24/11/2022
Die Marke Olympia ist vielen noch ein Begriff, oft verbunden mit zuverlässigen Schreibmaschinen, die einst in nahezu jedem Büro und Haushalt zu finden waren. Doch hinter diesem Namen verbirgt sich eine reiche und bewegte Geschichte, die exemplarisch für den Aufstieg und Fall der klassischen deutschen Büromaschinenindustrie steht. Von bescheidenen Anfängen in Erfurt bis hin zu einem globalen Player mit Tausenden von Mitarbeitern – die Olympia-Werke waren über Jahrzehnte hinweg ein Synonym für Qualität und Innovation im Bürobereich.

Alles begann zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als Schreibmaschinen zunehmend an Bedeutung gewannen. Die Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft (AEG) in Berlin erkannte das Potenzial und beauftragte den Ingenieur Friedrich von Hefner-Alteneck mit der Entwicklung einer erschwinglichen Maschine. Das Ergebnis war die Mignon, eine Zeigerschreibmaschine, die ab 1903 vertrieben wurde und sich großer Beliebtheit erfreute, da sie nicht nur für große Unternehmen, sondern auch für Handwerker und Privatleute erschwinglich war.
Die Anfänge in Erfurt und die Namensgebung
Die Produktion der Mignon wurde zunächst an verschiedene Orte vergeben, bis sie 1923 in Erfurt in den Räumen eines ehemaligen Rüstungsbetriebs gebündelt wurde. Dieses Unternehmen firmierte ab 1930 als Europa Schreibmaschinen AG. Hier erhielten die Erzeugnisse den international geschützten Markennamen „Olympia“. Die letzte Weiterentwicklung der Mignon im Jahr 1933 trug bereits den Namen „Olympia-Plurotyp“, was die zunehmende Bedeutung des Markennamens unterstrich. Am 31. Dezember 1936 wurde das Unternehmen schließlich in Olympia Büromaschinenwerke AG umbenannt.
Während des Zweiten Weltkriegs spielte das Werk in Erfurt eine Rolle, die über Büromaschinen hinausging. Neben anderen Rüstungsgütern wurde hier auch die Chiffriermaschine Enigma hergestellt. Aus Geheimhaltungsgründen trug diese jedoch nicht den Namen Olympia, sondern ein codiertes Fertigungskennzeichen. Das Werk in Erfurt wurde gegen Kriegsende durch Artilleriebeschuss stark beschädigt und gelangte nach Kriegsende in die sowjetische Besatzungszone. Dort wurde es zum Volkseigenen Betrieb (VEB) und produzierte fortan unter dem Namen VEB Optima Büromaschinenwerke.
Neubeginn im Westen und der Kampf um den Namen
Der eigentliche Ursprung der späteren Olympia-Werke in Wilhelmshaven liegt im Westen Deutschlands. Ende Juni 1945 flohen Mitarbeiter des Erfurter Werks, darunter der Vorstandsvorsitzende Joachim Wussow, auf Geheiß der AEG-Konzernleitung samt wichtigen Konstruktionsunterlagen in den Westen. Nach kurzen Stationen in Burgkunstadt und Bielefeld fand das Unternehmen im August 1945 eine geeignete Produktionsstätte in Roffhausen bei Wilhelmshaven, einem ehemaligen Marinegerätelager. Am 1. Oktober 1946 erteilte die britische Militärregierung die Produktionsgenehmigung.
Unter schwierigsten Bedingungen begann man mit nur 28 Mitarbeitern. Die britische Besatzungsmacht und frühere Geschäftskunden unterstützten den Neuanfang mit Darlehen. Zunächst wurden Typenhebelschreibmaschinen gefertigt, die in der Zeit des deutschen Wirtschaftswunders auf hohe Nachfrage stießen. Ende 1947 erfolgte eine Umbenennung in Orbis Schreibmaschinen-Werke. Ab 1948 begann die erfolgreiche Produktion der SM-Baureihe. Zum Zeitpunkt der Währungsreform 1948 beschäftigte das Unternehmen bereits rund 400 Mitarbeiter, Ende des Jahres waren es über 740.
Die Frage, welches der beiden Nachfolgeunternehmen – das in Erfurt oder das in Wilhelmshaven – den traditionsreichen Markenname „Olympia“ führen durfte, musste vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag geklärt werden. 1949 entschied das Gericht zugunsten des Wilhelmshavener Werks. Das Erfurter Werk nannte seine Produkte fortan „Optima“. Für das Werk in Wilhelmshaven lautete die Firma ab 1950 Olympia Werke West GmbH und ab Juni 1954 die bekannte Olympia Werke AG.

Wachstum, Expansion und der Höhepunkt
In den 1950er und 1960er Jahren erlebten die Olympia-Werke ein rasantes Wachstum. 1951 wurde die Produktion um Saldiermaschinen erweitert. 1954 beschäftigte das Unternehmen rund 7500 Personen und produzierte etwa die Hälfte aller aus Deutschland exportierten Schreibmaschinen. Die Werksanlagen in Roffhausen wurden mehrfach erweitert und erreichten 1955 eine Nutzfläche von rund 85.000 m².
Der Höhepunkt wurde 1957 erreicht, als die Belegschaft auf rund 12.000 Mitarbeiter anstieg. Überall im Nordwesten entstanden sogenannte „verlängerte Werkbänke“, die Zulieferteile produzierten. In Leer (Ostfriesland) wurde 1957 ein neues Werk für Reise- und Kleinschreibmaschinen eröffnet, das bis zu 2.500 Mitarbeiter beschäftigte.
Durch Zukäufe expandierte Olympia weiter. 1957 beteiligte man sich am Rechenmaschinenhersteller Brunsviga in Braunschweig und übernahm die Firma zwei Jahre später komplett. Die Produktion von Saldiermaschinen wurde nach Braunschweig verlegt, während Brunsviga unter eigenem Namen weitergeführt wurde. 1959 begann in Roffhausen die Produktion der ersten elektrischen Schreibmaschinen vom Typ „SGE“. 1961 stammte jede zweite in Deutschland produzierte Schreibmaschine von Olympia.
1962 erhöhte die AEG ihren Anteil und besaß nun das gesamte Aktienkapital der Olympia Werke AG. 1969 wurde die Schreibmaschinenfabrik Alpina in Kaufbeuren übernommen. Olympia expandierte nun auch international mit Produktionsstätten in Belfast, Mexiko-Stadt, Santiago de Chile und Toronto, zusätzlich zu den deutschen Werken. Anfang 1969 überschritt die Gesamtbelegschaft die Marke von 20.000 Mitarbeitern. Olympia war nicht nur die Nummer eins der deutschen Büromaschinenhersteller, sondern zählte zu den drei größten weltweit.
Innovation und die beginnende Krise
Ein wichtiger Meilenstein war die Einweihung der CeBIT Halle auf der Hannover Messe 1970, dem „Centrum der Büro- und Informationstechnik“. Olympia war hier der größte Aussteller und präsentierte innovative Produkte wie das computergesteuerte Datenerfassungssystem Olympia Multiplex 80. Dieses System fand Anwendung im Bankwesen und anderen Sparten.
Neben mechanischen stellte Olympia ab Mitte der 1960er Jahre auch elektronische Rechenmaschinen her. Diese frühen Modelle waren jedoch noch teuer und schwer und konnten mit der aufkommenden Konkurrenz aus Japan, die bereits auf integrierte Schaltkreise setzte, kaum mithalten. Anfang der 1970er Jahre versuchte man, dem durch Kooperationen (z.B. mit Matsushita für Rechner, mit Agfa für Kopiergeräte) zu begegnügen.

Die rasante Entwicklung der Elektronik und die Verbreitung von Kleincomputern läuteten jedoch das Ende der klassischen Bürotechnik ein. Olympia, als Hersteller mechanischer und elektromechanischer Geräte, hatte zunehmend Schwierigkeiten, sich anzupassen. Der Mutterkonzern AEG, später von Daimler-Benz übernommen, konnte die notwendigen Innovationsschübe nicht liefern.
Der Niedergang und das Ende einer Ära
Ab Mitte der 1980er Jahre verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage der AEG Olympia AG zusehends. Nach Jahren der Verluste trafen die Konzernzentralen von AEG und Daimler-Benz im Dezember 1991 die Entscheidung, sich aus dem Bereich der Bürokommunikation zurückzuziehen und den Standort Wilhelmshaven zu schließen. Davon waren rund 3.600 Arbeitnehmer betroffen.
Diese Entscheidung führte zu einem bundesweit beachteten Arbeitskampf unter dem Motto „Olympia – das Herz der Region muss weiterleben“. Trotz intensiver Proteste und Aktionen, die auf die Verantwortung des Daimler-Benz-Konzerns aufmerksam machten, konnte die Schließung des Werks in Roffhausen zum Ende 1992 nicht verhindert werden. Ein positives Ergebnis des Arbeitskampfes war jedoch die Entwicklung des Technologie-Centrums Nordwest (TCN) auf dem ehemaligen Werksgelände, das die Ausgliederung von Betriebsteilen und die Ansiedlung neuer Unternehmen vorsah.
Teile der AEG Olympia AG wurden in kleinere Gesellschaften umgewandelt. Dazu gehörten die Olympia Office Vertriebsgesellschaft mbH für den Vertrieb zugekaufter Büromaschinen und die OSG Office Service GmbH für markenunabhängigen Service. Diese Nachfolgeunternehmen blieben nicht lange im Besitz des AEG-Konzerns. Die OSG wurde 1993 an die Elcosa AG verkauft, die Olympia Office Vertriebsgesellschaft mbH mit dem Markennamen und dem weltweiten Vertriebsnetz wurde 1994 von der Elite Gruppe aus Hongkong übernommen und als Olympia International Holdings Ltd weitergeführt.
Olympia heute: Ein Name lebt weiter
Heute existieren im Wesentlichen nur noch die Rechte am Markennamen „Olympia“. In Deutschland liegen diese Rechte beim Unternehmer Heinz Prygoda. Derzeit nutzen sowohl die Olympia International Holdings Ltd als auch Prygodas Olympia Business Systems Vertriebs GmbH den Markennamen. Anfang 2019 fusionierte die Olympia Business Systems Vertriebs GmbH mit der GENIE GmbH & Co. KG zur GO Europe GmbH mit Sitz in Hattingen.
Auf dem Gelände des ehemaligen Olympia-Werks in Roffhausen erinnert heute ein kleines Museum, das von Ehrenamtlichen betrieben wird, an die Geschichte der Olympia-Werke und ihre Bedeutung für die Region und die Büromaschinenindustrie.

Produkte im Wandel der Zeit – Eine Übersicht
| Epoche | Beispiele für Produkte | Technologie | Besonderheiten |
|---|---|---|---|
| Frühe Zeit (ab 1903) | Mignon, Olympia-Plurotyp | Zeigerschreibmaschinen | Erschwinglich, einfache Bedienung |
| Nachkriegszeit (ab 1948) | SM-Baureihe, Typenhebelschreibmaschinen | Mechanisch | Zuverlässig, Basis des Wirtschaftswunders |
| Expansion (1950er/60er) | Saldiermaschinen, Rechenmaschinen (Brunsviga), SGE (elektrisch) | Mechanisch, elektromechanisch, erste elektronische Ansätze | Erweiterung der Produktpalette, Elektrifizierung |
| Spätzeit (1970er/80er) | Multiplex 80, Elektronische Rechenmaschinen, zugekaufte Kopierer etc. | Computergestützt, elektronisch | Versuch der Anpassung an Digitalisierung, starker Wettbewerb |
Häufig gestellte Fragen zur Marke Olympia
Gehört Olympia noch zu Deutschland?
Der ursprüngliche Hersteller, die Olympia-Werke AG in Wilhelmshaven, existiert nicht mehr. Die Rechte am Markennamen in Deutschland liegen heute bei der GO Europe GmbH in Hattingen, die aus einer Fusion hervorging. International wird der Name von der Olympia International Holdings Ltd genutzt.
Was wurde im Olympia-Werk in Wilhelmshaven hergestellt?
Hauptsächlich Schreibmaschinen (mechanisch und elektrisch), aber auch Saldiermaschinen, Rechenmaschinen und später Datenerfassungssysteme.
Warum wurden die Olympia-Werke geschlossen?
Die Schließung 1991/1992 war eine Folge jahrelanger Verluste, bedingt durch die starke Konkurrenz aus Asien im Bereich der elektronischen Büromaschinen und die Schwierigkeiten, sich an den technologischen Wandel (Aufkommen von PCs) anzupassen. Der Mutterkonzern Daimler-Benz entschied sich für den Rückzug aus dem Geschäftsbereich Bürokommunikation.
Gibt es noch Produkte unter dem Namen Olympia zu kaufen?
Ja, der Markenname wird weiterhin für verschiedene Büroprodukte wie Aktenvernichter, Laminiergeräte, Taschenrechner, Geldscheinprüfer und kleinere Elektronikartikel genutzt, die heute typischerweise zugekauft und unter dem Namen vertrieben werden.
Kann man das ehemalige Olympia-Werk besichtigen?
Auf dem Gelände in Roffhausen gibt es ein kleines Museum, das Exponate zur Geschichte der Olympia-Werke zeigt. Es kann nach vorheriger Vereinbarung besichtigt werden.
Die Geschichte der Olympia-Werke ist mehr als nur die Chronik eines Unternehmens. Sie ist ein Stück deutscher Industriegeschichte, das den Wandel von der Mechanik zur Elektronik und die Herausforderungen der Globalisierung eindrucksvoll widerspiegelt.
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