Neckarsulms Geschichte: Vom Sulm zur Industriestadt

28/06/2016

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Neckarsulm ist heute eine wirtschaftlich bedeutende Große Kreisstadt am Zusammenfluss von Neckar und Sulm im Landkreis Heilbronn. Doch die Stadt blickt auf eine lange und wechselvolle Geschichte zurück, die weit vor den großen Industriebetrieben begann und auch einen anderen Namen trug.

Übersicht

Die Ursprünge und Herrschaften

Die Anfänge von Neckarsulm reichen weit ins Mittelalter zurück. Zunächst befand sich der Ort im Besitz der Staufer. Vor dem Jahr 1212 wurde Sulm, wie die Stadt damals hieß, als Lehen an die Herren von Weinsberg gegeben. Diese waren maßgeblich an der frühen Entwicklung beteiligt und errichteten die Burganlage auf dem Scheuerberg. Auch die Anfänge des Stadtschlosses, das heute noch ein prägnantes Bauwerk ist, gehen auf das 13. Jahrhundert zurück. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts erhielt der Ort wichtige Stadt- und Marktrechte, was seine wachsende Bedeutung unterstreicht. Aus dieser Zeit stammt wohl auch die Stadtmauer, die die Siedlung schützte.

Die Herrschaft wechselte im Laufe der Jahrhunderte mehrfach. Im Jahr 1335 verkauften die Herren von Weinsberg den Ort unter anderem an das Erzstift Mainz. Doch auch diese Periode war nicht von Dauer. Mitte des 15. Jahrhunderts, genauer gesagt bis 1483, verpfändete das Erzstift Mainz Sulm an die Herren von Sickingen. Ein entscheidender Wechsel fand schließlich im Jahr 1484 statt: Durch einen Tausch kam die Stadt vom Erzstift Mainz an den Deutscher Orden. Diese Herrschaft prägte Neckarsulm maßgeblich und dauerte sehr lange, nämlich bis ins Jahr 1805. Noch heute zeugen das Stadtwappen mit dem schwarzen Kreuz auf weißem Grund und die Stadtfarben Schwarz-Weiß von dieser langen Zugehörigkeit.

Die Namensgebung: Von Sulm zu Neckarsulm

Ein zentraler Punkt in der Geschichte der Stadt ist die Entwicklung ihres Namens. Über lange Zeit wurde der Ort schlicht als „Sulm“ bezeichnet. Erst im Laufe des 16. Jahrhunderts setzte sich allmählich der heute gebräuchliche Name „Neckarsulm“ durch. Dies spiegelt die geografische Lage wider: Die Stadt liegt am Zusammenfluss des Flusses Sulm mit dem Neckar. Die Namensänderung verdeutlicht die Bedeutung beider Gewässer für die Stadt und ihre Identität.

Für die Einwohner von Neckarsulm ist die korrekte Aussprache des Stadtnamens von großer Bedeutung. Sie legen Wert darauf, dass die Sulm in den Neckar fließt und es deshalb „Neckar-sulm“ heißt – und nicht etwa „Neckars-ulm“, was implizieren würde, die Stadt sei ein Ulm am Neckar.

Turbulente Zeiten und Wiederaufbau

Die Geschichte Neckarsulms war auch von Konflikten und Zerstörung geprägt. Im Bauernkrieg von 1525 wurde die Burganlage auf dem Scheuerberg, der Verwaltungssitz des Deutschordensamtmanns, von aufgebrachten Bauern zerstört. Die Burg wurde danach nicht wieder aufgebaut. Der Verwaltungssitz des Deutschen Ordens zog daraufhin in das Stadtschloss, das ebenfalls stark beschädigt war, aber wiederhergestellt wurde.

Im Laufe des 16. Jahrhunderts wurden wichtige städtische Gebäude errichtet, darunter das Rathaus, die Große Kelter und der Vorgängerbau der heutigen Stadtpfarrkirche St. Dionysius.

Der Dreißigjährige Krieg (1618-1648) brachte großes Leid über die Bevölkerung von Neckarsulm. Die Stadt musste mehrfach wechselnde militärische Besatzungen und eine Pestepidemie ertragen. Auch Ende des 17. bis Mitte des 18. Jahrhunderts litt Neckarsulm im Zuge verschiedener Kriege erneut unter militärischen Besatzungen. In diese Zeit fielen aber auch bedeutende Neubauten wie die neue Stadtkirche St. Dionysius und ein neues Rathaus.

Übergang zu Württemberg und Industrialisierung

Nach den napoleonischen Kriegen kam es zu einer grundlegenden politischen Neuordnung. Aufgrund des Reichsdeputationshauptschlusses bzw. des Preßburger Friedens fiel Neckarsulm im Jahr 1805 an Württemberg, das ab 1806 ein Königreich war. Ab 1807 wurde Neckarsulm zur württembergischen Oberamtsstadt ernannt.

Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein war Neckarsulm vor allem eine ländlich geprägte Stadt, deren Wirtschaft von Landwirtschaft und Weinbau lebte. Der Weinbau hatte eine lange Tradition; 1855 wurde hier sogar die älteste Weinbaugenossenschaft des Landes gegründet.

Das Ende des 19. Jahrhunderts markierte jedoch einen rasanten Wandel. Neckarsulm entwickelte sich zu einer Industriestadt. Begünstigt wurde diese Entwicklung durch den Anschluss an die Eisenbahn im Jahr 1866 und die strategisch günstige Lage am Neckar. Den größten Anteil an dieser Industrialisierung hatte die seit 1880 in Neckarsulm ansässige Strickmaschinenfabrik Christian Schmidt. Unter dem späteren weltbekannten Firmennamen NSU produzierte das Unternehmen zunächst Fahrräder, dann Motorräder und schließlich auch Autos. Heute gehört das Werk zur Audi AG.

Diese industrielle Entwicklung führte zu einem starken Bevölkerungswachstum. Die Einwohnerzahl verdoppelte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts von 1.863 im Jahr 1801 auf 3.707 im Jahr 1900. Um der wachsenden Stadt Raum zu geben, wurde die historische Stadtbefestigung nach und nach entfernt. Der Zuzug auswärtiger Arbeiter veränderte auch die Struktur der bis dahin traditionell katholisch geprägten Stadt. Eine Ortsgruppe der SPD entstand 1898, und die protestantische Gemeinde wuchs seit der Mitte des Jahrhunderts stetig an.

Das 20. Jahrhundert und die Nachkriegszeit

Während der Zeit des Dritten Reiches und des Zweiten Weltkrieges erlangte die Stadt durch den Standort einer Kaserne und kriegswichtiger Industriebetriebe (Karl Schmidt, NSU) eine besondere Bedeutung. Dies hatte jedoch auch verheerende Folgen. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges, am 1. März 1945, wurde die Innenstadt durch einen amerikanischen Bombenangriff weitgehend zerstört.

Der Wiederaufbau prägte die Stadt in den 1950er Jahren. Historische Gebäude wurden zum Teil originalgetreu wieder aufgebaut, während an anderen Stellen, etwa im Bereich des Marktplatzes, durch den Verzicht auf den Wiederaufbau ein neues Stadtbild entstand.

Ein wichtiger Schritt zur Schaffung von Wohnraum nach dem Krieg war der Bau des Stadtteils Amorbach in den Jahren 1953 bis 1955. Als Bundesmustersiedlung auf dem Amorbacher Feld zwischen Neckarsulm und Dahenfeld konzipiert, bot er Wohnraum für 3.000 Menschen, insbesondere für Vertriebene, Ausgebombte und Pendler, die in den wachsenden Industriebetrieben Neckarsulms arbeiteten. Der Stadtteil wurde in den 1990er Jahren erweitert und ist heute Heimat für rund 6.000 Bürgerinnen und Bürger.

Jüngere Geschichte und heutige Bedeutung

Im Zuge der Gebietsreform in Baden-Württemberg schlossen sich die umliegenden Gemeinden Neckarsulm an. Am 1. Mai 1971 wurde Dahenfeld eingemeindet, am 1. Mai 1972 folgte die Eingemeindung von Obereisesheim. Ein Jahr später, am 1. Januar 1973, wurde die Stadt Neckarsulm zur Großen Kreisstadt erklärt, was ihren Rang und ihre Bedeutung in der Region unterstrich.

Mit rund 26.800 Einwohnern (Stand: November 2024) ist Neckarsulm heute die größte Stadt im Landkreis Heilbronn und ein herausragender Wirtschaftsstandort. Neben den global agierenden Unternehmen wie der Audi AG, Rheinmetall Automotive (früher KS Kolbenschmidt), der Unternehmensgruppe Schwarz (mit Lidl & Kaufland) und der Bechtle GmbH (Deutschlands größtes Systemhaus) beherbergt die Stadt zahlreiche mittelständische und kleine Betriebe. Neckarsulm versteht sich als wichtiger Standort für zukunftsträchtige Produktionsbereiche und Dienstleistungen. Die wirtschaftliche Stärke zeigt sich auch in der Zahl der Arbeitsplätze: Mit rund 36.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten hat die Stadt deutlich mehr Arbeitsplätze als Einwohner.

Kultur, Freizeit und lokale Besonderheiten

Neben seiner wirtschaftlichen Bedeutung bietet Neckarsulm auch ein reichhaltiges kulturelles und freizeitliches Angebot.

Das Deutsche Zweirad- und NSU-Museum im historischen Deutschordensschloss ist ein Muss für Technik- und Geschichtsinteressierte. Es beherbergt seit 1956 die deutschlandweit größte historische Sammlung dieser Art mit rund 400 Exponaten, von frühen Laufrädern über Hochräder bis hin zu Motorrädern vieler Nationen und natürlich der legendären NSU-Fahrzeuge, die Fans in aller Welt begeistern.

Das Stadtmuseum Neckarsulm bietet eine multimediale Zeitreise durch 1200 Jahre Stadtgeschichte mit lebendigen Inszenierungen, Hörspielen und Videofilmen. Es gehört zu den Highlights der Museumslandschaft in Baden-Württemberg.

Für Entspannung und Spaß sorgt das Freizeitbad AQUAtoll mit seiner karibischen Bade- und Saunalandschaft unter einer transparenten Kuppel, Wildwasserbahn, Rutschen und einer speziellen "Piratenwelt" für Kinder. Das angeschlossene Sportbad bietet ideale Bedingungen für Schwimmer.

Neckarsulm ist auch für seine lebendige Festkultur bekannt. Höhepunkt ist das jährliche Ganzhornfest, ein großes Herbstfest, das Zehntausende Besucher anzieht. Auch das Weindorf des Weinbauvereins ist ein fester Bestandteil des Veranstaltungskalenders. Die Tradition des Weinbaus ist in Neckarsulm tief verwurzelt, was sich auch in den zahlreichen Besenwirtschaften zeigt, die saisonal öffnen und Weine aus eigenem Anbau sowie deftige Speisen anbieten.

Ein attraktiver Einkaufsbummel ist in der großzügig gestalteten Fußgängerzone möglich. Im Sommer verwandelt sich der Marktplatz bei der Konzertreihe "Donnerstags in die City" in eine Open-Air-Bühne.

Eine nette Besonderheit ist der Service des kostenlosen Parkens mit Parkscheibe auf öffentlichen Parkplätzen in der Innenstadt und in städtischen Tiefgaragen (bis zu zwei Stunden, im Parkhaus "Ballei" bis zu vier Stunden).

Insiderwissen: Neckarsulm für Anfänger

Wie viele Orte hat auch Neckarsulm seine Eigenheiten und Begriffe, die für "Rei'gschmeckte" (Neuzugezogene) nicht sofort verständlich sind. Hier ein kleines Wörterbuch:

  • Neckars-ulm contra Neckar-sulm: Wie erwähnt, ist die korrekte Aussprache "Neckar-sulm" wichtig, um die lokale Identität zu respektieren.
  • Besen: Wenn Neckarsulmer in den "Besen" gehen, meinen sie damit nicht das Putzgerät. Es sind die saisonal geöffneten, gemütlichen Lokale der Weinbauern (Wengerter), wo eigener Wein und deftige Speisen angeboten werden.
  • Es hält kein Zug am Dahenfelder Bahnhof: Dies bezeichnet eine Schutzhütte aus Holz am Waldrand zwischen Neckarsulm und Dahenfeld. Obwohl nie ein Zug dort hielt, ist es ein bekannter Treffpunkt für Jogger und Wanderer.
  • Scheuerberg: Einer der schönsten Aussichtsberge der Umgebung. Bekannt für seinen Weinbau. Der Aufstieg muss zu Fuß erfolgen, bietet aber eine tolle Aussicht. Ein Weinlehrpfad informiert über den Weinbau.
  • NSU: Die Abkürzung leitet sich vom Stadtnamen (NeckarSUlm) ab und war ursprünglich der Firmen- und Markenname der Strickmaschinenfabrik Christian Schmidt, die später Fahrräder, Motorräder und Autos produzierte. Auch wenn das Werk heute zur Audi AG gehört, wird das Gelände, besonders von älteren Einwohnern, oft noch als "die NSU" bezeichnet. Die Abkürzung ist inzwischen auch als Kurzform für den Stadtnamen gebräuchlich.
  • Spitznamen: Früher gab es für die Einwohner der umliegenden Orte Spitznamen. Die Neckarsulmer waren die "Spitzdappen". Die Dahenfelder wurden "Remichel" (nach ihrem Schutzpatron St. Remigius) genannt, und die Obereisesheimer die "Zwetschgenmärtle" (wegen des Zwetschgenanbaus). Diese Namen hört man hin und wieder auch heute noch.

Ist Neckarsulm reich?

Basierend auf Daten aus der Reichenliste des Manager Magazin konzentriert sich in Neckarsulm ein erhebliches Vermögen. Mit einem Gesamtvermögen von 29 Milliarden Euro bei knapp 27.000 Einwohnern ergibt sich rechnerisch, dass jede und jeder Einwohner im Schnitt Millionär ist. Dies ist eine Besonderheit, die auf die in der Stadt ansässigen großen Unternehmen und die dort lebenden Eigentümer zurückzuführen ist.

Häufig gestellte Fragen

Hier finden Sie Antworten auf einige häufig gestellte Fragen zur Geschichte und Identität Neckarsulms:

Wie hieß Neckarsulm früher?
Die Stadt hieß früher schlicht "Sulm". Der Name "Neckarsulm" setzte sich erst im 16. Jahrhundert durch.

Warum heißt die Stadt Neckarsulm?
Der Name leitet sich von ihrer Lage am Zusammenfluss des Flusses Sulm mit dem Neckar ab.

Wie spricht man Neckarsulm korrekt aus?
Die korrekte und von den Einheimischen bevorzugte Aussprache ist "Neckar-sulm".

Welche Bedeutung hatte der Deutsche Orden für Neckarsulm?
Der Deutsche Orden beherrschte die Stadt von 1484 bis 1805. Seine Herrschaft ist noch heute im Stadtwappen und den Stadtfarben (Schwarz-Weiß) sichtbar. Das historische Stadtschloss war lange Zeit sein Verwaltungssitz.

Was ist NSU?
NSU war der Markenname der Strickmaschinenfabrik Christian Schmidt, die in Neckarsulm ansässig war und später Fahrräder, Motorräder und Autos produzierte. Heute ist es eine legendäre Marke, deren Geschichte im Zweirad-Museum dokumentiert ist. NSU ist auch eine gebräuchliche Abkürzung für den Stadtnamen.

Was versteht man unter einem "Besen" in Neckarsulm?
Ein "Besen" ist eine saisonal geöffnete Gaststätte eines Weinbauern (Wengerter), die eigenen Wein und typisch schwäbische, deftige Speisen anbietet.

Stimmt es, dass Neckarsulm eine reiche Stadt ist?
Basierend auf Vermögensdaten pro Kopf, die von Publikationen wie dem Manager Magazin veröffentlicht werden, gilt Neckarsulm rechnerisch als eine der reichsten Städte Deutschlands, was auf die Konzentration großer Unternehmen und Vermögen zurückzuführen ist.

Zeitleiste wichtiger Ereignisse in Neckarsulms Geschichte

Zeitraum / JahrEreignis
Vor 1212Sulm wird Lehen der Herren von Weinsberg
13. JahrhundertBau der Burganlage auf dem Scheuerberg, Anfänge des Stadtschlosses
Anfang 14. JahrhundertErhalt von Stadt- und Marktrechten, Bau der Stadtmauer
1335Verkauf an das Erzstift Mainz
1484Tausch an den Deutschen Orden
1525Zerstörung der Burg Scheuerberg im Bauernkrieg
16. JahrhundertBau von Rathaus, Großer Kelter, Stadtpfarrkirche; Name "Neckarsulm" setzt sich durch
1618-1648Dreißigjähriger Krieg (Besatzungen, Pest)
Ende 17. - Mitte 18. JahrhundertErneute militärische Besatzungen, Bau neuer Kirche und Rathaus
1805 / 1806Übergang an Württemberg
1807Wird württembergische Oberamtsstadt
1855Gründung der ältesten Weinbaugenossenschaft
1866Anschluss an die Eisenbahn
1880Ansiedlung der Strickmaschinenfabrik Christian Schmidt (später NSU)
1953-1955Bau des Stadtteils Amorbach
1. Mai 1971Eingemeindung von Dahenfeld
1. Mai 1972Eingemeindung von Obereisesheim
1. Januar 1973Erklärung zur Großen Kreisstadt

Neckarsulm ist somit mehr als nur ein Wirtschaftsstandort. Es ist eine Stadt mit einer tiefen historischen Verwurzelung, die ihre Entwicklung vom kleinen "Sulm" über die Prägung durch den Deutschen Orden und die ländliche Zeit zur heutigen modernen Industriestadt und Heimat bedeutender globaler Unternehmen durchlaufen hat. Die lokale Kultur, die Traditionen wie der Weinbau und die "Besenwirtschaften" sowie die gelebten Besonderheiten machen den Charme Neckarsulms aus.

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