30/05/2017
Westfleisch ist heute einer der bedeutendsten Akteure in der deutschen Fleischwirtschaft. Doch der Weg dorthin war lang und ereignisreich. Was 1928 bescheiden als genossenschaftlicher Viehhandel begann, hat sich über Jahrzehnte zu einem international agierenden Fleischvermarkter entwickelt. Diese Transformation war geprägt von Wachstum, strategischen Entscheidungen und der Anpassung an sich wandelnde Märkte und gesellschaftliche Anforderungen.

Die Wurzeln von Westfleisch reichen tief in die westfälische Agrarwirtschaft. Am 19. Oktober 1928 wurde das Unternehmen unter dem Namen Westfälische Provinzial-Viehverwertungsgenossenschaft (WPVG) gegründet. Ziel war es, die Vermarktung von Schlachtvieh für die Landwirte im Rhein-Ruhr-Gebiet besser zu organisieren. Die Mitglieder waren zunächst vor allem lokale Viehverwertungsgenossenschaften. In den ersten Jahrzehnten stand die Lebendvermarktung im Vordergrund, die über mehr als 30 Außen- und Verkaufsstellen abgewickelt wurde. Neben dem reinen Schlachtvieh-Handel stieg die WPVG ab 1932 auch in die Versteigerung von Milchvieh ein, ein Geschäftsbereich, der bis 1973 fortgeführt wurde.
Der Wandel zum Fleischvermarkter
Eine entscheidende Wende in der Unternehmensgeschichte markierte das Jahr 1962. Mit der Eröffnung des ersten eigenen Schlachthofs in Lübbecke begann eine strategische Neuausrichtung. Die wirtschaftliche Tätigkeit verlagerte sich zunehmend vom reinen Handel auf die Schlachtung und die Vermarktung von veredelten Fleischwaren. Dieser Schritt war wegweisend und legte den Grundstein für das heutige Geschäftsmodell. Im Zuge dieser Entwicklung erhielt die Gruppe 1965 ihren heutigen Namen Westfleisch, der fortan im Firmenlogo geführt wurde. Der offizielle Name lautete zu dieser Zeit VFZ Vieh- und Fleischzentrale Westfalen eGmbH.
Die 1960er Jahre waren eine Zeit des Umbruchs in der Schlachtbranche. Viele kommunale Schlachthöfe schlossen, während der genossenschaftliche Schlachthof von Westfleisch wachsende Umsätze verzeichnete. Bereits 1969 wurde erstmals die Grenze von 300 Millionen Euro Umsatz überschritten, ein deutliches Zeichen für das erfolgreiche neue Geschäftsmodell.
Expansion und weitere Schlachthöfe
Die positive Entwicklung in den späten 1960er Jahren führte in den 1970er Jahren zu einer Phase der starken Expansion. Nach der Gründung einer Finanzierungsgesellschaft im Jahr 1971 wurden in den folgenden Jahren weitere moderne Schlachthöfe in Betrieb genommen: 1972 in Coesfeld, 1978 in Paderborn und 1980 in Hamm. Diese Erweiterung der Schlachtkapazitäten spiegelte sich unmittelbar in den Schlachtzahlen wider. Die Schweineschlachtungen stiegen von knapp 760.000 im Jahr 1970 auf über 3,17 Millionen im Jahr 1987. Auch die Rinderschlachtungen nahmen signifikant zu, von 63.800 im Jahr 1970 auf 323.750 im Jahr 1991. Selbst die Kälberschlachtungen verzeichneten einen Anstieg von 4.100 im Jahr 1975 auf 20.000 im Jahr 1986. Diese Zahlen verdeutlichen die rasante Entwicklung vom regionalen Viehzentrum zum integrierten Fleischvermarkter über alle Produktionsstufen hinweg.
Öffnung, Umbenennung und Akquisitionen
Im Jahr 1994 öffnete sich die Genossenschaft auch für Einzelmitglieder, was die Kapitalbasis verbreiterte. Seitdem stieg die Mitgliederzahl von rund 100 auf über 4.000 an. Diese Entwicklung stärkte die genossenschaftliche Struktur des Unternehmens. In den folgenden Jahren gab es auch Gespräche über eine mögliche Fusion mit dem ebenfalls genossenschaftlichen Fleischvermarkter Nordfleisch, die jedoch 2002 scheiterte. Nordfleisch wurde schließlich 2003 vom Konkurrenten Bestmeat (heute VION) übernommen.

Die offizielle Umbenennung in „Westfleisch eG“ erfolgte im Jahr 2003. In den folgenden Jahren setzte das Unternehmen seinen Expansionskurs fort, auch durch Akquisitionen. So wurde 2004 das Wurstunternehmen Barfuss GmbH in Erkenschwick übernommen und in die eigene Veredelung integriert. Dieser Schritt stärkte das Produktportfolio im Bereich verarbeiteter Fleischwaren. Gleichzeitig beendete Westfleisch 2007 die Vermarktung von Geflügel, ein Geschäftsbereich, der seit 2001 betrieben wurde.
Die Internationalisierung nahm ab 2008 an Fahrt auf. Mit der HanWei Frozen Foods eröffnete Westfleisch seine erste Niederlassung in China. Im selben Jahr wurde erstmals die beachtliche Umsatzmarke von 2 Milliarden Euro überschritten. Die globale Ausrichtung wurde 2012 mit der Inbetriebnahme eines eigenen Zerlege- und Verarbeitungsbetriebs in Rumänien und der Gründung eines Vertriebsbüros in Korea weiter verstärkt. Im Jahr 2015 übernahm Westfleisch die Rindfleischsparte des insolventen niedersächsischen Verarbeiters Gausepohl, was die Position im Rindfleischsegment stärkte.
Transformation zur Europäischen Genossenschaft (SCE)
Ein weiterer bedeutender Schritt in der jüngeren Geschichte war die Umwandlung der Rechtsform im Jahr 2015. Nach über 85 Jahren als eingetragene Genossenschaft (eG) stimmten 96,8 Prozent der Mitglieder auf der Generalversammlung für die Umwandlung in eine Europäische Genossenschaft (Societas Cooperativa Europaea - SCE). Dieser Schritt wurde vollzogen, um der zunehmenden Internationalisierung des Fleischmarktes Rechnung zu tragen und die Zusammenarbeit mit europäischen Partnern zu erleichtern. Die neue Rechtsform sollte neben verbesserten Wettbewerbschancen auch eine internationale Unternehmenskultur und breitere Finanzierungsmöglichkeiten eröffnen.
Die Jahre nach 2015 waren von verschiedenen Ereignissen geprägt. Im Februar 2016 kam es zu einem Großbrand am Standort Paderborn, der große Teile einer Lagerhalle und Bereiche der Produktion zerstörte. Dies führte zu Produktionsausfällen, die teilweise durch Lohnschlachtung in Gelsenkirchen kompensiert wurden. Mitte 2016 übernahm Westfleisch schließlich den Schlachthof in Gelsenkirchen. Im September 2017 entschied sich das Unternehmen gegen den Wiederaufbau des Standorts Paderborn, da die Kapazitäten durch die Übernahme in Gelsenkirchen und Erweiterungen an anderen Standorten ausreichten.
Auch im Bereich der Sauenzerlegung gab es strukturelle Veränderungen. Die Zerlegung in Schöppingen wurde 2016 nach Dissen verlegt und wird dort als 50/50-Gemeinschaftsunternehmen mit Danish Crown unter dem Namen WestCrown betrieben.

Struktur und Kennzahlen
Westfleisch präsentiert sich heute als eine leistungsfähige Unternehmensgruppe mit einer klaren Struktur. Die aktuellen Kennzahlen zeigen die Größe und Bedeutung des Unternehmens. Im Geschäftsjahr 2023 erzielte der Konzern einen Umsatz von rund 3,35 Milliarden Euro. Der Auslandsanteil am Umsatz betrug dabei rund 27 Prozent. Westfleisch beschäftigt eine große Anzahl von Mitarbeitern: Im Jahr 2023 waren es 7.085 Vollzeitkräfte, 183 Teilzeitkräfte sowie 82 Auszubildende.
Die Schlachtzahlen im Jahr 2023 waren ebenfalls signifikant. Es wurden rund 6,6 Millionen Schweine geschlachtet, was einem Marktanteil von 14,8 Prozent in Deutschland entsprach. Im Bereich Rinder und Kälber beliefen sich die Schlachtungen im selben Jahr auf rund 380.800 Stück.
Westfleisch betreibt mehrere wichtige Standorte in Deutschland, die als Fleischcenter oder Logistikzentren fungieren:
- Fleischcenter Coesfeld
- Fleischcenter Hamm
- Fleischcenter Lübbecke
- Fleischcenter Oer-Erkenschwick
- Vieh-Logistikzentrum Paderborn
- Nutzviehzentrum Münster-Nienberge
- Fleischcenter Dissen
- Fleischcenter Bakum
- Fleischcenter Gelsenkirchen
Darüber hinaus ist Westfleisch an verschiedenen Unternehmen beteiligt, die das Leistungsspektrum der Gruppe erweitern:
- WestfalenLand Fleischwaren GmbH
- Westfleisch Finanz AG
- Westfleisch Byproducts
- Wetralog Food Logistik
- Coldstore Hamm GmbH
- Gustoland GmbH (ehemals Bernhard Barfuss GmbH & Co. KG)
- WestCrown GmbH
- Westfleisch Erkenschwick GmbH
- The Petfood Company, Bocholt
Die Westfleisch Finanz AG spielt eine wichtige Rolle innerhalb der Gruppe. Ihre Aufgabe ist die Errichtung und Finanzierung von Betriebsgebäuden, technischen Anlagen und Maschinen für die Schlacht- und Zerlegebetriebe, die anschließend an die Westfleisch SCE mbH verpachtet bzw. vermietet werden.
Bemühungen um Nachhaltigkeit und Kritik
Das Thema Nachhaltigkeit gewinnt auch in der Fleischwirtschaft an Bedeutung. Nach eigenen Angaben veröffentlichte Westfleisch bereits 2010 als erster deutscher Fleischvermarkter einen Nachhaltigkeitsbericht nach den Global-Reporting-Initiative-Kriterien. Dabei wurden Themen wie Umweltschutz, Tierschutz und Tierwohl, Qualitätskontrollen, Sozialverantwortung, Mindestlohn und Mitarbeiterbeteiligung behandelt. Das Unternehmen ermittelte Anfang 2010 erstmals eine CO2-Bilanz für die Schweinefleischproduktion.
Es gab jedoch auch Kritik. Ein Bericht des Institute for Agriculture and Trade Policy aus dem Jahr 2021 stellte fest, dass Westfleisch seit 2014 keine Daten mehr zu Treibhausgasemissionen aus der Produktion veröffentlicht habe.

Häufig gestellte Fragen
Im Zusammenhang mit Westfleisch tauchen oft bestimmte Fragen auf. Basierend auf den verfügbaren Informationen können einige davon beantwortet werden:
Wer steckt hinter Westfleisch?
Hinter Westfleisch steckt eine Genossenschaft. Gegründet wurde sie ursprünglich als Westfälische Provinzial-Viehverwertungsgenossenschaft (WPVG) von Landwirten und lokalen Genossenschaften. Heute ist Westfleisch eine Europäische Genossenschaft (SCE) mit über 4.000 Mitgliedern, die hauptsächlich Landwirte sind.
Ist Westfleisch Tönnies?
Nein, Westfleisch und Tönnies sind eigenständige Unternehmen und Wettbewerber auf dem Markt. Während Westfleisch eine genossenschaftliche Struktur hat, ist Tönnies ein Familienunternehmen. Die vorliegenden Informationen beschreiben die Geschichte und Struktur von Westfleisch sowie die Entwicklung von Tönnies separat und erwähnen unter anderem, dass Tönnies im Jahr 2011 versuchte, die Firma Tummel zu übernehmen, die damals Lohnschlachtungen für Westfleisch durchführte, was vom Bundeskartellamt abgelehnt wurde. Dies verdeutlicht die Konkurrenzsituation zwischen den beiden Unternehmen.
Welche Marken gehören zu Westfleisch?
Die vorliegenden Informationen listen Westfleisch-Beteiligungen auf, die teils eigene Markennamen tragen oder für bestimmte Produktbereiche stehen. Dazu gehören beispielsweise die Gustoland GmbH (ehemals Barfuss GmbH) für Wurstproduktion oder WestfalenLand Fleischwaren GmbH. WestCrown ist ein Gemeinschaftsunternehmen. Eine vollständige Liste aller Endverbrauchermarken, falls diese existieren, wird in den bereitgestellten Informationen nicht gegeben, aber Unternehmen wie Gustoland und WestfalenLand sind Teil der Gruppe.
Wo wird Westfleisch verkauft?
Die bereitgestellten Informationen geben keine direkte, umfassende Antwort darauf, wo genau Endverbraucher Westfleisch-Produkte kaufen können. Allerdings zeigen die Geschäftstätigkeiten und die historischen Notizen, dass Westfleisch sowohl den nationalen Markt (z.B. durch Programme wie "BauernLiebe" mit Edeka/Rasting) als auch den internationalen Markt (Export nach China, Korea, Betrieb in Rumänien) beliefert. Die Produkte dürften im Lebensmitteleinzelhandel, im Großverbraucherbereich und in der Systemgastronomie zu finden sein, wie die Beteiligung an Westfood GmbH (Vertrieb für Großverbraucher etc.) nahelegt. Auch Werksverkäufe an Standorten wie Oer-Erkenschwick werden erwähnt.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Geschichte von Westfleisch eine beeindruckende Entwicklung von einer regionalen Handelsgenossenschaft zu einem der führenden Fleischvermarkter Europas darstellt. Geprägt von strategischen Entscheidungen, Investitionen in moderne Infrastruktur und einer kontinuierlichen Anpassung an Marktanforderungen und globale Entwicklungen, bleibt Westfleisch ein wichtiger Akteur in der Agrar- und Lebensmittelwirtschaft.
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