20/04/2019
Es geschieht schneller, als man denkt: Gerade noch bewunderten Sie das bunte Kunstwerk Ihres kleinen Picassos, drehen sich kurz um, und schon ist der Kindermund farbverschmiert. Ob Fingerfarben, Buntstifte oder Filzstifte – kleine Kinder erkunden ihre Welt auch mit dem Mund. Da liegt die Sorge nahe: Ist es gefährlich, wenn Malutensilien im Mund landen? Diese Frage beschäftigt viele Eltern.

Glücklicherweise fallen Farben und Stifte, die speziell für Kinder gedacht sind, in Deutschland unter strenge Bestimmungen. Sie werden bezüglich ihrer Inhaltsstoffe als Spielzeug eingestuft. Das bedeutet, dass bei den Grenzwerten für potenziell schädliche Substanzen besonders genau hingeschaut wird. Es gibt jedoch wichtige Ausnahmen: Ein normaler Büro-Radiergummi, Textmarker oder auch Filzstifte in feinen Farbabstufungen, die für Künstler gedacht sind, gelten *nicht* als Spielzeug. Die Übergänge können fließend sein, und die Entscheidung liegt letztlich bei den Behörden.
Interessant ist die Definition von „giftig“ in diesem Zusammenhang. Laut Experten ist dieser Begriff bei Farben für Kinder meist nicht zutreffend. Unter einer Vergiftung versteht man einen zeitnahen gesundheitlichen Effekt, der unmittelbar zu Symptomen wie Erbrechen oder Organschäden führt. Solche akuten Auswirkungen sind bei kindgerechten Produkten selten.
Produktsicherheit: Wer ist verantwortlich?
Die potenziellen Probleme bei Malutensilien liegen eher bei möglichen Langzeitwirkungen. Gesetzliche Vorgaben sollen Verbraucher davor schützen. Da die Vielfalt der verwendeten Substanzen enorm ist und immer wieder neue Stoffe hinzukommen, kann der Staat nicht für jeden einzelnen Stoff Grenzwerte festlegen.
Hier kommt die Verantwortung der Hersteller und Händler ins Spiel. Sie sind gesetzlich verpflichtet, sicherzustellen, dass ihre Produkte den Vorschriften entsprechen und die Gesundheit nicht gefährden. Für bestimmte Stoffe, die als besonders kritisch eingestuft werden, legt der Staat zusätzliche, strenge Grenzwerte fest. Dazu gehören:
- Polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK)
- Primäre aromatische Amine
- Schwermetalle wie Blei
- Allergieauslösende Stoffe wie Nickel oder bestimmte Duftstoffe
- Einige Konservierungsmittel
Diese Grenzwerte sind bei Spielzeug strenger als bei vielen anderen Produkten, um den besonderen Schutzbedarf von Kindern zu berücksichtigen.
Neue Erkenntnisse beeinflussen Grenzwerte
Wie werden diese Grenzwerte eigentlich ermittelt? Risikobasierte Grenzwerte für einzelne Stoffe in Spielzeug basieren auf dem aktuellen Wissensstand. Oft werden Tierversuche herangezogen, um eine Menge zu ermitteln, die schädlich ist. Davon leiten Forscher eine unbedenkliche Menge ab, die ein Mensch über seine Lebenszeit aufnehmen kann. Manchmal stammen diese Informationen auch direkt aus Beobachtungsstudien am Menschen.
Anschließend wird festgelegt, zu welchem Prozentsatz Spielzeug zur täglichen Aufnahme eines Stoffes beitragen darf. Dabei wird berücksichtigt, dass Menschen denselben Stoff auch aus anderen Quellen wie Nahrung oder Trinkwasser aufnehmen können. Sobald neue wissenschaftliche Erkenntnisse über Stoffe vorliegen, werden die Grenzwerte entsprechend angepasst.
Ein wichtiges Beispiel hierfür ist Blei. Seit 2018 gelten für Spielzeug deutlich niedrigere Grenzwerte für die Freisetzung von Blei. Dies liegt daran, dass für die negativen Effekte von Blei auf die Gehirnentwicklung von Kindern bisher keine sichere Dosis abgeleitet werden konnte. Bereits eine sehr geringe orale Aufnahme von Blei kann laut Europäischer Behörde für Lebensmittelsicherheit mit einem geringen Risiko für die Abnahme des Intelligenzquotienten verbunden sein.
Unter der Annahme, dass ein Kind täglich geringe Mengen an Spielzeugmaterial verschlucken könnte, wurden die Freisetzungsgrenzwerte gesenkt. So dürfen Buntstiftminen nur noch zwei statt 13,5 Milligramm Blei pro Kilogramm Spielzeug enthalten, und Fingerfarben nur noch 0,5 statt 3,4 Milligramm.
Qualitätskontrolle und Tipps für Eltern
Generell wird die Qualität der in Deutschland verkauften Produkte als gut eingeschätzt. Dennoch gibt es, wie bei allen Produktgruppen, Ausreißer. Hersteller müssen zwar eine Sicherheitsbewertung für ihre Produkte durchführen, doch staatliche Kontrollinstanzen führen regelmäßige Stichproben durch. Dabei werden immer wieder Mängel festgestellt.
Die Konsequenzen können vielfältig sein: von einem Rückruf des Produkts durch den Hersteller oder Handel über eine Beanstandung durch die Überwachungsbehörden bis hin zu einer EU-weiten Warnung über das Schnellwarnsystem Safety Gate. Spielzeug wird in den jährlichen Auswertungen des Schnellwarnsystems relativ häufig gemeldet, allerdings aus verschiedensten Gründen.
Ein einfacher Tipp für Eltern beim Kauf ist, die Nase zu benutzen. Ein unangenehmer Geruch kann ein Hinweis auf mindere Qualität sein. Darüber hinaus sollten immer die auf den Produkten angegebenen Sicherheitshinweise beachtet werden.
Eine gute Orientierung beim Kauf können auch Prüfsiegel bieten, wie beispielsweise das GS-Siegel (Geprüfte Sicherheit). Dieses Siegel steht für zusätzliche, freiwillige Prüfungen, die der Hersteller bei einem unabhängigen Labor in Auftrag geben kann. Die Kriterien für die Vergabe solcher Siegel sind teilweise strenger als die gesetzlichen Vorgaben. Es ist jedoch wichtig zu wissen, dass auch Produkte ohne Prüfsiegel sicher sein müssen.
Da zunehmend gefälschte Waren ohne jegliche Schadstoffüberprüfung auf den Markt gelangen, sollten Eltern die Hinweise auf der Verpackung genau studieren. Achten Sie auf Rechtschreibfehler im Produktnamen oder unübliche Altersangaben (z.B. „empfohlen von 0 bis 5 Jahren“ anstatt 0 bis 3 Jahre). Solche Hinweise können auf Produktfälschungen hindeuten.
Einzelne Malutensilien unter der Lupe
Fingerfarben
Fingermalfarben sind oft schon für Kleinkinder geeignet. Ihre Inhaltsstoffe sind in einem eigenen Abschnitt der europäischen Norm für Spielzeug (DIN EN 71 Teil 7) geregelt. Diese Norm legt genau fest, welche Farb- und Konservierungsstoffe erlaubt sind und in welchen Mengen. Zusätzlich schreibt die Norm vor, dass Bitterstoffe wie Naringin (kommt auch in Grapefruits vor) zugesetzt werden müssen. Das soll verhindern, dass Kinder die Farben in größeren Mengen verschlucken.
Um den Kontakt mit der Farbe zu minimieren, empfiehlt sich ein Malkittel und das gründliche Abwaschen von Farbe, die auf die Haut gelangt. Angebrochene Farbbecher sollten nicht über Monate oder Jahre aufbewahrt werden, da sich relativ schnell Schimmelsporen oder schädliche Keime bilden können. Ein Hinweis wie „länger haltbar“ kann bedeuten, dass zusätzliche Konservierungsmittel oder pilzhemmende Stoffe zugesetzt wurden, die Schleimhäute reizen oder Allergien auslösen können, wie eine Untersuchung zeigte.

Straßenkreiden
Gewöhnliche Straßenkreide gilt für Kinder als ungiftig. Allerdings besteht bei kleinen Kindern die Gefahr, dass Kreide in die Luftwege gelangen kann. Eltern sollten ihr Kind daher nicht unbeaufsichtigt spielen lassen. Falls das Kind nach dem Verschlucken von Kreide Atembeschwerden zeigt, sollte sofort der Notarzt gerufen werden. Vorsicht ist bei professionellen Künstlerkreiden geboten, da diese giftige Pigmente enthalten können.
Blei- und Buntstifte
Bleistifte enthalten heute kein Blei mehr. Auch der Lacküberzug ist in der Regel ungefährlich, wenn Kinder daran lutschen. Wer ganz sichergehen möchte, kann unlackierte Buntstifte mit Holzverkleidung wählen. Vom Herumknabbern wird generell abgeraten, da Verletzungsgefahr durch Splitter besteht.
Eine explizite Warnung gibt es für eine bestimmte Stiftart: Kopierstifte, insbesondere blaue, können Methylviolett enthalten. Dieser Stoff kann die Schleimhäute stark reizen. Solche Stifte gehören nicht in Kinderhände.
Filzstifte
Filzstifte erzeugen leuchtende Farben und sind für Kinder faszinierend. Wenn ein Kind die Filzstiftspitze nur kurz in den Mund nimmt, ist das meist unproblematisch. Lutscht das Kind sehr lange daran oder beißt den Stift auf, sollten Eltern vorsichtshalber den Giftnotruf kontaktieren und das Produkt genau benennen. Auch wenn ein Stück des Stifts abgebissen und verschluckt wurde, ist dies ratsam. Obwohl es genaue Regelungen für die Inhaltsstoffe gibt, sind Filzstifte nicht zum Essen gedacht. Auch Stiftkappen gehören nicht in den Mund, da sie eine Erstickungsgefahr darstellen.
Wachsmalkreiden
Wachsmalstifte und -kreiden enthalten je nach Produkt unterschiedliche Stoffe. Wenn das Produkt in Deutschland gekauft wurde, ist es in der Regel nicht gefährlich, wenn ein Kind es kurz in den Mund steckt. Isst das Kind jedoch größere Mengen, insbesondere von ölhaltigen Kreiden, sollten die Eltern es anschließend einige Zeit beobachten. Es könnte zu Magen-Darm-Beschwerden kommen.
Wenn das Kind danach nichts essen möchte, könnte dies ein Hinweis darauf sein, dass ein Stück in Darm oder Speiseröhre steckengeblieben ist. Beginnt das Kind zu husten, muss ausgeschlossen werden, dass etwas in die Luftwege gelangt ist. In diesen Fällen sollten Eltern unbedingt mit dem Kind einen Arzt aufsuchen.
Was tun im Notfall?
Wie sollten Eltern reagieren, wenn ihr Kind Farbe oder Stiftmaterial verschluckt hat? Das Wichtigste ist: Niemals Erbrechen auslösen! Früher wurde dies empfohlen, aber heute weiß man, dass es oft gefährlich ist.
Bei wasser mischbaren und wasserlöslichen Farben ist die Situation meist unproblematisch. In diesem Fall sollten Sie die Giftinformationszentrale anrufen und das Produkt genau benennen. Das Kind sollte ein paar Schlucke Wasser trinken, aber nur, wenn die Giftinformationszentrale dies rät.
Farben auf Lösemittelbasis können dagegen schädlich oder giftig sein. Hier ist schnelles Handeln gefragt: Rufen Sie unbedingt sofort den Giftnotruf an. Halten Sie die Verpackung oder den Stift bereit, um genaue Angaben machen zu können. Bei schweren Symptomen wie Atemnot oder Ohnmacht sollten Sie umgehend den Notarzt verständigen.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Sind alle Stifte und Farben für Kinder sicher?
Nein, nur Produkte, die speziell für Kinder als Spielzeug gekennzeichnet und nach den entsprechenden Normen geprüft sind, gelten als sicher bei bestimmungsgemäßem Gebrauch, der auch das gelegentliche In-den-Mund-Nehmen bei kleinen Kindern einschließen kann. Büro- oder Künstlerbedarf ist oft nicht für Kinder geeignet.
Was bedeutet "ungiftig" bei Kinderfarben?
Der Begriff ist in diesem Zusammenhang nicht ganz zutreffend für die akute Wirkung. Er bedeutet, dass die Produkte keine unmittelbaren, schweren Vergiftungssymptome hervorrufen. Langzeitwirkungen werden durch strenge Grenzwerte geregelt.
Welche Stoffe sind in Kinderfarben besonders reglementiert?
Besonders strenge Grenzwerte gelten für Schwermetalle (wie Blei), bestimmte aromatische Kohlenwasserstoffe und Amine, allergieauslösende Stoffe, Duftstoffe und Konservierungsmittel.
Ist es schlimm, wenn mein Kind einen Filzstift kurz in den Mund nimmt?
Ein kurzes In-den-Mund-Nehmen ist meist unbedenklich. Bei längerem Lutschen, Aufbeißen oder Verschlucken von Teilen sollten Sie vorsichtshalber den Giftnotruf mit genauen Produktinformationen kontaktieren. Stiftkappen sind zudem eine Erstickungsgefahr.
Was soll ich tun, wenn mein Kind Farbe verschluckt hat?
Lösen Sie niemals Erbrechen aus! Kontaktieren Sie die Giftinformationszentrale (Produkt nennen). Bei wasserlöslichen Farben kann das Trinken kleiner Wassermengen nach Rücksprache empfohlen werden. Bei Farben auf Lösemittelbasis oder schweren Symptomen (Atemnot, Ohnmacht) sofort Giftnotruf oder Notarzt rufen.
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