07/04/2018
Bad Cannstatt, der größte und zugleich älteste Stadtbezirk Stuttgarts, liegt beiderseits des Neckars und blickt auf eine beeindruckende Geschichte zurück, die bis in die Römerzeit reicht. Bekannt für seine heilenden Mineralquellen und als Wiege des Automobils, ist Bad Cannstatt heute ein lebendiger Stadtteil mit vielfältigem kulturellen Angebot und einer multikulturellen Bevölkerung.

Allgemeine Fakten und Demografie
Mit rund 71.565 Einwohnern (Stand 2018) bzw. etwa 72.000 Ende 2019 ist Bad Cannstatt der einwohnerstärkste Bezirk der baden-württembergischen Landeshauptstadt. Die Bevölkerung setzt sich aus Menschen verschiedenster Herkunft zusammen. Der Ausländeranteil in Bad Cannstatt liegt bei 28,3 Prozent. In Bezug auf die Religionszugehörigkeit zeigte sich Ende 2019 eine Verteilung von 21,8 % Katholiken, 18,5 % Protestanten und einer Mehrheit von 49,7 %, die entweder einer anderen oder gar keiner Religionsgemeinschaft angehörte. Seit der Neugliederung im Jahr 2001 besteht der Stadtbezirk aus 18 Stadtteilen, darunter Altenburg, Cannstatt-Mitte, Kurpark, Neckarvorstadt und Wasen.
Ein Blick in die Geschichte
Die Geschichte Bad Cannstatts beginnt bereits in römischer Zeit. Vermutlich um das Jahr 90 oder 98 n. Chr. kamen die Römer in diese Gegend und errichteten auf der Altenburg ein Reiterkastell. Die zivile Siedlung war ebenfalls bedeutend und umfasste mindestens 19 Hektar, was sie zu einer der größten römischen Städte im heutigen Baden-Württemberg machte. Das Ende des römischen Cannstatts kam mit dem Alemanneneinfall 259/260 n. Chr. Trotz fehlender Nachrichten aus der Völkerwanderungszeit geht man von einer kontinuierlichen Besiedlung aus, was auch die sehr frühen Erwähnungen im 8. Jahrhundert belegen.
Früher wurde der Ort unter Namen wie Cannstatt, Kannstadt (um 1900), Canstatt oder Cannstadt geführt. Im frühen 9. Jahrhundert ist in den Metzer Annalen die Rede von „condistat“. Die Herkunft des Namens ist nicht eindeutig geklärt, Theorien reichen von lateinischen Ursprüngen („condita“ = die Gegründete) über eine mögliche Identifizierung mit der römischen „Civitas Aurelia G“ bis hin zu einer keltischen Wurzel (*Kondâti- = „Zusammenfluss“), die später um „stat“ ergänzt wurde.
Im Mittelalter und der Frühen Neuzeit entwickelte sich Cannstatt weiter. Besonders im 18. und 19. Jahrhundert erlebte es als Kur- und Erholungsort eine Blütezeit und zog prominente Gäste an. Die Industrialisierung brachte neue Impulse. Am 22. Oktober 1845 fuhr die erste württembergische Eisenbahn von Cannstatt nach Untertürkheim. Weltgeschichtliche Bedeutung erlangte Cannstatt durch Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach. Hier erfanden sie 1883 im Kurpark den ersten schnelllaufenden Motor. Am 10. November 1885 fuhr Paul Daimler mit dem ersten „Reitwagen“ von Cannstatt nach Untertürkheim, und ein Jahr später befuhr Gottlieb Daimler die Straßen Cannstatts mit seinem vierrädrigen Motorfahrzeug. 1887 verkehrte hier die erste motorisierte Straßenbahn der Welt. Die Firma ASTO und weitere Maschinenbauunternehmen trugen zur industriellen Entwicklung bei.
Die Oberamtsstadt Cannstatt wurde am 1. April 1905 mit der Residenzstadt Stuttgart vereinigt. Den Titel „Bad“ erhielt Cannstatt am 30. Januar 1933.
Die Heilenden Quellen von Bad Cannstatt
Bad Cannstatt ist berühmt für sein reiches Mineralwasservorkommen, das nach Újbuda in Budapest das zweitgrößte in Europa ist. Mit einer täglichen Quellschüttung von 22 Millionen Litern gehört es zu den ergiebigsten Westeuropas. Von 19 Mineralquellen sind 11 staatlich als Heilquellen anerkannt. Schon die Römer kannten und nutzten die Quellen. Der Kurbetrieb, der seine Blütezeit von 1835 bis 1870 hatte, nutzte diese natürlichen Ressourcen intensiv.
Die Heilquellen werden heute in den Mineralbädern Cannstatt, Leuze und Berg für Kur- und Badeanwendungen genutzt. Einzigartig ist die Mombachquelle, der einzige Quelltopf, wo Mineralwasser drucklos in großen Mengen austritt und unter anderem in der Wilhelma verwendet wird. Die staatlich anerkannten Heilquellen stammen aus verschiedenen geologischen Schichten wie dem Oberen Muschelkalk, Unterkeuper, Buntsandstein, Perm oder Kristallin und tragen Namen wie Inselquelle, Leuzequelle, Wilhelmsbrunnen, Gottlieb-Daimler-Quelle, Hofrat-Seyffer-Quelle sowie diverse Berger Quellen. Das Cannstatter Mineralwasser wird zur Behandlung von Herz- und Gefäßkrankheiten, Kreislaufstörungen, degenerativen Erkrankungen, rheumatischen Beschwerden, Atemwegs- und Nervensystemerkrankungen eingesetzt. Trinkkuren helfen bei Magenbluten, entzündlichen Leber-, Gallenblasen- und Gallengangserkrankungen sowie bestimmten Herzleiden mit Wasseransammlungen.

Kultur und Freizeitangebote
Das kulturelle Leben in Bad Cannstatt ist vielfältig. Mehrere Museen bieten Einblicke in verschiedene Bereiche. Das Museum am Löwentor zeigt Fossilienfunde Baden-Württembergs, darunter eine große Dinosaurierausstellung. Das Museum Schloss Rosenstein beherbergt eine der bedeutendsten naturwissenschaftlichen Sammlungen Europas. Die 135-jährige Automobilgeschichte wird im meistbesuchten Museum Stuttgarts, dem Mercedes-Benz Museum in der Mercedes-Benz Welt, lebendig. Die Gottlieb-Daimler-Gedächtnisstätte im Kurpark erinnert an die Erfindung des ersten schnelllaufenden Motors. Das Straßenbahnmuseum im ehemaligen Depot zeigt historische Fahrzeuge und ist Ausgangspunkt für Oldtimerlinien. Die Geschichte des Stadtbezirks wird im Stadtmuseum Bad Cannstatt erlebbar.
Theaterliebhaber finden ebenfalls Angebote. Das Wilhelma-Theater ist das einzige Theater Deutschlands im pompejianischen Baustil mit teilweise erhaltener Originalbemalung. Das Theaterschiff Stuttgart am Neckarufer bietet Komödien, Kabarett und Kleinkunst. Das Kulturkabinett e. V. (KKT) ist ein soziokulturelles Zentrum mit Schauspiel, Kleinkunst, Musik und Kinderangeboten.
Bad Cannstatt verfügt über weitläufige Parkanlagen. Der Rosensteinpark, der nahtlos in den oberen und unteren Schlossgarten übergeht, gilt als größter englischer Landschaftspark im Südwesten Deutschlands. Er wurde von König Wilhelm I. angelegt und beherbergt das Schloss Rosenstein. Die Wilhelma, der zoologisch-botanische Garten, ist in einer historischen Schlossanlage im maurischen Stil untergebracht und beherbergt rund 8000 Tiere und 5000 Pflanzenarten. Der Kurpark mit alten Baumbeständen und der Gottlieb-Daimler-Gedächtnisstätte lädt zum Verweilen ein. Der Travertinpark informiert über die Entstehung und Nutzung des Gesteins Travertin und zeigt Reste der ehemaligen Industrie.
Die Friedhöfe in Bad Cannstatt sind ebenfalls Orte von historischer Bedeutung. Der Uff-Kirchhof ist einer der ältesten Friedhöfe Stuttgarts und letzte Ruhestätte bekannter Persönlichkeiten wie Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach. Der Steigfriedhof entstand aus einem fränkischen Gräberfeld. Der Hauptfriedhof ist der zweitgrößte Stuttgarter Friedhof und beherbergt unter anderem armenische, muslimische und jüdische Gräberfelder sowie ein Ehrenfeld für Euthanasieopfer.
Architektur und prägende Bauwerke
Die Architektur in Bad Cannstatt spiegelt seine lange Geschichte wider. In der Altstadt sind trotz geringer Kriegszerstörungen zahlreiche historische Bauwerke erhalten geblieben, wie das Alte Dekanat (1585), das Alte Spital (1545), der Gasthof „Crone“ (1489, wieder aufgebaut) und das älteste Haus in der Brählesgasse 21 (vor 1350). Reste der ehemaligen Stadtmauer sind noch zu sehen.
Das Klösterle, erbaut 1463, ist das älteste Wohngebäude Stuttgarts und ein spätgotisches Fachwerkhaus, das früher eine Beginengemeinschaft beherbergte und eine mittelalterliche Hauskapelle besitzt. Das Bezirksrathaus befindet sich im historischen Alten Rathaus von 1491, das die zweitälteste Kirchenglocke Württembergs beherbergt.
Im Kurpark stehen der Große Kursaal im klassizistischen Stil und der Kleine Kursaal im Jugendstil. Vor dem Großen Kursaal befindet sich ein Reiterstandbild von König Wilhelm I.

Zu den sakralen Bauten zählen die spätgotische Stadtkirche (1471–1506) mit Renaissance-Turm, die Uffkirche (um 1500), die katholische Martinskirche (wieder aufgebaut), die Christuskirche (evangelisch-methodistisch), die Lutherkirche (Backsteinbau, wieder aufgebaut), die neugotische Liebfrauenkirche (wieder aufgebaut) und die moderne Stephanuskirche.
Industriebauwerke erinnern an die Vergangenheit, wie die ehemalige Produktionsstätte von Ritter Sport, die historische Kranbahn und Reste von Industriebahnen in den Travertinsteinbrüchen. Die monumentalen Lauster-Säulen im Bereich des Kraftwerks Stuttgart-Münster waren ursprünglich für ein Denkmal in Berlin bestimmt.
Wichtige Verkehrsbauwerke sind der Eisenbahnviadukt Stuttgart-Münster, der Bahnhof Bad Cannstatt im Stil der Neuen Sachlichkeit, mehrere Rosensteintunnel (darunter der erste von 1846 und ein geplanter im Rahmen von Stuttgart 21), die Rosensteinbrücke, die König-Karls-Brücke, die Schleuse Cannstatt sowie das Wehr und Wasserkraftwerk.
Denkmäler wie der Junobrunnen, das Gottlieb-Daimler-Denkmal, das Auerbach-Denkmal und das Freiligrath-Grabmal sowie Gedenksteine (z. B. für die ehemalige Synagoge) erinnern an wichtige Personen und Ereignisse.
Türme wie der Aussichtsturm Burgholzhof und der Daimlerturm bieten Ausblicke und erinnern an Daimlers Wirken.
Veranstaltungen und Traditionen
Bad Cannstatt ist überregional bekannt für seine großen Veranstaltungen. Auf dem Cannstatter Wasen finden jährlich das Stuttgarter Frühlingsfest und das Cannstatter Volksfest statt, Letzteres mit einem traditionellen Umzug. Alle zwei Jahre wird das Cannstatter Fischerstechen ausgetragen. Die Daimler AG veranstaltete hier den Motorsporttag Stars and Cars.
Die Fasnacht wird mit Bräuchen wie dem Kübelesrennen, Schnurren und Schnitzelbänk sowie dem Geizigrufen gefeiert. 2009 war Bad Cannstatt Gastgeber des Europäischen Narrenfests.

Eine besondere Tradition ist die jährliche Karfreitagsprozession, die von italienischen Migranten ins Leben gerufen wurde und Tausende Gläubige anzieht. Szenen der Kreuzigungsgeschichte werden mit Laiendarstellern in historischen Kostümen durch die Straßen und im Kurpark dargestellt.
Die meisten großen Veranstaltungen finden in den Einrichtungen des Neckarparks statt, darunter die MHPArena (Heimstadion des VfB Stuttgart), die Hanns-Martin-Schleyer-Halle, die Porsche-Arena und der Cannstatter Wasen.
Aktuelle Entwicklungen
Ein bedeutendes Bauprojekt war das Quartier am Prießnitzweg, eines der größten Wohnprojekte in Holzmodulbauweise in Deutschland, das bis Ende 2023 fertiggestellt wurde.
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Wie hoch ist der Ausländeranteil in Bad Cannstatt?
Der Ausländeranteil in Bad Cannstatt beträgt laut den vorliegenden Informationen 28,3 Prozent.
Wie hieß Bad Cannstatt früher?
Frühere offizielle Namen waren Cannstatt, Kannstadt (um 1900), Canstatt und Cannstadt. Im frühen 9. Jahrhundert wurde der Ort in den Metzer Annalen als „condistat“ erwähnt.
Was macht die Mineralquellen in Bad Cannstatt so besonders?
Bad Cannstatt besitzt nach Budapest das zweitgrößte Mineralwasservorkommen Europas mit einer sehr hohen Schüttung. 11 der 19 Quellen sind als staatliche Heilquellen anerkannt und werden therapeutisch genutzt.
Wo wurde das Automobil erfunden?
Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach entwickelten 1883 im Kurpark von Bad Cannstatt den ersten schnelllaufenden Motor. Die ersten motorisierten Fahrzeuge wurden ebenfalls in Cannstatt getestet, was den Ort zur Geburtsstätte von Motorrad und Automobil macht.
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