31/05/2017
Die Geschichte der modernen humanitären Hilfe ist untrennbar mit einem Namen verbunden: Henry Dunant. Dieser Genfer Geschäftsmann erlebte im 19. Jahrhundert ein Ereignis, das sein Leben und die Welt grundlegend verändern sollte. Was er auf einem Schlachtfeld in Italien sah, inspirierte ihn zu einer Idee, die bis heute Millionen von Menschen in Not Hoffnung schenkt: der Gründung einer Organisation, die unabhängig von nationaler Zugehörigkeit den Verwundeten hilft, und der Schaffung internationaler Regeln zum Schutz der Opfer von Konflikten.

Jean-Henri Dunant wurde am 8. Mai 1828 in Genf in eine tief religiöse und sozial engagierte Familie geboren. Seine Eltern, Antoinette Dunant-Colladon und Jean-Jacques Dunant, waren in der Genfer Gesellschaft einflussreich und setzten sich aktiv für Waisen, Vorbestrafte, Arme und Kranke ein. Diese Prägung durch das Elternhaus weckte früh in ihm ein starkes Gefühl für soziale Verantwortung. Eine Reise mit seinem Vater, bei der er das Leid von Galeerenhäftlingen miterlebte, hinterliess einen bleibenden Eindruck. Obwohl er das Collège de Genève vorzeitig verliess, begann er 1849 eine Banklehre und blieb nach deren Abschluss in diesem Sektor tätig.
Dunants christlicher Glaube, beeinflusst durch Genfer Theologen und Erweckungsbewegungen, motivierte ihn stark zu sozialem Engagement. Mit 18 Jahren trat er der Genfer Société d’Aumônes bei und gründete kurz darauf mit Freunden die «Donnerstags-Vereinigung» für Bibelstudien und gemeinsame Hilfsaktivitäten. Seine freien Abende und Sonntage widmete er Gefangenenbesuchen und der Unterstützung armer Menschen. Er zeigte früh die Fähigkeit, andere für seine Ziele zu begeistern. Dies führte zur Gründung einer Genfer Gruppe des Christlichen Vereins junger Männer (CVJM) im Jahr 1852, dessen Schriftführer er wurde. Drei Jahre später war er massgeblich an der Gründung der Young Men’s Christian Association in Paris beteiligt. Er engagierte sich auch in der Evangelischen Allianz und leitete deren Schweizer Sektion von 1852 bis 1859.
Parallel zu seinem sozialen Engagement verfolgte Dunant geschäftliche Interessen. Im Auftrag der «Genfer Handelsgesellschaft der Schweizer Kolonien von Setif» bereiste er 1853 Algerien, Tunesien und Sizilien. Diese Reise inspirierte ihn zu seinem ersten Buch, „Notice sur la Régence de Tunis“, das ihm Zugang zu wissenschaftlichen Gesellschaften eröffnete. 1856 gründete er eine eigene Kolonialgesellschaft und 1858 ein Mühlengeschäft in Algerien, die «Société financière et industrielle des Moulins des Mons-Djémila». Die Geschäfte liefen jedoch nicht reibungslos, teils wegen unklarer Land- und Wasserrechte, teils wegen unkooperativer Kolonialbehörden. Um den Zugang zu Konzessionen zu erleichtern, nahm er 1858 neben der Schweizer auch die französische Staatsbürgerschaft an.
Im Jahr 1859 beschloss Dunant, sich direkt an Kaiser Napoleon III. zu wenden, um Unterstützung für seine algerischen Geschäfte zu erhalten. Der Kaiser befand sich zu dieser Zeit mit seinem Heer in der Lombardei, wo Frankreich im Bündnis mit Sardinien-Piemont gegen Österreich kämpfte. Napoleon III. hatte sein Hauptquartier in Solferino. Dunant verfasste eine schmeichelhafte Schrift über den Kaiser, um ihn positiv zu stimmen, und reiste anschliessend nach Solferino, um ihn persönlich zu treffen.
- Das Grauen von Solferino und die spontane Hilfe
- „Ein Gedächtnis an Solferino“ – Ein Buch mit weitreichenden Folgen
- Die Geburt des Roten Kreuzes
- Die Genfer Konvention von 1864
- Absturz und Jahre der Vergessenheit
- Leben in Heiden und die späte Wiederentdeckung
- Der Friedensnobelpreis und die letzten Jahre
- Die Erfindungen und Ideen Henry Dunants
- Fragen und Antworten zu Henry Dunant
Das Grauen von Solferino und die spontane Hilfe
Es war der Abend des 24. Juni 1859, als Henry Dunant in der Nähe von Solferino eintraf. Was er dort sah, sollte sein Leben für immer prägen und den Lauf der Geschichte beeinflussen. Nach einer blutigen Schlacht zwischen den Armeen Frankreichs/Sardinien-Piemonts und Österreichs lagen etwa 38'000 verwundete, sterbende und tote Soldaten auf dem Feld. Das Ausmass des Leidens war unvorstellbar, und es gab kaum organisierte Hilfe. Zutiefst erschüttert von diesem Anblick, handelte Dunant spontan.
Er organisierte Freiwillige aus der lokalen Zivilbevölkerung, hauptsächlich Frauen und Mädchen, um den Verwundeten notdürftig zu helfen. In der nahegelegenen Stadt Castiglione delle Stiviere richtete er in der grössten Kirche, der Chiesa Maggiore, ein Behelfshospital ein. Hier und an anderen Orten wurden Tausende von Verwundeten versorgt. Dunant erkannte schnell den Mangel an allem: Helfern, medizinischem Fachwissen, Material und Verpflegung. Entscheidend war, dass er und die Helfer keinen Unterschied zwischen den Soldaten machten, unabhängig von ihrer Nationalität. Die Losung der Frauen von Castiglione, «Tutti fratelli» (Alle sind Brüder), wurde berühmt. Dunant gelang es sogar, gefangene österreichische Ärzte zur Hilfe freizubekommen. Er liess auf eigene Kosten Verbandsmaterial und Hilfsgüter herbeischaffen. Trotz aller Bemühungen starben viele Verwundete.
„Ein Gedächtnis an Solferino“ – Ein Buch mit weitreichenden Folgen
Nach seiner Rückkehr nach Genf im Juli 1859 konnte Dunant das Erlebte nicht vergessen. Die Eindrücke waren zu tief und traumatisch. Er begann, seine Erinnerungen und Gedanken niederzuschreiben. Das Ergebnis war das Buch mit dem Titel «Un souvenir de Solferino» (Eine Erinnerung an Solferino).
Das Buch, das 1862 auf eigene Kosten in einer Auflage von 1'600 Exemplaren gedruckt wurde, beschrieb eindringlich die Schrecken der Schlacht und das unermessliche Leid der Verwundeten danach. Es war nicht nur eine packende Schilderung, sondern enthielt auch zwei revolutionäre Ideen, wie das Leid zukünftig gemildert werden könnte: Erstens schlug Dunant die Gründung von freiwilligen Hilfsgesellschaften in allen Ländern vor, die sich bereits in Friedenszeiten auf die Pflege Verwundeter in Kriegszeiten vorbereiten sollten. Zweitens forderte er, dass die Verwundeten, das medizinische Personal und die Hilfseinrichtungen durch internationale Verträge unter den Schutz der Neutralität gestellt werden müssten.
Dunant verteilte das Buch an führende Persönlichkeiten aus Politik und Militär in ganz Europa. Die Reaktionen waren überwiegend positiv und begeistert. Das Buch wurde schnell zu einem sensationellen Erfolg und trug massgeblich zur Verbreitung seiner Ideen bei. Bereits im Dezember 1862 gab es eine zweite Auflage, und Anfang 1863 folgten weitere Auflagen sowie Übersetzungen ins Englische, Deutsche, Italienische und Schwedische. Die wenigen kritischen Stimmen, wie die von Florence Nightingale, die meinte, die Aufgabe der Hilfe liege bei den Regierungen, konnten den Erfolg des Buches nicht schmälern.

Die Geburt des Roten Kreuzes
Henry Dunants Buch und seine Ideen wurden schnell zum Gegenstand öffentlicher Diskussionen. Gustave Moynier, der Präsident der Genfer Gemeinnützigen Gesellschaft, erkannte das Potenzial von Dunants Vorschlägen. Auf der Mitgliederversammlung der Gesellschaft am 9. Februar 1863 wurden Dunants Ideen geprüft und als sinnvoll und umsetzbar befunden.
Dunant wurde Mitglied einer Kommission, der neben ihm Gustave Moynier, General Guillaume-Henri Dufour sowie die Ärzte Louis Appia und Théodore Maunoir angehörten. Diese fünf Männer trafen sich am 17. Februar 1863 und beschlossen, die Kommission in eine ständige Einrichtung umzuwandeln. Dieser Tag gilt als Gründungsdatum des Internationalen Komitees der Hilfsgesellschaften für die Verwundetenpflege, das später den Namen Internationales Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) erhielt. Dufour wurde der erste Präsident, Moynier Vizepräsident und Dunant Sekretär.
Innerhalb des Komitees entwickelten sich jedoch bald Spannungen, insbesondere zwischen dem Idealisten Dunant und dem pragmatischeren Moynier. Ein zentraler Streitpunkt war Dunants Beharren auf der Idee der Neutralisierung von Verwundeten und Helfern, die Moynier für undurchführbar hielt. Dunant setzte sich jedoch bei seinen Reisen durch Europa und in Gesprächen mit hochrangigen Persönlichkeiten über Moyniers Meinung hinweg.
Die Genfer Konvention von 1864
Die Arbeit des Internationalen Komitees führte schnell zu konkreten Schritten. Im Oktober 1863 fand in Genf eine internationale Konferenz statt, an der Vertreter von 16 Ländern teilnahmen, um über Massnahmen zur Verbesserung der Hilfe für verwundete Soldaten zu beraten. Auf Betreiben Moyniers war Dunant bei dieser Konferenz nur als Protokollführer tätig.
Ein Jahr später, im August 1864, wurde in Genf eine diplomatische Konferenz abgehalten, zu der der Schweizer Bundesrat eingeladen hatte. Am 22. August 1864 unterzeichneten zwölf Staaten die erste Genfer Konvention. Dieses bahnbrechende Abkommen basierte wesentlich auf den Vorschlägen aus Dunants Buch. Es schuf die Grundlage für das humanitäre Völkerrecht. Gleichzeitig einigte man sich auf ein einheitliches Schutzsymbol für Verwundete und Hilfspersonal: das Rote Kreuz auf weissem Grund, eine Umkehrung der Schweizer Flagge.
Obwohl Dunant bei dieser entscheidenden Konferenz nur die Aufgabe zugewiesen wurde, für die Unterhaltung der Gäste zu sorgen, stand er in den folgenden zwei Jahren im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit. Er erhielt zahlreiche Ehrungen und Einladungen, wurde in die französische Ehrenlegion aufgenommen und traf erneut mit Napoleon III. zusammen, der seinen algerischen Unternehmungen Unterstützung zusagte. Auch in Preussen wurde er nach dem Krieg von 1866 ehrenvoll empfangen und sah dort Fahnen mit dem Roten Kreuz neben der Nationalflagge.
Absturz und Jahre der Vergessenheit
Das Jahr 1865 brachte eine Serie von Katastrophen in Algerien, die Dunants Geschäfte weiter verschlechterten. Hinzu kam, dass er seine geschäftlichen Angelegenheiten wegen seines Engagements für das Rote Kreuz vernachlässigt hatte. Im April 1867 wurde die Finanzierungsgesellschaft Crédit Genevois aufgelöst, an der er beteiligt war. Dies führte zu einem Skandal und zwang Dunant, Konkurs anzumelden. Seine Familie und Freunde, die in seine Unternehmungen investiert hatten, waren ebenfalls stark betroffen.
Am 17. August 1868 wurde er vom Genfer Handelsgericht wegen betrügerischen Konkurses verurteilt. Dieser wirtschaftliche und rechtliche Absturz hatte gravierende gesellschaftliche Folgen. Es gab Forderungen nach seinem Ausschluss aus dem Internationalen Komitee. Am 25. August 1867 trat Dunant als Sekretär zurück, und am 8. September 1868 wurde er vollständig aus dem Komitee ausgeschlossen. Moynier, der inzwischen die Präsidentschaft übernommen hatte, spielte bei diesem Ausschluss eine wesentliche Rolle.
Im März 1867 hatte Dunant Genf verlassen und sollte seine Heimatstadt nie wiedersehen. Moynier nutzte wohl seinen Einfluss, um zu verhindern, dass Dunant finanzielle Unterstützung von Freunden erhielt. Sogar das Preisgeld der Goldmedaille der Pariser Weltausstellung 1867, die ursprünglich Dunant zugedacht war, wurde auf Moyniers Betreiben geteilt und ging an das Komitee. Ein Angebot Napoleons III., Dunants Schulden zu teilen, scheiterte ebenfalls an Moyniers Einfluss.
Dunant lebte fortan in ärmlichen Verhältnissen, zunächst in Paris, dann in verschiedenen europäischen Städten wie Stuttgart, Rom, Korfu, Basel und Karlsruhe. Trotz seiner persönlichen Not versuchte er, sich weiterhin für seine Ideen einzusetzen. Während des Deutsch-Französischen Krieges gründete er eine Allgemeine Fürsorgegesellschaft und eine Allgemeine Allianz für Ordnung und Zivilisation. Letztere setzte sich für die Verminderung von Konflikten durch Bildung, den Schutz von Arbeitern und die friedliche Beilegung internationaler Streitigkeiten durch Abrüstungsverhandlungen und einen Internationalen Gerichtshof ein.

Ein weiteres wichtiges Anliegen Dunants war die Verbesserung der Bedingungen für Kriegsgefangene. Er verfasste einen Artikel dazu, der 1872 auf einem Kongress der Allgemeinen Allianz verlesen wurde. Er reiste nach England, um Unterstützung für eine internationale Konferenz zu diesem Thema zu gewinnen, erlitt jedoch während eines Vortrags einen Schwächeanfall. Trotz anfänglicher Zustimmung scheiterte eine entsprechende Konferenz in Brüssel 1874 daran, konkrete Beschlüsse zur Kriegsgefangenenfrage zu fassen.
In dieser Zeit der Armut und Isolation warb Dunant weiter für seine vielfältigen Ideen, die teilweise sehr visionär waren, wie die Gründung einer Weltbibliothek oder sogar eines Staates Israel. Er vernachlässigte seine persönlichen Angelegenheiten weiter, verschuldete sich und wurde von seiner Umgebung gemieden. Die Rotkreuz-Bewegung, die sich in vielen Ländern ausbreitete, hatte ihren Gründer nahezu vergessen, auch wenn einige nationale Gesellschaften ihn zum Ehrenmitglied ernannten. Die Erlebnisse während des Deutsch-Französischen Krieges und die politischen Unruhen in Frankreich führten dazu, dass sich Dunant noch weiter aus der Öffentlichkeit zurückzog und eine ausgeprägte Menschenscheu entwickelte.
Zwischen 1874 und 1886 führte Dunant ein einsames Leben in materiellem Elend. Vor dem völligen Absturz bewahrten ihn finanzielle Unterstützung von Freunden und gelegentliche Tätigkeiten, die ihm ein kleines Einkommen ermöglichten. Zu diesen Unterstützern gehörten der amerikanische Bankier Charles Bowles, der elsässische Geschäftsmann Jean-Jacques Bourcart, Max Gracia und Léonie Kastner-Boursault, die Witwe eines Komponisten. Letztere betraute ihn mit der Vermarktung eines Musikinstruments, was ihm zwar keinen Erfolg brachte, ihn aber vor völliger Armut bewahrte. 1877 lernte er in Stuttgart den Studenten Rudolf Müller kennen, mit dem ihn später eine enge Freundschaft verband.
Leben in Heiden und die späte Wiederentdeckung
1881 besuchte Dunant erstmals das Schweizer Dorf Heiden im Appenzellerland. Ab 1887 erhielt er von seinen Angehörigen eine kleine monatliche Unterstützung, die ihm einen bescheidenen, aber sicheren Lebensstil ermöglichte. Im Juli desselben Jahres liess er sich endgültig in Heiden nieder, zunächst in einem Gasthof, später im örtlichen Spital, das von Arzt Hermann Altherr geleitet wurde. Hier verbrachte er völlig zurückgezogen seinen Lebensabend, der zunehmend von religiös-mystischen Gedanken geprägt war. Die Abgeschiedenheit und der Blick auf den Bodensee, der ihn an Genf erinnerte, trugen zu seiner Wahl Heidener als Wohnort bei.
In Heiden freundete er sich mit dem jungen Lehrer Wilhelm Sonderegger an, der ihn drängte, seine Lebenserinnerungen niederzuschreiben. Sondereggers Frau regte die Gründung einer lokalen Rotkreuz-Sektion an, eine Idee, die Dunant begeisterte. 1890 wurde er Ehrenpräsident des Heidener Rotkreuz-Vereins. Die Freundschaft zu Sonderegger war ihm wichtig, litt aber später unter ungerechtfertigten Anschuldigungen Dunants. Sondereggers früher Tod belastete Dunant trotz der Spannungen.
Im September 1895 verfasste Georg Baumberger, Chefredakteur der Zeitung Die Ostschweiz, einen Artikel über Henry Dunant, den er zufällig in Heiden getroffen hatte. Dieser Artikel, der in der deutschen Illustrierten «Über Land und Meer» erschien, löste in ganz Europa ein Echo aus. Innerhalb weniger Tage wurde Dunant wieder in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. Er erhielt Sympathiebekundungen und Unterstützung aus aller Welt. Das Internationale Komitee in Genf vermied jedoch weiterhin jeden Kontakt zu ihm.
Dank einer jährlichen Rente der russischen Zarenwitwe Maria Feodorowna und anderer Spenden verbesserte sich Dunants finanzielle Lage schnell. 1897 würdigte Rudolf Müller in seinem Buch „Die Entstehungsgeschichte des Roten Kreuzes und der Genfer Konvention“ Dunants Rolle als Gründer angemessen, was seit seinem Ausschluss aus dem Komitee nicht mehr geschehen war. Das Buch enthielt auch eine gekürzte Neuausgabe von „Eine Erinnerung an Solferino“.
In dieser Zeit stand Dunant im Briefwechsel mit der österreichischen Pazifistin Bertha von Suttner, die ihn auch in Heiden besuchte. Auf ihre Anregung hin verfasste er zahlreiche Artikel und Schriften, in denen er sich gegen Krieg und Militarismus aussprach. Er gelangte zu der Überzeugung, dass Frauen bei der Verwirklichung eines dauerhaften Friedens eine grössere Rolle spielen würden als Männer und setzte sich verstärkt für die Gleichberechtigung ein. 1897 regte er die Gründung eines internationalen Frauenhilfsbundes unter dem Namen «Grünes Kreuz» an.
Der Friedensnobelpreis und die letzten Jahre
Im Jahr 1901 wurde Henry Dunant für seine bahnbrechenden Leistungen – die Gründung des Roten Kreuzes und die Initiierung der Genfer Konvention – mit dem ersten Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Er teilte sich den Preis mit dem französischen Pazifisten Frédéric Passy. Die Nachricht erreichte ihn am 10. Dezember 1901 in Heiden.

Die Verleihung des Nobelpreises bedeutete nach 34 Jahren der Isolation und Vergessenheit eine späte, aber bedeutende Rehabilitierung. Besonders die Glückwünsche des Internationalen Komitees, die ihm offiziell übermittelt wurden, waren für Dunant von grosser Bedeutung als Anerkennung seiner Verdienste. Für die Rotkreuz-Bewegung war der Preis eine wichtige Bestätigung ihrer Arbeit und der Bedeutung der Genfer Konvention in einer Zeit wachsender internationaler Spannungen.
Die Entscheidung, den Preis an Dunant zu vergeben, war nicht unumstritten. Es gab die Debatte, ob das Rote Kreuz den Krieg nicht attraktiver mache, indem es einen Teil seines Schreckens nahm. Rudolf Müller setzte sich jedoch beim Nobelkomitee für Dunant ein und schlug die Teilung des Preises mit Passy vor, auch mit Blick auf Dunants hohes Alter und Gesundheitszustand. Die gemeinsame Verleihung an einen Humanisten und einen traditionellen Pazifisten schuf zwei wesentliche Kategorien für zukünftige Preisträger.
Hans Daae, ein norwegischer Militärarzt, verwahrte Dunants Anteil am Preisgeld (104.000 Schweizer Franken) bei einer norwegischen Bank, um es vor Gläubigern zu schützen. Dunant tastete dieses Geld zeitlebens nicht an.
In den folgenden Jahren erhielt Dunant weitere Ehrungen, darunter 1903 die Ehrendoktorwürde der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg, die er sich mit Gustave Moynier teilte – eine Aussöhnung fand jedoch nie statt. Dunant lebte bis zu seinem Tod im Spital in Heiden. Die letzten Jahre waren zunehmend von Depressionen geprägt. Er litt unter der Belastung seiner unbeglichenen Schulden und der Angst vor Gläubigern und Moynier.
Trotz seiner Abwendung von organisierten Religionen sah sich Dunant bis an sein Lebensende dem christlichen Glauben verbunden. Er starb am Abend des 30. Oktober 1910 in Heiden, etwa zwei Monate nach Moynier. Seine letzten Worte an Hermann Altherr waren: «Ah, que ça devient noir!» (Wie finster wird es um mich her!).
Gemäss seinem Wunsch, «wie ein Hund» ohne Zeremonien begraben zu werden, wurde Henry Dunant drei Tage später unauffällig auf dem Friedhof Sihlfeld in Zürich bestattet. Nur wenige Trauergäste waren anwesend. Ein Grabdenkmal wurde dort erst 1931 enthüllt.
In seinem Testament von 1910 stiftete Dunant sein bescheidenes Vermögen, das er durch den Nobelpreis und Spenden besass, für ein Freibett im Heidenener Spital für arme Bürger des Ortes. Kleinere Summen erhielten Freunde und Mitarbeiter des Spitals. Den Rest spendete er zur Hälfte an gemeinnützige Organisationen in Norwegen und der Schweiz. Seine Schriften und Auszeichnungen vermachte er seinem Neffen.
Die Erfindungen und Ideen Henry Dunants
Was hat Henry Dunant also „erfunden“ oder initiiert? Es war keine einzelne physische Erfindung im technischen Sinne, sondern eine revolutionäre Idee und die beharrliche Arbeit an ihrer Umsetzung. Seine Hauptbeiträge sind:
- Die Idee der Gründung von freiwilligen Hilfsgesellschaften zur Pflege Verwundeter in Kriegszeiten, die sich bereits in Friedenszeiten vorbereiten.
- Das Konzept der Neutralität und des Schutzes für Verwundete, medizinisches Personal und Hilfseinrichtungen auf dem Schlachtfeld.
- Die Anregung zur Schaffung internationaler Verträge zur Sicherung dieses Schutzes, was zur ersten Genfer Konvention führte.
- Die Mitgründung des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), der Keimzelle der weltweiten Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung.
Diese Ideen, geboren aus dem Grauen von Solferino und niedergelegt in seinem Buch, veränderten das humanitäre Völkerrecht und schufen eine Bewegung, die bis heute aktiv ist.
Fragen und Antworten zu Henry Dunant
| Frage | Antwort |
|---|---|
| Was hat Henry Dunant erfunden? | Henry Dunant hat die Idee für freiwillige Hilfsgesellschaften zur Pflege von Kriegsverwundeten entwickelt und das Konzept der Neutralität für diese Helfer und die Verwundeten selbst vorgeschlagen. Dies führte zur Gründung des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz und zur ersten Genfer Konvention. |
| Welches Buch veröffentlichte Dunant 1862? | 1862 veröffentlichte Henry Dunant sein Buch „Eine Erinnerung an Solferino“ („Un souvenir de Solferino“). |
| Wo ist das Grab von Henry Dunant? | Henry Dunants Grab befindet sich auf dem Friedhof Sihlfeld in Zürich. |
| Wie heisst das Buch von Henry Dunant? | Das berühmte Buch von Henry Dunant, das seine Erfahrungen nach der Schlacht von Solferino schildert und seine humanitären Ideen enthält, heisst „Eine Erinnerung an Solferino“. |
Henry Dunants Leben war eine Achterbahnfahrt von Vision, Erfolg, tiefem Fall und späte Anerkennung. Seine humanitäre Vision, geboren aus dem unmittelbaren Erleben von Leid, legte den Grundstein für internationale Hilfe in Konflikten und Katastrophen. Obwohl er persönlich viel durchmachte und zeitweise vergessen wurde, lebt sein Vermächtnis in der Arbeit des Internationalen Roten Kreuzes und der Genfer Konventionen weiter.
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