07/12/2014
Sie sind farbenfroh, üppig und voller Lebensfreude: die Nanas von Niki de Saint Phalle. Diese ikonischen Frauenskulpturen prägen das Bild der Künstlerin und sind zu einem weltweiten Symbol für weibliche Stärke und Freiheit geworden. Doch wer war Niki de Saint Phalle, und welche Geschichte steckt hinter diesen fröhlichen Figuren, die weit mehr sind als nur dekorative Kunstwerke?
Niki de Saint Phalle, geboren am 29. Oktober 1930 in Neuilly-sur-Seine, Frankreich, wuchs hauptsächlich in den USA auf, nachdem ihr Vater einen Großteil seines Vermögens verloren hatte. Ihr Leben war von frühen, prägenden Erfahrungen gezeichnet. Als Elfjährige musste sie sexuellen Missbrauch durch ihren Vater erleiden, ein Trauma, das ihre spätere künstlerische Laufbahn maßgeblich beeinflusste. Mit nur 18 Jahren heiratete sie, teilweise als Protest gegen ihre Familie, ihren Jugendfreund Harry Matthews. Aus dieser Ehe gingen zwei Kinder hervor, bevor sie 1960 geschieden wurde. Matthews unterstützte sie jedoch weiterhin, indem er einige ihrer Werke kaufte.

Ihre künstlerische Tätigkeit begann Niki de Saint Phalle 1953, doch erst 1956 erlangte sie mit ihren sogenannten »Schießbildern« breite Aufmerksamkeit. Bei diesen Performances schoss sie vor Publikum mit einem Gewehr auf mit Farbbeuteln bestückte Gipsreliefs. Die dabei auslaufende Farbe schuf spontane Kunstwerke und diente der Künstlerin als Ventil, um ihre Wut auf ihren Vater, Männer und die Welt zu verarbeiten. Diese radikalen Werke markierten ihren Durchbruch in der Kunstwelt und zeigten früh ihre Bereitschaft, mit Konventionen zu brechen und starke Emotionen in ihrer Kunst auszudrücken.
Die Geburt und Bedeutung der Nanas
Im Jahr 1962 nahm der Mäzen Alexander Iolas Niki de Saint Phalle unter seine Fittiche, förderte sie finanziell und vernetzte sie mit führenden Künstlern der Zeit. Im selben Jahr nahm sie an der experimentellen Ausstellung Dylaby in Amsterdam teil, wo sie unter anderem ihren zukünftigen Ehemann Jean Tinguely kennenlernte.
1965 begann Niki de Saint Phalle mit der Schaffung ihrer berühmtesten Werke: den Nanas. Der Name „Nana“ ist ein vertrauter, leicht respektloser französischer Begriff für ein Mädchen oder eine junge, freche Frau. Diese bunten, voluminösen Frauengestalten stellten eine radikale Veränderung in ihrer Darstellung von Frauen dar – weg von traurigen und passiven Figuren hin zu fröhlichen, energiegeladenen und kraftvollen Erscheinungen. Inspiriert wurde sie unter anderem durch den Besuch der schwangeren Clarice Rivers, der Frau des amerikanischen Künstlers Larry Rivers.
Zunächst fertigte sie die Nanas aus Drahtgestellen und Stoffen, später ging sie jedoch überwiegend zu Polyester über. Dieses Material ermöglichte es ihr, voluminösere, aktivere und lebendigere Figuren zu schaffen, die robust genug waren, um auch im öffentlichen Raum platziert zu werden. Für die Künstlerin waren die Nanas eine tiefgehende Auseinandersetzung mit der Rolle der Frau in der Gesellschaft. Sie sah in ihnen Vorboten eines beginnenden Matriarchats und eine jubelnde Feier der Frauen. Sie repräsentierten weibliche Stärke, die Befreiung von gesellschaftlichen Erwartungen und die Akzeptanz des weiblichen Körpers in all seinen Formen.
Die Nanas stehen für die Überzeugung, dass der Körper einer Frau ein Kunstwerk ist, unabhängig davon, ob er traditionellen Schönheitsidealen entspricht. Mit ihren prallen Brüsten, großen Pobacken und oft kleinen Köpfen verkörpern sie eine selbstbewusste Weiblichkeit, die sich nicht versteckt.

Nanas, Rassismus und gesellschaftliche Themen
Niki de Saint Phalle schuf zahlreiche Nanas während ihrer Karriere, viele davon als Reaktion auf die gesellschaftlichen Umbrüche ihrer Zeit. Sie war entsetzt über Unterdrückung, insbesondere über Sexismus und Rassismus gegenüber Frauen und Schwarzen. Mehrere Nanas entstanden als Antwort auf die amerikanische Bürgerrechtsbewegung der 1950er und 60er Jahre. Für sie waren alle Frauen Göttinnen, unabhängig von ihrer Hautfarbe.
Die Figur „Black Rosy“ oder „My Heart Belongs to Rosy“ aus dem Jahr 1965 ist eine der ersten schwarzen Nanas und eine Hommage an Rosa Parks, die afroamerikanische Frau, deren Weigerung, ihren Sitzplatz im Bus einem weißen Mann zu überlassen, die Bürgerrechtsbewegung auslöste. Saint Phalle sah schwarze Frauen als doppelt viktimisiert an – als Frauen und als Schwarze – und drückte mit diesen Werken ihre Solidarität mit allen aus, die von Gesellschaft und Gesetz ausgeschlossen und unterdrückt wurden.
Über die Darstellung der Frau hinaus setzte sich Niki de Saint Phalle auch mit weiteren gesellschaftspolitischen Themen auseinander. In späteren Werken wie „AIDS, You Can't Catch it Holding Hands“ (1986), „Guns“ (2001) und „Global Warming“ (2001) griff sie Themen wie Stigmatisierung, Waffengewalt und den Klimawandel auf. Mit der Lithographie „Global Warming“ kritisierte sie beispielsweise die Umweltpolitik des damaligen US-Präsidenten George W. Bush. Ihre Kunst eröffnete einen öffentlichen Dialog über relevante Fragen, die bis heute aktuell sind, wie Gleichberechtigung, Body Positivity und die Stigmatisierung bestimmter Gruppen. Ihr übergeordnetes Ziel war es, dass jeder Mensch frei leben kann.
Berühmte Werke und öffentliche Präsenz
Niki de Saint Phalle und Jean Tinguely, den sie 1971 heiratete und mit dem sie auch die Schweizer Staatsbürgerschaft annahm, arbeiteten oft zusammen. Sie pflegten eine enge Freundschaft zu dem Kunstsammler Theodor Ahrenberg und standen in fruchtbarem Austausch mit der Künstlergruppe „Nouveaux Réalistes“.
Eines ihrer monumentalsten gemeinsamen Projekte ist die Nana „Hon“ (schwedisch für „sie“), die sie 1966 zusammen mit Per Olof Ultvedt für das Moderna Museet in Stockholm schufen. Dieses Kunstwerk war eine 29 Meter lange, liegende, schwangere Nana, die durch ihre Vagina betreten werden konnte. Im Inneren fanden Besucher unter anderem ein Kino und eine Milchbar. Dieses Werk war ein ironischer Kommentar auf das traditionelle Idealbild der Frau und eine immersive Erfahrung, die die Besucher in den Körper der Frau einlud.

Neben den Nanas schuf Niki de Saint Phalle zahlreiche weitere bekannte Werke im öffentlichen Raum, darunter der Strawinsky-Brunnen in Paris und eine schwebende Frauenfigur namens „Schutzengel“ im Züricher Hauptbahnhof. Auch in Hannover hinterließ sie bleibende Spuren, nicht nur mit der nach ihr benannten Promenade, sondern auch mit der Gestaltung der Grotte im Großen Garten in Herrenhausen.
Die Nanas in Hannover
Besondere Bekanntheit in Deutschland erlangten die Nanas von Niki de Saint Phalle durch ihre Präsenz im öffentlichen Raum Hannovers. Dort stehen seit 1974 drei der farbenfrohen Skulpturen am Leibnizufer. Die Figuren sind aus Polyester und Fiberglas gefertigt und weisen die für Nanas typischen betont weiblichen, ausladenden und voluminösen Rundungen auf. Zwei der Figuren messen fünf Meter in der Höhe, die dritte ist 3,75 Meter hoch.
Sie sind als Gruppe im Abstand von fünf bis fünfzehn Metern auf einem weitläufigen Gehwegbereich zwischen der sechsspurigen Straße Leibnizufer und der Leine in Höhe des Historischen Museums aufgestellt. Samstags werden die Figuren durch Verkaufsstände in den Altstadt-Flohmarkt einbezogen, was eine lebendige Interaktion zwischen Kunst und Alltag schafft.
Die drei Nanas in Hannover sind nach bekannten Frauen benannt, die eine Verbindung zur Stadt haben:
- Sophie: Die Nana „Sophie“ tanzt auf einem Bein, die Arme in die Luft gestreckt. Sie hat weiße Arme und Beine. Benannt ist sie nach der Kurfürstin Sophie von der Pfalz (1630–1714), die maßgeblich an der Gestaltung des Großen Gartens in Herrenhausen beteiligt war.
- Caroline: Die auf dem Kopf stehende Nana „Caroline“ hat grüne Arme und Beine. Ihr Name erinnert an die in Hannover geborene Astronomin, Violinistin und Sängerin Caroline Herschel (1750–1848), die als wissenschaftliche Assistentin ihres Bruders Wilhelm Herschel in England wirkte.
- Charlotte: Die kunterbunte und voluminöse Nana „Charlotte“ ist nach Charlotte Buff (1753–1828) benannt. Sie gehörte nach ihrer Heirat zu den hannoverschen Hübschen Familien und diente Johann Wolfgang von Goethe als Vorbild für die Figur der Lotte in seinem berühmten Roman „Die Leiden des jungen Werthers“.
Diese Benennung nach starken historischen Frauen aus der Region unterstreicht die Bedeutung der Nanas als Symbole weiblicher Geschichte und Präsenz im öffentlichen Raum.
Häufig gestellte Fragen zu Niki de Saint Phalles Nanas
Was bedeutet der Name „Nana“?
„Nana“ ist ein umgangssprachlicher französischer Begriff für ein Mädchen oder eine junge, oft freche und selbstbewusste Frau. Niki de Saint Phalle wählte diesen Namen, um die lebensfrohe, befreite und unkonventionelle Natur ihrer Frauenskulpturen zu betonen.

Wofür stehen die Nana-Figuren?
Die Nanas symbolisieren für Niki de Saint Phalle die Feier der Weiblichkeit, weibliche Stärke, Freiheit und Unabhängigkeit. Sie verkörpern eine positive Körperlichkeit, brechen mit traditionellen Schönheitsidealen und werden von der Künstlerin als Vorboten eines Matriarchats verstanden. Sie sind Ausdruck von Lebensfreude und Widerstand gegen gesellschaftliche Konventionen und Unterdrückung.
Welche Materialien wurden für die Nanas verwendet?
Anfangs nutzte Niki de Saint Phalle Materialien wie Drahtgestelle, Stoffe, Garn und Pappmaché. Später wechselte sie zur Verwendung von Polyester und Fiberglas, da diese Materialien robuster waren und die Herstellung größerer Figuren für den Außenbereich ermöglichten. Die Arbeit mit Polyester führte jedoch leider zu schweren gesundheitlichen Problemen bei der Künstlerin.
Wo kann man Nanas im öffentlichen Raum sehen?
Nanas sind an verschiedenen Orten weltweit im öffentlichen Raum zu finden. Zu den bekanntesten Standorten gehören die drei Nanas in Hannover am Leibnizufer und die monumentale „Hon“ im Moderna Museet in Stockholm (heute nicht mehr existent in ihrer ursprünglichen Form, aber als Modell in Ausstellungen zu sehen). Ihre Werke sind auch in zahlreichen Museen und Sammlungen vertreten, und es gibt weitere öffentliche Installationen in anderen Städten.
Wie beeinflusste Niki de Saint Phalles Leben ihre Kunst?
Niki de Saint Phalles Kunst war stark von ihren persönlichen Erfahrungen geprägt. Der Missbrauch durch ihren Vater beeinflusste ihre frühen, aggressiven „Schießbilder“ als Ausdruck von Wut. Die Nanas hingegen repräsentieren eine positive Verarbeitung und den Wunsch nach weiblicher Befreiung und Stärke als Gegenpol zu patriarchalen Strukturen und persönlichen Traumata. Ihr Kampf gegen gesellschaftliche Ungleichheiten spiegelte sich auch in Werken zu Themen wie Rassismus und Stigmatisierung wider.
Ein bleibendes Erbe
Niki de Saint Phalle war eine Künstlerin, die ihrer Zeit voraus war. Sie sprengte Grenzen, sei es durch ihre provokanten Performances der „Schießbilder“ in einer männerdominierten Kunstwelt oder durch ihre unkonventionelle Auseinandersetzung mit weiblicher Identität und gesellschaftlichen Themen. Ihre Nanas bleiben ihr bekanntestes und wohl fröhlichstes Erbe – Symbole der Freude, Stärke und Freiheit, die Menschen auf der ganzen Welt inspirieren und zum Nachdenken anregen.
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