Wie hieß Dessau früher?

Dessau: Von 'Dissowe' bis 1871

07/05/2024

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Die Geschichte der Stadt Dessau, heute Teil von Dessau-Roßlau, reicht weit zurück. Schon im Jahre 945 wurden Teile des heutigen Stadtgebiets erstmals urkundlich erwähnt. Es handelte sich dabei um deutsche Burgwarde namens Stene und Qiuna (das heutige Kühnau), die in einem von Slawen besiedelten Gebiet errichtet wurden. Im Laufe des 12. Jahrhunderts tauchten weitere Gebiete im heutigen Stadtgebiet in Dokumenten auf, darunter der Burgward Kleutsch/Sollnitz und die Siedlung Naundorf, die heute zu Waldersee gehört.

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Im Zuge der damaligen deutschen Besiedlungs- und Christianisierungspolitik in östlicher Richtung entstand eine neue Marktsiedlung. Diese Siedlung, das heutige Zentrum der Dessauer Innenstadt, wurde im Jahr 1213 erstmals urkundlich als „Dissowe“ erwähnt. Sie lag strategisch günstig auf einer hochwassergeschützten Anhöhe und wurde von einer wichtigen Handelsstraße, der heutigen Zerbster Straße, durchquert. Die junge Siedlung wuchs schnell. Schon bald gab es eine Brücke über die Mulde, eine Mühle, die Marienkirche, ein größeres Handelshaus und ein Hospital. Handel und Gewerbe entwickelten sich rund um den Marktplatz stetig, obwohl die Landwirtschaft lange Zeit die wichtigste Lebensgrundlage der Bewohner blieb.

Übersicht

Die Anfänge und erste Entwicklungen

Im Jahr 1228 erhielt das noch recht kleine Dessau den Status eines „oppidum“, was einen befestigten oder Marktort bezeichnete. Im Jahr 1298 wurde Dessau bereits als „civitas“, also als Stadt, bezeichnet. Für das frühe 14. Jahrhundert sind erstmals Ratsmitglieder und ein Stadtsiegel dokumentiert, Zeichen einer wachsenden städtischen Autonomie. Ebenfalls im 14. Jahrhundert wurde eine erste Stadtmauer errichtet, um die Siedlung zu schützen. Ein schwerwiegender Rückschlag ereignete sich jedoch im Jahr 1467, als ein mächtiges Feuer fast die gesamte Stadt in Schutt und Asche legte.

Dessau als Residenz der Fürsten von Anhalt

Die Stadtherren von Dessau waren die Fürsten von Anhalt. Am Ufer der Mulde befand sich eines der fürstlichen Häuser, das im Jahr 1341 zu einer Burg ausgebaut wurde. Seit dem späten 15. Jahrhundert etablierte sich Dessau als Residenz einer eigenen Linie des anhaltischen Fürstenhauses. Dieses Haus sollte über viele Jahrhunderte die Geschicke der Stadt maßgeblich mitbestimmen, oft in einer spannungsvollen Wechselbeziehung mit dem städtischen Rat.

Die fürstliche Schlossanlage an der Mulde erfuhr ab 1530 unter Baumeister Ludwig Binder eine bedeutende Erweiterung durch den Bau eines neuen Westflügels, des sogenannten „Johannbaus“, der heute als Museum genutzt wird. Fürst Joachim Ernst von Anhalt (1536–1586) ließ um 1580 durch den Baumeister Peter Niuron die Süd- und Ostflügel des Schlosses neu errichten. Diese waren ebenfalls eindrucksvolle Renaissancebauten, die heute nicht mehr erhalten sind. Aus der Regierungszeit dieses Fürsten stammen auch wichtige administrative Dokumente für Dessau: eine Stadtordnung aus dem Jahr 1571 und eine Polizeiordnung aus dem Jahr 1578.

Reformation und religiöses Leben

Ein entscheidendes Ereignis für die geistige und gesellschaftliche Entwicklung Dessaus war die Einführung der Reformation. Mit der Berufung von Nikolaus Hausmann (1478/79–1538) zum fürstlichen Hofprediger im Jahr 1532 hielt die Lehre Martin Luthers Einzug in die Stadt. Martin Luther selbst predigte mehrmals in der Marienkirche.

Die Reformation prägte das geistige Leben Dessaus nachhaltig. Der als Philippist angegriffene Caspar Peucer (1525–1602), ein Schwiegersohn Philipp Melanchthons, fand in Dessau als Leibarzt und Rat eine neue Wirkungsstätte. Der Pädagoge und Theologe Joachim Greff (um 1510–1552) setzte sich in mehreren Schuldramen mit den Reformationsidealen auseinander. Eine besonders wichtige Stütze hatten die Lehren Luthers und Melanchthons in Fürst Georg III. von Anhalt (1507–1553). Der Fürst, der auch evangelischer Bischof von Merseburg und Dompropst von Magdeburg war, pflegte einen intensiven Gedankenaustausch mit den Wittenberger Reformatoren. Er wurde auch als Sammler von Lutherbriefen sowie Manuskripten und Druckschriften der Reformatoren bekannt. Die auf ihn zurückgehende „Fürst-Georg-Bibliothek“ ist heute ein wertvoller Bestandteil der Anhaltischen Landesbücherei Dessau.

Zum Ende des 16. Jahrhunderts wechselte das anhaltische Herrscherhaus vom lutherischen zum reformiert-calvinistischen Bekenntnis. Dies führte dazu, dass neben den nunmehr reformierten Gemeinden eine lutherische Minderheit bestehen blieb, deren Zentrum die in der Neustadt erbaute Johanniskirche war. Diese beiden evangelischen Strömungen wurden später, im Jahr 1827, in der evangelischen „Kirchenunion“ zusammengeführt. Ende des 17. Jahrhunderts bildete sich zudem eine kleine katholische Gemeinde in Dessau.

Krieg, Wiederaufbau und barocke Pracht

Mit der Anlage der Sandvorstadt ab 1534 und der Muldvorstadt ab 1536 begann Dessau über seine ursprünglichen Grenzen hinauszuwachsen. Der Bau der ersten Elbbrücke zwischen Dessau und Roßlau im Jahr 1583 steigerte die wirtschaftliche und militärische Bedeutung des Ortes weiter.

Ab 1625 geriet die Stadt in die verheerenden Kämpfe des Dreißigjähriger Krieges. Im Frühjahr 1626 fand eine bedeutende Schlacht bei der Elbbrücke statt, bei der die katholischen Truppen Wallensteins über die des protestantischen Heerführers Ernst von Mansfeld siegten. Dessau wurde während des Krieges mehrfach geplündert, und die wichtigen Brücken über Elbe und Mulde wurden zerstört. Die Kriegsleiden warfen die Stadt in ihrer Entwicklung weit zurück. Hinzu kamen, nicht zum ersten Mal in ihrer Geschichte, die Pest und andere Seuchen, die viele Menschenleben forderten. Nach Kriegsende zählte Dessau nur noch etwa 1.500 Einwohner, verglichen mit etwa 2.300 im Jahr 1617. Chronisten wie Johann Christoph Beckmann berichteten eindringlich über die verheerenden Folgen der Seuchen, die in verschiedenen Wellen auftraten.

Nach dem Krieg begann der langwierige Wiederaufbau. Für diesen Abschnitt der Stadtgeschichte wurde Fürst Johann Georg II. von Anhalt-Dessau (1627–1693) besonders bedeutsam. Er erlangte als Militär zunächst in schwedischen, dann in kurbrandenburgischen Diensten Ruhm. Seine Ehe mit Henriette Catharina (1637–1708) aus dem bedeutenden Haus Nassau-Oranien brachte dem kleinen Anhalt-Dessau wirtschaftliche, kulturelle und dynastische Vorteile. Die barocke Architektur, inspiriert vom niederländischen Stil, prägte das Stadtbild, beispielsweise am Großen Markt mit dem Rathaus und den Kolonnaden vor der Marienkirche. Auch die barocke Schlossanlage im nahe gelegenen Oranienbaum, dem Witwensitz Henriette Catharinas, zeugt von dieser Epoche. Durch die Erbschaft Henriette Catharinas gelangten zudem bedeutende Gemälde der holländischen und flämischen Malerei des frühen 17. Jahrhunderts nach Dessau.

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Wirtschaftlicher Aufschwung und jüdisches Leben

In der Wirtschaftspolitik des Fürstenpaares Johann Georg II. und Henriette Catharina spielte die Ansiedlung von Fachkräften aus dem Ausland eine wichtige Rolle. Hugenotten, Pfälzer, Schweizer, Böhmen und Italiener wurden ins Land geholt und trugen zur Entstehung neuer Wirtschaftszweige bei. Tuchmacher, Tabakspinner, Produzenten von Gold- und Silberwaren oder Glasmacher belebten das Gewerbe. Auch Juden durften sich ab 1672 in Dessau ansiedeln, da sie insbesondere für Handels- und Geldgeschäfte benötigt wurden. In der Sandvorstadt entwickelte sich relativ schnell eine größere jüdische Gemeinde, die Mitte des 18. Jahrhunderts auf stattliche 1000 Personen anwuchs.

Der jüdische Hoffaktor Moses Benjamin Wulff (1661–1729) nahm eine herausragende Position ein. Er war maßgeblich an der fürstlichen Akzise-Verwaltung und der Etablierung neuer Manufakturen beteiligt. Im Jahr 1692 gründete er die Fürstlich-Anhaltische Land- und Postkutsche. Zugleich förderte er als Mäzen das kulturelle Leben seiner Glaubensgenossen. Auf seine Initiative hin entstand 1695 eine bedeutende hebräische Druckerei. In seinem Wohnhaus in der Steinstraße unterhielt er eine Lehranstalt für Talmud-Studierende.

Der 'Alte Dessauer' und städtebauliche Prägung

Der 1698 an die Regierung gelangte Sohn von Johann Georg II. und Henriette Catharina, Fürst Leopold I. von Anhalt-Dessau (1676–1747), besser bekannt als der „Alte Dessauer“, prägte die Stadtentwicklung ebenfalls nachhaltig. Wie sein Vater war er ein hoher preußischer Militär und zeichnete sich durch militärische Erfolge aus. Als absolutistischer Herrscher setzte er die Wirtschaftspolitik seiner Eltern fort, einschließlich der Toleranzpolitik gegenüber den Juden. In seine lange Regierungszeit fallen bedeutende städtebauliche Maßnahmen, wie der Bau einer neuen Stadtmauer, der sogenannten Akzise-Mauer, und die Anlegung der Kavalierstraße als repräsentative Prachtstraße.

An der Peripherie wuchsen weitere Stadtteile wie die Wasserstadt sowie Vorwerke und Ansiedlungen wie Kochstedt und Alten empor. Zum Schutz vor den wiederkehrenden Hochwassern von Elbe und Mulde wurden umfangreiche Meliorations- und Deichbauarbeiten durchgeführt. Die Elbe erhielt im Jahr 1739 wieder eine feste, wenn auch hölzerne, Brücke. Auch der Neubau der barocken Georgenkirche fällt in diese Epoche. Im Bereich des Schlosses wurde der Nordflügel abgerissen, wodurch sich die Schlossanlage zur Stadt hin öffnete. In unmittelbarer Nähe des Schlosses wurden die Neue Kanzlei (später: Hofkammer) und ein neuer Marstall errichtet. Die Söhne Leopolds – Dietrich (1702–1769), Eugen (1705–1781) und Moritz (1712–1760) – erhielten repräsentative Stadtpalais in der Kavalierstraße und Zerbster Straße, darunter das „Palais Dietrich“ (heute: Anhaltische Landesbücherei). Für Leopolds Tochter Anna Wilhelmine (1715–1780) wurde ab 1752 in Mosigkau bei Dessau ein Rokokoschloss erbaut. Während Leopolds häufiger Abwesenheit aufgrund militärischer Dienste lenkte seine Gemahlin, Anna Luise (1677–1745), die aus einer Apothekerfamilie stammte, die Regierungsgeschäfte. Ein bronzenes Denkmal für Leopold I. wurde 1860 auf dem Schlossplatz aufgestellt.

In die nur kurze Regierungszeit von Leopold Maximilian von Anhalt-Dessau (1700–1751), dem ältesten Sohn Leopolds I., fallen Erneuerungen im Schlossbereich und die Gründung der Leopold-Dank-Stiftung für Kriegsinvaliden im Jahr 1749. Das ehemalige Stiftsgebäude dient heute als Museum für Naturkunde und Vorgeschichte.

Das Zeitalter der Aufklärung unter Fürst Franz

Ungleich stärker wurde die Stadt durch die fast 50 Jahre währende Regierungszeit des Fürsten (ab 1807: Herzog) Leopold Friedrich Franz (1740–1817) verändert, die 1758 begann. Wie seine Vorgänger behielt sich auch Fürst Franz alle wichtigen Entscheidungen über die Stadtentwicklung vor. Seine von der Aufklärungsepoche inspirierten umfangreichen Reformen im Schul-, Gesundheits- und Armenwesen, in Landwirtschaft und Gartenbau, nicht zuletzt seine Bestrebungen zur „Landesverschönerung“, hinterließen tiefe Spuren.

1761 wurde in Dessau mit der Anlage einer neuen wichtigen Straßenachse, der Franzstraße, begonnen. Zwei Jahre später, 1763, erschien die erste Ausgabe der „Fürstlich Anhalt-Dessauischen öffentlichen Nachrichten“, was den historischen Beginn der Dessauer Presselandschaft markierte. 1779 wurden Öl-Laternen als Straßenbeleuchtung eingeführt, die 1856 durch Gaslaternen ersetzt wurden. 1796/97 erfolgte ein Neubau der Brücke über die Mulde.

Das wohl bekannteste Vermächtnis Fürst Franz' ist das Gartenreich Dessau-Wörlitz. Seit den 1760er Jahren entstand in Wörlitz bei Dessau eine der ersten, bald weithin bekannten englischen Gartenanlagen auf dem Kontinent. Später kamen weitere Parkanlagen und klassizistische Schlossbauten hinzu, wie das Luisium (für Franz' Gemahlin, Fürstin Louise) und das Georgium (als Sommersitz von Franz' jüngerem Bruder Johann Georg). Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff (1736–1800), der Baumeister und Freund des Fürsten, schuf neben diesen klassizistischen Kleinodien auch markante Stadtbauten wie das Haus Olberg und das Palais für Franz Graf von Waldersee (heute: Anhaltische Landesbücherei). Auch der 1787 angelegte neue Begräbnisplatz, der Historische Friedhof, trägt Erdmannsdorffs Handschrift. Der Landschaftsgarten Großkühnau bei Dessau entstand ab 1805 auf Geheiß des Erbprinzen Friedrich.

Kultur, Bildung und jüdische Aufklärung

Neben Architektur und Gartenbau erlebten auch andere Künste, die Wissenschaften und das Kulturleben insgesamt eine Blütezeit unter Fürst Franz. Im Jahr 1771 holte Fürst Franz den Reformpädagogen Johann Bernhard Basedow (1724–1790) nach Dessau, der hier seine bahnbrechende Erziehungsanstalt Philanthropinum (1774 bis 1793) gründen konnte. Das städtische Musikleben wurde durch die Konzerte und Kompositionen des Hofkapellmeisters Friedrich Wilhelm Rust (1739–1796) über die Region hinaus bekannt. Nachdem 1794 die Bossansche Schauspielergesellschaft in Dessau ihren ständigen Sitz genommen hatte, entwickelte sich ein reges Theaterleben. Christian Gottlob Neefe (1748–1798), Beethovens Bonner Klavierlehrer, war in seinen letzten Lebensjahren in Dessau Musikdirektor. Ludwig Devrient (1784–1832) und andere bedeutende Schauspieler jener Epoche traten auf der Dessauer Bühne auf. Ein von Erdmannsdorff 1799 geschaffenes Theatergebäude bot fast tausend Besuchern Platz.

Erdmannsdorff war auch der erste künstlerische Leiter der Chalkographischen Gesellschaft (1796–1810), die renommierte Kupferstecher und Maler zusammenführte. Carl Wilhelm Kolbe (1759–1835) schuf in Dessau imposante Radierungen. Unter den Dichtern jener Epoche ragte Friedrich Matthisson (1761–1831) hervor. Der Hofbeamte August von Rode (1751–1837) erlangte als Übersetzer antiker Autoren hohe Anerkennung. Die Allgemeine Buchhandlung der Gelehrten und Künstler (1781–85) trat für größere Rechte der Autoren ein, und ihre Zeitschrift war ein wichtiges Diskussionsforum der Aufklärungsbewegung.

Wie hieß Dessau früher?
Im Jahre 1228 wird jenes noch recht kleine Dessau „oppidum“ (befestigter Ort, Marktort), 1298 wird es „civitas“ (Stadt) genannt. Für das frühe 14. Jahrhundert werden erstmals Ratmannen und ein Stadtsiegel erwähnt.

Nicht zuletzt war das damalige Dessau auch ein Zentrum der Aufklärung innerhalb des Judentums, der Haskalah. Hier war 1729 Moses Mendelssohn (1729–1786) geboren worden, einer der bekanntesten deutschsprachigen Schriftsteller und Philosophen jener Epoche. Von Mendelssohn und seinem Schülerkreis ging eine Aufklärungs- und Reformbewegung aus, die das Judentum für eine moderne, vernunftgeleitete Kultur und Religion sowie für die Teilhabe an der christlichen Umwelt öffnen wollte. Die 1799 begründete Dessauer jüdische Freischule, die „Franzschule“, und die von Schuldirektor David Fränkel (1779–1865) herausgegebene reformjüdische Zeitschrift „Sulamith“ (1806–1848) waren wichtige Zentren dieser kulturellen Bewegung.

Napoleonische Zeit und Befreiungskämpfe

In der Napoleonischen Ära wurde auch Dessau in die zahlreichen kriegerischen Auseinandersetzungen hineingezogen. Nach der verlorenen Schlacht von Jena und Auerstedt (1806) brannten flüchtende preußische Truppen die Elbbrücke nieder; der Kanonendonner der Schlacht war noch in Dessau zu hören gewesen. Französisches Heer quartierte sich ein und plünderte. Napoleon Bonaparte selbst weilte zweimal in der Stadt. Das Fürstentum Anhalt-Dessau musste dem Rheinbund beitreten und Truppen für Napoleons Armeen stellen. Im Mai 1809 nahm der antinapoleonische Kämpfer Ferdinand von Schill mit seinem Husarenregiment in der Stadt Quartier; Schills patriotischer Aufruf „An die Deutschen“ wurde hier gedruckt.

Unter den Teilnehmern der antinapoleonischen Befreiungskämpfe befand sich auch ein Dessauer Jüngling, der wenig später als populärer, freiheitlich gestimmter Volksdichter gefeiert wurde: Wilhelm Müller (1794–1827), Sohn eines Schneidermeisters. Er war in seiner Vaterstadt Dessau als Bibliothekar und Gymnasiallehrer angestellt. Müllersche Verse wie „Das Wandern ist des Müllers Lust“ oder „Am Brunnen vor dem Tore“ wurden mehrfach vertont und werden noch heute gesungen. Gemeinsam mit Hofkapellmeister Friedrich Schneider (1786–1853) gründete Müller die Dessauer Liedertafel, ein Höhepunkt in der langen Tradition des städtischen Chorgesanges. Friedrich Schneider verdankt die Stadt auch ihre erste Musikschule und mehrere Elbmusikfeste.

Das 19. Jahrhundert: Wachstum und Modernisierung

Herzog Leopold Friedrich von Anhalt-Dessau (1794–1871), der Enkel und Nachfolger des Fürsten Franz, regierte länger als ein halbes Jahrhundert. Bei seinem Regierungsantritt 1817 hatte Dessau etwa 9.000 Einwohner; als er 1871 starb, waren es 17.500. Das Stadtbild wurde durch neue markante Bauten ergänzt: das erste Bahnhofsgebäude 1839, die Orangerie im Küchengarten des Schlosses 1844, der 40 m hohe Turm des Leopolddankstifts 1847, die große Kaserne an der Akenschen Straße (ab 1898: „Leopoldskaserne“), die in neugotischen Formen gehaltene katholische Kirche 1854/57 und das klassizistische Palais des Prinzen Georg Bernhard (später: Palais Reina). Das Dessauer Rathaus erhielt 1827/28 einen neuen Nordgiebel. Schon 1818/22 bekam das Herzogliche Hoftheater ein neues Vorderhaus mit Konzertsaal; nach einem Brand 1855 wurde der Theaterbau aufwändig erneuert. Mit der Anlage neuer Straßen dehnte sich das Stadtgebiet weiter nach Norden aus.

Politische Entwicklungen und Stadtverwaltung

Eine neue Städteordnung löste 1831 die überkommene Ratsverfassung ab. Die Bürgergemeinde konnte nun Stadtverordnete als ihre Interessenvertreter wählen. Der Herzog behielt jedoch das Recht der Oberaufsicht in allen kommunalen Angelegenheiten. In der Zeit der demokratischen Erhebung von 1848 musste Herzog Leopold Friedrich seinen Regierungspräsidenten entlassen, und ein liberales Staatsministerium wurde eingesetzt, doch die Machtposition des obersten Landesherrn blieb letztlich unangetastet. Franz Medicus wurde 1852 zum Bürgermeister gewählt. In Medicus‘ langer Amtszeit bis 1884 fielen die territoriale Erweiterung der Stadt, die Gründung der Stadtsparkasse 1865 und die Einrichtung eines städtischen Leihamtes.

Hauptstadt des Herzogtums und kulturelles Leben

Nach dem Aussterben der Bernburger Linie des Hauses Anhalt 1863 und der Wiedervereinigung aller anhaltischen Territorien 1865 konnte Leopold Friedrich sich stolz Herzog von Anhalt nennen. Dessau war nun die Haupt- und Residenzstadt des gesamten Herzogtums. Der Herzog förderte Künstler wie Franz Woltreck und Johann Heinrich Beck. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts feierten Richard Wagners Opern im Herzoglichen Hoftheater Triumphe, was Dessau den Ruf als „Bayreuth des Nordens“ einbrachte. Unter den Naturforschern ragte der Astronom und Botaniker Samuel Heinrich Schwabe hervor. Sehr bekannt war auch die Gymnastische Akademie von Adolf Werner.

Natur- und Landschaftsschutz

Der als Naturfreund bekannte Herzog Leopold Friedrich sorgte sich auch um den Schutz der Solitäreichen und anderer Naturdenkmäler. Das Anhaltische Polizeistrafgesetz von 1855 verbot das Fangen und Töten des Elbebibers und legte damit den Grundstein für den Erhalt dieser Tierart. Viele Dessauer erfreuten sich an der ausgedehnten Naturlandschaft, die ihre Stadt umgab.

Technische Revolution und Industrialisierung

Unbeirrt von der Naturfreundschaft hielt die Moderne mit ihren technischen Errungenschaften auch in Dessau Einzug. Die 1806 zerstörte Elbbrücke wurde 1835/36 neu erbaut. Mit der Eisenbahnverbindung von Berlin nach Köthen 1839/40 beginnend, war Dessau bald per Schiene verbunden. Der erste Zug aus Berlin traf am 10. September 1841 ein. Die wichtige Bahnverbindung nach Leipzig wurde 1857/59 fertiggestellt. Viele neue Wirtschaftsunternehmen siedelten sich in der Nähe der Eisenbahnlinie an. Auch der in den 1860er Jahren ausgebaute Wallwitzhafen am Elbufer erhielt eine eigene Bahnverbindung und entwickelte sich zu einem wichtigen Umschlagplatz. Im Zusammenhang mit dem Eisenbahnbau breitete sich die elektro-magnetische Telegraphie aus. 1850 wurde im Dessauer Bahnhofsgebäude der erste Telegraph für den Privatverkehr eröffnet.

Zunächst langsam, nach 1871 dann sehr beschleunigt, hielt das Zeitalter der Industrialisierung Einzug. Die Dampfmaschine wurde zuerst in der Textilbranche, im Maschinenbau und in Bierbrauereien eingesetzt. Der Regionalhistoriker Heinrich Lindner sah Dessau schon 1833 als geeigneten Standort für Fabriken. Die 1855 gegründete Deutsche-Continental-Gas-Gesellschaft (DCGG) entwickelte sich schnell zu einem überregional bedeutenden Unternehmen. Zur Finanzierung der wachsenden Industrien wurden Banken gegründet, darunter die Anhalt-Dessauische Landesbank (1847) und die Kreditanstalt für Industrie und Handel (1856). Bedeutende Privatbanken wie die von Moritz von Cohn und das Bankhaus Sonnenthal spielten ebenfalls eine wichtige Rolle.

Als 1871 das Deutsche Kaiserreich proklamiert wurde, war Dessau die Hauptstadt eines zwar kleinen, aber wirtschaftlich, politisch und kulturell selbstbewussten deutschen Bundesstaates. Der Herzog hatte Sitz und Stimme im Bundesrat. Die Stadt war recht wohlhabend und glaubte, für das jetzt mit Macht hereinbrechende Industriezeitalter gut gerüstet zu sein.

Häufig gestellte Fragen zur frühen Geschichte Dessaus

Wann wurde Dessau erstmals urkundlich erwähnt?
Teile des heutigen Stadtgebiets wurden bereits 945 erwähnt (Burgwarde Stene und Qiuna). Die Marktsiedlung „Dissowe“, das Zentrum des heutigen Dessau, wurde erstmals 1213 urkundlich genannt.
Wie hieß Dessau in seinen frühesten urkundlichen Erwähnungen?
Die Marktsiedlung wurde 1213 „Dissowe“ genannt. Bereits 1228 war es ein „oppidum“ und 1298 eine „civitas“.
Wer waren wichtige Herrscherpersönlichkeiten in Dessaus Geschichte bis 1871?
Das waren die Fürsten von Anhalt, insbesondere Johann Georg II., Leopold I. (der „Alte Dessauer“), Fürst Franz (Leopold Friedrich Franz) und Herzog Leopold Friedrich. Sie prägten die Stadtentwicklung über Jahrhunderte.
Welche Bedeutung hatte die Reformation für Dessau?
Die Reformation hielt 1532 Einzug. Martin Luther predigte in der Marienkirche, und Fürst Georg III. war ein wichtiger Unterstützer der Lehren Luthers und Melanchthons. Dies prägte das geistige und kulturelle Leben der Stadt.
Was geschah in Dessau während des Dreißigjährigen Krieges?
Dessau wurde ab 1625 in die Kämpfe hineingezogen. Es gab eine Schlacht bei der Elbbrücke, die Stadt wurde mehrfach geplündert, Brücken wurden zerstört, und Seuchen führten zu einem starken Bevölkerungsrückgang.
Welche kulturellen Höhepunkte gab es in Dessau bis 1871?
Das Zeitalter der Aufklärung unter Fürst Franz brachte eine Blütezeit, insbesondere mit der Anlage des Gartenreichs Dessau-Wörlitz, der Gründung des Philanthropinums, einem reichen Musik- und Theaterleben und der jüdischen Aufklärungsbewegung. Später feierten Richard Wagners Opern Erfolge.
Wann wurde Dessau Hauptstadt des Herzogtums Anhalt?
Nach der Wiedervereinigung der anhaltischen Territorien wurde Dessau 1865 zur Haupt- und Residenzstadt des gesamten Herzogtums Anhalt.
Wann erreichte die Eisenbahn Dessau?
Der erste Zug aus Berlin traf am 10. September 1841 in Dessau ein, im Zuge des Baus der Eisenbahnverbindung von Berlin nach Köthen.

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