Welcher Fisch lebt nur im Bodensee?

Der Blaufelchen: Einzigartiger Fisch des Bodensees

12/08/2021

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Der Bodensee, eine der größten und bedeutendsten Seen Mitteleuropas, beherbergt eine Vielzahl von Fischarten. Doch eine Art sticht besonders hervor, da sie als endemisch gilt – das bedeutet, sie lebt ausschließlich in diesem Gewässer: der Blaufelchen. Dieser Fisch ist nicht nur ein wichtiger Teil des Ökosystems, sondern hat auch eine lange Geschichte als begehrte Speisefischart in der Region.

Welcher Fisch lebt nur im Bodensee?
Der Bodenseefelchen (Coregonus wartmanni), auch als Blaufelchen bezeichnet, ist ein Süßwasserfisch aus der Gattung Coregonus, der im Bodensee vorkommt.

Wissenschaftlich als Coregonus wartmanni bekannt, gehört der Blaufelchen zur Familie der Lachsfische (Salmonidae) und zur Unterfamilie der Renken (Coregoninae). Die taxonomische Einordnung der europäischen Renken ist komplex und Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen. Manche Experten sehen die verschiedenen Renkenarten als Morphen oder Ökotypen einer einzigen Art (Coregonus lavaretus), andere betrachten sie als eigenständige Arten. Diese Unsicherheit rührt daher, dass sich viele Merkmale überschneiden und genetische Unterschiede oft minimal sind.

Übersicht

Merkmale und Unterscheidung

Der Blaufelchen ist ein schlanker, gestreckter Fisch mit einem seitlich leicht abgeflachten Körper. Sein Kopf ist spitz und kegelförmig, das Maul kann end- bis unterständig sein. Farblich präsentieren sich Blaufelchen auf den Seiten weißlich silberfarben und am Rücken grünlich. Sie können eine Länge von bis zu 50 cm erreichen, obwohl die Durchschnittsgröße in den letzten Jahrzehnten abgenommen hat.

Die Unterscheidung des Blaufelchens von anderen Renkenarten im Bodensee, insbesondere vom Gangfisch (Coregonus macrophthalmus), ist selbst für Wissenschaftler eine Herausforderung. Morphologisch sind sie sich sehr ähnlich, und wichtige Merkmale wie die Anzahl der Kiemenreusenfortsätze (Blaufelchen: 33-39; Gangfisch: 35-44) überlappen sich. Auch genetische Analysen zeigen nur geringe Unterschiede.

Der entscheidende Unterschied liegt jedoch in ihrer Biologie und Lebensweise. Hier zeigt sich die wahre Einzigartigkeit des Blaufelchens:

  • Habitat: Der Blaufelchen ist ein Bewohner der oberen Schichten des Pelagials, also des Freiwassers, fernab der Ufer. Der Gangfisch hingegen lebt eher ufernah.
  • Laichverhalten: Blaufelchen laichen im Freiwasser über größeren Tiefen, typischerweise von September bis Dezember. Gangfische laichen ufernah oder im Zufluss, dem Rhein, im November und Dezember.
  • Eigröße und Wachstum: Es gibt Unterschiede in der Größe der Eier (in Korrelation zur Körpergröße) sowie im Wachstum der Fische und im Verhalten ihrer Larven.

Diese klaren biologischen Unterschiede, die eine Anpassung an unterschiedliche Lebensräume und Fortpflanzungsstrategien darstellen, sprechen für eine ökologische Differenzierung, selbst wenn die genetischen oder morphologischen Unterschiede gering sind. Es sind diese spezifischen Anpassungen an das Freiwasser des Bodensees, die den Blaufelchen zu dem machen, was er ist: ein Fisch, der untrennbar mit diesem See verbunden ist.

Bestandsentwicklung und Ursachen des Rückgangs

Die Geschichte des Blaufelchens im Bodensee ist eng mit den Veränderungen der Wasserqualität verbunden. Seit den 1970er Jahren ist ein deutlicher Rückgang der Fangerträge zu verzeichnen. Fischer und Wissenschaftler führen dies auf die zunehmende Reinhaltung des Seewassers zurück.

In den 1950er Jahren und den folgenden Jahrzehnten führte ein hoher Eintrag von Nährstoffen, insbesondere Phosphat, zu einer Eutrophierung des Sees. Dies förderte ein starkes Wachstum von Algen und Plankton, der Nahrungsgrundlage der Felchen. Die Fischbestände, einschließlich der Blaufelchen und Barsche, profitierten davon und nahmen zu. Die Fische erreichten gute Körpergrößen.

Mit Beginn der konsequenten Maßnahmen zur Reinigung der Abwässer und zur Reduzierung des Nährstoffeintrags in den See hat sich die Wasserqualität erheblich verbessert. Der Bodensee ist heute ein deutlich nährstoffärmeres (oligotrophes) Gewässer. Dies ist aus Umweltsicht ein Erfolg, hat aber direkte Auswirkungen auf das Ökosystem:

  • Das Algen- und Planktonwachstum ist drastisch zurückgegangen.
  • Die Nahrungsgrundlage für Planktonfresser wie den Blaufelchen hat sich verschlechtert.
  • Die Bestände der Blaufelchen sind gesunken, und die Fische erreichen oft geringere Körpergrößen.

Neben der veränderten Nährstoffsituation werden weitere Faktoren für den bedrohlichen Rückgang der Blaufelchenbestände diskutiert:

  • Die Zunahme von Stichlingen (Gasterosteus aculeatus), die sowohl Nahrungskonkurrenten als auch Laichräuber sein können.
  • Die starke Dezimierung durch natürliche Fressfeinde, insbesondere den sich ausbreitenden Kormoran (Phalacrocorax carbo).

Diese multifaktoriellen Ursachen haben dazu geführt, dass sich die Situation für den Blaufelchen dramatisch verschärft hat.

Gefährdung und Fangverbot

Noch im Jahr 2009 stufte die Weltnaturschutzunion IUCN den Bodenseefelchen in ihrer Roten Liste als „nicht gefährdet“ (Least Concern) ein. Damals ging man davon aus, dass durch das funktionierende Gewässermanagement am Bodensee keine Gefahr für diese endemische Art bestehe.

Die Entwicklung der letzten Jahre hat diese Einschätzung jedoch überholt. Angesichts des alarmierenden Rückgangs der Bestände hat die Internationale Bevollmächtigtenkonferenz für die Bodenseefischerei (IBKF), das Gremium der Anrainerstaaten, reagiert. Im Juni 2023 wurde eine drastische Maßnahme beschlossen: ein dreijähriges absolutes Fangverbot für den Blaufelchen, das am 1. Januar 2024 in Kraft trat. Diese Schonzeit soll dem Blaufelchen die Möglichkeit geben, sich zu erholen und seine Bestände wieder aufzubauen. Es ist ein klares Zeichen für die Besorgnis um das Überleben dieser einzigartigen Art.

Der Blaufelchen als Lebensmittel

Trotz der aktuellen Bestandssituation und des Fangverbots war der Blaufelchen über Jahrhunderte hinweg ein hochgeschätzter Speisefisch. Sein Fleisch ist hell, fest und relativ grätenarm, was ihn bei Fischliebhabern sehr beliebt machte. Er konnte auf vielfältige Weise zubereitet werden: gebraten, gedämpft oder geräuchert.

Aufgrund seiner groben Schuppenstruktur und der Fettflosse wurde jedoch oft empfohlen, Haut und Flossen vor dem Verzehr zu entfernen. Diese kulinarische Bedeutung spiegelt sich auch in historischen Dokumenten wider.

Geschichtliche Bedeutung

Die Bedeutung des Blaufelchens als Speisefisch reicht weit zurück. Bereits im Jahr 1437 wurde der Bodenseefelchen im Stadtrecht der Stadt Bozen (im heutigen Südtirol, Italien) ausdrücklich als überregionaler Exportspeisefisch genannt. Als „ferchen, die man vom Podensehe bringt“ sollten sie an der örtlichen Fischbank feilgeboten werden. Dies zeigt, dass der Blaufelchen schon im Mittelalter über die Grenzen der Bodenseeregion hinaus bekannt und gehandelt wurde, was von seiner damaligen Häufigkeit und Qualität zeugt.

Häufig gestellte Fragen

Ist der Blaufelchen wirklich nur im Bodensee heimisch?
Ja, der Blaufelchen (Coregonus wartmanni) gilt als endemisch für den Bodensee, was bedeutet, dass er natürlicherweise ausschließlich in diesem See vorkommt.

Warum sind die Blaufelchen-Bestände zurückgegangen?
Der Rückgang hat mehrere Ursachen, darunter die verbesserte Wasserqualität und der damit verbundene Mangel an Plankton als Nahrung, sowie die Konkurrenz durch Stichlinge und die Prädation durch Kormorane.

Gibt es derzeit ein Fangverbot für Blaufelchen?
Ja, seit dem 1. Januar 2024 gilt ein absolutes Fangverbot für Blaufelchen im Bodensee für eine Dauer von drei Jahren, um den Beständen eine Erholung zu ermöglichen.

Wie unterscheidet sich der Blaufelchen vom Gangfisch?
Obwohl sie sich morphologisch und genetisch stark ähneln, unterscheiden sich Blaufelchen und Gangfische hauptsächlich in ihrer Lebensweise: Blaufelchen leben im Freiwasser (Pelagial), Gangfische eher ufernah.

Kann man Blaufelchen noch essen?
Aufgrund des aktuellen Fangverbots ist der kommerzielle Fang und somit der Verkauf von Blaufelchen aus dem Bodensee untersagt. Dies dient dem Schutz der Art.

Fazit

Der Blaufelchen ist mehr als nur ein Fisch; er ist ein Symbol für die einzigartige Natur des Bodensees und ein Indikator für den Zustand seines Ökosystems. Seine Geschichte zeigt, wie menschliche Aktivitäten, von der Eutrophierung durch Abwässer bis hin zur Reinhaltung des Sees, direkten Einfluss auf heimische Arten haben können. Die aktuellen Herausforderungen, denen sich der Blaufelchen gegenübersieht, unterstreichen die Bedeutung kontinuierlicher Forschung, internationaler Zusammenarbeit der Anrainerstaaten und angepasster Managementmaßnahmen. Das temporäre Fangverbot ist ein wichtiger Schritt, um dieser besonderen Art eine Zukunft im Bodensee zu sichern. Es bleibt zu hoffen, dass diese Maßnahmen erfolgreich sind und der Blaufelchen auch zukünftig als einzigartiger Bewohner des Bodensees bestehen kann.

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