Wo steht Hans-Werner Sinn politisch?

Hans-Werner Sinn: Ökonom und seine Positionen

16/11/2022

Rating: 4.52 (6166 votes)

Hans-Werner Sinn ist einer der profiliertesten und öffentlichkeitswirksamsten Ökonomen Deutschlands. Über Jahrzehnte hinweg prägte er wichtige Debatten zu Wirtschafts- und Finanzthemen und nahm durch seine Positionen und Äußerungen Einfluss auf den politischen Diskurs. Die Frage nach seiner politischen Verortung ist daher von großem Interesse, auch wenn er sich selbst primär als Wirtschaftswissenschaftler versteht, dessen Analysen auf ökonomischen Prinzipien basieren.

Übersicht

Hintergrund und akademische Laufbahn

Hans-Werner Sinn wurde 1948 in eine Arbeiterfamilie mit Nähe zur SPD geboren. Sein Vater war Taxiunternehmer und SPD-Mitglied, ein Großvater wurde als Sozialdemokrat von den Nationalsozialisten verfolgt und starb in einem Konzentrationslager. Sinn selbst war als Kind Mitglied bei den Falken und bis etwa 1970 einige Jahre Mitglied der SPD. Dies liefert einen biografischen Kontext, auch wenn seine spätere akademische Karriere und seine wirtschaftspolitischen Positionen über diese frühe politische Bindung hinausgehen.

Wie viele Doktortitel hat Hans-Werner Sinn?
Hinweis: Zusätzlich zu den Würdigungen aus Magdeburg, Helsinki und Leipzig wurden Professor Sinn Ehrendoktortitel der Wirtschaftsuniversität Prag (2017) sowie der Universität Luzern (2021) verliehen. Damit erhielt er insgesamt fünf Ehrendoktortitel.

Sinn studierte Volkswirtschaftslehre in Münster und promovierte sowie habilitierte sich in Mannheim. Seine akademische Laufbahn führte ihn an die Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München, wo er ab 1984 einen Lehrstuhl innehatte, zunächst für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Versicherungswissenschaft, später für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft. Er war auch Gastprofessor an renommierten internationalen Universitäten wie Stanford, Princeton und der London School of Economics. Er hielt als bislang einziger Deutscher die Yrjö Jahnsson Lectures in Helsinki und die Tinbergen Lectures in Amsterdam. Seit 2017 ist er ständiger Gastprofessor an der Universität Luzern.

Eine seiner wichtigsten Rollen übernahm Sinn im Februar 1999, als er Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung wurde. Während seiner Amtszeit, die bis zu seinem Ruhestand im März 2016 dauerte, reformierte er das Institut grundlegend. Er etablierte eine dezentrale Struktur mit Bereichsleitern, die gleichzeitig Professoren an der LMU waren. Unter seiner Führung wurde das ifo Institut von einer Service- zu einer Forschungseinrichtung umgewandelt. Diese Transformation und die Forschungsleistungen wurden von der Leibniz-Gemeinschaft als „sehr gut, in Teilen sogar exzellent“ bewertet. Die Leibniz-Gemeinschaft hob besonders hervor, dass es Sinn gelang, wichtige öffentliche Debatten anzustoßen.

Neben seiner ifo-Präsidentschaft gründete Sinn 1991 das Center for Economic Studies (CES) an der LMU, dessen Aufgabe es war, internationale Gastwissenschaftler an die Fakultät zu holen. Auf dieser Basis schuf er das erste verpflichtende Graduiertenprogramm für Volkswirte in Deutschland. Zusammen mit dem ifo Institut gründete er im Rahmen der CESifo GmbH das internationale CESifo-Forschernetzwerk, eines der größten seiner Art in der Ökonomie.

Auch in Fachverbänden war Sinn aktiv und reformierend tätig. Von 1997 bis 2000 war er Vorsitzender des Vereins für Socialpolitik, des Fachverbandes der deutschsprachigen Ökonomen, den er grundlegend reformierte. Er setzte sich stark für die Internationalisierung der deutschsprachigen Volkswirtschaftslehre ein, gründete Fachzeitschriften wie die German Economic Review und die Perspektiven der Wirtschaftspolitik, schuf den Gossen-Preis für international publizierende junge Ökonomen und richtete ein umfangreiches Prämienprogramm für Vorträge auf internationalen Fachkonferenzen ein. Von 2006 bis 2009 war er Präsident des International Institute of Public Finance, des Weltverbandes der Finanzwissenschaftler. Außerdem ist er seit 1998 Fellow des National Bureau of Economic Research in Cambridge (USA).

In seinen frühen wissenschaftlichen Jahren beschäftigte sich Sinn vor allem mit der ökonomischen Risikotheorie. Schwerpunkte lagen bei der Symbiose von Erwartungsnutzentheorie und Mittelwert-Varianz-Analyse sowie der Analyse von Risikoentscheidungen mit Haftungsbeschränkungen. Martin Hellwig urteilte, dass Sinn damit die Arbeit von Stiglitz und Weiss aus dem Jahr 1981 vorwegnahm. Diese theoretischen Arbeiten nutzte er später, um ein Modell der übermäßigen Risikovorliebe der Banken aufgrund eines minimalen Eigenkapitaleinsatzes zu entwickeln und eine Theorie eines schädlichen Wettbewerbs der Bankenregulierer zu formulieren.

Wirtschaftspolitische Einordnung und Grundpositionen

Hans-Werner Sinn selbst bezeichnet seine wirtschaftspolitische Position als „finanzwissenschaftlich“. Diese Denkrichtung betont eine aktive Rolle des Staates bei der Bewältigung von Verteilungs- und Allokationsproblemen der Marktwirtschaft. Gleichzeitig äußerte er sich positiv über den Ordoliberalismus im Sinne von Ludwig Erhard und Walter Eucken, nach dem der Staat vor allem den Ordnungsrahmen der Marktwirtschaft zu definieren habe. Dies deutet auf eine Position hin, die sowohl staatliches Handeln zur Korrektur von Marktversagen als auch die Bedeutung eines stabilen ordnungspolitischen Rahmens anerkennt.

Wo steht Hans-Werner Sinn politisch?
Politische Standpunkte. Sinn selbst bezeichnet seine wirtschaftspolitische Position als „finanzwissenschaftlich“, also als Denkrichtung, die die aktive Rolle des Staates bei der Überwindung von Verteilungs- und Allokationsproblemen der Marktwirtschaft betont.

Sinn war einer der 243 Unterzeichner des Hamburger Appells im Jahr 2005, einem öffentlichen Aufruf deutscher Wirtschaftswissenschaftler für "wirtschaftspolitische Reformen" in Deutschland.

Schwerpunktthemen und kontroverse Positionen

Ein zentrales Thema in Sinns Arbeit ist der Sozialstaat. Er sieht dessen grundsätzliche Begründung in seiner Funktion als Versicherungsinstitution. Die staatliche Umverteilung versichere Bürger vor Lebensrisiken, die von privaten Versicherungen nicht abgedeckt werden, und erhöhe dadurch die Wagnisbereitschaft, was produktive wirtschaftliche Effekte habe. In seinem vielbeachteten Buch „Ist Deutschland noch zu retten?“ (2003), das über 100.000 Mal gedruckt wurde und nach Auffassung des damaligen Vorsitzenden des Sachverständigenrates als Ideengeber für die Agenda 2010 gelten kann, plädierte er für die Einrichtung einer sogenannten aktivierenden Sozialhilfe. Dieses Konzept sieht persönliche Lohnzuschüsse für Geringqualifizierte vor, um sicherzustellen, dass niemand allein vom selbst Erarbeiteten leben muss und das Gesamteinkommen aus Zuschüssen und markträumendem Lohn oberhalb des soziokulturellen Existenzminimums liegt.

Ein weiteres wichtiges Feld seiner Forschung und öffentlichen Äußerungen war die Eurokrise. Sinn sieht die Hauptursache in einer durch den Euro bedingten künstlichen Zinskonvergenz in Südeuropa, die dort in den ersten Jahren des Euro zu einer inflationären Kreditblase führte. Diese verringerte die internationale Wettbewerbsfähigkeit der betroffenen Länder und mündete in hohe Leistungsbilanzdefizite der Schuldenländer gegenüber den historischen Hartwährungsländern. Als der Interbankenmarkt während der globalen Finanzkrise ab 2007 versiegte, finanzierten sich Banken in den Peripherieländern vermehrt über ihre nationalen Notenbanken, was die EZB durch Lockerung der Pfänderpolitik sowie durch Tolerieren von ELA-Krediten ermöglichte. Die so auf nationaler Ebene geschaffene Zusatzliquidität diente der weiteren Finanzierung von Leistungsbilanzdefiziten, Schuldentilgung im Ausland und Vermögenskäufen.

Die daraus resultierenden Nettoüberweisungen in andere Länder, die Zahlungsbilanzdefizite, werden durch die Target-Salden gemessen. Sinn argumentierte, dass es sich bei den Target-Salden um öffentliche internationale Kredite handelt, weil es um Zahlungen geht, die die nationalen Notenbanken mangels Einlagen beim Eurosystem einander kreditieren. Sie seien mit den anderen offiziellen Finanzhilfen wie den Rettungsschirmen vergleichbar, würden aber statt von den Parlamenten der Eurozone vom EZB-Rat ermöglicht. Er war der Erste, der den Zusammenhang zwischen Target-Salden und Zahlungsbilanzungleichgewichten aufzeigte und diese Salden in die öffentliche Debatte einbrachte. Ihren Höhepunkt erreichten die Target-Forderungen des nordeuropäischen Euroblocks im August 2012 mit über 1.000 Milliarden Euro. Damals gab es in Deutschland laut Sinn nur noch Überweisungsgeld, das auf dem Wege einer Kreditschöpfung seitens anderer Notenbanken entstanden war.

Sinn forderte eine Beendigung der Käufe von Staatsanleihen durch die EZB. Er gehörte zu den 136 Wirtschaftsprofessoren, die kurz vor den Bundestagswahlen im September 2013 in einem Aufruf der EZB rechtswidrige monetäre Staatsfinanzierung vorwarfen. Der Bundesregierung und dem Deutschen Bundestag wirft er vor, es versäumt zu haben, eindeutige Kreditbedingungen für die Krisenprozedur ausgehandelt zu haben. Seiner Meinung nach führt der Europäische Stabilitätsmechanismus zur Schwächung des Euro und zur Gefährdung des europäischen Einigungswerkes.

Die Energiewende und Klimapolitik sind weitere Bereiche, in denen Sinn sehr kritische Positionen vertritt, die oft auf Widerspruch stoßen. In seinem Buch „Das Grüne Paradoxon“ (2008) entwickelte er eine angebotsseitige Klimatheorie. Kern dieser Theorie ist die Annahme, dass Maßnahmen zur Reduktion der Nachfrage nach fossilen Brennstoffen irrelevant für das Klima sind, wenn sie nicht die Extraktion der Ressourcen einschränken. Die Besitzer der Ressourcen könnten die Ankündigung einer Energiewende als drohende Marktvernichtung interpretieren und ihre Extraktion beschleunigen. Dies berge die Gefahr, dass der Klimawandel sogar noch beschleunigt werde. Länder, die nicht an Nachfragebeschränkungen teilnehmen, hätten demnach einen doppelten Vorteil: sie verbrennen den freigegebenen Kohlenstoff (Leakage-Effekt) und zusätzlich die Kohlenstoffmengen, die die Anbieter entsprechend dem Grünen Paradoxon vorzeitig aus der Erde holen.

Wie viele Kinder hat Hans-Werner Sinn?
Sinn ist gebürtiger Ostwestfale. Er war von 1971 bis zu ihrem Tode im Jahr 2023 mit Gerlinde Sinn verheiratet, hat drei Kinder und eine Reihe von Enkeln.

Sinn bezeichnete die deutsche Energiewende weg von der Atomkraft als „ökologischen Irrweg“ und formulierte im manager magazin: „Die einzige Hoffnung der Menschheit war die Atomkraft“. Er stellte den deutschen Weg in Frage, bejahte aber die Notwendigkeit einer Energiewende an sich. Er empfahl dafür einen weltweiten Emissionshandel sowie den weltweiten Übergang zu einem System der Quellensteuern für Kapitalerträge, um den Ressourcenbesitzern den Anreiz zu nehmen, ihre Bodenschätze in Finanzvermögen zu verwandeln.

Er kritisierte im Februar 2023 die Vorstellung, dass der einseitige Ausstieg Deutschlands und Europas aus CO2-Emissionen für die übrige Welt eine Vorbildfunktion haben würde. Er nannte diese „extremistische Klimapolitik“ ein „Negativbeispiel für die ganze Welt“. Er forderte eine neue Entspannungspolitik gegenüber großen Mächten wie China und die Gründung eines weltumfassenden Klimaklubs mit den USA, China und Indien, wie vom Nobelpreisträger William D. Nordhaus vorgeschlagen. Die Mitgliedschaft in einem solchen Klub müsse verbindliche Mengenbeschränkungen beim CO2-Ausstoß umfassen und Freihandelsvorteile bieten, von denen Nichtmitglieder ausgeschlossen sein müssten.

Im August 2023 behauptete Sinn in der Bild-Zeitung und der FAZ, dass die Energiewende und der nationale Klimaschutz die aktuelle Situation verschlimmerten. Das Ende für neue Benzin- und Dieselautos in der EU beschleunige per saldo den Klimawandel, ruiniere die deutsche Autoindustrie und subventioniere andere Länder, insbesondere China. Wenn Deutschland weniger Öl kaufe, lande mehr davon auf den Weltmärkten und werde von anderen gekauft. CO2-Ausstoß könne nur reduziert werden, wenn alle Staaten mitmachen. Er hielt es angesichts möglicher Ausfälle für fahrlässig, alleine auf den Ausbau der erneuerbaren Energien zu setzen, da Deutschland auf Kernkraft verzichte. Diese Thesen stießen auf Widerspruch anderer Wirtschaftswissenschaftler wie Lion Hirth, Monika Schnitzer, Veronika Grimm und Moritz Schularick, die unter anderem auf die Sicherheit erneuerbarer Energien im Verbund, die fehlende Schädigung der Industrie durch das Verbrennerverbot und die Wirksamkeit des europäischen Emissionshandels verwiesen. Claudia Kemfert bezeichnete Sinns These, ein Verbrenner-Ausstieg in Deutschland verschlimmere die Klimakrise, als das Gegenteil der Realität und als Versuch, Politiker und Öffentlichkeit zu verunsichern.

Auch zur Elektromobilität veröffentlichte Sinn zusammen mit Christoph Buchal und Heinz-Dieter Karl im Jahr 2019 einen Artikel, der zu dem Schluss kam, dass Elektroautos im günstigsten Fall eine CO2-Bilanz hätten, die mit Dieselautos vergleichbar sei. Diese Schlussfolgerung wurde anschließend in Medien und von Wissenschaftlern aufgegriffen und teils heftig kritisiert, unter anderem wegen methodischer Fehlannahmen. Eine Studie in der Fachzeitschrift Joule nutzte Sinns Arbeit als Referenz, um übliche Mängel bei Studien darzustellen, die E-Autos nur geringe Umweltvorteile attestieren. Stefan Hajek von der Wirtschaftswoche unterstellte Sinn sogar absichtliche Voreingenommenheit zugunsten des Dieselmotors.

Zur Einwanderung vertrat Sinn in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die Auffassung, dass Migranten den deutschen Staat netto mehr kosteten als sie ihm brächten. Er bezog sich dabei auf Rechnungen von Holger Bonin und Bernd Raffelhüschen.

In seinem Buch „Der Kasino-Kapitalismus“ (2009) analysierte Sinn die globale Finanzkrise als Folge von Politik- und Marktversagen. Er kritisierte, dass Banken wegen unzureichender Regulierung mit zu wenig haftendem Eigenkapital arbeiten durften und deswegen zum „Glücksspiel“ neigten. Das Handelsblatt bezeichnete dieses Buch als eines der 50 wichtigsten Ökonomiebücher aller Zeiten.

Ist Hans-Werner Sinn verheiratet?
Gerlinde SinnSeit Februar 1999 ist Sinn Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung. Hans-Werner Sinn wurde in Brake (Westfalen) geboren, ist verheiratet und hat drei Kinder.

Ende 2021 warnte er in seinem Buch „Die wundersame Geldvermehrung“ und in Interviews vor der Gefahr anhaltender inflationärer Tendenzen v.a. in Europa und den USA.

Fazit und fortwährende Rolle

Hans-Werner Sinn hat sich als Ökonom mit klaren, oft provokanten Positionen positioniert. Er ist kein Parteipolitiker, aber seine Analysen und Vorschläge haben das politische Geschehen und die öffentliche Debatte maßgeblich beeinflusst. Seine Haltung ist geprägt von einer finanzwissenschaftlichen Perspektive, die staatliche Eingriffe zur Korrektur von Marktversagen befürwortet, verbunden mit ordoliberalen Elementen, die die Bedeutung des staatlichen Rahmens betonen. Seine kritischen Analysen zur Eurokrise, Energiewende und Klimapolitik, zum Sozialstaat und zur Finanzkrise machten ihn zu einer einflussreichen, wenn auch oft umstrittenen Stimme in Deutschland und Europa. Auch nach seiner Emeritierung beteiligt er sich weiterhin intensiv am öffentlichen Diskurs.

Häufig gestellte Fragen

Wie viele Doktortitel hat Hans-Werner Sinn?
Hans-Werner Sinn hat einen regulären Doktortitel von der Universität Mannheim (1978). Zusätzlich wurden ihm fünf Ehrendoktortitel verliehen: von der Universität Magdeburg (1999), der Universität Helsinki (2011), der HHL Leipzig (2013), der Wirtschaftsuniversität Prag (2017) und der Universität Luzern (2021). Insgesamt hat er also sechs Doktortitel (einen regulären und fünf Ehrenhalber).

Ist Hans-Werner Sinn verheiratet?
Hans-Werner Sinn war von 1971 bis zum Tod seiner Frau Gerlinde Sinn im Jahr 2023 verheiratet.

Wie viele Kinder hat Hans-Werner Sinn?
Hans-Werner Sinn hat drei erwachsene Kinder und eine Reihe von Enkeln.

Wenn du mehr spannende Artikel wie „Hans-Werner Sinn: Ökonom und seine Positionen“ entdecken möchtest, schau doch mal in der Kategorie Bürobedarf vorbei!

Go up