08/03/2018
Ein weithin sichtbares Symbol des wirtschaftlichen Aufschwungs im Osten Deutschlands nach der Wiedervereinigung verschwindet: Das imposante Herlitz-Gebäude in Falkensee wird abgerissen. Bis zu 44 Meter hoch ragte das Bauwerk nahe der Grenze zwischen Berlin und Brandenburg in den Himmel und erinnerte viele an eine Ära des Aufbruchs und ein bedeutendes Unternehmen der Bürobedarfsbranche. Doch die Zeit des Giganten ist vorbei, Bagger sind bereits im Einsatz, um das einstige Industrie-Wahrzeichen niederzuleißen.

Warum das Herlitz-Gebäude abgerissen wird
Die Entscheidung zum Abriss des markanten achtgeschossigen Gebäudes, das ab 1991 vom Berliner Büroartikelhersteller Herlitz gebaut wurde, wurde vom aktuellen Eigentümer getroffen. Das Bauwerk mit rund 135.000 Quadratmetern Nutzfläche, das einst ein Distributionszentrum, Produktionshallen, Büros, eine Kantine sowie Hochregal- und Boxenlagerflächen beherbergte und 400 Millionen D-Mark kostete, gilt in der modernen Logistik als nicht mehr zeitgemäß. Ein wichtiger Grund für den Rückbau ist, dass große Teile des Gebäudes zuletzt leer standen und erheblicher Sanierungsbedarf bestand.
Nachdem Herlitz 2010 von Pelikan übernommen worden war, ging das Gebäude 2022 an die US-amerikanische Investmentgruppe Hillwood über. Pelikan und einige andere Firmen blieben zunächst Mieter. Als Pelikan 2023 vom französischen Konkurrenten Hamelin aufgekauft wurde, beschloss dieser das Ende von Pelikan in Falkensee. Daraufhin entschied Hillwood den Abriss des Bauwerks. Die letzten Mieter zogen im Dezember 2024 aus, der Abriss begann Anfang 2025 und wird voraussichtlich ein Jahr dauern.
Die Stadt Falkensee bedauert den Verlust des Wahrzeichens, hatte aber keinen Einfluss auf die Entscheidung. Bürgermeister Heiko Richter erklärte, dass es sich um Privatgelände handelt, das von einem privaten Investor gekauft wurde. Hillwood sei bereit gewesen, das Gebäude zu verkaufen, doch es fand sich kein Käufer. Überlegungen, ein Rechenzentrum anzusiedeln, scheiterten letztlich am fehlenden Strom.
Anstelle des Hochhauses plant Hillwood den Bau eines neuen, flachen Logistikzentrums, ähnlich einem bereits auf dem Nachbargrundstück errichteten Bau. Dieses neue Gebäude wird wohl kaum die symbolische Bedeutung und Sichtbarkeit des alten Herlitz-Gebäudes erreichen.
Die bewegte Geschichte der Marke Herlitz
Die Geschichte von Herlitz ist eng mit der deutschen Nachkriegsgeschichte und dem Wirtschaftswunder verbunden. Gegründet wurde das Unternehmen im September 1904 in Berlin von dem Buchhändler Carl Herlitz als Papiergroßhandel. Nach dem Rückzug des Gründers übernahm sein Sohn Günter Herlitz 1935 die kleine Firma mit sechs Mitarbeitern.
Im Zweiten Weltkrieg wurden die Geschäftsräume 1943 zweimal völlig zerstört, die Geschäftstätigkeit kam zum Erliegen. Bereits im Sommer 1945 nahm Günter Herlitz den Betrieb wieder auf, zunächst in einem Keller. In der Zeit der Berliner Blockade (1948–49) gelang es Herlitz als einzigem von etwa 20 Berliner Großhändlern, minimale Warenlieferungen per Luftfracht aus Westdeutschland nach Berlin zu sichern. Nach dem Ende der Blockade wurde das Sortiment erheblich erweitert.

Von 1949 bis 1994 verdoppelte sich der Umsatz alle vier Jahre. Ein Durchbruch auf dem deutschen Markt gelang Herlitz in den 1960er Jahren mit illustrierten Schulheften, die Tiermotive und Sportbilder zeigten. Die Expansion setzte sich fort. 1972 wandelte sich Herlitz in eine Aktiengesellschaft um. Es folgten der Bau des ersten Hochregallagers und internationale Projekte, wie der Bau einer schlüsselfertigen Heftefabrik in Bagdad in den 1970er Jahren, der größte Einzelauftrag in der Firmengeschichte.
1977 ging Herlitz an die Börse. In den 1980er Jahren expandierte das Unternehmen weiter stark, erwarb unter anderem ein Versandzentrum in Berlin-Spandau mit dem damals größten Hochregallager der Welt und eröffnete die ersten McPaper-Filialen. Auch die Grußkartenfirma Susy Card wurde übernommen.
Die 1990er Jahre brachten den Bau des neuen Versandzentrums in Falkensee (in Betrieb genommen 1994) und einen Rekordumsatz von 885 Millionen Euro im Jahr 1994. Interne Familienstreitigkeiten und Fehlinvestitionen führten jedoch zu schweren Verlusten Ende der 1990er Jahre. Im April 2002 musste Herlitz Insolvenz anmelden. Das Unternehmen schaffte es, das Insolvenzverfahren schnell zu durchlaufen und den Betrieb aufrechtzuerhalten, der Umsatz ging aber deutlich zurück.
Es folgten mehrere Eigentümerwechsel: 2005 übernahm Stationery Products S.à.r.l. (eine Gesellschaft im Besitz von Advent International) die Mehrheit. 2009 ging Herlitz an die Pelikan Holding AG. Ab 2014 übernahm Pelikan auch die Vertriebs- und Verkaufsaktivitäten für Deutschland und Österreich. Die Marke Herlitz blieb erhalten und wird heute unter dem Dach des französischen Unternehmens Hamelin (das Pelikan 2023 kaufte) weitergeführt.
Herlitz produzierte und vertrieb eine breite Palette an Büro- und Schulbedarf, von Papierwaren und Heften über Schreibgeräte bis hin zu Ordnern und vielem mehr. Mit Produktionsstätten in Deutschland (Falkensee), Polen, Rumänien und Großbritannien sowie einem großen Vertriebsnetz war Herlitz über lange Zeit ein wichtiger Akteur auf dem europäischen Markt für Büromaterial und Papeterie.
Zeitleiste: Herlitz und das Gebäude in Falkensee
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1904 | Gründung von Herlitz in Berlin |
| 1972 | Herlitz wird Aktiengesellschaft |
| 1977 | Herlitz geht an die Börse |
| 1991 | Baubeginn des Herlitz-Gebäudes in Falkensee |
| 1994 | Eröffnung des Herlitz-Gebäudes in Falkensee, Rekordumsatz des Unternehmens |
| 2002 | Herlitz meldet Insolvenz an |
| 2005 | Mehrheit der Herlitz-Aktien geht an Stationery Products (Advent International) |
| 2009 | Pelikan übernimmt Herlitz |
| 2010 | Übernahme von Herlitz durch Pelikan wird wirksam |
| 2014 | Pelikan übernimmt Herlitz Vertrieb in Deutschland/Österreich |
| 2022 | Herlitz-Gebäude in Falkensee wird an Hillwood verkauft |
| 2023 | Pelikan wird von Hamelin übernommen, Ende von Pelikan in Falkensee beschlossen |
| 2024 (Dez.) | Letzte Mieter verlassen das Herlitz-Gebäude |
| 2025 (Jan.) | Beginn des Abrisses des Herlitz-Gebäudes |
Häufig gestellte Fragen
Warum wird das Herlitz-Gebäude in Falkensee abgerissen?
Das Gebäude gilt in der modernen Logistik als nicht mehr zeitgemäß. Große Teile standen leer und es gab erheblichen Sanierungsbedarf. Der Eigentümer, die Investmentgruppe Hillwood, hat den Abriss beschlossen, nachdem der Hauptmieter Pelikan das Ende seines Betriebs in Falkensee angekündigt hatte.

Was wird anstelle des Herlitz-Gebäudes gebaut?
Auf dem Gelände soll ein neues, flaches Logistikzentrum entstehen, das ebenfalls von Hillwood errichtet wird.
Konnte die Stadt Falkensee den Abriss verhindern?
Nein, das Gelände ist Privateigentum, und die Stadt hatte keinen Einfluss auf die Entscheidung des privaten Investors. Es gab Versuche, einen Käufer zu finden, aber diese scheiterten.
Wann wurde das Herlitz-Gebäude in Falkensee gebaut?
Der Baubeginn war 1991, die feierliche Eröffnung fand drei Jahre später, also 1994, statt.
Was passierte mit der Firma Herlitz?
Die Firma Herlitz hatte nach finanziellen Problemen Insolvenz angemeldet und wurde in den folgenden Jahren mehrfach verkauft. Seit 2009 gehört die Marke Herlitz zu Pelikan, das wiederum 2023 vom französischen Unternehmen Hamelin übernommen wurde. Die Marke existiert weiterhin, der Standort Falkensee ist jedoch nicht mehr Teil des Unternehmens.
War das Herlitz-Gebäude ein Wahrzeichen?
Ja, das kilometerweit sichtbare, 44 Meter hohe Gebäude galt vielen als eine Art Wahrzeichen von Falkensee und symbolisierte den wirtschaftlichen Aufschwung in Ostdeutschland nach der Wende.
Der Abriss des Herlitz-Gebäudes in Falkensee markiert das Ende einer Ära. Es war nicht nur ein beeindruckendes Bauwerk und ein logistisches Zentrum von enormer Bedeutung, sondern auch ein tief verwurzeltes Symbol für die Menschen in der Region und die wechselvolle Geschichte eines bedeutenden deutschen Unternehmens der Bürobedarfsbranche. Während die Marke Herlitz unter neuem Eigentümer weiterlebt, wird der physische Ausdruck ihres einstigen Erfolgs und ihrer Präsenz in Falkensee bald nur noch Erinnerung sein.
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