10/01/2018
Die Warschauer Straße in Berlin, gelegen im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, ist weit mehr als nur eine Verbindungsstraße. Sie ist eine pulsierende Lebensader, ein historischer Schauplatz und ein bedeutender Verkehrsknotenpunkt. Mit einer Länge von rund 1,6 Kilometern verbindet sie das Frankfurter Tor im Norden mit der Mühlenstraße und Stralauer Allee im Süden und ist Teil der Bundesstraße 96a.

- Warum heißt die Warschauer Straße so?
- Historische Entwicklung und Bedeutung
- Die Warschauer Straße nach dem Zweiten Weltkrieg
- Wichtige historische Standorte und Gebäude
- Die Warschauer Brücke und der Verkehrsknotenpunkt
- Der Industriepalast
- Was kann man an der Warschauer Straße machen?
- Häufig gestellte Fragen zur Warschauer Straße
Warum heißt die Warschauer Straße so?
Ihren Namen verdankt die Warschauer Straße der polnischen Hauptstadt Warschau. Die Benennung erfolgte am 23. Februar 1874. Zuvor war sie lediglich als "Straße Nr. 11 in der Abteilung XIV des Bebauungsplans von den Umgebungen Berlins" bekannt und diente primär als einfacher Transportweg. Bereits im Hobrecht-Plan von 1864 war die Straße als Teil eines geplanten Ringsystems um Berlin und Charlottenburg vorgesehen, angelehnt an das Pariser Modell. Dieser Plan sah sie von Anfang an als wichtige Verkehrsader vor.
Historische Entwicklung und Bedeutung
Die Warschauer Straße beginnt im Norden als Fortsetzung der Petersburger Straße am Frankfurter Tor. Im Süden setzt sie sich als Straßenzug Am Oberbaum, über die Warschauer Brücke und die Oberbaumstraße fort. Als die Straße angelegt wurde, existierte die 1894–1896 erbaute Oberbaumbrücke noch nicht. Die Warschauer Straße endete damals am Mühlentor, später Stralauer Tor genannt, einem Tor der Berliner Zoll- und Akzisemauer. Die Mühlen am Spreeufer, die dem Tor den Namen gaben, sind heute bis auf die ehemalige Osthafenmühle verschwunden. Der Speicher dieser Mühle beherbergt heute eine bekannte Diskothek.
Die Warschauer Straße entwickelte sich früh zu einer wichtigen Hauptversorgungsachse und einem sozialen Zentrum Friedrichshains. Gesäumt von Läden, Restaurants und Kneipen, spiegelte sie das Leben im Bezirk wider. Auch das 1902 gegründete Lichtspielhaus Elektra (heute Deponie) befand sich hier.
Die Bebauung der Straße erfolgte hauptsächlich zwischen 1890 und 1908, typisch für die Zeit mit Vorderhaus, Seitenflügeln und Hinterhäusern sowie Höfen, die oft gewerblich genutzt wurden. Besonders die Holz verarbeitende Industrie hatte hier Tradition. Die Durchmischung von Wohnen und Gewerbe wurde 1925 untersagt.
Die Warschauer Straße nach dem Zweiten Weltkrieg
Der Zweite Weltkrieg hinterließ auch an der Warschauer Straße Zerstörung. Die Wiederherstellung in den 1950er und 1960er Jahren war oft einfach, Baulücken wurden später geschlossen. Trotzdem bestanden nach der politischen Wende 1989 erhebliche städtebauliche Mängel, wie veraltete Wohnungen (z.B. Kohleöfen, fehlende Bäder) und Defizite bei der öffentlichen Infrastruktur. Daher wurde die Warschauer Straße und Umgebung 1994 zum Sanierungsgebiet erklärt. Bis 2011 flossen rund 100 Millionen Euro an öffentlichen Mitteln in die Sanierung und Aufwertung des Gebiets, sowohl für private Gebäude als auch für öffentliche Einrichtungen wie Schulen und Plätze.
Wichtige historische Standorte und Gebäude
Frühe Industrien
An der Warschauer Straße siedelten sich einige der frühesten Großbetriebe Friedrichshains an. Das älteste war das Reichsbahnausbesserungswerk (RAW). Im Haus Nr. 59a befand sich zudem das erste Propellerwerk Deutschlands, gegründet von Hugo Heine. Seit 1971 hat im Haus Nr. 28 mit dem Optikhaus Kramer einer der ältesten Handwerksbetriebe Friedrichshains seinen Sitz, der bereits 1898 gegründet wurde.
Das Propellerwerk Heine
Das Propellerwerk Heine, gegründet vom Möbeltischler Hugo Heine, zog 1921 in den zweiten Hinterhof der Warschauer Straße 58. Heine begann 1910 mit der Fertigung von Holzpropellern für Flugzeuge. Während des Ersten Weltkriegs wuchs seine Tischlerei zu einer Fabrik mit rund 300 Arbeitskräften heran. Nach Kriegsende stellte er wegen des Flugzeugbauverbots wieder auf Möbel um. Ab den späten 1920er Jahren, nach Aufhebung des Verbots, nahm er die Propellerfertigung wieder auf und lieferte bis 1930 seinen 50.000sten Propeller. Er arbeitete mit wissenschaftlichen Instituten zusammen und erhielt 1933 ein Patent auf den Heine-Propeller mit Metallkantenschutz. Ende 1935 beschäftigte das Unternehmen 300 Handwerker, vier Luftfahrtingenieure und 60 Angestellte. Heine lieferte vor allem an die deutsche Luftwaffe. 1945 wurde das Werk aufgrund der Zulieferung militärischen Materials enteignet. Seit den 1990er Jahren werden die erhaltenen Gebäude von Dienstleistungsunternehmen genutzt.
Das Eckhaus Warschauer Straße / Marchlewskistraße
Das Eckhaus Warschauer Straße 33 / Marchlewskistraße 111 ist bekannt, da der Dichter und spätere DDR-Kulturminister Johannes R. Becher behauptete, hier gewohnt zu haben. Tatsächlich befand sich im Erdgeschoss seine Lieblingskneipe, das Café Komet, und seine Vermieterin wohnte hier. Becher selbst wohnte zwischen 1911 und 1912 im Nachbarhaus Marchlewskistraße 109. Trotzdem wird das Eckhaus oft als sein ehemaliges Wohnhaus genannt.
Der Bau des Eckhauses begann 1906 und wurde nach einer witterungsbedingten Unterbrechung im Winter 1906/07 im Jahr 1908 fertiggestellt. Auch dieses Haus wurde im Zweiten Weltkrieg durch Brandbomben beschädigt. Ende der 2000er Jahre wurde es umfangreich saniert.
Das RAW-Gelände
Das ehemalige Reichsbahnausbesserungswerk (RAW) Berlin südlich der Revaler Straße war der älteste Betrieb in Friedrichshain. 1867 als „Königliche Eisenbahnhauptwerkstatt Berlin II“ eröffnet, diente es der Instandhaltung von Lokomotiven, Personen- und Güterwagen. Die Beschäftigtenzahl wuchs von 600 auf 1200 Angestellte. Nach der Bildung der Deutschen Reichseisenbahnen wurde es zum Reichsbahnausbesserungswerk. 1967 erhielt es den Namen „Franz Stenzer“. 1991 wurde die schrittweise Stilllegung bis 1995 beschlossen und durchgeführt. Ein Teil wird seit 1995 von Talgo Deutschland genutzt.
Heute ist der überwiegende Teil des Areals an verschiedene Kultur- und Sporteinrichtungen, Konzerthallen, Liveclubs, Galerien und gastronomische Betriebe verpachtet. Hier finden sich unter anderem eine Skaterhalle, Kletterkegel, Boulder-Halle, Clubs wie Astra, Cassiopeia, Badehaus Szimpla, Lokschuppen Berlin, Weißer Hase, Galerien wie Urban Spree sowie Restaurants und Bars wie Crack Bellmer, Haubentaucher und Emma Pea. Im Sommer gibt es oft Flohmärkte und geplant ist ein Freiluftkino. Das RAW-Gelände ist somit zu einem Zentrum für alternative Kultur, Nachtleben und Freizeitaktivitäten geworden. Die Zukunft des Geländes ist durch Eigentümerwechsel und Planungen (Studentenwohnungen vs. Erhalt der aktuellen Nutzung) Gegenstand von Diskussionen und Bürgerbeteiligungsverfahren.

Die Warschauer Brücke und der Verkehrsknotenpunkt
Die Warschauer Brücke ist ein zentrales Element der Straße, da sie die zahlreichen Gleisanlagen der Bahn überquert. An dieser Stelle führte die 1842 eröffnete Eisenbahnstrecke von Frankfurt (Oder) als einzige durch die Zollmauer ins Stadtgebiet. Um 1872 kreuzten hier etwa 30 Gleise die Straße, was den Bau einer Brücke unumgänglich machte. Die erste Brücke wurde bis 1875 fertiggestellt, aber in den folgenden Jahren mehrfach umgebaut und erweitert. Durch die Abgase der Dampflokomotiven korrodierte die Eisenkonstruktion, was einen Neubau notwendig machte, der 1938 begann, aber durch den Zweiten Weltkrieg unterbrochen wurde. Ein Bombentreffer zerstörte 1945 den bereits neu aufgebauten Teil. Erst 1948 konnte die Brücke wieder genutzt werden, es folgten weitere Instandsetzungen und eine Grundinstandsetzung mit Verstärkung von 1995 bis 1997, die auch der Straßenbahn die Nutzung wieder ermöglichte.
Am südwestlichen Ende der Brücke befanden sich früher Gebäude des Schlesischen Güterbahnhofs, die zugunsten der heutigen Mercedes-Benz Arena (ehemals O2 World) abgerissen wurden.
An der östlichen Brückenseite liegt der S-Bahnhof Warschauer Straße. Der heutige Bahnhof ist ein Neubau, dessen Fertigstellung sich verzögerte. Der U-Bahnhof Warschauer Brücke (heute U-Bahnhof Warschauer Straße) wurde bereits 1902 in Betrieb genommen und war Endbahnhof der ersten Hochbahnlinie (heute U1/U3). Im Zweiten Weltkrieg zerstört und wieder aufgebaut, wurde er 1961 mit dem Mauerbau geschlossen. Seit 1995 fahren die Züge wieder bis zum sanierten U-Bahnhof. Geplante Verlegungen des U-Bahnhofs zum S-Bahnhof wurden nicht weiter verfolgt, lediglich die Verlängerung eines Fußgängerstegs ist geplant.
Der Knotenpunkt Warschauer Straße, der S-Bahn, U-Bahn und Straßenbahn umfasst, ist einer der meistfrequentierten Berlins, mit über 85.000 Umsteigern täglich.
Der Industriepalast
Der Industriepalast ist ein historischer Gebäudekomplex entlang der Warschauer Straße 34–44. Ursprünglich als fünf Gebäude optisch zu einem Ensemble zusammengefasst, stehen heute noch die Gebäude 39/40 und 43/44 im ursprünglichen Zustand unter Denkmalschutz. Die Gebäude 34–38 wurden in den 1990er Jahren stark verändert, während Nr. 41/42 durch einen Neubau ersetzt wurde, der sich optisch an den historischen Bau anlehnt.
Erbaut 1906–1907 nach Entwürfen von Johann Emil Schaudt, handelt es sich um eine typische Etagenfabrik im Stahlskelettbau. Sie bot optimale Bedingungen für verschiedene Betriebe wie Gerbereien, holzverarbeitende und elektrotechnische Unternehmen durch variable Hallen, Krananlagen und unterirdische Gleise. An der Straße gab es Läden, Gaststätten und ein Kino. Bekannte Mieter waren die Auergesellschaft und der Betrieb Joh. Alfred Richter, später VEB Kälte Berlin. Sehr bekannt war auch das Palais des Ostens, ein großes Vergnügungs-Etablissement.
In den 2020er Jahren werden die Gebäude hauptsächlich von Dienstleistern genutzt. In Nr. 34–38 befindet sich eine Bibliothek. Nr. 39/40 beherbergt das Michelberger Hotel. In Nr. 41/42 ist eine Geschäftsstelle der BIM untergebracht. Haus Nr. 43/44, nach Sanierung, beherbergt das Industriepalast Hostel & Hotel.
Was kann man an der Warschauer Straße machen?
Die Warschauer Straße bietet heute vielfältige Möglichkeiten, insbesondere rund um den Verkehrsknotenpunkt und das RAW-Gelände. Als einer der wichtigsten Umsteigepunkte Berlins ist sie Ankunfts- und Abreiseort für viele Besucher und Einheimische. Das angrenzende RAW-Gelände hat sich zu einem beliebten Hotspot für Nachtleben, Kultur und Freizeit entwickelt. Hier finden sich zahlreiche Clubs, Bars und Restaurants. Es gibt Sportmöglichkeiten wie Skaten und Klettern, Galerien, Konzerthallen und im Sommer oft Flohmärkte. Auch der Industriepalast beherbergt mit dem Michelberger Hotel und dem Industriepalast Hostel & Hotel Übernachtungsmöglichkeiten und Gastronomie. Die Straße selbst ist von historischer Bebauung und Geschäften geprägt, auch wenn das pulsierende Leben sich oft in den Seitenstraßen und auf dem RAW-Gelände abspielt. Man kann die historische Architektur betrachten, das rege Treiben am Verkehrsknotenpunkt beobachten oder die vielseitigen Angebote auf dem RAW-Areal nutzen. Die Warschauer Straße ist ein lebendiges Zeugnis der Berliner Geschichte und gleichzeitig ein Zentrum des modernen urbanen Lebens.
Häufig gestellte Fragen zur Warschauer Straße
Warum heißt die Warschauer Straße so?
Die Straße wurde am 23. Februar 1874 nach der polnischen Hauptstadt Warschau benannt. Vorher trug sie lediglich eine Nummer im Bebauungsplan.
Was kann man an der Warschauer Straße machen?
Die Warschauer Straße ist ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt. Das angrenzende RAW-Gelände bietet eine Vielzahl an Clubs, Bars, Restaurants, kulturellen Veranstaltungen, Sportmöglichkeiten (Skaten, Klettern) und Flohmärkten. Im Industriepalast gibt es Hotels und Gastronomie. Man kann das historische Umfeld erkunden oder das vielseitige Angebot auf dem RAW-Areal nutzen.
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