Warum heißt Eisenhüttenstadt Eisenhüttenstadt?

Eisenhüttenstadt: Planstadt & Stahlwerk

15/03/2016

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Eisenhüttenstadt, oft als „erste sozialistische Stadt auf deutschem Boden“ bezeichnet, ist weit mehr als nur eine Ansammlung von Gebäuden. Ihre Geschichte ist eng mit der Ideologie und den wirtschaftlichen Notwendigkeiten der Deutschen Demokratischen Republik verbunden. Ursprünglich als Wohnstadt für das neu zu errichtende Eisenhüttenkombinat Ost (EKO) geplant, entwickelte sie sich zu einem städtebaulichen Vorzeigeprojekt mit einem klaren ideologischen Anspruch.

Warum heißt Eisenhüttenstadt Eisenhüttenstadt?
Die Stadt, um die es hier ging, war zuerst die sogenannte Wohnstadt des Eisenhüttenkombinats Ost, dann also hieß sie Stalinstadt, 1961 umgetauft in Eisenhüttenstadt. Den Startschuss für diese erste „Sozialistische Planstadt“ – wie es damals hieß – lieferte ein Beschluss des 3. Parteitags der SED.

Der Grundstein für diese einzigartige Stadt wurde am 23. September 1950 in einem märkischen Kiefernwald gelegt. Dieser Akt markierte die Geburtsstunde einer Stadt, die am Reißbrett entworfen wurde und die Vision eines sozialistischen Paradieses auf Erden verkörpern sollte. Die Planstadt war von Anfang an untrennbar mit dem Stahlwerk verbunden, das die ökonomische Grundlage bildete.

Übersicht

Von der Wohnstadt zu Stalinstadt und Eisenhüttenstadt

Die Notwendigkeit eines eigenen Stahlwerks im Osten Deutschlands entstand nach dem Zweiten Weltkrieg. Durch die Teilung Deutschlands war die DDR vom Ruhrgebiet, dem traditionellen Zentrum der Stahlproduktion, abgeschnitten. Wirtschaftliche Selbstversorgung war zudem eine wichtige sowjetische Doktrin. Aus logistischen Gründen, insbesondere wegen der Anbindung an Wasserwege (Oder und Oder-Spree-Kanal), wurde der Standort nahe des mittelalterlichen Örtchens Fürstenberg an der Oder gewählt.

Mit dem Bau des Stahlwerks entstand der Bedarf an Wohnraum für die benötigten Fachkräfte und Arbeiter, die aus der gesamten DDR in den tiefen Osten geholt wurden. So begann der Bau einer sogenannten „Wohnstadt“ inmitten der märkischen Heide. Diese Siedlung orientierte sich an Vorbildern ähnlicher Industrie- und Wohnstädte in der Sowjetunion und sollte den Aufbruch in eine neue Zeit symbolisieren.

Ein entscheidender Moment in der frühen Geschichte der Stadt war der 7. Mai 1953. An diesem Tag vollzog der damalige SED-Chef Walter Ulbricht die feierliche Namensgebung. In einem offiziellen Akt erklärte er: „Im Auftrage der Regierung der Deutschen Demokratischen Republik vollziehe ich die feierliche Namensgebung: Die erste sozialistische Stadt in der Deutschen Demokratischen Republik erhält den Namen Stalinstadt.“ Dieser Name, eine Huldigung an den sowjetischen Diktator Josef Stalin, unterstrich den ideologischen Anspruch und die enge Bindung an die Sowjetunion.

Die Umbenennung in Eisenhüttenstadt erfolgte im Jahr 1961 im Zuge der Entstalinisierung. Der neue Name bezog sich direkt auf das Herzstück der Stadt: das Eisenhüttenkombinat. So erhielt die Stadt ihren heutigen Namen, der ihre Identität als Industriestandort bis heute prägt.

Architektur als Spiegel der Ideologie

Eisenhüttenstadt war als „Sozialistische Planstadt“ konzipiert. Dies bedeutete, dass sie nicht organisch wuchs, sondern nach einem Masterplan entworfen und aus dem Boden gestampft wurde. Der ursprüngliche Masterplan für die Bebauung stammte vom Architekten Kurt Walther Leucht.

Der Baustil, der hier zum Einsatz kam, wird dem Sozialistischen Klassizismus zugeordnet, oft auch abfällig als „Zuckerbäckerstil“ bezeichnet. Charakteristisch sind monumentale Gebäude, die mit Ornamenten verziert sind. Die Stadtgliederung folgte einem klaren Schema, wobei die einzelnen Stadtteile als „Wohnkomplexe“ bezeichnet wurden.

Ein zentrales Anliegen der Planer war es, eine Stadt zu schaffen, die sich bewusst von den Problemen und der Ästhetik bürgerlicher Städte abgrenzte. Es gab keine engen Gassen oder traditionellen Marktplätze. Stattdessen durchziehen breite Magistralen die Stadt, die so großzügig angelegt sind, dass sie fast den Eindruck erwecken, Flugzeuge könnten darauf landen. Diese breiten Flächen waren auch als innerstädtische Aufmarschräume für politische Kundgebungen und Paraden gedacht.

Ein weiteres Merkmal sind die grünen Innenhöfe. Diese sollten das kollektivistische Miteinander fördern und den Bewohnern attraktiven Freiraum bieten. Im Gegensatz zu den oft beklagten Neubaustädten der 70er und 80er Jahre gelten die grünen Innenhöfe in Eisenhüttenstadt bis heute als sehr lebenswert und tragen zu einem fast „paradiesischen“ Gefühl bei, wie Architekturkritiker Wolfgang Kil anmerkt.

Die Architektur sollte auch ein Gegenmodell zur Nachkriegsmoderne im Westen darstellen. Eisenhüttenstadt war ein politisches Projekt mit einem klaren ideologischen Anspruch: Die sozialistische Stadt sollte das kollektivistische Miteinander fördern, während das Individuum sich unterzuordnen hatte. Dies spiegelte sich auch im Alltag wider, wo die Hausgemeinschaft, also alle Bewohner eines Aufgangs, als Verband zusammenstand und gemeinsame Aktivitäten unternahm. Ben Kaden, der seine Kindheit und Jugend in der Stadt verbrachte, beschreibt, dass man immer ein bisschen unter Beobachtung lebte und viel Energie investieren musste, um sich zu individualisieren.

Die Stadt ohne Kirchtürme

Ein besonders auffälliges Merkmal der ursprünglichen Planung von Eisenhüttenstadt war das Fehlen kirchlicher Einrichtungen. Dies basierte auf den sogenannten „16 Grundsätzen des Städtebaus“, die die stadtplanerischen Prinzipien der SED-Diktatur formulierten. Einer dieser Grundsätze sah vor, dass die sozialistische Stadt ohne kirchliche Einrichtungen auszukommen hatte.

Während in anderen Städten der DDR Kirchen gesprengt oder abgerissen wurden, wie beispielsweise die Garnisonkirche in Potsdam oder die Universitätskirche in Leipzig, sollte in Eisenhüttenstadt von vornherein keine Kirche entstehen. Walter Ulbricht machte dies in seiner berühmten „Turm-Rede“ am 7. Mai 1953 deutlich: „Ja, wir werden Türme haben, zum Beispiel einen Turm fürs Rathaus, einen Turm fürs Kulturhaus. Andere Türme können wir in der sozialistischen Stadt nicht gebrauchen.“ Dies war ein klarer Ausdruck des von der SED betriebenen Kirchenkampfes.

Trotz dieser ideologischen Vorgabe gab es in Eisenhüttenstadt von Anfang an Christen. Da die Bevölkerung aus der gesamten DDR stammte, waren auch Gläubige darunter. Der Kampf um die Möglichkeit, ihren Glauben auszuüben, war schwer. Zunächst behalf man sich mit provisorischen Lösungen wie einem Zelt oder einem Zirkuswagen, bevor eine Kirch-Baracke gebaut werden durfte.

Eine zentrale Figur im Kampf um die Kirche war der evangelische Pfarrer Heinz Bräuer, der erste Pfarrer der Friedensgemeinde. Er setzte sich unermüdlich für seine Gemeinde ein und legte sich permanent mit den „Genossen“ an. Durch sein Engagement wuchs die Gemeinde stetig. Ende der 1980er Jahre zählte sie 5.000 Mitglieder.

Ein bedeutender Schritt war der Bau eines Gemeindezentrums ab 1976 im Rahmen eines Bauprogramms für Kirchen in Neubaugebieten. Dieses Gemeindezentrum wurde 1981 eingeweiht. Die Finanzierung war bemerkenswert: Die Kosten von 1,8 Millionen D-Mark wurden von der Bundesrepublik Deutschland übernommen. Dies war möglich, da die DDR Ende der 1970er Jahre dringend Valuta benötigte und sich im Austausch für den Devisenfluss mit der westdeutschen Kirchenleitung auf den Bau von Kirchen in Neubaugebieten einigte.

Das Gemeindezentrum liegt bis heute eher versteckt am Stadtrand und ist nicht so prominent platziert wie andere öffentliche Gebäude. Der Kirch-Turm, wie ihn Ulbricht ablehnte, existiert bis heute nicht. Stattdessen steht ein Stahlgerüst mit Glocken neben dem Gemeindehaus.

Wirtschaft und Alltag in der Planstadt

Die Wirtschaft der Stadt basierte und basiert zu einem großen Teil auf dem Stahlwerk. Einst arbeiteten hier bis zu 12.000 Menschen. Das Eisenhüttenkombinat Ost (EKO), heute Teil von ArcelorMittal, war und ist das größte integrierte Stahlwerk Ostdeutschlands.

Was wird in Eisenhüttenstadt produziert?
Eisenhüttenstadt ist die Heimat des größten integrierten Stahlwerkes Ostdeutschlands und ein Zentrum für Metallverarbeitung, Zuliefer- und Papierindustrie. über 70 Unternehmen aus den verschiedensten Branchen (Bau, Metall, Recycling, Maschinenbau) sind hier angesiedelt.

Neben der Stahlproduktion haben sich im Laufe der Zeit weitere Industrien angesiedelt, darunter Metallverarbeitung, Zulieferindustrie und Papierindustrie. Insgesamt sind über 70 Unternehmen aus verschiedenen Branchen wie Bau, Metall, Recycling und Maschinenbau in Eisenhüttenstadt tätig. Die Stadt verfügt über ein Netzwerk an industrienahen Dienstleistern sowie wichtige logistische Anbindungen wie einen Binnenhafen und einen Eisenbahnbetrieb.

Das Leben in Eisenhüttenstadt war stark vom Schichtrhythmus des Stahlwerks geprägt. Die Stadt wurde so geplant, dass Wohnen, Freizeit und Arbeit in einem engen Zusammenhang standen. Es gab eine gute Versorgung mit sozialen Einrichtungen wie Kinderkrippen, Kindergärten und Schulen. Öffentliche Einrichtungen wie Kaufhallen, die Großgaststätte „Aktivist“ und das Friedrich-Wolf-Theater prägten das Stadtbild und das gesellschaftliche Leben.

Eisenhüttenstadt im Wandel: Schrumpfung und Herausforderungen

Nach der Wiedervereinigung erlebte Eisenhüttenstadt, wie viele Städte in Ostdeutschland, tiefgreifende Veränderungen. Die Bevölkerung begann stark zu schrumpfen. Hatte die Stadt 1989 noch rund 50.000 Einwohner, so sind es heute nur noch etwa 24.500 – weniger als die Hälfte. Die Tendenz ist weiter sinkend; Schätzungen gehen davon aus, dass 2030 nur noch gut 20.000 Menschen hier leben werden. Eisenhüttenstadt ist die Stadt in Brandenburg, die am schnellsten schrumpft.

Dieser demografische Wandel hat sichtbare Auswirkungen. Die Stadt altert; jeder zweite Einwohner ist über 55 Jahre alt, junge Leute sind selten. Straßen und Plätze, die einst für große Menschenmengen ausgelegt waren, wirken heute oft leer. In der Haupteinkaufsstraße, der Lindenallee (ehemals Leninallee), haben viele Geschäfte geschlossen, andere sind nur noch wenige Stunden geöffnet. Das Gefühl, dass „etwas zu Ende geht“, wie es die gebürtige Eisenhüttenstädterin Sabine Rennefanz beschreibt, liegt in der Luft.

Die wirtschaftliche Abhängigkeit vom Stahlwerk ist nach wie vor hoch. Obwohl die Mitarbeiterzahl im EKO auf etwa 2.700 gesunken ist, wäre eine Schließung des Werks für die Stadt verheerend. Die Corona-Pandemie hat zusätzliche Unsicherheit gebracht.

Ein trauriges Symbol des Verfalls ist das denkmalgeschützte „Hotel Lunik“, das heute eine Ruine ist. Einst ein schickes Hotel und Ort für Familienfeiern, steht es seit Jahren leer und verfällt. Selbst das einzige Kino der Stadt musste kürzlich schließen.

Das Erbe und die Zukunft der Planstadt

Trotz der Herausforderungen birgt Eisenhüttenstadt ein einzigartiges Erbe. Die erhaltene Wohnstadt im Stil der „Nationalen Bautradition“ der DDR ist das größte Flächendenkmal Deutschlands. Architekturkritiker wie Wolfgang Kil sehen darin ein großes Potenzial für Tourismus und Identität.

Allerdings gibt es unterschiedliche Ansichten, wie mit diesem Erbe umgegangen werden soll. Der amtierende Bürgermeister Frank Balzer (SPD) möchte die Stadt nicht zu einem „Freilichtmuseum“ machen. Er setzt stattdessen auf die Weiterentwicklung als Industriestandort, die Stärkung der medizinischen Versorgung und die Ausbildung von Pflegekräften sowie auf mögliche Impulse durch neue Industrien in der Region, wie das Tesla-Werk in Grünheide. Das einzigartige architektonische Erbe kommt in seiner Aufzählung kaum vor.

Wolfgang Kil kritisiert diese Haltung scharf und plädiert für mehr Stolz auf die Geschichte und Architektur der Stadt. Er verweist darauf, dass bereits heute Menschen aus aller Welt kommen, um die Planstadt zu sehen. Prominente Besucher wie der Schauspieler Tom Hanks, der die Stadt als „fascinating place“ bezeichnete und einen Trabbi kaufte, haben ebenfalls auf ihre Einzigartigkeit aufmerksam gemacht.

Es fehlt jedoch an einer klaren, tragfähigen Vision für die Zukunft, die das reiche historische Erbe mit den Notwendigkeiten einer modernen, schrumpfenden Stadt verbindet. Die Grundstimmung in der Stadt wird von manchen als depressiv beschrieben, während andere, wie der Bürgermeister, zuversichtlich in die Zukunft blicken und auf neue wirtschaftliche Impulse hoffen.

Die einstige sozialistische Musterstadt Eisenhüttenstadt ist auch nach über 70 Jahren noch lebendig, wenn auch im Wandel. Ihre Geschichte als Planstadt, die eng mit dem Stahlwerk und der Ideologie der DDR verbunden ist, macht sie zu einem faszinierenden Studienobjekt und einem wichtigen Zeugnis deutscher Geschichte.

Vergleich früher und heute (Ca.-Angaben):

MerkmalCa. 1989Ca. 2023
Einwohnerzahl50.00024.500
Mitarbeiter EKO12.0002.700
Geschäfte LindenalleeViele geöffnetWenige geöffnet
AltersdurchschnittJüngerDeutlich älter (Jeder 2. über 55)
StatusSozialistische MusterstadtGrößtes Flächendenkmal Deutschlands

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Warum wurde Eisenhüttenstadt gebaut?
Eisenhüttenstadt wurde als Wohnstadt für die Arbeiter des neu errichteten Eisenhüttenkombinats Ost (EKO) gebaut. Sie sollte zudem als erste sozialistische Planstadt der DDR ein städtebauliches und gesellschaftliches Vorzeigeprojekt sein und die Ideale des Sozialismus verkörpern.

Warum hieß Eisenhüttenstadt früher Stalinstadt?
Die Stadt wurde am 7. Mai 1953 von Walter Ulbricht feierlich auf den Namen Stalinstadt getauft. Dies war eine ideologische Namensgebung zu Ehren des sowjetischen Diktators Josef Stalin und unterstrich die enge Verbundenheit der DDR mit der Sowjetunion. Im Zuge der Entstalinisierung wurde die Stadt 1961 in Eisenhüttenstadt umbenannt.

Welchen Baustil findet man in Eisenhüttenstadt?
Der vorherrschende Baustil ist der Sozialistische Klassizismus, manchmal auch „Zuckerbäckerstil“ genannt. Er zeichnet sich durch monumentale Gebäude, Symmetrie, Verzierungen und breite Alleen (Magistralen) aus. Die Stadt wurde als Planstadt am Reißbrett entworfen.

Gibt es Kirchen in Eisenhüttenstadt?
Ursprünglich war die Stadt nach den städtebaulichen Prinzipien der SED ohne Kirchen geplant. Durch das Engagement von Gemeindemitgliedern und Pfarrern sowie mit finanzieller Unterstützung aus der Bundesrepublik konnten später ein evangelisches und ein katholisches Gemeindezentrum errichtet werden. Einen klassischen Kirchturm gibt es jedoch bis heute nicht.

Was sind die größten Herausforderungen für Eisenhüttenstadt heute?
Die größten Herausforderungen sind der starke Bevölkerungsrückgang und die Überalterung der Gesellschaft. Hinzu kommt die wirtschaftliche Abhängigkeit vom Stahlwerk und die Schwierigkeit, neue Perspektiven für die Stadt zu entwickeln, die ihr einzigartiges historisches Erbe berücksichtigen.

Was wird heute in Eisenhüttenstadt produziert?
Die Hauptindustrie ist nach wie vor die Stahlproduktion im Stahlwerk (ArcelorMittal). Daneben gibt es Unternehmen aus der Metallverarbeitung, der Zulieferindustrie, der Papierindustrie sowie aus den Bereichen Bau, Recycling und Maschinenbau.

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