16/10/2017
Schwerhörigkeit ist eine weit verbreitete Einschränkung, die das alltägliche Leben und die berufliche Tätigkeit stark beeinträchtigen kann. Allein in Deutschland ist Schätzungen zufolge jede fünfte Person betroffen, wobei etwa acht Millionen Menschen eine Form der Hörhilfe oder medizinische Behandlung benötigen. Glücklicherweise gibt es moderne Hörgeräte, die bei den meisten Formen von Schwerhörigkeit eine effektive Lösung darstellen und helfen können, das verlorene Hörvermögen weitgehend auszugleichen und die Lebensqualität deutlich zu verbessern.

Die Ursachen für Schwerhörigkeit sind vielfältig. Während bei vielen Menschen das Hörvermögen ab dem 50. Lebensjahr altersbedingt nachlässt, können auch Faktoren wie dauerhafter oder sehr starker Lärm, Entzündungen oder ein plötzlicher Hörsturz das Gehör schädigen. Schwerhörigkeit ist jedoch keine reine Altersfrage; sie kann von Geburt an, im Kindesalter oder auch im jungen Erwachsenenalter auftreten. Besonders bei Kindern ist eine frühe Erkennung und gegebenenfalls Versorgung mit einem Hörgerät entscheidend für die allgemeine und sprachliche Entwicklung.
Wann ein Hörgerät notwendig wird
Wenn eine Hörminderung dauerhaft besteht und nicht durch andere medizinische Maßnahmen behoben werden kann, ist ein Hörgerät oft eine sinnvolle Therapieoption. Es gleicht die Einschränkung aus, egal ob es sich um eine Schallleitungs- oder Schallempfindungsschwerhörigkeit handelt. Ob und wann ein Hörgerät infrage kommt, hängt von mehreren Faktoren ab. Ein wichtiger Indikator ist, wenn normal laut gesprochene Sprache nicht mehr ausreichend verstanden wird. Dies entspricht in etwa einem Hörverlust von 30 Dezibel im Frequenzbereich zwischen 500 und 4000 Hertz – genau dem Bereich, in dem die menschliche Sprache liegt und auf den das Gehör am empfindlichsten reagiert.
Neben dem messbaren Hörverlust spielen auch der individuelle Leidensdruck, das Sprachverstehen im Alltag und das Hörvermögen auf dem anderen Ohr eine wichtige Rolle bei der Entscheidung für ein Hörgerät. Die Beurteilung des Hörvermögens erfolgt mithilfe der Maßeinheiten Hertz (Hz) und Dezibel (dB). Hertz misst die Frequenz oder Tonhöhe: je höher die Frequenz, desto höher der Ton. Ein gesundes Gehör kann Frequenzen von 20 bis 20.000 Hertz wahrnehmen. Dezibel hingegen beschreibt die Lautstärke oder Stärke der Schallwellen. Sehr laute Geräusche, etwa über 80 bis 85 Dezibel, können bei Dauerbelastung das Gehör schädigen, weshalb ab dieser Lautstärke Lärmschutz empfohlen wird.
Der Weg zum passenden Hörgerät
Der erste Schritt bei Verdacht auf eine Hörminderung sollte immer der Gang zum HNO-Arzt sein. Dort wird das Ausmaß und die Ursache der Schwerhörigkeit festgestellt. Wenn eine dauerhafte Hörminderung vorliegt, die nicht anderweitig behandelt werden kann, kann der Arzt eine Verordnung für ein Hörgerät ausstellen. Es ist wichtig, in diesem Gespräch auch mögliche andere Behandlungsoptionen zu besprechen und sich beraten zu lassen, welches Hörgerät prinzipiell geeignet sein könnte.
Mit der ärztlichen Verordnung wenden Sie sich an einen qualifizierten Hörakustiker. Dort erfolgt die individuelle Anpassung des Hörgeräts, was in der Regel mehrere Termine erfordert. Der Akustiker stellt das Gerät so ein, dass es optimal auf Ihr spezifisches Hörprofil abgestimmt ist. Nach der Anpassungsphase ist meist ein Kontrolltermin beim HNO-Arzt notwendig, um den korrekten Sitz und den Erfolg der Hörgeräteversorgung zu überprüfen.

Verschiedene Arten von Hörgeräten
Die moderne Hörgerätetechnologie bietet verschiedene Gerätearten, die je nach Art und Grad der Schwerhörigkeit sowie der individuellen Situation zum Einsatz kommen. Grundsätzlich lassen sich Luftleitungsgeräte, Knochenleitungshörgeräte und implantierbare Hörgeräte unterscheiden.
Luftleitungsgeräte: Dies ist die am häufigsten verwendete Art von Hörgeräten. Sie eignen sich für eine breite Palette von Schwerhörigkeitsgraden, von gering bis hochgradig, insbesondere bei Schallempfindungsschwerhörigkeit. Auch seltene Formen der Schallleitungsschwerhörigkeit bei intaktem Gehörgang können damit versorgt werden. Luftleitungsgeräte verstärken den Schall und geben ihn über einen kleinen Lautsprecher direkt in den Gehörgang und an das Trommelfell ab. Sie nutzen dabei das verbleibende natürliche Hörvermögen und passen die verstärkten Signale darauf an.
Es gibt zwei Hauptvarianten von Luftleitungsgeräten:
- Hinter-dem-Ohr-Hörgeräte (HdO): Bei diesen Geräten befindet sich die Elektronik und Energieversorgung hinter der Ohrmuschel. Ein dünnes, transparentes Kabel (Schallschlauch) leitet den verstärkten Schall in den Gehörgang. Am Ende des Schallschlauchs sitzt entweder ein individuell angefertigtes Ohrpassstück (Otoplastik) oder ein kleines, weiches Schirmchen. HdO-Geräte sind in verschiedenen Größen und Leistungsklassen verfügbar und können an unterschiedliche Schwerhörigkeitsgrade angepasst werden.
- Im-Ohr-Hörgeräte (IO): Diese Geräte werden individuell anhand eines Ohrabdrucks gefertigt und sitzen direkt in der Ohrmuschel oder im Gehörgang. Sie sind oft kleiner und unauffälliger als HdO-Geräte und werden manchmal auch als Mini-Hörgeräte bezeichnet. Je nach Größe und Platzierung unterscheidet man Concha-Geräte (in der Ohrmuschel sitzend) und Complete-in-Canal-Geräte (fast unsichtbar tief im Gehörgang sitzend). IO-Geräte eignen sich vor allem für leichtere bis mittlere Schwerhörigkeitsgrade.
Moderne digitale Hörgeräte verfügen über fortschrittliche Technologie, wie mehrere Mikrofone, Filter und einen einstellbaren Audioprozessor. Dieser Prozessor kann die empfangenen Hörsignale individuell an den Träger anpassen und verschiedene Hörprogramme für unterschiedliche Situationen (Ruhe, Lärm, Musik) bereitstellen, die oft automatisch oder per Smartphone-App gewechselt werden können.
Knochenleitungshörgeräte: Diese Geräte kommen seltener zum Einsatz und sind primär für Personen mit Schallleitungsschwerhörigkeit gedacht. Auch bei einer zusätzlichen Innenohrschwerhörigkeit bis zu 40 Dezibel können sie eine Option sein. Im Gegensatz zu Luftleitungsgeräten leiten Knochenleitungshörgeräte den verstärkten Schall nicht über den Gehörgang, sondern über den Schädelknochen direkt an das Innenohr weiter. Dies kann auf zwei Arten erfolgen: entweder extern über einen Bügel, der den Schall an einen Wandler am Knochen hinter dem Ohr leitet, oder operativ durch eine im Knochen verankerte Titanschraube, an der das Gerät befestigt wird.
Implantierbare Hörgeräte: Diese Geräte werden chirurgisch eingesetzt und eignen sich für Fälle, in denen eine Schallempfindungsschwerhörigkeit nicht ausreichend mit Luftleitungsgeräten ausgeglichen werden kann oder eine Schallleitungsschwerhörigkeit nicht operativ verbessert werden kann. Eine spezielle Form ist das Cochlea-Implantat (CI). Dieses System wird eingesetzt, wenn klassische Hörgeräte nicht ausreichen oder bei vollständiger Gehörlosigkeit. Ein CI gilt als elektrische Hörprothese, da es Elektroden in die Hörschnecke (Cochlea) einbringt, die den Hörnerv direkt stimulieren und so Impulse an das Gehirn senden. Bei anderen implantierbaren Hörgeräten wird ein elektromagnetischer Wandler direkt an den Gehörknöchelchen im Mittelohr befestigt, um diese in Schwingung zu versetzen und den Schall ans Innenohr weiterzuleiten.
Kosten und Krankenkassenbeteiligung
Die Kosten für Hörgeräte können stark variieren und hängen von Modell, Technologie und Ausstattung ab. Sie reichen von mittleren dreistelligen Beträgen für Basismodelle bis hin zu höheren vierstelligen Summen für Premium-Geräte mit erweiterten Funktionen. HdO-Geräte sind tendenziell preisgünstiger als die kleineren Im-Ohr- oder Mini-Hörgeräte. Zusätzliche Funktionen wie Bluetooth-Konnektivität, die eine direkte Verbindung zum Smartphone oder Fernseher ermöglichen, erhöhen ebenfalls die Kosten.

Für gesetzlich Versicherte, die eine ärztliche Verordnung für ein Hörgerät erhalten haben, beteiligt sich die Krankenkasse mit einem Festbetrag an den Kosten. Dieser Festbetrag deckt in der Regel die Kosten für sogenannte Kassenmodelle, die eine ausreichende Versorgung gewährleisten. Wenn Sie sich für ein teureres Modell mit Sonderfunktionen oder höherem Komfort entscheiden, müssen die Mehrkosten in der Regel selbst getragen werden. Es ist ratsam, sich im Vorfeld direkt bei Ihrer Krankenkasse zu informieren, wie hoch der Festbetrag ist und unter welchen Umständen eventuell Mehrkosten übernommen werden können.
Ihr Hörakustiker kann Sie umfassend über die von der gesetzlichen Krankenkasse bezuschussten Modelle und die entstehenden Mehrkosten bei anderen Geräten beraten. Oft übernehmen Akustiker auch die Antragstellung bei Ihrer Krankenkasse und informieren Sie über weitere wichtige Aspekte, wie die richtige Reinigung und Pflege der Geräte oder die Vor- und Nachteile von Batterien im Vergleich zu Akkus.
Leben mit Hörgeräten: Eingewöhnung und Pflege
Das Tragen eines Hörgeräts bedeutet eine Veränderung und erfordert eine gewisse Eingewöhnungszeit. Besonders in den ersten Wochen kann es zu unerwarteten Empfindungen kommen, da das Gehirn sich erst an die neuen Hörreize gewöhnen muss. Zu möglichen Nebenwirkungen gehören anfängliche Kopfschmerzen, die meist verschwinden, sobald sich das Gehirn angepasst hat. Bei manchen Menschen mit Innenohrschwerhörigkeit können kurzzeitig Schwindelanfälle auftreten, da das Innenohr auch für das Gleichgewicht zuständig ist.
Weitere mögliche Probleme können Ohrenschmerzen oder ein Druckgefühl sein, oft verursacht durch schlecht sitzende Ohrpassstücke oder mangelnde Belüftung, die zu Feuchtigkeitsansammlung und Hautirritationen führen kann. Auch unerwünschte Geräusche wie Rauschen oder Pfeifen können auftreten, oft bedingt durch Feuchtigkeit, Verschmutzung oder eine nicht optimale Passform der Otoplastik.
Um Nebenwirkungen vorzubeugen und die Lebensdauer Ihrer Hörgeräte zu verlängern, ist die richtige Pflege entscheidend:
- Nachts abnehmen: Gönnen Sie Ihrem Gehör und dem Gerät eine Pause und lassen Sie das Ohr über Nacht belüften.
- Regelmäßige Reinigung und Trocknung: Achten Sie auf die tägliche, gründliche Reinigung der Geräte gemäß den Anweisungen des Akustikers. Nutzen Sie spezielle Trockensysteme, um Feuchtigkeit zu entfernen.
- Regelmäßige Überprüfung: Lassen Sie Ihre Hörgeräte und Ohrpassstücke regelmäßig vom Hörakustiker überprüfen und bei Bedarf neu einstellen oder anpassen.
- Schutz: Vermeiden Sie extreme Hitze, Kälte und Nässe.
- Professionelle Hilfe: Bei Problemen wie Druckgefühl, Juckreiz, Störgeräuschen oder nachlassender Leistung suchen Sie umgehend Ihren Hörakustiker auf. Lassen Sie Reparaturen immer von Fachleuten durchführen.
Auch das Sprachverstehen kann trotz Hörgerät manchmal nicht optimal sein. Dies kann an einer verschmutzten Schallaustrittsöffnung, einer nicht optimalen Einstellung oder einer Veränderung des Hörvermögens liegen. Regelmäßige Kontrollen und Anpassungen beim Akustiker sind hier wichtig.

Für Menschen mit empfindlicher Haut oder Allergien gibt es mittlerweile auch Hörgeräte aus hypoallergenen Materialien wie Titan, die besonders hautfreundlich sind.
Hörgeräte und Autofahren
Grundsätzlich ist das Autofahren mit Schwerhörigkeit erlaubt. Bei hochgradiger Schwerhörigkeit oder Gehörlosigkeit ist jedoch wichtig, dass keine weiteren schwerwiegenden Einschränkungen wie Seh- oder Gleichgewichtsstörungen vorliegen. Die Regeln unterscheiden sich je nach Führerscheinklasse (Gruppe 1: Pkw/Motorrad; Gruppe 2: Lkw/Bus).
Für Inhaber eines Führerscheins der Gruppe 1 gibt es bei bestehender Fahreignung keine besonderen Auflagen oder Beschränkungen aufgrund der Schwerhörigkeit. Wer jedoch einen Führerschein der Gruppe 2 besitzt und hochgradig schwerhörig oder gehörlos ist, muss sich einer speziellen fachärztlichen Eignungsuntersuchung unterziehen und danach regelmäßige Kontrollen wahrnehmen.
Wenn Sie ein Hörgerät tragen müssen, wird dies im Führerschein mit der Schlüsselzahl 02 ("Hörhilfe/Kommunikationshilfe") vermerkt. Das Fahren ohne eingetragenes Hörgerät kann zu einem Verwarnungsgeld führen und im Falle eines schweren Unfalls mit Personenschaden strafrechtliche Konsequenzen haben. Bei festgestellter Fahrungeeignetheit kann die Fahrerlaubnis entzogen werden.
Die Straßenverkehrsordnung schreibt zudem vor, dass der Fahrer dafür verantwortlich ist, dass Sicht und Gehör nicht beeinträchtigt werden, sei es durch Mitfahrende, Ladung oder Geräte. Das bedeutet unter anderem, dass die Musik im Fahrzeug nicht so laut sein darf, dass wichtige Verkehrsgeräusche, wie zum Beispiel ein Martinshorn, übertönt werden. Ein Verstoß kann mit einem Bußgeld von 10 Euro geahndet werden. Diese Regelung gilt auch für Fahrradfahrer und Nutzer von E-Scootern.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
- Was kann ein Hörgerät ausgleichen?
- Hörgeräte können die meisten Formen von dauerhafter Schwerhörigkeit ausgleichen, insbesondere Schallleitungs- und Schallempfindungsschwerhörigkeit, wenn diese nicht anderweitig behandelt werden können. Sie helfen, verlorene Hörfähigkeit zu kompensieren und das Verstehen von Sprache und Umgebungsgeräuschen zu verbessern.
- Ab wann ist ein Hörgerät sinnvoll?
- Ein Hörgerät ist sinnvoll, wenn normal laute Sprache nicht mehr ausreichend wahrgenommen wird, was oft einem Hörverlust von etwa 30 Dezibel im Sprachfrequenzbereich entspricht. Auch der individuelle Leidensdruck und das Sprachverstehen im Alltag sind entscheidende Kriterien.
- Welche Arten von Hörgeräten gibt es?
- Es gibt hauptsächlich drei Arten: Luftleitungsgeräte (HdO und Im-Ohr), Knochenleitungshörgeräte und implantierbare Hörgeräte (inklusive Cochlea-Implantate). Die Wahl hängt von der Art und dem Grad der Schwerhörigkeit ab.
- Wie wird ein Hörgerät verordnet?
- Zuerst erfolgt eine Untersuchung und Diagnose beim HNO-Arzt. Bei festgestellter Schwerhörigkeit kann der Arzt eine Verordnung ausstellen. Mit dieser Verordnung geht man zum Hörakustiker zur individuellen Anpassung. Abschließend ist oft ein Kontrolltermin beim HNO-Arzt erforderlich.
- Was kosten Hörgeräte und wer bezahlt sie?
- Die Kosten variieren stark je nach Modell und Ausstattung, von einigen Hundert bis zu mehreren Tausend Euro. Die gesetzliche Krankenversicherung beteiligt sich bei ärztlicher Verordnung mit einem Festbetrag an den Kosten für ein Basismodell. Mehrkosten für höherwertige Geräte müssen meist selbst getragen werden.
- Wie lange dauert die Eingewöhnung an ein Hörgerät?
- Die Eingewöhnungsphase kann einige Wochen dauern. Das Gehirn muss sich erst an die neuen Hörreize und die veränderte Wahrnehmung gewöhnen. Geduld und regelmäßiges Tragen sind wichtig.
- Kann man trotz Schwerhörigkeit Auto fahren?
- Ja, grundsätzlich ist das Autofahren mit Schwerhörigkeit erlaubt. Bei hochgradiger Schwerhörigkeit oder Gehörlosigkeit gelten jedoch je nach Führerscheinklasse bestimmte Auflagen und Untersuchungspflichten.
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