07/05/2014
Haben Sie sich jemals gefragt, wie die Brille, dieses alltägliche und doch so revolutionäre Hilfsmittel, früher hieß? Bevor sie den Namen „Brille“ trug, der sich vom spätmittelhochdeutschen Wort „berille“ ableitet, benutzte man Bezeichnungen wie „Augenglas“ oder „Augengläser“. Der Name „berille“ wiederum geht auf das Mineral „Beryll“ zurück, aus dem ursprünglich die ersten Linsen geschliffen wurden.

Die Geschichte der Brille ist eine Geschichte ständiger Innovation und Anpassung, die vor über 700 Jahren in Italien ihren Anfang nahm und unsere Fähigkeit, die Welt klar zu sehen, für immer veränderte.
Die Ursprünge der Brille: Von Lesesteinen zur Nietbrille
Bereits in der Antike waren vergrößernde optische Hilfsmittel bekannt. Seneca der Jüngere beschrieb im 1. Jahrhundert n. Chr., wie kleine Buchstaben durch eine mit Wasser gefüllte Kugel größer erschienen. Doch der entscheidende Schritt zur Brille, wie wir sie kennen, erfolgte im 13. Jahrhundert.
Wichtige theoretische Vorarbeiten lieferte der arabische Mathematiker und Optiker Alhazen mit seinem „Schatz der Optik“, der um 1240 ins Lateinische übersetzt wurde. Alhazen beschrieb die vergrößernde Wirkung eines Glaskugelsegments, des späteren Lesesteins. Dieser Lesestein, oft aus Bergkristall geschliffen, war ein wichtiger Vorläufer der Brille.
Die Erfindung der tatsächlich vor den Augen getragenen Lesebrille, insbesondere für beide Augen, wird auf das späte 13. Jahrhundert in Norditalien datiert, wahrscheinlich um 1285 in der Toskana. Auch wenn die genaue Person des Erfinders unbekannt bleibt (Namen wie Salvino degli Armati oder Alessandro della Spina wurden genannt, sind aber historisch umstritten), so steht fest, dass um 1300 die Brillenherstellung, etwa in Murano bei Venedig, bereits etabliert war.
Die ersten Brillen besaßen noch keine Bügel. Es handelte sich um sogenannte „Nietbrillen“ oder „Bogenbrillen“, bei denen zwei Gläser durch einen Niet oder Bogen verbunden waren und einfach auf die Nase geklemmt wurden. Diese frühen Modelle hatten ausschließlich konvex geschliffene Linsen und waren daher nur für weitsichtige oder alterssichtige Menschen geeignet. Die ältesten erhaltenen Nietbrillen stammen aus dem 14. Jahrhundert und wurden 1953 im Kloster Wienhausen gefunden.
Die älteste bildliche Darstellung einer Brille findet sich auf Fresken von Tommaso da Modena aus dem Jahr 1352 in Treviso, Italien. Nördlich der Alpen ist der „Brillenapostel“ auf einem Altar von Conrad von Soest aus dem Jahr 1403 in Bad Wildungen eine frühe Darstellung.
Die Evolution der Brillengläser
Die Entwicklung der Brillengläser war ebenso entscheidend wie die der Fassungen. Während konvexe Gläser zur Korrektur von Weitsichtigkeit früh verbreitet waren, dauerte es länger, bis auch kurzsichtige Menschen mit Brillen versorgt werden konnten.

Konkave Gläser zur Korrektur der Kurzsichtigkeit wurden wohl erst ab dem 16. Jahrhundert allgemein gebräuchlich. Zylindergläser zur Korrektur von Astigmatismus (Hornhautverkrümmung) kamen sogar erst im 19. Jahrhundert auf.
Ein weiterer Meilenstein war die Erfindung der Bifokalbrille durch Benjamin Franklin um 1784. Er kombinierte zwei Linsen mit unterschiedlicher Wirkung in einem Glas, um sowohl in der Ferne als auch in der Nähe klar sehen zu können, ohne die Brille wechseln zu müssen.
Moderne Brillengläser sind hochkomplexe optische Systeme. Sie werden aus verschiedenen Materialien wie Mineralglas und Kunststoff gefertigt und können mit zahlreichen Eigenschaften ausgestattet sein:
- Brechungsindex: Ein höherer Index ermöglicht dünnere Gläser bei gleicher Stärke.
- Abbe-Zahl: Beschreibt die Farbstreuung (Dispersion); ein hoher Wert bedeutet weniger Farbsäume.
- Tönungen: Reduzieren die Lichtdurchlässigkeit, wichtig bei Sonnenbrillen oder erhöhter Blendempfindlichkeit. Selbsttönende (phototrope) Gläser passen sich an.
- Entspiegelungen: Reduzieren störende Lichtreflexe auf der Glasoberfläche.
- Hartschichten: Erhöhen die Kratzfestigkeit, besonders bei Kunststoffgläsern.
- UV-Schutz: Schützt die Augen vor schädlicher ultravioletter Strahlung.
Die Stärke eines Brillenglases wird in Dioptrien (dpt) gemessen. Man unterscheidet grundlegend:
- Sphärische Gläser: Korrigieren Kurz- oder Weitsichtigkeit (Minus- oder Plusgläser).
- Zylindrische/Torische Gläser: Korrigieren Astigmatismus.
- Mehrstärken- oder Multifokalgläser: Kombinieren mehrere Brennpunkte. Dazu gehören Bifokalbrillen (zwei Bereiche) und Gleitsichtbrillen (stufenloser Übergang zwischen verschiedenen Entfernungen).
Die Entwicklung geht weiter zu asphärischen und Freiformgläsern, die individuell für das Auge berechnet werden, um Abbildungsfehler zu minimieren und das Gesichtsfeld zu optimieren.
Bestandteile einer modernen Brille
Eine moderne Brille besteht aus mehreren funktionalen Teilen, die zusammenarbeiten, um die Gläser sicher und komfortabel vor den Augen zu positionieren. Hier sind die wichtigsten Komponenten:
| Teil (Deutsch) | Funktion |
|---|---|
| Gläser | Korrigieren die Fehlsichtigkeit oder schützen die Augen. |
| Fassung / Ränder | Halten die Gläser an ihrem Platz und geben der Brille ihre Form. |
| Steg | Verbindet die Ränder über der Nase und trägt einen Großteil des Gewichts. |
| Nasenpads / Seitenstege | Kleine Auflageflächen am Steg, die für Komfort und Halt auf dem Nasenrücken sorgen (oft verstellbar). |
| Padarme | Die kleinen Arme, die Nasenpads mit der Fassung verbinden (bei Fassungen mit separaten Pads). |
| Bügel | Die langen Arme an den Seiten, die hinter den Ohren sitzen und die Brille am Kopf halten. |
| Endstücke | Die Teile der Fassung, die die Bügel mit den Rändern verbinden. |
| Scharniere | Ermöglichen das Auf- und Zuklappen der Bügel. |
| Schrauben | Befestigen die Scharniere und halten die Bügel an der Fassung. |
| Nieten | Können Scharniere befestigen oder rein dekorativ sein. |
| Verzierungen | Dekorative Elemente an der Fassung. |
Fassungen werden aus einer Vielzahl von Materialien hergestellt, darunter verschiedene Metalle (Edelstahl, Titan), Kunststoffe (Celluloseacetat, Polyamid) und seltener auch Holz oder Horn. Die Materialwahl beeinflusst Gewicht, Haltbarkeit, Flexibilität und Verträglichkeit (Allergien).
Anpassung und Kosten
Eine optimale Sehkorrektur erfordert eine präzise Anpassung der Brille. Dazu gehören die Bestimmung der benötigten Glasstärke (Refraktion), die Messung des Pupillenabstands (PD) und des Hornhautscheitelabstands sowie die korrekte Zentrierung der Gläser in der Fassung. Diese Schritte werden in der Regel von Augenärzten oder Augenoptikern durchgeführt.
Bei Kindern ist eine augenärztliche Untersuchung vor der ersten Brille besonders wichtig, da Fehlsichtigkeiten die Sehentwicklung beeinträchtigen und zu irreversible Schwachsichtigkeit (Amblyopie) oder Schielen führen können. Regelmäßige Kontrollen sind unerlässlich.
Die Kosten für Brillen variieren stark je nach Qualität der Gläser (Material, Entspiegelung, Hartschicht, Tönung, Art des Glases wie Gleitsicht) und der Fassung. In Deutschland übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für Brillengläser nur noch für Kinder und Jugendliche sowie in Ausnahmefällen bei sehr starken Fehlsichtigkeiten oder Sehbehinderung. Die Kosten für die Fassung müssen Erwachsene in der Regel selbst tragen.

Alternativen zur Brille sind Kontaktlinsen oder refraktive Chirurgie (Augenoperationen), die jedoch nicht für jeden geeignet sind und eigene Vor- und Nachteile haben.
Spezialbrillen für verschiedene Zwecke
Neben der klassischen Korrektionsbrille gibt es viele Spezialbrillen für unterschiedliche Anforderungen:
- Sonnenbrillen: Schützen vor Blendung, UV-Strahlung und Reflexionen.
- Bildschirmarbeitsplatzbrillen: Optimiert für mittlere Entfernungen (Monitor, Schreibtisch).
- Schutzbrillen: Schützen die Augen vor mechanischen, chemischen oder thermischen Einwirkungen (z.B. Sportbrillen, Laborbrillen, Industriearbeit).
- Tauchmasken & Schwimmbrillen: Ermöglichen klares Sehen unter Wasser und schützen die Augen. Tauchmasken umschließen auch die Nase für den Druckausgleich.
- Lupenbrillen: Kombinieren Korrektur mit Vergrößerung für Arbeiten im Nahbereich (z.B. in Medizin, Technik).
- 3D-Brillen: Trennen Bilder für rechtes und linkes Auge, um einen räumlichen Eindruck zu erzeugen.
- Videobrillen / VR-Brillen: Zeigen Bilder auf integrierten Monitoren für virtuelle oder erweiterte Realität.
Brillen in Gesellschaft und Kultur
Die Brille hatte und hat eine bedeutende gesellschaftliche und kulturelle Rolle. Historisch gesehen steigerte sie die Produktivität in vielen Handwerks- und Gelehrtenberufen erheblich und trug zur Entwicklung von Wissenschaft und Technik bei.
Heute ist die Brille weit mehr als nur eine Sehhilfe; sie ist ein modisches Accessoire, das das persönliche Erscheinungsbild prägt. Brillenfassungen unterliegen Modetrends, wie aktuell beispielsweise Fassungen mit Facettenschliff, die Acetatfassungen eine besondere Tiefenwirkung verleihen.
Die Brille kann auch ein Markenzeichen sein oder mit Stereotypen verbunden sein (z.B. als Zeichen von Intelligenz oder Nerdigkeit), auch wenn solche Vorurteile zunehmend verschwinden.
Häufig gestellte Fragen zur Brille
Hier beantworten wir einige gängige Fragen rund um das Thema Brillen:
Wie hießen Brillen früher?
Früher wurden Sehhilfen oft als „Augengläser“ bezeichnet. Der heutige Name „Brille“ leitet sich vom spätmittelhochdeutschen Wort „berille“ ab, das wiederum auf das Mineral „Beryll“ zurückgeht, aus dem die ersten Linsen gefertigt wurden.
Wer hat die Brille erfunden?
Die Erfindung der Brille wird auf das späte 13. Jahrhundert in Norditalien datiert (um 1285). Die genaue Person des Erfinders ist jedoch unbekannt und historisch umstritten.
Woraus bestehen Brillengläser?
Heutzutage werden Brillengläser hauptsächlich aus Mineralglas oder verschiedenen Kunststoffen (wie CR-39 oder Polycarbonat) hergestellt. Diese Materialien unterscheiden sich in Eigenschaften wie Gewicht, Bruchfestigkeit, Kratzfestigkeit und optischen Merkmalen (Brechungsindex, Abbe-Zahl).

Sind Lesebrillen aus der Drogerie schädlich?
Lesebrillen aus der Drogerie sind in der Regel nicht direkt schädlich für die Augen. Sie bieten jedoch nur standardisierte Stärken, die für beide Augen gleich sind, und berücksichtigen keine individuellen Unterschiede, Astigmatismus oder die genaue Zentrierung. Für eine optimale und langfristige Versorgung ist eine Brille vom Augenoptiker nach einer professionellen Augenprüfung empfehlenswert.
Wie oft sollte ich meine Brille und meine Augen überprüfen lassen?
Bei Erwachsenen wird eine Überprüfung der Glasstärken alle zwei bis drei Jahre empfohlen, bei Bedarf auch früher. Kinder sollten, insbesondere wenn eine Amblyopie oder Schielerkrankung vorliegt, in kürzeren, vom Augenarzt empfohlenen Abständen untersucht werden.
Was bedeuten die Zahlen auf meinem Brillenpass?
Typische Angaben sind die Glasstärke (in Dioptrien, z.B. +2.50), der Zylinderwert (falls Astigmatismus vorliegt, z.B. -0.75) und die Achslage des Zylinders (in Grad, z.B. 90°). Weitere wichtige Werte sind der Pupillenabstand (PD - der Abstand zwischen den Pupillenmittelpunkten) und eventuell der Hornhautscheitelabstand (Abstand des Glases vom Auge).
Pflege und Entsorgung alter Brillen
Die richtige Pflege verlängert die Lebensdauer einer Brille. Brillengläser sollten mit speziellen Tüchern oder in einem Ultraschallgerät gereinigt werden, aggressive Reiniger sind zu vermeiden. Fassungen sollten ebenfalls regelmäßig gereinigt und bei Bedarf vom Optiker angepasst werden.
Alte Brillen können einfach im Hausmüll entsorgt werden. Eine sinnvolle Alternative ist jedoch die Spende an Hilfsorganisationen. Viele Augenoptiker sammeln gebrauchte Brillen, die aufbereitet und an bedürftige Menschen in Entwicklungsländern weitergegeben werden, wo der Zugang zu Sehhilfen oft schwierig ist.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Brille eine bemerkenswerte Entwicklung durchlaufen hat – von einfachen Lesesteinen aus Beryll und den frühen „Augengläsern“ und „Nietbrillen“ bis hin zu den hochtechnologischen und modischen Sehhilfen von heute. Ihre Geschichte ist eng mit der Geschichte des Sehens, der Wissenschaft und der menschlichen Kultur verbunden.
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