03/07/2014
Die Marke Fleischmann ist vielen Modellbahn-Enthusiasten ein Begriff, verbunden mit einer langen Tradition und hochwertigen Produkten. Doch in den letzten Jahren gab es immer wieder Fragen und Unsicherheiten bezüglich der Zukunft und des Status des Unternehmens. Was ist mit Fleischmann passiert? Existiert die Firma noch in ihrer früheren Form? Die Antwort ist komplex und spiegelt die Herausforderungen wider, denen sich auch traditionsreiche Unternehmen in einem sich wandelnden Markt stellen müssen.

Von den Anfängen zur deutschen Ikone
Die Geschichte von Fleischmann beginnt bereits im Jahr 1887, als Jean Fleischmann das Unternehmen in Nürnberg gründete. Anfänglich konzentrierte man sich auf Blechspielzeug wie Schiffe und Flugzeuge. Ein bedeutender Schritt war die Übernahme der Firma Doll & Co. im Jahr 1938, durch die Modelleisenbahnen der Spur 0 und Modelldampfmaschinen ins Sortiment kamen. Dies legte den Grundstein für die spätere Ausrichtung des Unternehmens.
Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte Fleischmann Maßstäbe. Im Jahr 1949 präsentierte das Unternehmen als erstes eine Spur-0-Modellbahn, die das Zweileiter-Gleichstrom-System nutzte – ein System, das heute weit verbreitet ist. Obwohl die Spur-0-Produktion 1959 eingestellt wurde, feierte Fleischmann ab 1952 große Erfolge mit der Spurweite H0. Anfangs im Maßstab 1:82, später 1:85 und ab 1985 im heute üblichen 1:87.
Ein weiterer Meilenstein war die Einführung der Spur N im Jahr 1969 mit dem „Fleischmann Piccolo“-Sortiment im Maßstab 1:160. Fleischmann etablierte sich als die große deutsche Traditionsmarke im Segment Gleichstrom und war über Jahrzehnte hinweg eine feste Größe auf dem Modellbahnmarkt, bekannt für Qualität und Detailtreue.
Auch abseits der Schiene wagte sich Fleischmann in den Markt. Von 1967 bis 1989 bot man das Autorennbahn-System „Auto Rallye“ an, das später in „Rallye Monte Carlo“ umbenannt wurde. Obwohl das System technische Vorzüge hatte, konnte es sich gegen die Konkurrenz nicht dauerhaft durchsetzen.
Der Wendepunkt: Übernahme und erste Herausforderungen
Das 21. Jahrhundert brachte tiefgreifende Veränderungen. Anfang 2008 wurde die Gebr. Fleischmann GmbH & Co. KG von der deutsch-österreichischen Modelleisenbahn Holding übernommen, zu der auch der Mitbewerber Roco gehört. Dieser Schritt markierte einen Wendepunkt in der Unternehmensgeschichte. Der Firmensitz wurde von Nürnberg nach Heilsbronn verlegt. Die Übernahme war von umfangreichen Restrukturierungsmaßnahmen begleitet, die leider auch einen erheblichen Arbeitsplatzabbau zur Folge hatten. Die Mitarbeiterzahl sank von ehemals 340 im Jahr 2007 auf 180 im Jahr 2010 und weiter auf angekündigte 130. Die traditionsreichen Produktionsstätten in Nürnberg wurden verkauft und später umgenutzt.
Trotz der Restrukturierung sah sich das Unternehmen weiterhin mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten konfrontiert. Im Zeitraum von 2009 bis 2014 sank der Jahresumsatz von 18,2 Millionen Euro auf rund 15 Millionen Euro. Ein Rückgang von etwa 20% innerhalb von nur fünf Jahren.
Die Insolvenz im Jahr 2015
Die finanzielle Situation spitzte sich zu, und Anfang August 2015 musste Fleischmann beim Amtsgericht Ansbach einen Insolvenzantrag stellen. Die Gründe dafür waren vielfältig, aber ein wesentlicher Faktor waren die hohen Pensionslasten für ehemalige Mitarbeiter. Diese Aufwendungen beeinträchtigten die Budgets des Unternehmens massiv und führten zur Überschuldung. Verhandlungen mit dem zuständigen Pensions-Sicherungs-Verein (PSVaG) hatten zuvor zu keinem Ergebnis geführt.
Das Insolvenzverfahren wurde in Eigenverwaltung durchgeführt, mit dem Ziel, den Betrieb wirtschaftlich zu stabilisieren und fortzusetzen. Zu diesem Zeitpunkt beschäftigte das Unternehmen in Heilsbronn noch 33 Mitarbeiter, die für die Markenführung, Konzeption und Konstruktion der Modelle zuständig waren. Die Fertigung fand bereits seit 2013 im europäischen Wertschöpfungsverbund der Modelleisenbahn Gruppe statt, mit Werken in Österreich, Rumänien und der Slowakei. Die Modelleisenbahn Gruppe betonte damals, voll zur Marke Fleischmann und ihrer Verantwortung in Deutschland zu stehen, um den „unverwechselbaren Fleischmann-Touch“ der Produkte zu erhalten, und setzte dabei auf den Engineering-Standort in Franken.
Nach einigen Monaten des Verfahrens gab es im Dezember 2015 die Nachricht, dass Fleischmann gerettet werden konnte. Das Insolvenzverfahren wurde im Januar 2016 mit einer Gläubiger-Quote von 16 % beendet.
Das Ende des Standorts Heilsbronn und die Marke heute
Obwohl das Insolvenzverfahren erfolgreich abgeschlossen wurde und die Marke zunächst weiterlebte, kam es 2019 zu einem weiteren einschneidenden Schritt: Der verbleibende Restbetrieb in Heilsbronn wurde eingestellt. Dies bedeutete das Ende des physischen Standorts des Unternehmens in Deutschland.
Heute existiert Fleischmann nicht mehr als eigenständige Firma mit eigenen Produktionsstätten und umfangreicher Belegschaft in Deutschland. Stattdessen ist Fleischmann eine Marke der Modelleisenbahn Holding. Die Marke konzentriert sich seit 2019 ausschließlich auf das Sortiment der Spur N. Die Konzeption und Konstruktion, die zuletzt noch in Heilsbronn angesiedelt war, wurde in die Strukturen der Holding integriert, ebenso wie die Produktion, die bereits seit Längerem im europäischen Ausland stattfand.
Für Modellbahner bedeutet dies, dass weiterhin Fleischmann-Modelle erhältlich sind, allerdings nur noch in der Spur N. Die Modelle werden unter der bekannten Marke vertrieben, aber die Entwicklung und Fertigung erfolgt nun vollständig innerhalb der Modelleisenbahn Holding, oft in denselben Werken wie die Produkte der Schwestermarke Roco.
Vergleich: Das alte Unternehmen vs. die heutige Marke
Um die Veränderung besser zu verstehen, kann man die Situation vor der Übernahme 2008 mit der heutigen vergleichen:
- Vor 2008: Eigenständiges Unternehmen, Sitz in Nürnberg, später Heilsbronn. Eigene Entwicklung, Konstruktion und Produktion (teilweise). Breites Sortiment in H0 und N, sowie früher Spur 0 und Autorennbahnen. Über 300 Mitarbeiter. Hohe Pensionslasten.
- Nach 2019: Marke unter dem Dach der Modelleisenbahn Holding. Keine eigenen physischen Standorte in Deutschland für Entwicklung oder Produktion. Fokus ausschließlich auf Spur N. Entwicklung und Produktion integriert in die Strukturen und Werke der Holding (Europa). Wenige bis keine Mitarbeiter mehr am früheren Standort.
Die Insolvenz im Jahr 2015/2016 war ein Versuch, das Unternehmen unter dem bestehenden Namen zu sanieren, insbesondere durch die Bereinigung der Pensionslasten. Die Einstellung des Betriebs in Heilsbronn im Jahr 2019 war dann der letzte Schritt, um die Marke vollständig in die Holding zu integrieren und die Kosten weiter zu optimieren. Das Ziel, den „unverwechselbaren Fleischmann-Touch“ zu erhalten, wird von der Holding verfolgt, auch wenn die Produktion nun an anderen Orten stattfindet.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Gibt es die Firma Fleischmann noch?
Als eigenständiges Unternehmen mit eigenen Produktionsstätten und Belegschaft in Deutschland existiert Fleischmann nicht mehr. Es ist heute eine Marke der Modelleisenbahn Holding.
Warum musste Fleischmann Insolvenz anmelden?
Wesentliche Gründe waren hohe Pensionslasten für ehemalige Mitarbeiter, Kosten der Restrukturierung nach der Übernahme 2008 und ein Rückgang des Jahresumsatzes.
Wer hat Fleischmann übernommen?
Fleischmann wurde 2008 von der deutsch-österreichischen Modelleisenbahn Holding übernommen, zu der auch Roco gehört.
Welche Spurweiten werden unter der Marke Fleischmann noch produziert?
Seit 2019 konzentriert sich die Marke Fleischmann ausschließlich auf das Sortiment der Spur N.
Was ist mit dem Standort in Heilsbronn passiert?
Der Restbetrieb am Standort Heilsbronn wurde 2019 eingestellt. Die physikalischen Anlagen sind nicht mehr Teil des Unternehmens.
Wo werden Fleischmann-Modelle heute gefertigt?
Die Fertigung erfolgt im europäischen Wertschöpfungsverbund der Modelleisenbahn Holding, unter anderem in Werken in Österreich, Rumänien und der Slowakei.
Zusammenfassende Betrachtung
Die Geschichte von Fleischmann ist ein Beispiel für die Veränderungen in der Industrie und die Notwendigkeit zur Anpassung. Von einem stolzen, eigenständigen Unternehmen mit langer Tradition und Produktionsstätten in Deutschland hat sich Fleischmann zu einer Marke entwickelt, die unter dem Dach einer Holding geführt wird und deren Produkte in einem internationalen Verbund gefertigt werden. Der Fokus auf die Spur N ist eine strategische Entscheidung, um die Marke in einem bestimmten Marktsegment zu positionieren. Auch wenn die physische Präsenz in Deutschland verschwunden ist, lebt der Name Fleischmann für viele Modellbahner weiter, insbesondere für die Liebhaber der Spur N.
Die Herausforderungen, denen sich Fleischmann stellen musste, sind typisch für viele Traditionsunternehmen: Hohe Fixkosten, insbesondere aus der Vergangenheit (wie Pensionslasten), Anpassung an globale Produktionsstrukturen und der Wettbewerbsdruck in einem Nischenmarkt. Die Modelleisenbahn Holding hat die Marke erhalten, wenn auch in stark veränderter Form. Ob der „unverwechselbare Fleischmann-Touch“ in den heute produzierten Modellen vollständig erhalten bleibt, ist eine Frage, die unter Modellbahnern diskutiert wird, aber die Marke selbst hat die Umbrüche überstanden.
Die Insolvenz von 2015 war ein kritischer Moment, der jedoch durch die Übernahme und das anschließende Verfahren zur Bereinigung der finanziellen Lasten genutzt wurde. Das endgültige Ende des Standorts Heilsbronn markierte den Abschluss dieser Phase der Umstrukturierung. Heute steht die Marke Fleischmann für ein spezifisches Sortiment innerhalb der Modellbahnwelt, gefertigt mit modernisierten Prozessen und an anderen Standorten, aber mit dem Anspruch, die Geschichte und den Namen einer der bekanntesten deutschen Modellbahnmarken fortzuführen.
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