27/09/2012
Die Stadt Delmenhorst, gelegen am Fluss Delme und östlich von Bremen, blickt auf eine lange und wechselvolle Geschichte zurück. Was einst als bescheidener Horsthof begann, entwickelte sich über Jahrhunderte hinweg zu einer lebendigen Stadt mit einer reichen industriellen und militärischen Vergangenheit.

- Die Ursprünge: Vom Horsthof zur Burg
- Wechselnde Herrschaften und das Ende der Burg
- Französische Besatzung und das Großherzogtum
- Der Aufstieg zur Industriestadt
- Stadtwerdung und Eingemeindungen
- Bevölkerungsentwicklung
- Militärische Tradition: Die Garnison Delmenhorst
- Historische Presse
- Ein besonderes Kapitel: Die Hotelwiese
- Häufig gestellte Fragen
- Fazit
Die Ursprünge: Vom Horsthof zur Burg
Die Geschichte Delmenhorsts nimmt ihren Anfang um das Jahr 1234. Zu dieser Zeit erwarb der Oldenburger Graf Otto I. einen Hof, der an der Delme lag und den einfachen, aber beschreibenden Namen „de Horst“ trug. Dieser sogenannte Horsthof wird als die eigentliche Keimzelle der späteren Stadt Delmenhorst betrachtet. Es wird angenommen, dass sich an dieser Stelle, voraussichtlich um das Jahr 1247, die erste Befestigungsanlage entwickelte, die zur Burg Delmenhorst wurde. Die erste urkundliche Erwähnung des Namens Delmenhorst selbst datiert aus dem Jahr 1254.
Unter Graf Otto II., der von 1278 bis 1303 herrschte und als Begründer der älteren Linie Delmenhorst gilt, wurde die Burg zu seiner Residenz erhoben. Er sicherte sich die Herrschaft über das Gebiet, das fortan als „Herrschaft Delmenhorst“ bekannt war. Während der Regentschaft dieser älteren Grafenlinie wurde am 15. Juni 1371 ein bedeutender Schritt für die Entwicklung des Ortes getan: Den Bewohnern von Delmenhorst wurde das Stadtrecht nach Bremer Recht verliehen, was die Grundlage für das weitere Wachstum und die Bedeutung der Siedlung legte.
Wechselnde Herrschaften und das Ende der Burg
Die Geschichte Delmenhorsts ist geprägt von häufigen Wechseln der Zugehörigkeit. Im Jahr 1421 ließ sich Graf Nikolaus von Delmenhorst, motiviert durch finanzielle Nöte, zum Erzbischof von Bremen wählen und übertrug im Gegenzug Delmenhorst an das Erzstift Bremen. Doch diese Zugehörigkeit währte nicht lange. 1436 musste Nikolaus abdanken und schloss einen Vertrag mit Graf Dietrich von Oldenburg, wodurch Delmenhorst wieder mit Oldenburg vereint wurde. Nach Dietrichs Tod übernahm sein jüngster Sohn, Graf Gerd, die Regentschaft. Graf Gerd, der sich eher als Straßenräuber denn als Regent einen Namen machte, musste nach einer Belagerung der Burg Delmenhorst im Jahr 1482 durch den Bischof von Münster zugunsten seiner Söhne abdanken. Die Grafschaft Delmenhorst fiel daraufhin an Münster.
Erst im Jahr 1547 gelang es Graf Anton I. von Oldenburg, die Burg und die Grafschaft von Münster zurückzugewinnen. Anton I. ließ die Burg in der Folgezeit zu einem prächtigen Schloss im Stil der Weserrenaissance ausbauen. Die jüngere Linie der Grafen von Delmenhorst regierte bis 1647. Der letzte Regent dieser Linie war Graf Christian. Als er 1647 ohne Erben verstarb, wurde Graf Anton Günther neuer Herrscher, und Delmenhorst wurde durch einen Erbvertrag erneut mit Oldenburg verbunden.
Nach Anton Günthers Tod, wiederum mangels direkter Erben, fielen die Grafschaften Oldenburg und Delmenhorst aufgrund ihrer Verbindungen zum dänischen Königshaus unter dänische Regentschaft. Diese Periode markiert auch das Ende der Delmenhorster Burg. Da Dänemark nicht die Mittel hatte, die baufällige Burg in der abgelegenen Provinz instand zu setzen, wurde ab 1711 mit dem Abriss begonnen. Bis 1787 fiel mit dem Rest des Blauen Turms das letzte sichtbare Relikt der Burg.
Französische Besatzung und das Großherzogtum
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts erlebte Delmenhorst eine weitere Besatzungszeit. 1806 besetzten holländische Truppen, die von französischen Generälen in Marsch gesetzt wurden, das Herzogtum Oldenburg. Von 1811 bis 1813 war das Herzogtum Oldenburg unter Napoleon ein Teil des französischen Kaiserreiches. Nach dem Ende der napoleonischen Ära wurde das Herzogtum Oldenburg mit Delmenhorst 1815 zum Großherzogtum Oldenburg erhoben.
Der Aufstieg zur Industriestadt
Die wahre Transformation Delmenhorsts begann ab der Mitte des 19. Jahrhunderts mit dem Einsetzen der Industrialisierung. Dieser Prozess führte zu einer rapiden wirtschaftlichen Blüte und einem starken Bevölkerungswachstum. Die Stadt entwickelte sich schnell zur größten Industriestadt zwischen Weser und Ems. Treibende Kräfte waren die Gründung zahlreicher Unternehmen in verschiedenen Sektoren. Besonders hervorzuheben sind die Kork- und Zigarrenindustrie, die ab 1850 expandierten. Mit der Eröffnung der Bahnstrecke Bremen–Oldenburg im Jahr 1867 verbesserte sich die Anbindung, was die industrielle Entwicklung weiter beschleunigte.

Bis 1898 war Delmenhorst zum Zentrum für Industrien wie Jute, Kork, Wolle und Linoleum aufgestiegen. Eine der bedeutendsten Gründungen dieser Zeit war die Norddeutschen Wollkämmerei & Kammgarnspinnerei, kurz Nordwolle, im Jahr 1884. Das Areal der Nordwolle prägt bis heute Teile des Stadtbildes und wurde später zu einem städtebaulichen Entwicklungsprojekt.
Stadtwerdung und Eingemeindungen
Die wirtschaftliche Stärke und das Wachstum führten dazu, dass Delmenhorst am 1. Mai 1903 den Status einer Stadt erster Klasse erhielt, was bedeutete, dass sie eine kreisfreie Stadt wurde. In dieser Zeit entstanden oder entwickelten sich die Stadtteile Düsternort, Schafkoven und Hasport. Die Stadtfläche betrug 1910 etwa 19,56 km². Durch die Eingemeindungen von Annenheide, Annenriede, Bungerhof, Iprump und Stickgras im Jahr 1933 vergrößerte sich die Stadt erheblich, auf nunmehr 38,261 km² im Jahr 1939, und schuf Raum für weitere Ausdehnung. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden viele neue Siedlungen, um den zahlreichen Flüchtlingen und Vertriebenen Wohnraum zu bieten. Die letzte größere Gebietsreform fand 1974 statt, als die Gemeinde Hasbergen eingemeindet wurde, wodurch Delmenhorst seine heutige Katastergröße von 62,36 km² erreichte.
Bevölkerungsentwicklung
Die Bevölkerungszahl Delmenhorsts spiegelt die historische Entwicklung wider. Im Mittelalter und der frühen Neuzeit lebten nur wenige hundert Menschen in der Stadt. Kriege, Seuchen und Hungersnöte führten immer wieder zu Rückgängen. Mit der Industrialisierung setzte ab dem 19. Jahrhundert ein starkes Wachstum ein.
| Datum | Einwohner |
|---|---|
| 15. August 1816 | 1.937 |
| 1. Dezember 1871 | 4.018 |
| 1. Dezember 1900 | 16.579 |
| 1. Dezember 1910 | 22.516 |
| 16. Juni 1933 | 31.284 |
| 17. Mai 1939 | 38.261 |
| 13. September 1950 | 57.273 |
| 27. Mai 1970 | 63.266 |
| 31. Dezember 1975 | 71.488 |
| 31. Dezember 1990 | 75.154 |
| 31. Dezember 1995 | 78.226 |
| 31. Dezember 2000 | 76.644 |
| 31. Dezember 2010 | 74.361 |
| 9. Mai 2011 | 73.322 |
| 31. Dezember 2015 | 76.323 |
| 31. Dezember 2020 | 77.503 |
Besonders nach dem Zweiten Weltkrieg verzeichnete die Stadt einen erheblichen Zuwachs durch die Aufnahme von rund 15.000 Heimatvertriebenen, was die Einwohnerzahl bis 1950 auf über 57.000 ansteigen ließ. Der bisherige Höchststand wurde 1995 mit 78.226 Einwohnern erreicht. Nach einem leichten Rückgang in den frühen 2000er Jahren steigt die Einwohnerzahl seit 2011 wieder kontinuierlich an.
Militärische Tradition: Die Garnison Delmenhorst
Delmenhorst hat eine lange militärische Tradition, die bis zum Bau der Delmeburg im 13. Jahrhundert zurückreicht, als dort erstmals Truppen stationiert waren. Diese Präsenz endete zunächst mit dem Abriss der Burg ab 1711. Während des Ersten Weltkriegs wurde 1915 wieder eine militärische Einheit nach Delmenhorst verlegt. In der Zeit des Nationalsozialismus wurden 1934/35 die Caspari-Kaserne und ein Fliegerhorst gebaut.
Nach 1945 dienten die Kasernen zunächst als Unterkunft für Vertriebene und die britische Armee. Mit der Gründung der Bundeswehr im Jahr 1955 kehrte die militärische Nutzung zurück. 1958 zogen erste Einheiten in die Caspari-Kaserne ein. Spätere Kasernen wurden nach Persönlichkeiten wie Diedrich Lilienthal und Barbara benannt.
Die Deutsche Wiedervereinigung führte zu einer erheblichen Truppenreduzierung in den 1990er Jahren. Die Luftwaffe zog ihre Verbände vollständig ab, und die Caspari-Kaserne wurde 1994 geräumt und später abgerissen, um Platz für das neue Stadtquartier „Neues Deichhorst“ zu schaffen. Das Heer reduzierte ebenfalls Einheiten, unterhält aber bis heute eine Präsenz in Delmenhorst, unter anderem mit dem Logistikbataillon 161 und dem 2020 aufgestellten Logistikbataillon 163.
Historische Presse
Delmenhorst verfügt über eine eigenständige Presselandschaft, die mit wenigen Unterbrechungen seit 1808 besteht. Das erste Blatt war „Der Geheime Ausrufer“ im Jahr 1808, das jedoch von der Besatzungsmacht verboten wurde. Ab 1832 erschien das „Wochenblatt für den Kreis Delmenhorst“, das später zum „Delmenhorster Kreisblatt“ wurde und bis 1945 existierte, mit einer Wiederaufnahme nach dem Krieg 1949. Weitere historische Zeitungen waren unter anderem das „Delmenhorster Wochenblatt“, die „Allgemeine Volkszeitung“, die „Delmenhorster Nachrichten“ (später „Nationale Rundschau“) und das „Delmenhorster Volksblatt“ sowie die „Delmenhorster Volkswacht“, die sozialdemokratisch ausgerichtet waren.

Ein besonderes Kapitel: Die Hotelwiese
Ein bemerkenswertes Ereignis der jüngeren Geschichte ist der Vorfall um das Hotel am Stadtpark im Jahr 2006. Die Stadt Delmenhorst erwarb das leerstehende Hotel im Stadtzentrum, um zu verhindern, dass es von einem rechtsextremen Anwalt gekauft und als Tagungszentrum genutzt wird. Mit erheblicher Unterstützung durch Spenden von Bürgern gelang es der Stadt, das Objekt für 3 Millionen Euro zu kaufen. Das alte Hotel wurde später abgerissen und an seiner Stelle die „Hotelwiese“ geschaffen. Die zukünftige Nutzung dieser Fläche ist noch offen, sie dient aber bereits als Veranstaltungsort und wird von Bürgerinitiativen gestaltet.
Häufig gestellte Fragen
Wie hieß Delmenhorst früher?
Der Name Delmenhorst geht auf einen älteren Namen für den Ort zurück, der um 1234 als „de Horst“ bezeichnet wurde. Dieser Name bezog sich auf einen Hof (Horsthof) an der Delme.
Wann erhielt Delmenhorst das Stadtrecht?
Den Bewohnern des Ortes Delmenhorst wurde am 15. Juni 1371 das Stadtrecht nach Bremer Recht verliehen.
Warum wurde Delmenhorst zur Industriestadt?
Die Entwicklung zur Industriestadt begann ab der Mitte des 19. Jahrhunderts mit dem Aufkommen der Industrialisierung. Die verkehrsgünstige Lage nach dem Bahnbau und die Gründung großer Unternehmen in den Bereichen Jute, Kork, Wolle und Linoleum führten zu starkem Wachstum und Wohlstand.
Was passierte mit der Burg Delmenhorst?
Die Burg Delmenhorst wurde ab 1711 unter dänischer Herrschaft abgerissen, da sie baufällig war und keine Mittel für die Instandsetzung vorhanden waren. Das letzte Relikt fiel 1787.
Was ist die „Hotelwiese“?
Die Hotelwiese ist eine Grünfläche im Stadtzentrum von Delmenhorst, die auf dem Gelände eines ehemaligen Hotels entstand, das die Stadt 2006 kaufte und später abreißen ließ, um eine Nutzung durch Rechtsextreme zu verhindern.
Fazit
Die Geschichte Delmenhorsts ist eine faszinierende Erzählung von Transformation und Resilienz. Von den bescheidenen Anfängen an der Delme über die Zeiten wechselnder Herrschaften und den Verlust der historischen Burg bis hin zum Aufstieg als bedeutende Industriestadt und ihrer Entwicklung im 20. und 21. Jahrhundert hat Delmenhorst viele Epochen durchlaufen. Heute ist Delmenhorst eine Stadt, die ihre reiche Vergangenheit ehrt, während sie sich den Herausforderungen und Chancen der Gegenwart stellt.
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