Messschieber: Der richtige Name und mehr

09/07/2017

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In Werkstätten, Ausbildungseinrichtungen und Hobbyräumen ist er ein unverzichtbares Werkzeug: der Messschieber. Oft wird er umgangssprachlich als „Schieblehre“ bezeichnet, doch diese Bezeichnung ist, wie wir sehen werden, technisch nicht ganz korrekt. Dieses praktische Messgerät ermöglicht schnelle und relativ genaue Längenmessungen in verschiedensten Anwendungen. Aber was genau verbirgt sich hinter diesem Werkzeug, wie funktioniert es und warum ist die fachlich korrekte Bezeichnung wichtig?

Übersicht

Was ist ein Messschieber?

Ein Messschieber ist ein Längenmessgerät, das nach dem Prinzip der direkten Messung arbeitet. Das bedeutet, die gemessene Größe (eine Länge) wird direkt als Messwert ausgegeben. Er dient in erster Linie zur Messung von Außenmaßen, Innenmaßen und Tiefen. Im Gegensatz zu Messschrauben, die oft eine höhere Präzision bieten, ist der Messschieber durch seine einfache Handhabung, Robustheit und Vielseitigkeit gekennzeichnet. Er ist ein handliches Werkzeug, das oft als „Taschenmessgerät“ bezeichnet wird.

Wie heißt die Schieblehre richtig?
Der Messschieber (in Teilen Deutschlands auch Schieblehre oder Kaliber, in Österreich und der Schweiz Schiebelehre oder Schublehre) ist ein Längen-Messgerät.

Eine Reise in die Vergangenheit: Die Geschichte des Messschiebers

Die Idee, ein Werkzeug mit beweglichen Backen zur Längenmessung zu nutzen, ist erstaunlich alt. Die Geschichte des Messschiebers reicht weit zurück. Archäologische Funde belegen, dass bereits im 6. Jahrhundert v. Chr. im antiken Griechenland ähnliche Geräte verwendet wurden. Ein Fund vom Giglio-Wrack vor der italienischen Küste zeigt ein Holzwerkzeug, das zur Außenmessung diente – vergleichbar mit einer heutigen Messkluppe. Auch bei den Römern waren Messschieber in Gebrauch. Ein bemerkenswertes Bronze-Gerät aus der Östlichen Han-Dynastie in China (ca. 25–220 n. Chr.) zeigt die frühe Entwicklung dieser Technologie auch außerhalb Europas. Dies unterstreicht, dass das Prinzip der beweglichen Messschenkel zur Längenbestimmung eine universelle und langlebige Idee in der Geschichte der Messtechnik ist.

Messschieber oder Schieblehre? Die korrekte Bezeichnung

Hier kommen wir zur zentralen Frage vieler Nutzer. Die fachlich korrekte und in Deutschland durch die DIN 862 geregelte Bezeichnung für dieses Messwerkzeug lautet Messschieber. Der umgangssprachliche Begriff „Schieblehre“ oder auch „Schublehre“, der vor allem im süddeutschen Raum verbreitet ist, ist technisch gesehen nicht exakt. Eine „Lehre“ bezeichnet in der Messtechnik im Allgemeinen ein Prüfgerät mit einem vorher festgelegten, starren Maß oder einer festgelegten Form (z.B. eine Grenzlehre). Eine Lehre wird verwendet, um zu prüfen, ob ein Werkstück innerhalb bestimmter Toleranzen liegt, nicht um einen variablen Messwert zu bestimmen. Der Messschieber hingegen liefert einen variablen Messwert über einen bestimmten Messbereich hinweg.

Der Grund für die Bezeichnung „Schieblehre“ liegt möglicherweise darin, dass ein Messschieber, wenn er mit einer Feststellschraube versehen ist, auch als einstellbare Lehre verwendet werden kann, indem ein bestimmtes Maß eingestellt und fixiert wird, um es dann auf andere Werkstücke zu übertragen oder deren Größe zu überprüfen. Dennoch bleibt die primäre Funktion die variable Messung, weshalb „Messschieber“ die präzisere und fachlich korrekte Bezeichnung ist. Gelegentlich wurde früher auch der Begriff „Kaliber“ verwendet, der aus dem Englischen (calliper/caliper) stammt.

Aufbau und Funktionsweise

Ein typischer Messschieber besteht aus mehreren Hauptkomponenten:

  • Einem festen Stab mit integrierten Messschenkeln für die Außenmessung. Diese Schenkel sind oft schneidenförmig ausgeführt, um auch in schmalen Bereichen messen zu können.
  • Einem beweglichen Schieber, der entlang des festen Stabs gleitet. Dieser Schieber trägt die Gegen-Messschenkel für die Außenmessung sowie separate Messschenkel für die Innenmessung.
  • Einem zusätzlichen Stab (oft an der Rückseite des Schiebers angebracht) für die Tiefenmessung.
  • Messskalen auf dem festen Stab, üblicherweise in Millimetern (metrisch) und manchmal auch in Zoll.
  • Nonius-Skalen auf dem beweglichen Schieber, die eine feinere Ablesung der Messwerte ermöglichen (ebenfalls metrisch und/oder in Zoll).
  • Einem Mechanismus zur Fixierung des Schiebers, meist eine Klemmschraube oder ein Druckhebel.

Die Messung erfolgt, indem das Werkstück zwischen die Messschenkel für die Außen- oder Innenmessung geklemmt wird oder der Tiefenmessstab auf dem Referenzpunkt des Werkstücks aufliegt und in die Tiefe eingefahren wird. Der Messwert wird dann auf den Skalen abgelesen, wobei der Nonius hilft, Bruchteile des kleinsten Teilungsintervalls der Hauptskala genauer zu bestimmen.

Messgenauigkeit und potenzielle Fehler

Die typische Messunsicherheit eines Messschiebers liegt etwa zwischen 0,01 mm und 0,2 mm, abhängig von Faktoren wie dem Messbereich, der Länge der Messschenkel, dem Verschleiß der Führung und der Sorgfalt des Anwenders. Im Vergleich dazu erreichen Präzisionsmessgeräte wie Mikrometerschrauben eine wesentlich höhere Genauigkeit von bis zu 1 µm (0,001 mm).

Ein prinzipieller Fehler, der bei der Messung von Außen- und Innendurchmessern mit dem Messschieber auftritt, ist der sogenannte Kippfehler erster Ordnung. Dieser Fehler entsteht, weil das Abbesche Komparatorprinzip nicht eingehalten wird. Dieses Prinzip besagt, dass Messstrecke und Skala in einer Flucht liegen sollten, um Messfehler durch Kippen oder Verkanten zu vermeiden. Beim Messschieber liegen die Messschenkel und die Skala nicht in einer Linie. Ein leichtes Kippen um den Winkel φ bei einem Abstand d zwischen Messlinie und Tastlinie führt zu einer Verschiebung des Ablesepunkts um Δx = d · tan(φ). Dieser Fehler ist im Aufbau des Messschiebers begründet und prinzipiell nicht vollständig vermeidbar.

Weitere mögliche Fehlerquellen sind Führungsfehler des Schiebers, Anlagefehler am Messobjekt (zu viel oder zu wenig Kraft) und Verschleiß der Messflächen oder der Führung. Bei der Tiefenmessung mit dem Tiefenmessstab wird das Abbesche Prinzip zwar eingehalten, da Stab und Skala in einer Linie liegen. Allerdings kann der lange, dünne Stab selbst zu Fehlern durch Kippen oder Biegen neigen.

Warum ist die Bezeichnung Schieblehre falsch?
Der häufig verwendete Begriff Schieblehre ist falsch, das mit dem Messschieber gemessen und nicht geleert wird. In der DIN Norm 862 ist der Begriff Schieblehre denn auch nicht erwähnt, sondern es wir nur von Messschieber gesprochen. Messschieber werden sehr häufig nicht nach den in DIN 862 benannten Begriffen benannt.

Um die Messgenauigkeit zu optimieren, wird empfohlen, beim Messen nur so viel Kraft aufzuwenden, dass die Messschenkel gerade eben Widerstand bieten. Eine zu hohe Anpresskraft kann das Material verformen oder den Messschieber verbiegen.

Verschiedene Typen von Messschiebern

Über die klassische Ausführung mit Nonius-Ablesung hinaus gibt es verschiedene Varianten, die sich in Anzeige, Aufbau und Spezialisierung unterscheiden:

Messschieber mit Rundskala (Uhren-Messschieber)

Diese Variante verwendet eine Zahnstange und ein Zahnrad, um die Bewegung des Schiebers auf eine Rundskala mit Zeiger zu übertragen. Sie bieten oft eine höhere Ablesegenauigkeit als Nonius-Messschieber, da die Ablesung auf der Skala vergrößert dargestellt wird und der Parallaxefehler (Ablesefehler durch schrägen Blickwinkel) reduziert werden kann, insbesondere bei Ausführungen mit Skalen in einer Ebene (Prismen-Messschieber).

Digitale Messschieber

Seit den 1990er Jahren haben sich digitale Messschieber etabliert. Sie ersetzen den mechanischen Nonius oder die Rundskala durch eine digitale Ziffernanzeige, meist ein LCD-Display. Diese bieten mehrere Vorteile: Sie sind in der Regel schneller und einfacher abzulesen, ermöglichen per Knopfdruck den Wechsel zwischen metrischen Einheiten (mm) und Zoll, und viele Modelle verfügen über eine Nullpunktsetzung an beliebiger Stelle sowie eine Data-Hold-Funktion zum Einfrieren des Messwerts. Digitale Messschieber enthalten einen Mikroprozessor für die Messwertverarbeitung und benötigen eine Stromversorgung, meist eine Knopfzelle.

Die Erfassung des Messwerts erfolgt bei digitalen Messschiebern mittels eines Linearencoders. Dies ist ein Sensor zur Distanzmessung, der verschiedene physikalische Prinzipien nutzen kann. Bei Messschiebern sind aufgrund des geringen Energiebedarfs kapazitive oder in geringerem Maße induktive Linearencoder üblich. Ein Teil des Sensors ist im beweglichen Schieber untergebracht, der andere, feste Teil (Stator) befindet sich im Stab. Bei kapazitiven Encodern werden elektrische Leiterbahnen im Stab, die als Kondensatorplatten fungieren, von Elektroden im Schieber abgetastet. Durch die Bewegung des Schiebers ändern sich die kapazitiven Kopplungen, was zu unterschiedlichen elektrischen Signalen führt. Eine integrierte Elektronik wertet diese Signale aus und berechnet daraus die genaue Position des Schiebers, die dann digital angezeigt wird. Die Entwicklung dieser Technologie geht maßgeblich auf Arbeiten von Larry K. Baxter et al. in den 1980er Jahren zurück.

Digitale Linearencoder bei Messschiebern lassen sich grob in relative und absolute Encoder einteilen. Bei relativen Encodern ist nach dem Einschalten oder Batteriewechsel ein Nullpunktabgleich (Setzen auf Null in geschlossener Position) nötig. Die Messung erfolgt dann relativ zu diesem Nullpunkt. Absolute Encoder speichern die Positionsinformation in der Struktur des Encoders selbst, sodass kein Nullpunktabgleich erforderlich ist.

Viele digitale Messschieber verfügen auch über eine serielle Datenschnittstelle (oft RS-232), die es ermöglicht, Messwerte automatisch auszulesen und zur externen Weiterverarbeitung oder Anzeige an andere Geräte zu übertragen.

Weitere Spezialtypen

Neben diesen Standardtypen gibt es zahlreiche Spezial-Messschieber für spezifische Anwendungen:

  • Tiefenmessschieber (speziell für Tiefenmessungen konzipiert)
  • Höhenmessschieber (zum Messen von Höhen auf einer Messplatte)
  • Nuten-Messschieber (zur Messung von Nutenbreiten und -tiefen)
  • Dreibacken- oder Dreipunkt-Messschieber (zur Messung von Bohrungen mit drei statt zwei Kontaktpunkten)
  • Zahnrad-Messschieber (zur Messung von Zahndicken an Zahnrädern)
  • Messkluppen (große Messschieber, z.B. für Baumstämme in der Forstwirtschaft)

Jeder dieser Typen ist auf die besonderen Anforderungen der jeweiligen Messaufgabe zugeschnitten.

Vorteile und Nachteile im Überblick

Der Messschieber bietet eine Reihe von Vorteilen, die ihn zu einem beliebten Werkzeug machen:

  • Relativ hohe Messgenauigkeit für viele praktische Anwendungen.
  • Einfach und schnell zu bedienen.
  • Robust und widerstandsfähig.
  • Preiswert im Vergleich zu vielen anderen Präzisionsmessgeräten.
  • Kompaktes Taschenmessgerät, leicht mitzuführen.
  • Vielseitig (Außen-, Innen-, Tiefenmessung).

Es gibt jedoch auch Nachteile, insbesondere im Vergleich zu Messgeräten mit konstanter Messkraft wie Messschrauben oder Messuhren:

  • Die Messunsicherheit ist in der Regel größer als die rein rechnerische Auflösung der Anzeige (z.B. 0,01 mm Anzeige bei 0,02 mm oder mehr Unsicherheit).
  • Die Wiederholgenauigkeit ist schlechter, da die Messkraft vom Anwender abhängt und variieren kann.
  • Der prinzipielle Kippfehler bei Außen- und Innenmessungen.

Tipps für präzise Messungen

Um mit einem Messschieber möglichst genaue Ergebnisse zu erzielen, sollten Sie folgende Punkte beachten:

  • Reinigen Sie die Messflächen und das zu messende Objekt von Schmutz, Öl oder Spänen.
  • Setzen Sie das Werkstück korrekt an die Messschenkel an – parallel zu den Messflächen.
  • Wenden Sie beim Schließen der Messschenkel nur leichten, konstanten Druck an. Vermeiden Sie Verkanten.
  • Lesen Sie bei Nonius-Messschiebern senkrecht zur Skala ab, um Parallaxefehler zu vermeiden.
  • Überprüfen Sie den Nullpunkt, indem Sie die Messschenkel schließen. Bei einem intakten Messschieber sollten die Nullstriche von Hauptskala und Nonius (oder die Digitalanzeige) exakt übereinstimmen.
  • Beachten Sie die Betriebstemperatur. Große Temperaturschwankungen können das Ergebnis beeinflussen.

Häufig gestellte Fragen

Wie heißt das Werkzeug richtig?
Die fachlich korrekte Bezeichnung ist Messschieber.

Wie heißt die Schieblehre richtig?
Der Messschieber (in Teilen Deutschlands auch Schieblehre oder Kaliber, in Österreich und der Schweiz Schiebelehre oder Schublehre) ist ein Längen-Messgerät.

Warum ist die Bezeichnung Schieblehre falsch?
Eine Lehre ist ein starres Prüfgerät für feste Maße. Ein Messschieber liefert variable Messwerte über einen Bereich hinweg und ist somit kein reines Prüfgerät im Sinne einer Lehre.

Welche Arten von Messschiebern gibt es?
Es gibt Nonius-Messschieber, Messschieber mit Rundskala und digitale Messschieber sowie viele Spezialvarianten für bestimmte Messaufgaben (z.B. Tiefen-, Höhen-, Nutenmessschieber).

Wie genau ist ein Messschieber?
Die Messunsicherheit liegt typischerweise zwischen 0,01 mm und 0,2 mm. Die erreichbare Genauigkeit hängt stark von Typ, Zustand und Anwendung ab.

Was ist der Kippfehler?
Der Kippfehler ist ein prinzipieller Messfehler bei Messschiebern, der durch das Nicht-Einhalten des Abbeschen Komparatorprinzips entsteht, wenn die Messstrecke und die Skala nicht in einer Linie liegen und das Werkzeug leicht verkantet wird.

Wie funktioniert ein digitaler Messschieber?
Digitale Messschieber verwenden einen Linearencoder (oft kapazitiv), der die Bewegung des Schiebers erfasst und über eine Elektronik in einen digitalen Messwert umrechnet, der auf einem Display angezeigt wird.

Kann ein Messschieber Innen- und Außenmaße messen?
Ja, Standard-Messschieber verfügen über separate Messschenkel für Außen- und Innenmessungen sowie oft einen Tiefenmessstab.

Fazit

Der Messschieber, auch wenn er umgangssprachlich oft Schieblehre genannt wird, ist ein fundamentales und vielseitiges Werkzeug in der Welt der Längenmessung. Seine einfache Handhabung und Robustheit machen ihn ideal für schnelle Messungen in unterschiedlichsten Bereichen, von der Werkstatt bis zum Hobby. Obwohl er nicht die höchste Präzision erreicht, die mit spezialisierten Messgeräten wie Mikrometern möglich ist, bietet er für die meisten Anwendungen eine ausreichende Genauigkeit. Die Wahl zwischen Nonius-, Rundskala- oder Digital-Messschieber hängt von den individuellen Anforderungen an Ablesbarkeit, Funktionen und Budget ab. Das Verständnis seiner Funktionsweise, Grenzen und der korrekten Bezeichnung trägt zu einer effektiveren Nutzung dieses bewährten Messinstruments bei.

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