Artikel hat dich inspiriert, deine eigene Comic-Idee zu verfolgen. Du kennst nun die Grundlagen des Mediums, des Schreibprozesses und der Zusammenarbeit. Lade dir ein Skript-Template herunter und beginne damit, deine Gedanken in ein visuelles Abenteuer zu verwandeln!
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