Was war Anne Franks letzte Worte?

Anne Frank und Hannah: Eine unvergessene Freundschaft

04/01/2023

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Die Geschichte von Anne Frank und ihrem weltberühmten Tagebuch hat Millionen von Menschen tief berührt. Doch neben den Aufzeichnungen im „Hinterhaus“ gibt es auch die Erinnerungen derer, die Anne kannten und liebten. Eine dieser Personen war Hannah Pick-Goslar, Annes beste Freundin aus Kindheitstagen. Hannah, die kürzlich im Alter von 93 Jahren in Jerusalem verstarb, war eine der letzten lebenden Zeitzeuginnen, die aus persönlicher Erfahrung von Anne Frank berichten konnte. Ihre Erinnerungen sind von unschätzbarem Wert, besonders jene an ihre letzte Begegnung mit Anne im Konzentrationslager Bergen-Belsen.

Sind die Tagebücher von Anne Frank echt?
Seit 1975 behauptete der britische Autor und Holocaustleugner David Irving, das Tagebuch sei nicht echt. Auf zwei seiner Bücher stützte sich Heinz Roth aus Odenhausen, der ein Flugblatt mit dem Titel „Anne Frank's Tagebuch – eine Fälschung“ massenhaft verbreitete.

Die Freundschaft zwischen Annelies Marie Frank und Hannah Elisabeth Goslar begann in Amsterdam. Beide Familien waren vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten aus Deutschland in die Niederlande geflohen und wohnten im selben Mietshaus. Anne und Hannah besuchten dieselbe jüdische Schule und waren unzertrennlich. In ihrem Tagebuch nannte Anne ihre Freundin liebevoll „Hanneli“ und schätzte besonders ihre Ehrlichkeit. Hannah Pick-Goslar beschrieb ihre gemeinsame Kindheit später als alles andere als „anständig“. Sie seien wild und frech gewesen, hätten Passanten nass gespritzt und das Leben trotz der wachsenden Bedrohung mit kindlicher Unbeschwertheit gemeistert. Hannahs Mutter soll über die lebhafte Anne einmal gesagt haben: „Gott weiß alles – und Anne weiß alles besser.“

Übersicht

Die dunklen Schatten der Besatzung

Die unbeschwerte Zeit fand ein jähes Ende, als die Nazis im Mai 1940 die Niederlande besetzten. Das Leben der jüdischen Bevölkerung wurde schrittweise eingeschränkt und unerträglich gemacht. Das Tragen des gelben Sterns, Verbote für Schwimmbäder oder Parks – die Diskriminierung wurde Alltag. Am 7. Juli 1942 wollte Hannah ihre Freundin zum Spielen abholen, doch Anne war verschwunden. Ein Untermieter behauptete, die Familie Frank sei in die Schweiz geflohen. In Wahrheit hatten sie sich im heute weltberühmten Hinterhaus in der Prinsengracht versteckt, um der Deportation zu entgehen.

Für Hannah und ihre Familie kam die Flucht zu spät. Knapp ein Jahr nach Annes Verschwinden wurden auch sie bei einer Razzia gefasst. Ihr Weg führte sie zunächst in das holländische Durchgangslager Westerbork und später, im Februar 1944, in das Konzentrationslager Bergen-Belsen. Dort, hinter Stacheldraht, traf Hannah ihre Freundin Anne wieder – ein Wiedersehen unter grausamsten Bedingungen, das Hannah nie vergessen sollte.

Die letzte Begegnung in Bergen-Belsen

Es war der Winter 1944/45, kurz vor dem Ende des Krieges und der Befreiung des Lagers. Hannah befand sich in einem Abschnitt des Lagers, Anne in einem anderen, getrennt durch einen Zaun. Hannah konnte Anne dreimal treffen, immer nur kurz, immer im Schutz der Dunkelheit, um nicht entdeckt zu werden. Was sie sah, war herzzerreißend. Hannah beschrieb Anne als „ein gebrochenes Mädchen“. Sie war abgemagert, ausgezehrt, litt unter Kälte und unerträglichem Hunger. Das war nicht mehr die lebensfrohe Anne, die Hannah kannte.

In diesen wenigen, kostbaren Momenten tauschten die Freundinnen Worte aus, die Hannah für den Rest ihres Lebens prägten. Anne klagte über ihr Leid und sagte zu Hannah: „Ich habe niemanden mehr.“ Sie glaubte fälschlicherweise, ihr Vater Otto Frank sei tot. Ihre Schwester Margot lag im Sterben. Hannah versuchte, Anne Mut zu machen und organisierte, dass ihr über den Zaun ein kleines Paket mit Essen und warmen Socken zugeworfen wurde – eine lebensgefährliche Tat der Menschlichkeit.

Hannah Pick-Goslar sagte später, dass sie lebenslang der Gedanke verfolgte, Annes Lebenswille und ihre Kraft hätten vielleicht ausgereicht, um die wenigen Wochen bis zur Befreiung des Lagers zu überleben, wenn sie nicht geglaubt hätte, dass ihr Vater tot sei. Diese letzten Begegnungen, Annes Verzweiflung und ihre Worte, die Hannah als Annes „letzten Willen“ betrachtete – die Bitte, dass jemand ihr Schicksal erzählen möge – festigten Hannahs Entschluss, nach dem Krieg als Zeugin aufzutreten.

Hannahs Leben als Zeugin

Hannah Pick-Goslar überlebte den Holocaust. Sie wanderte zwei Jahre nach Kriegsende nach Israel aus und baute sich in Jerusalem ein neues Leben auf, gründete eine Familie. Sie hatte drei Kinder, elf Enkel und 31 Urenkel. Auf ihre große Nachkommenschaft angesprochen, soll sie laut der Anne-Frank-Stiftung jeweils geantwortet haben: „Das ist meine Antwort an Hitler.“ Doch Hannah vergaß nie, was sie erlebt hatte und was Anne ihr in Bergen-Belsen gesagt hatte. Sie kehrte immer wieder nach Deutschland und in die Niederlande zurück, um ihre Geschichte zu erzählen. Sie tat dies nüchtern, faktenorientiert, ohne sich von Emotionen überwältigen zu lassen. Auf die Frage, ob die Erinnerungen an den Schrecken nicht unerträglich seien, antwortete sie mit einer typischen Mischung aus Nüchternheit und Resignation: „Na ja, manchmal träume ich schlecht.“

Ihre Erinnerungen an die Freundschaft mit Anne Frank hielt sie in dem Buch „Erinnerungen an Anne Frank: Nachdenken über eine Kinderfreundschaft“ fest. Ihre Geschichte wurde auch in dem Film „Meine beste Freundin Anne Frank“ verfilmt, der auf ihren Erlebnissen basiert und die enge Bindung der beiden Mädchen sowie die tragische Wiederbegegnung im Lager thematisiert. Hannah Pick-Goslars unerschütterliches Zeugnis trug maßgeblich dazu bei, die Erinnerung an Anne Frank und das Schicksal der Millionen Opfer des Holocaust wachzuhalten.

Das Tagebuch und seine „Kitty“

Während Hannah Pick-Goslar die mündliche Überlieferung und das persönliche Zeugnis verkörperte, lebt Anne Frank vor allem durch ihr Tagebuch weiter. Dieses außergewöhnliche Dokument, geschrieben von einem Teenager unter extremen Bedingungen, ist in mehr als 70 Sprachen übersetzt worden. Anne begann das Tagebuch an ihrem 13. Geburtstag und führte es bis wenige Tage vor der Verhaftung ihrer Familie im August 1944. Den Großteil der Einträge schrieb sie im Versteck.

Eine Besonderheit des Tagebuchs ist, dass Anne es an eine fiktive Freundin namens Kitty richtete. Sie hatte sich vorgestellt, das Tagebuch sei eine sehr enge Freundin, der sie alles anvertrauen könne. Den Namen Kitty wählte sie, weil sie selbst gerne so geheißen hätte, wie sie in einem Eintrag schreibt. Sie beschrieb sogar, wie diese Kitty aussieht und welche Persönlichkeit sie hat. Anne überarbeitete später einen Teil ihrer Aufzeichnungen, nachdem sie im Radio den niederländischen Minister Gerrit Bolkestein gehört hatte, der die Bevölkerung aufforderte, Dokumente des Alltags während der Besatzung zu sammeln, um nach dem Krieg ein Zeugnis der Zeit zu haben. Anne träumte davon, Schriftstellerin oder Journalistin zu werden, und hoffte, ihr Tagebuch nach dem Krieg als Buch veröffentlichen zu können.

„Wo ist Anne Frank“: Ein neues Leben für Kitty

Die Idee der imaginären Freundin Kitty inspirierte den israelischen Regisseur Ari Folman zu dem Animationsfilm und der begleitenden Graphic Novel „Wo ist Anne Frank“. Folman, der schon zuvor Anne Franks Tagebuch in einer Graphic Novel umgesetzt hatte, erweckt in diesem Werk Kitty zum Leben. Im Film steigt Kitty in der heutigen Zeit aus den Seiten des Original-Tagebuchs im Anne-Frank-Haus in Amsterdam. Sie ist fest entschlossen, Anne zu finden, nicht wissend, was mit ihr geschehen ist.

Warum gibt es zwei Versionen von Anne Franks Tagebuch?
Ab 20. Mai 1944 schrieb Anne einen großen Teil ihres Tagebuchs noch einmal neu. Sie wollte den überarbeiteten Text nach dem Krieg als Buch über ihre Zeit im Hinterhaus veröffentlichen.

Kittys Suche führt sie durch das moderne Amsterdam, wo sie schnell erkennen muss, dass Anne nicht mehr da ist. Ihre Reise wird zu einer Brücke zwischen der Vergangenheit des Holocaust und der Gegenwart. Kitty trifft auf Flüchtlinge, Kinder und Jugendliche, die heute Verfolgung und Flucht erleben. Besonders zu einem jungen Mädchen namens Awa baut sie eine tiefe Verbindung auf. Durch Kittys Augen wird die Aktualität von Annes Geschichte schmerzlich bewusst.

Der Film nutzt die Figur der Kitty, um Annes Botschaft in die heutige Zeit zu transportieren. In einem dramatischen Höhepunkt stiehlt Kitty das Original-Tagebuch aus dem Museum und droht, es zu zerstören, wenn die Behörden nicht aufhören, die modernen Flüchtlinge abzuschieben. Sie erklärt, dass Anne das Tagebuch nicht für die Verehrung oder Benennung von Straßen und Schulen geschrieben habe, sondern als Botschaft an Millionen von Kindern: „Tut was ihr könnt, um eine einzige Seele vor Unheil zu bewahren. Schon eine einzige Seele, eine einzige Kinderseele ist so viel wert wie ein ganzes Leben!“ Dieser mutige Akt Kittys symbolisiert die Überzeugung, dass das Vermächtnis Anne Franks nicht in der musealen Verehrung des Objekts liegt, sondern in der aktiven Umsetzung ihrer humanistischen Botschaft in der Gegenwart.

Das bleibende Vermächtnis

Die Geschichten von Anne Frank und Hannah Pick-Goslar, verwoben durch ihre unerschütterliche Freundschaft und ihr gemeinsames Leid, erinnern uns auf eindringliche Weise an die Schrecken des Holocaust und die Widerstandsfähigkeit des menschlichen Geistes. Hannahs persönliches Zeugnis gab Annes Tagebuch eine zusätzliche Dimension, eine Stimme aus der Zeit nach dem Konzentrationslager. Der Film „Wo ist Anne Frank“ zeigt, wie Annes Botschaft auch heute noch relevant ist und wie ihre Geschichte uns dazu aufrufen sollte, gegen Unrecht und Verfolgung einzutreten, wo immer sie geschehen.

Anne Franks letzte Worte im Tagebuch stammen vom 1. August 1944. Was sie Hannah in Bergen-Belsen genau sagte, waren keine einzelnen, feierlichen „letzten Worte“, sondern die verzweifelten Äußerungen einer jungen Frau am Ende ihrer Kräfte: von Hunger, Kälte, dem Gefühl, niemanden mehr zu haben, und dem Irrtum über das Schicksal ihres Vaters. Diese Worte, überliefert durch Hannah Pick-Goslar, sind ein ebenso wichtiges Zeugnis wie das Tagebuch selbst. Sie zeigen Annes Zustand in den letzten Wochen ihres Lebens und unterstreichen die Grausamkeit des Systems, das ihr Leben und das von Millionen anderen zerstörte.

Häufig gestellte Fragen

Wer war Hannah Pick-Goslar?
Hannah Pick-Goslar (geb. Goslar) war eine enge Kindheitsfreundin von Anne Frank in Amsterdam. Sie überlebte den Holocaust und wurde eine wichtige Zeitzeugin, die ihre Erinnerungen an Anne Frank und ihre gemeinsamen Erlebnisse teilte, insbesondere ihre letzte Begegnung im KZ Bergen-Belsen.

Was sagte Anne Frank zu Hannah in Bergen-Belsen?
Bei ihren kurzen Treffen im Lager erzählte Anne Hannah von ihrem Leid, dem Hunger und der Kälte. Sie sagte, sie habe „niemanden mehr“, da sie fälschlicherweise glaubte, ihr Vater sei tot, und ihre Schwester Margot im Sterben lag. Es waren keine einzelnen „letzten Worte“ im herkömmlichen Sinne, sondern Äußerungen der Verzweiflung in ihrer extremen Situation.

Warum heißt Anne Franks Tagebuch „Kitty“?
Anne Frank wünschte sich eine enge Freundin, der sie alles anvertrauen konnte, und entschied sich, ihr Tagebuch als diese Freundin zu betrachten. Sie nannte diese imaginäre Freundin „Kitty“, ein Name, den sie selbst gerne gehabt hätte.

Worum geht es in dem Film „Wo ist Anne Frank“?
Dieser Animationsfilm von Ari Folman lässt Anne Franks imaginäre Tagebuchfreundin Kitty in der heutigen Zeit lebendig werden. Kitty sucht nach Anne im modernen Amsterdam und stellt Verbindungen zwischen der Verfolgung im Zweiten Weltkrieg und der Situation heutiger Flüchtlinge her. Der Film ist eine moderne Interpretation, die Annes Botschaft der Menschlichkeit und Hilfe in die Gegenwart überträgt.

Hat Hannah Pick-Goslar den Holocaust überlebt?
Ja, Hannah Pick-Goslar überlebte das KZ Bergen-Belsen und den Holocaust. Sie wanderte nach Israel aus und widmete einen Großteil ihres späteren Lebens dem Erzählen ihrer Geschichte und der Erinnerung an Anne Frank und die Opfer des Holocaust.

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