04/01/2022
Bitterfeld-Wolfen ist eine Stadt, deren Name untrennbar mit der deutschen Industriegeschichte verbunden ist. Geprägt von tiefgreifenden Veränderungen, hat sich die Region von einem Zentrum der Schwerindustrie zu einer modernen, lebenswerten Stadt gewandelt, die ihre Wurzeln nicht vergessen hat. Die Geschichte der Produktion in Bitterfeld ist lang und vielfältig, von den Anfängen der Chemie bis hin zu hochmodernen Spezialprodukten, die heute weltweit gefragt sind.

Obwohl Bitterfeld-Wolfen als Stadt in ihrer heutigen Form relativ jung ist, reicht die Geschichte ihrer ältesten Ortsteile weit zurück – über 850 Jahre zeugen von einer langen Besiedlungs- und Entwicklungsgeschichte. Doch Weltgeschichte im klassischen Sinne wurde hier weniger geschrieben als vielmehr Industriegeschichte, und das auf höchstem Niveau.
Die Wurzeln der Industriegeschichte
Die industrielle Entwicklung der Region begann auf eher unspektakuläre Weise. Es waren tatsächlich Wildkaninchen auf dem Pomselberg, die durch ihr Wühlen „schwarze Erde“ ans Tageslicht brachten und so auf die reichhaltigen Braunkohlevorkommen aufmerksam machten. Dieser Fund markierte den Beginn des Braunkohlebergbaus, der das Gesicht der Region maßgeblich prägen sollte – von den frühen 1900er Jahren bis zu seiner Einstellung im Jahr 1992.
Neben der Kohle gab es weitere bemerkenswerte Abbauprodukte. Aus dem Tagebau Goitzsche wurde nicht nur Braunkohle gefördert, sondern auch Bernstein. Dieser „Goitzsche-Bernstein“ fand seinen Weg bis an die Ostsee, wo er zu Schmuck verarbeitet wurde.
Ein weiteres bedeutendes Kapitel der frühen Industrie schrieben die „Greppiner Werke“. Sie waren im 19. Jahrhundert für ihre Ziegel und Terrakotten berühmt, die aufgrund ihrer Qualität und Ästhetik weltweit verbaut wurden. Beispiele hierfür finden sich sogar am Pariser Bahnhof.
Meilensteine, die die chemische Industrie der Region begründeten, waren die Ansiedlungen der Farben- und Filmfabrik durch die Agfa. Im Jahr 1895 wurde die Farbenfabrik gegründet, gefolgt von der Filmfabrik im Jahr 1910. Diese Werke legten den Grundstein für eine blühende chemische Industrie. Auch der Luftschiffbau zu Beginn des 20. Jahrhunderts trug zur industriellen Vielfalt bei.

Bitterfeld als Wiege der Phosphorchemie
Ein besonders wichtiges und langanhaltendes Feld der Bitterfelder Industrie ist die Phosphorchemie. Bitterfeld gilt als die Geburtsstätte der deutschen Phosphorchemie, deren Geschichte hier bis ins Jahr 1900 zurückreicht. Der eigentliche Ausgangsstoff dafür war der gelbe Phosphor, der bereits seit 1900 in Bitterfeld produziert wurde.
Auf dieser Grundlage entwickelte sich über die Jahre eine umfangreiche Produktpalette. Dazu zählten unter anderem Zwischenprodukte, die in der Schmierstoffherstellung eingesetzt wurden, Weichmacher für Kunststoffe sowie verschiedene Schädlingsbekämpfungsmittel. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist das Insektizid Bi 58, das auch heute noch erhältlich ist und die lange Tradition der chemischen Produktion in Bitterfeld verdeutlicht.
Der Wandel und die Neuausrichtung
Mit der politischen Wende im Jahr 1989 stand die traditionelle Industrie in Bitterfeld vor enormen Herausforderungen. Viele der etablierten Produkte und Märkte brachen weg. Zudem waren zahlreiche Anlagen sanierungsbedürftig und ein Weiterbetrieb war oft nicht mehr wirtschaftlich. Dies führte zu einem tiefgreifenden Strukturwandel, der von der Stilllegung von Anlagen und dem Verlust zehntausender Arbeitsplätze begleitet wurde.
Doch der Wandel brachte auch Chancen. Er ebnete den Weg für Neuinvestitionen, Ausgründungen und Übernahmen, die die Industrielandschaft neu gestalteten. Ein Glücksfall für Bitterfeld war die Übernahme des sogenannten Phosphorchloride-Betriebs von der Treuhand durch das niederländische Chemieunternehmen Akzo Nobel im Jahr 1994. Dies erwies sich als vorteilhaft für beide Seiten: Bitterfeld profitierte vom Know-how von Akzo Nobel, während das Unternehmen auf hochmotivierte und im Umgang mit Phosphor erfahrene Mitarbeiter zurückgreifen konnte. In den folgenden Jahren verdoppelte sich die Belegschaft des Bitterfelder Werkes, ein Zeichen für den Aufschwung.
20 Jahre moderne Flammschutzmittelproduktion
Ein herausragendes Beispiel für die erfolgreiche Neuausrichtung ist die Produktion von Flammschutzmitteln auf Basis von Phosphor. Am 29. April 1997 eröffnete Akzo Nobel eine Fabrik zur Herstellung dieser wichtigen Produkte. Mit einer Bauzeit von fast zwei Jahren entstand hier die weltweit modernste Produktionsanlage ihrer Art. Es ist faszinierend zu sehen, wie aus dem im wahrsten Sinne des Wortes „brandgefährlichen“ Phosphor Produkte mit genau den gegenteiligen Eigenschaften hergestellt werden: hochwirksame Flammschutzmittel.
Diese Flammschutzmittel sind aus unserem modernen Leben kaum noch wegzudenken, auch wenn ihre Präsenz oft unbemerkt bleibt. Sie ermöglichen es beispielsweise, Häuser effektiv mit Schaumstoffen zu isolieren und so den Brandschutz zu verbessern. In Kraftfahrzeugen werden immer mehr Bauteile aus flammfestem Kunststoff gefertigt, was nicht nur die Sicherheit erhöht, sondern die Fahrzeuge auch leichter und damit wirtschaftlicher macht. Auch in der Computertechnik ist die Nutzung von schwer brennbaren elektronischen Bauteilen zum Standard geworden. Bitterfelder Produkte tragen also maßgeblich zur Sicherheit in vielen Bereichen unseres Alltags bei.

Seit fast zehn Jahren gehört die Bitterfelder Flammschutzmittelproduktion zur ICL Familie. ICL war bereits zuvor ein bedeutender Hersteller von Flammschutzmitteln, allerdings basierten diese überwiegend auf Brom. Durch die Integration des Bitterfelder Werkes kann ICL nun ein umfassendes Programm an Flammschutzmitteln anbieten, das sowohl Phosphor- als auch Brom-basierte Lösungen umfasst und speziell auf die jeweiligen Anwendungen zugeschnitten werden kann. Diese breite Aufstellung im Markt sichert die Zukunft des Standortes und die Fortsetzung der Produktion.
Innovative Produkte aus Bitterfeld
Die Industriegeschichte Bitterfelds ist reich an Innovationen. Neben den bereits erwähnten chemischen Produkten und dem Flammschutzmittel gibt es zahlreiche weitere Beispiele für wegweisende Entwicklungen, die ihren Ursprung in dieser Region hatten und weltweite Bedeutung erlangten:
- Der erste Röntgenfilm
- Der erste Color-Negativfilm für einen abendfüllenden Spielfilm
- Die Legierung für das erste Ganzmetallflugzeug der Welt
- Die erste künstliche Faser
- Synthetische Edelsteine
- Das Warenzeichen ORWO, das nach dem Zweiten Weltkrieg die Marke Agfa ablöste und für fotografische Produkte stand
Diese Beispiele verdeutlichen die hohe Innovationskraft und das technische Know-how, das in Bitterfeld über Jahrzehnte hinweg vorhanden war und ist.
Bitterfeld-Wolfen Heute: Eine Grüne Industriestadt am See
Nach dem tiefgreifenden Strukturwandel hat sich Bitterfeld-Wolfen neu erfunden. Die Stadt präsentiert sich heute als eine „grüne Industriestadt am See“. Mit rund 39.000 Einwohnern ist sie das gesellschaftliche, wirtschaftliche und soziale Zentrum des Landkreises Anhalt-Bitterfeld.
Die negativen Hinterlassenschaften der Vergangenheit sind weitgehend beseitigt. An die Stelle ehemaliger Tagebaue ist eine beeindruckende Seenlandschaft getreten. Durch die Flutung des Tagebaurestlochs „Goitzsche“ entstand eine 25 Quadratkilometer große Wasserfläche. Dort, wo der See die Stadt berührt, befindet sich die „Wasserfront“ – ein Natur- und Freizeitparadies mit einer Seepromenade, einem Hafen, dem markanten Pegelturm und mehreren Badestränden. Der Goitzsche-See ist heute ein beliebtes Ziel für Erholungssuchende und Touristen.
Bitterfeld-Wolfen bietet seinen Bewohnern ein ausgewogenes Umfeld. Das Wohnungsangebot ist vielfältig und auf unterschiedliche Bedürfnisse zugeschnitten. Die Infrastruktur in den Bereichen Gesundheit und Soziales ist gut ausgebaut, mit einem modernen Krankenhaus und einer Vielzahl praktizierender Fachärzte. Das Bildungsangebot umfasst alle Schulformen, ergänzt durch eine Musikschule und eine Außenstelle der Volkshochschule. Auch die Kinderbetreuung ist vorbildlich, mit Ganztagsbetreuung in Horten und einer großen Auswahl an Kindertagesstätten mit unterschiedlichen Konzepten.
Verkehrstechnisch ist die Stadt optimal angebunden. Sie liegt direkt an der Autobahn A 9 und verfügt über einen eigenen ICE-Haltepunkt, was schnelle Verbindungen nach Leipzig und Halle ermöglicht. Auch der öffentliche Nahverkehr ist gut ausgebaut. Die Nähe zu kulturellen Highlights wie dem Dessauer-Wörlitzer Gartenreich und dem Flughafen Leipzig-Halle unterstreicht die gute Lage.

Neben der Erholung am See bietet Bitterfeld-Wolfen vielfältige Freizeitmöglichkeiten. Die Fuhneaue ist ein Landschaftsschutzgebiet und ein Kleinod vielfältiger Flora und Fauna, ideal für Spaziergänge und Radtouren. Der „Bitterfelder Bogen“ bietet einen tollen Panoramablick über die Stadt und ihr Umland. Das Vereinsleben ist außergewöhnlich aktiv, mit rund 250 Vereinen und Interessengruppen. Kulturelle und sportliche Einrichtungen wie das Städtische Kulturhaus, Museen, Bibliotheken, Schwimmbäder und Stadien sorgen für ein abwechslungsreiches Leben. Attraktive Großveranstaltungen wie der Goitzsche-Marathon oder das Hafenfest locken Besucher von nah und fern.
Häufig gestellte Fragen
Was genau wurde in Bitterfeld produziert?
In Bitterfeld wurde und wird eine breite Palette industrieller Produkte hergestellt. Historisch bedeutend waren Braunkohle, Bernstein, Ziegel und Terrakotten sowie Produkte der chemischen Industrie wie Farben, Filme (Agfa, ORWO), Zwischenprodukte für Schmierstoffe, Weichmacher und Schädlingsbekämpfungsmittel. Heute liegt ein Schwerpunkt auf hochmodernen Phosphor-basierten Flammschutzmitteln.
Wie alt ist die Stadt Bitterfeld-Wolfen?
Bitterfeld-Wolfen ist als Stadt in ihrer jetzigen Form relativ jung, entstanden durch die Fusion mehrerer Gemeinden. Der älteste Ortsteil ist jedoch über 850 Jahre alt.
Ist Bitterfeld-Wolfen eine Stadt?
Ja, Bitterfeld-Wolfen ist eine kreisangehörige Stadt im Landkreis Anhalt-Bitterfeld und fungiert als dessen Zentrum.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Bitterfeld-Wolfen eine Stadt mit einer reichen und facettenreichen Industriegeschichte ist, die einen beeindruckenden Wandel durchlebt hat. Von der Wiege der deutschen Phosphorchemie und einem Zentrum innovativer Produkte hat sie sich zu einer modernen, grünen Industriestadt am See entwickelt, die Lebensqualität und wirtschaftliche Perspektiven bietet.
Wenn du mehr spannende Artikel wie „Bitterfeld-Wolfen: Wandel & Industrie“ entdecken möchtest, schau doch mal in der Kategorie Bürobedarf vorbei!
