17/06/2015
Rathenow, oft als die „Stadt der Optik“ bezeichnet, blickt auf eine lange und facettenreiche industrielle Geschichte zurück. Während die Optik zweifellos das prägendste Erbe ist, gab es auch andere bedeutende Produktionszweige, die die Stadt über Jahrhunderte hinweg formten. Die Entwicklung von Rathenow ist untrennbar mit dem Erfindungsgeist und der unternehmerischen Tätigkeit seiner Bewohner verbunden, die Produkte schufen, die weit über die regionalen Grenzen hinaus bekannt wurden.

Die Geburt der Optikindustrie
Der Grundstein für Rathenows Ruf als Zentrum der Optikindustrie wurde bereits im Jahr 1801 gelegt. In diesem Jahr gründeten Pfarrer Johann Heinrich August Duncker und Samuel Christoph Wagener die Königlich privilegierte optische Industrie-Anstalt. Duncker, der schon seit 1790 Mikroskope fertigte, war ein entscheidender Innovator. Seine 1801 patentierte Vielspindelschleifmaschine revolutionierte die Linsenproduktion, indem sie es ermöglichte, elf Linsen gleichzeitig zu schleifen und zu polieren. Diese Erfindung war ein Meilenstein auf dem Weg zur rationellen Herstellung optischer Produkte.
Die frühe Produktion fand in einem Teil von Dunckers Geburtshaus statt. Das Sortiment umfasste zunächst Linsen für Mikroskope, Lupen und Brillen, aber auch astronomische Fernrohre und weiterhin komplette Mikroskope. Als erste Arbeitskräfte wurden invalide Soldaten und Waisenkinder eingestellt, was der Industrie auch eine soziale Komponente verlieh. Während Duncker die technische Seite verantwortete, kümmerte sich Wagener um den Vertrieb der Produkte. Trotz wirtschaftlich schwieriger Rahmenbedingungen in dieser Zeit wuchs die Produktion stetig an, sodass ab 1815 zusätzliche Produktionsräume angemietet werden mussten.
Expansion und Diversifizierung unter neuer Führung
Nachdem Wagener das Unternehmen 1806 verlassen hatte und Duncker 1819 aus gesundheitlichen Gründen die Leitung abgeben musste, übernahm 1824 Dunckers Sohn Eduard das Geschäft. Unter seiner Führung bis 1845 verlagerte sich der Produktionsschwerpunkt stärker auf Brillen. Der Vertrieb professionalisierte sich; die Produkte wurden nicht mehr nur über Hausierer, sondern zunehmend über Handelsgeschäfte und auf Industriemessen verkauft, was die Reichweite erhöhte. 1834 führten ein Umzug und bedeutende Erweiterungen der Produktionsstätten zu weiteren Wachstumsmöglichkeiten.
Ein weiterer wichtiger Generationswechsel erfolgte 1845, als Eduard Dunckers Neffe Emil Busch die Leitung übernahm. Busch trieb die Rationalisierung der Produktionsprozesse voran und führte neue Produkte ein, um mit den ab 1850 in Rathenow entstehenden weiteren optischen Betrieben mithalten zu können. Bis 1851 stieg die Zahl der Beschäftigten in Buschs Unternehmen auf 130 an. Ab 1852 wurde das Produktionssortiment erheblich erweitert und um Fotoapparate und Objektive ergänzt. Ein bemerkenswertes Produkt dieser Zeit war das 1865 erfundene Weitwinkelobjektiv Pantoscop.
1872 wurde das Unternehmen in die Emil Busch Aktiengesellschaft umgewandelt. Die Produkte der Emil Busch AG wurden international vertrieben. Ein besonders wichtiges Geschäftsfeld bis zum Ersten Weltkrieg war die Produktion von Feldstechern für das preußische, deutsche und ausländische Militär. Die offizielle Firmenbezeichnung lautete ab 1908 Emil Busch AG Optische Industrie. Die Wirren des Ersten Weltkriegs und die nachfolgende Weltwirtschaftskrise führten jedoch zu einem Rückgang der Beschäftigtenzahlen.
Innovation in der Zwischenkriegszeit und Kriegswirtschaft
Die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen war geprägt von stürmischer technologischer Entwicklung. Die Emil Busch AG war daran aktiv beteiligt. In Zusammenarbeit mit dem Fotografen Nicola Perscheid entwickelte das Unternehmen beispielsweise das Busch-(Nicola)-Perscheid-Objektiv, ein spezielles Porträtobjektiv, das 1921 auf den Markt kam. Dieses Objektiv war als Aplanat konstruiert und ermöglichte die Steuerung der Weichzeichnung über die Blendeneinstellung, was es für Porträtaufnahmen attraktiv machte, auch wenn sich der Stil der Fotografie hin zum Realismus verschob.
Ein weiteres innovatives Produkt der Emil Busch AG aus dem Jahr 1927 war ein Augenrefraktometer nach Thorner, das zur Messung von Fehlsichtigkeit diente. In dieser Zeit intensivierten sich auch die Beziehungen zur Firma Carl Zeiss, die bereits länger über Kartellabsprachen bestanden, durch Kapitalverflechtungen. Später bezog Busch sogar Linsen von Zeiss.
Während des Zweiten Weltkrieges stellte das Unternehmen seine Produktion vollständig auf die Rüstungsindustrie um. Gefertigt wurden nun kriegswichtige Güter wie Entfernungsmesser für die Artillerie und Groß-Binokulare (10 × 80) zur Flugzeugerkennung. Produkte der Emil Busch AG trugen Herstellercodes wie cxn und krq. Ein Zweigwerk in Budapest trug ebenfalls zur Kriegsproduktion bei. Wie viele Unternehmen in dieser Zeit setzte auch die Emil Busch AG Zwangsarbeiter ein, unter anderem aus einem Außenkommando des Frauen- und Jugendgefängnisses Berlin-Lichtenberg. Ab 1943 wurde die Carl Zeiss-Stiftung Mehrheitsaktionär. Gegen Ende des Krieges wurden die Produktionsanlagen der Emil Busch AG in Rathenow weitgehend zerstört.

Die DDR-Ära: Der VEB ROW
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurden die großen optischen Betriebe in Rathenow enteignet. Dies betraf sowohl die Emil Busch AG als auch die zweitgrößte Firma, Nitsche & Günther. Aus Nitsche & Günther entstanden im März 1946 die Rathenower optischen Werke mbH. Am 1. Juli 1948 wurde die Betriebsstätte der enteigneten Emil Busch AG zum Stammsitz des neu gegründeten Volkseigenen Betriebes Rathenower Optische Werke (VEB ROW). Die Rathenower optischen Werke mbH gingen in diesem neuen Großbetrieb auf. Ende 1950 waren im VEB ROW bereits wieder 1856 Arbeiter beschäftigt.
Ab 1966 wurde der VEB ROW schrittweise in das große Kombinat VEB Carl Zeiss Jena integriert. Kleinere, nicht verstaatlichte optische Betriebe in Rathenow wurden 1958 zur Produktionsgenossenschaft des Handwerks (PGH) J. H. A. Duncker zusammengeschlossen. Diese PGH wurde 1972 zum VEB Hermann Duncker und 1978 ebenfalls dem Kombinat Carl Zeiss angegliedert. Im Jahr 1980 erfolgte schließlich der Zusammenschluss der beiden großen Rathenower VEBs zum VEB Rathenower Optische Werke ‚Hermann Duncker‘.
Dieser Betrieb war in der DDR von herausragender Bedeutung. Er war bis 1989 der alleinige Hersteller von Brillen in der Deutschen Demokratischen Republik. Ende 1989 beschäftigte der VEB ROW etwa 4420 Mitarbeiter. Unter dem letzten Betriebsdirektor Albrecht Todte wurden umfangreiche Modernisierungsinvestitionen getätigt. Trotz der knappen Devisenlage in der DDR wurden zwischen 1988 und 1990 etwa 35 Millionen DM in Maschinen und Anlagen aus dem westlichen Ausland investiert, um die Produktion zu modernisieren.
Die Optikindustrie nach 1990
Die politische und wirtschaftliche Wende nach 1989 hatte tiefgreifende Auswirkungen auf den VEB ROW. Ende 1989 wurde das Werk wieder aus dem Kombinat VEB Carl Zeiss Jena herausgelöst. Im Juli 1990 erfolgte die Umwandlung in eine GmbH. Die Treuhandanstalt, zuständig für die Privatisierung der DDR-Betriebe, spaltete 1991 den Bereich Mikroskoptechnik ab, der heute als ASKANIA Mikroskop Technik Rathenow GmbH firmiert und damit eine Tradition fortführt.
Ein Großteil der Belegschaft des ehemaligen VEB ROW wurde entlassen, und viele der alten Produktionshallen wurden abgerissen. 1992 wurden die verbliebenen Einzelunternehmen privatisiert und die Grundstücke und Gebäude verkauft. Ein Teil des Betriebes gehörte zeitweise zum Augenoptik-Hersteller Essilor, dieser Bereich wurde jedoch 2013 geschlossen. Die Firma Fielmann kaufte 1996 das ehemalige Verwaltungsgebäude, sanierte es und betreibt seit 2002 ein Produktions- und Logistikzentrum in der Stadt. Damit bleibt Rathenow auch im 21. Jahrhundert ein Standort der optischen Industrie, wenn auch in anderer Struktur und mit deutlich veränderten Produktionsumfängen im Vergleich zur DDR-Zeit.
Weitere wichtige Industrien: Die Ziegelproduktion
Neben der Optik war die Ziegelindustrie ein weiterer überaus wichtiger Wirtschaftszweig für Rathenow, insbesondere im 19. Jahrhundert. Rathenow galt als eine der bedeutendsten Ziegelproduktionsstätten in Brandenburg. Ein Großteil der Ziegel, die für berühmte Bauten in der Region verwendet wurden, stammte aus Rathenow. Dazu gehören beispielsweise die Bauten von Schloss Sanssouci in Potsdam, das Holländische Viertel in Potsdam und das Rote Rathaus in Berlin.
Die Ziegelindustrie entwickelte sich im 19. Jahrhundert zu einem bedeutenden Arbeitgeber in der Region, angetrieben durch den anhaltenden Bauboom in Berlin und Brandenburg. Entlang der Havel von Plaue bis Havelberg entstanden über 50 Betriebe, die Ziegel produzierten. Der Name Rathenow entwickelte sich zu einer Marke, und die Herkunft der Ziegel wurde oft durch spezielle Ziegelstempel gekennzeichnet. Auf dem Stadtgebiet Rathenows gab es bereits seit dem Mittelalter eine Stadtziegelei, später kamen weitere Ziegeleien am Havelufer hinzu.
Nach 1920 setzte jedoch ein Niedergang der Ziegelindustrie ein. Die meisten Ziegeleien wurden geschlossen, da der Rohstoff (Ton) langsam zur Neige ging und die Produktion dadurch unrentabel wurde. Von diesem einst bedeutenden Industriezweig sind heute nur noch wenige bauliche Relikte erhalten, wie zum Beispiel eine Gebäudegruppe des ehemaligen Verblendsteinwerks C. G. Matthes & Sohn.

Fazit
Rathenows industrielle Vergangenheit ist geprägt von zwei Hauptsäulen: der Optikindustrie und der Ziegelindustrie. Während die Ziegelproduktion im 20. Jahrhundert weitgehend verschwand, entwickelte sich die Optikindustrie von kleinen Anfängen im Jahr 1801 zu einem riesigen, staatseigenen Betrieb in der DDR, der die gesamte Republik mit Brillen versorgte. Nach der Wende passte sich die Industrie an die neuen Gegebenheiten an, mit Privatisierungen und einer stärkeren Spezialisierung, behält aber ihre historische Bedeutung als „Stadt der Optik“ bei. Diese reiche Geschichte der Produktion hat Rathenow über mehr als zwei Jahrhunderte maßgeblich geformt.
Häufig gestellte Fragen zur Produktion in Rathenow
Was war das wichtigste Produkt der Rathenower Optikindustrie über die Zeit?
Das Sortiment war breit gefächert und umfasste Linsen, Mikroskope, Fernrohre, Kameras und Objektive. Besonders hervorzuheben sind jedoch die Brillen, deren Produktion sich früh etablierte, unter Emil Busch zum Schwerpunkt wurde und im VEB ROW die alleinige Versorgung der DDR sicherstellte.
Wann begann die Optikproduktion in Rathenow?
Die offizielle Gründung der ersten optischen Industrie-Anstalt durch Duncker und Wagener war im Jahr 1801.
Wurden in Rathenow nur optische Produkte hergestellt?
Nein, neben der Optik war die Ziegelindustrie ein weiterer sehr bedeutender Wirtschaftszweig, insbesondere im 19. Jahrhundert.
Was wurde in der Rathenower Optikindustrie während des Zweiten Weltkriegs produziert?
Die Produktion wurde vollständig auf die Rüstungsindustrie umgestellt. Es wurden militärische Optiken wie Entfernungsmesser für die Artillerie und große Ferngläser (Groß-Binokulare) zur Flugzeugerkennung gefertigt.
Was geschah mit dem großen optischen Betrieb (VEB ROW) nach dem Ende der DDR?
Der Betrieb wurde privatisiert, in eine GmbH umgewandelt, Teile wurden abgespalten (z.B. Mikroskoptechnik als Askania), ein Großteil der Belegschaft entlassen und die Strukturen stark verändert. Einige Nachfolgeunternehmen oder neu angesiedelte Firmen führen die optische Tradition fort.
Warum ging die Ziegelproduktion in Rathenow zurück?
Der Hauptgrund für den Niedergang nach 1920 war die Erschöpfung der lokalen Rohstoffvorkommen (Ton), was die Produktion unrentabel machte.
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