13/03/2022
Lustenau im Vorarlberger Rheintal ist ein Ort, der sich gängigen Definitionen entzieht. Mit nahezu 23.000 Einwohnern ist die Marktgemeinde größer als manche österreichische Kleinstadt, wird aber weder als Stadt noch als Dorf wahrgenommen. Diese besondere Stellung prägt viele Aspekte des Lebens in Lustenau, von der Bevölkerungsstruktur bis zur lokalen Kultur und Wirtschaft.

Ursprünglich eine Ansammlung weit verstreuter Landwirtschaften, hat sich Lustenau über Jahrhunderte hinweg zu einem dynamischen Zentrum entwickelt. Die Geschichte ist eng mit den Herausforderungen durch den Rhein und dem Aufstieg und Fall der lokalen Industrie verbunden.
Bevölkerungsentwicklung und Struktur
Die erste Volkszählung im Jahr 1750 verzeichnete 1073 Einwohner. Über weite Strecken ihrer Geschichte erlebte Lustenau ein deutlich höheres Bevölkerungswachstum als der Durchschnitt Vorarlbergs. Dies war maßgeblich auf das starke Wirtschaftswachstum zurückzuführen, das Ende des 19. Jahrhunderts mit der florierenden Stickereiindustrie und der erfolgreichen Beseitigung der Hochwasserproblematik des Rheins einsetzte. Diese Phase zog eine starke Migration sowohl aus anderen Vorarlberger Gemeinden als auch aus dem übrigen Österreich und Süddeutschland an. Eine zweite bedeutende Einwanderungswelle fand in den 1950er- und 1960er-Jahren statt, ausgelöst durch den erneuten Wirtschaftsaufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg.
Die Bevölkerungsentwicklung von Lustenau zeigt eine beeindruckende Steigerung von 1073 Einwohnern im Jahr 1750 auf nahezu 23.000 heute (Stand der bereitgestellten Information). Diese Entwicklung wurde maßgeblich durch wirtschaftliche Faktoren und Zuwanderung geprägt.
Hinsichtlich der Bevölkerungsstruktur weist Lustenau einige Abweichungen vom Vorarlberger Durchschnitt auf. Es gibt einen höheren Anteil an unter 15-Jährigen und einen stärkeren Frauenüberschuss. Der Anteil der Ledigen ist geringer, während der Anteil der Verheirateten höher ist als im Rest Vorarlbergs. Auffällig ist der hohe Anteil von fast 40 % der über 15-Jährigen, die ausschließlich die Pflichtschule besucht haben. Die Akademikerquote liegt hingegen deutlich unter dem Vorarlberger Durchschnitt.
Die folgende Tabelle zeigt die Bevölkerungsstruktur im Vergleich zu Vorarlberg (basierend auf den bereitgestellten Daten):
| Merkmal | Lustenau | Vorarlberg |
|---|---|---|
| Alter unter 15 Jahre | 17,4 % | 16,6 % |
| 15–64 Jahre | 67,0 % | 67,8 % |
| 65 Jahre und älter | 15,6 % | 15,7 % |
| Geschlecht männlich | 48,9 % | 49,2 % |
| weiblich | 51,1 % | 50,8 % |
| Familienstand ledig | 43,1 % | 45,0 % |
| verheiratet | 43,6 % | 41,8 % |
| verwitwet | 5,3 % | 5,3 % |
| geschieden | 8,0 % | 7,9 % |
| Staatsbürgerschaft Österreich | 85,6 % | 86,8 % |
| Rest der EU | 3,6 % | 4,1 % |
| Türkei und Nachfolgestaaten Jugoslawiens | 9,0 % | 6,5 % |
| übrige Staaten | 1,8 % | 2,6 % |
| Bildungsstand der über 15-jährigen Pflichtschule | 39,6 % | 33,2 % |
| Lehre | 26,2 % | 31,0 % |
| BMS | 16,3 % | 15,9 % |
| AHS | 3,7 % | 4,1 % |
| BHS | 6,9 % | 6,9 % |
| Hochschule | 7,3 % | 8,9 % |
Die blühende Stickereiindustrie in den 1960er und 1970er Jahren führte zu einer starken Zuwanderung von Gastarbeitern, vor allem aus der Türkei. Obwohl der Anteil ausländischer Staatsbürger durch Einbürgerungen sank (von 16,1 % im Jahr 2001 auf 14,4 % im Jahr 2011), stieg der Anteil der im Ausland geborenen Lustenauer im selben Zeitraum (von 16,2 % auf 18,5 %). Bemerkenswert ist, dass im Jahr 2001 deutlich mehr Einwohner Türkisch als Umgangssprache angaben, als es türkische Staatsbürger oder in der Türkei geborene Personen gab.
Besonderheiten und Dialekt
Aufgrund seiner jahrhundertelangen politischen Sonderstellung als Reichshof war Lustenau vergleichsweise stark von seiner Umgebung abgeschottet. Erst ab 1837 wurden fremde Männer als Bürger aufgenommen. Diese Isolation trug maßgeblich zur Entwicklung und Erhaltung eines markanten Dialekts bei, der sich erkennbar von anderen alemannischen Dialekten der Umgebung unterscheidet. Wesentliche Merkmale sind häufige Triphthonge (z. B. „Brouöt“ für Brot), eingeschobene n und m (z. B. „Muns“ für Maus), das Ersetzen von ss durch ch (z. B. „lach mi“ für lass mich) sowie eine Vielzahl eigener Mundartwörter und eine auffällige Sprachmelodie. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts vermischt sich der Lustenauer Dialekt zunehmend mit den umliegenden Mundarten.
Eine weitere Folge der historischen Eigenständigkeit ist die Dominanz weniger Familiennamen. Im Jahr 1806 verteilten sich 1998 Einwohner auf nur 19 Familiennamen, die 1950 immer noch von 60 % der Bevölkerung getragen wurden. Dies erklärt die bis ins späte 20. Jahrhundert noch stärkere Ausprägung der Verwendung von Haus- oder Vulgonamen im Vergleich zum restlichen Vorarlberg.
Wirtschaftsstandort Lustenau
Die Marktgemeinde positioniert sich offensiv als „Topstandort für Unternehmen“. Nach dem Niedergang der einst dominierenden Stickereiindustrie wurden ab den späten 1980er Jahren neue Betriebsgebiete geschaffen, darunter das Betriebsgebiet Nord und später das Industriegebiet Millennium Park. Weitere Gebiete entstanden rund um den Bahnhof und in der Parzelle Vorach. Ein fünftes Betriebsgebiet wird derzeit im Süden, in der Parzelle Heitere, entwickelt. Zusammen umfassen diese Gebiete etwa 70 Hektar, wovon im Jahr 2020 noch 25 Hektar ungenutzt waren. Ein Masterplan existiert für die Weiterentwicklung dieser Flächen.
Die Branchenverteilung in Lustenau ist ausgewogen. Im Jahr 2020 waren 1.515 Betriebe angesiedelt, die rund 10.500 Menschen beschäftigten. Der Dienstleistungssektor macht 35 % der Unternehmen aus, gefolgt vom Handel (22 %), der Herstellung von Waren (14 %) und dem Gesundheits-, Sozial- und Schulwesen (11 %). Die Interessensgemeinschaft Lustenau Marketing mit über 210 Unternehmen arbeitet daran, den Standort durch Netzwerk-Veranstaltungen und betriebsübergreifende Initiativen zu stärken.
Die Anzahl der Arbeitsplätze in Lustenau stieg zwischen 2001 und 2011 von 7.525 auf 10.443, was einem Wachstum von 39 % entspricht. Mehr als die Hälfte der in Lustenau Beschäftigten pendelt ein, hauptsächlich aus den Nachbargemeinden Dornbirn, Höchst, Hohenems sowie der Landeshauptstadt Bregenz. Bemerkenswert ist der starke Anstieg der Einpendler aus anderen österreichischen Bundesländern zwischen 2001 und 2011, die inzwischen über ein Drittel aller Einpendler ausmachen.
Von den 10.097 erwerbstätigen Einwohnern Lustenaus im Jahr 2011 arbeiteten nur 40 % in ihrer Heimatgemeinde. Fast 9 % pendelten ins Ausland. Weitere wichtige Pendelziele waren Dornbirn, Bregenz und Höchst.
Sport in Lustenau
Lustenau verfügt über eine vielfältige Sportinfrastruktur. Ein Großteil der Anlagen ist im Sportpark konzentriert. Hier finden sich das Parkstadion (Leichtathletik), das Parkbad (Freibad), die Rheinhalle, eine Tennisanlage, eine Tennishalle, ein Bogenschützenplatz, eine Sporthalle sowie der Jugendplatz Habedere. Der Sportpark dient auch als Start- und Zielpunkt für markierte Laufrundkurse durch das Lustenauer Ried (5, 10 und 20 km).
Das Reichshofstadion ist das Fußballstadion mit einer Kapazität von 8800 Zuschauern und Heimstätte des SC Austria Lustenau. In der Nähe gibt es weitere Rasenplätze für Trainings und Nachwuchsbewerbe. Ergänzt wird das Angebot durch ein kleineres Fußballstadion an der Holzstraße, zwei weitere Fußballplätze am Wiesenrain, Turnhallen, die Radlerhalle, einen Schießstand, eine Boccia-Anlage und zwei Hundesportplätze.
Lustenau ist Heimat vieler Sportvereine, darunter der FC Lustenau 07, der älteste Fußballverein Vorarlbergs, der SC Austria Lustenau mit seiner Profimannschaft in den obersten Ligen, und der Eishockeyclub Lustenau (EHC Lustenau). Die Rivalität zwischen den Fußballvereinen FC und Austria ist historisch bedingt und stark ausgeprägt. Insgesamt sind über 30 Sportvereine in Lustenau aktiv.
Eine feste Sportveranstaltung ist das jährlich im Juni stattfindende Luschnouar Ironmännli, ein Sprint-Triathlon.
Geografie und Gewässer
Durch das Gebiet des Unteren Rheintals auf Vorarlberger Seite fließt der Vorarlberger Rheintalbinnenkanal, auch Aukanal oder Koblacher Kanal genannt. Dieser künstlich angelegte Entwässerungskanal verläuft parallel zum Rhein und trägt maßgeblich zur Entwässerung der umliegenden Gebiete bei. Er beginnt als Koblacher Kanal in Koblach, wird in Hohenems zum Rheintalbinnenkanal und mündet im Gemeindegebiet von Lustenau in die Dornbirner Ach.
Der Kanal entwässert das Gebiet zwischen den Einzugsbereichen von Frutz und Dornbirner Ach. Dadurch fließen dem Rhein auf Vorarlberger Seite zwischen Koblach/Meiningen (Zufluss des Ehbachs) und Hard (Mündung in den Bodensee) keine weiteren Flüsse direkt zu. Der Rheintalbinnenkanal entlastet so nicht nur den Rhein, sondern verhindert auch Rückstaus und Überschwemmungen bei Rheinhochwasser.
Warum ist Lustenau keine Stadt?
Trotz seiner Größe von nahezu 23.000 Einwohnern, die manche österreichische Kleinstadt übertrifft, besitzt Lustenau keinen offiziellen Stadt-Status. Dies liegt unter anderem an seiner historischen Entwicklung und städtebaulichen Struktur. Ursprünglich eine lockere Ansammlung von Landwirtschaften, fehlt den Straßen eine zentrale Logik, die typisch für Stadtzentren ist. Der Ort ist schwer städtebaulich zu definieren oder zu beschreiben, da er keine direkten Vergleiche kennt.
Dennoch zeichnet sich Lustenau durch eine ausgeprägte Baukultur aus. Bereits 1986 wurde ein Gestaltungsbeirat konstituiert, lange bevor viele andere Städte diesem Beispiel folgten. Architekturwettbewerbe sind eine selbstverständliche Praxis, die auch von Firmen und privaten Bauherren genutzt wird und zu einem hohen architektonischen Niveau vieler Bauten führt. Es könnten eigene Architekturführer für Lustenau erstellt werden, die eine hohe Quantität hochwertiger Neubauten zeigen.
Politisch wird viel Wert auf Planungsprozesse gelegt, wie Leitbildentwicklungen, Masterpläne und Siedlungsanalysen für das gesamte Ortsgebiet und seine Teile. Auch die Attraktivierung des öffentlichen Verkehrs und zukunftsfähige Energiemaßnahmen wurden mehrfach ausgezeichnet. Der Millennium Park gilt als europaweit einzigartiges Gewerbegebiet von hoher architektonischer Qualität, das zeigt, dass auch Gewerbebauten einem übergeordneten Gestaltungsanspruch folgen können.
Investitionen in Sportanlagen, die Zugänglichkeit des Leichtathletikstadions für die Bevölkerung und die Förderung von Beteiligung und Kommunikation tragen ebenfalls zum besonderen Charakter Lustenaus bei. Temporäre Bauten wie das Feldhotel dienen als Orte für den öffentlichen Diskurs über Entwicklungen.
Beteiligung, Kommunikation und Bildung
Hinter vielen Erfolgen Lustenaus stehen eine ausgeprägte Beteiligungskultur und hochwertige kommunale Kommunikation. Themen werden oft spielerisch und gastfreundlich aufbereitet, um Bürgerinnen und Bürger einzubinden und wesentliche soziale, raumplanerische und wirtschaftspolitische Themen zu verankern.
Bildung spielt eine große Rolle. Projekte wie das Habedere, ein von Jugendlichen selbst entwickelter und verwalteter Freizeitpark, oder das W:Ort, ein Ort der Sprache zur Förderung der Ausdrucks- und Artikulationsfähigkeit, sind Beispiele dafür. Letzteres Projekt, ein Anliegen des Bürgermeisters, heißt ausdrücklich Migrantinnen und Migranten willkommen.
Lustenau hat früh einen hohen Ausländeranteil (nahezu ein Viertel der Bevölkerung) vorbildlich integriert. Der mündige, sprachfähige Bürger wird nicht als Gefahr, sondern als Zukunftsressource gesehen. In diesem Sinne kann Lustenau als soziales und gestalterisches Gesamtkunstwerk betrachtet werden.
Häufig gestellte Fragen zu Lustenau
Wie viele Einwohner hat Lustenau?
Lustenau hat nahezu 23.000 Einwohner und gehört damit zu den größeren Gemeinden in Vorarlberg.
Welcher Fluss fließt durch Lustenau?
Der Vorarlberger Rheintalbinnenkanal, der auch als Aukanal oder Koblacher Kanal bekannt ist, fließt durch das Gemeindegebiet von Lustenau und mündet dort in die Dornbirner Ach.
Warum ist Lustenau trotz seiner Größe keine Stadt?
Die Gründe liegen in seiner historischen Entwicklung als Ansammlung verstreuter Landwirtschaften und einer städtebaulichen Struktur, der eine typische Stadtzentrum-Logik fehlt. Trotzdem verfügt Lustenau über viele Qualitäten einer modernen Gemeinde, die oft denen einer Stadt ähneln oder diese übertreffen.
Was ist das Besondere am Lustenauer Dialekt?
Der Lustenauer Dialekt zeichnet sich durch häufige Triphthonge, eingeschobene Buchstaben, das Ersetzen von 'ss' durch 'ch', eigene Mundartwörter und eine besondere Sprachmelodie aus, die ihn von umliegenden Dialekten unterscheidet.
Welche Rolle spielte die Stickereiindustrie für Lustenau?
Die blühende Stickereiindustrie im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert sowie in den 1950er/60er Jahren war ein wesentlicher Motor für das starke Wirtschaftswachstum und die Zuwanderung nach Lustenau.
Gibt es bekannte Sportvereine in Lustenau?
Ja, zu den bekanntesten gehören die Fußballvereine SC Austria Lustenau und FC Lustenau 07 sowie der Eishockeyclub Lustenau (EHC Lustenau).
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