14/07/2017
Der Begriff „Kuli“ mag im heutigen Sprachgebrauch unterschiedlich verstanden werden, doch seine historische Bedeutung ist tief mit einem oft tragischen Kapitel der globalen Arbeitsmigration im 19. Jahrhundert verbunden. Ursprünglich bezeichnete „Kuli“ asiatische Vertragsarbeiter, die unter oft menschenunwürdigen Bedingungen in ferne Länder verschifft wurden. Ihre Geschichten sind Zeugnisse von Ausbeutung, Diskriminierung und dem harten Überlebenskampf in einer fremden Welt.

Die genaue Etymologie des Wortes „Kuli“ ist Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen. Eine verbreitete Theorie führt den Begriff über das Englische „coolie“ zurück auf das Hindi-Wort कुली (kulī), das „Lastträger“ bedeutet. Eine weitere mögliche Wurzel wird im Tamilischen கூலி (kūli) gesehen, was „Lohn“ oder „Tagelohn“ bedeutet. Interessanterweise wird auch eine Herkunft aus dem Tschagataischen, einer Turksprache, diskutiert. Hier wird eine Verbindung zum türkischen Wort „kul“ für „Knecht“ oder „Sklave“ hergestellt.
Eine häufig anzutreffende, aber wohl irrtümliche Vermutung ist der Ursprung im Chinesischen. Dort existiert der Begriff als 苦力 (kǔlì). Diese Zeichen bedeuten wörtlich „bitter“ (苦) und „Arbeitskraft“ (力). Obwohl diese Zusammensetzung perfekt die harte Arbeit beschreibt, die von diesen Arbeitern verrichtet wurde, gelangte das Wort wahrscheinlich erst später in dieser Form ins Chinesische, nachdem es bereits in anderen Sprachen existierte.
Auch im Niederländischen fand der Begriff als „koelie“ Verwendung und bezeichnete die Vertragsarbeiter, die zwischen etwa 1820 und 1941 in Niederländisch-Indien eingesetzt wurden.
Der Kulihandel im 19. Jahrhundert
Das 19. Jahrhundert sah einen massiven, oft skrupellosen Handel mit asiatischen Arbeitskräften, der als Kulihandel bekannt wurde. Zeitzeugenberichte zeichnen ein düsteres Bild dieser Praxis.
Zeitzeugen berichten
Ein Bericht pommerscher Missionare aus dem Jahr 1873 beschrieb den Kulihandel als „nichtswürdigsten Menschenschacher“ und einen Rückfall in die Sklaverei. Unter dem Deckmantel der freien Auswanderung und eines Dienstvertrags entwickelte sich ein System des Menschenfanges, das Betrug, Hinterlist, Gewalt und sogar Mord einschloss. Macau, eine portugiesische Besitzung in der Mündung des Kantonflusses, entwickelte sich zu einem der wichtigsten Umschlagplätze für diesen Menschenhandel. Von dort aus liefen ab 1847 Schiffe mit Tausenden von Kulis nach Übersee.
Das Verfahren war oft perfide: Den Kulis wurde freie Überfahrt versprochen im Tausch gegen eine Verpflichtung, acht Jahre lang für einen sehr geringen Lohn (oft nicht mehr als 6 Taler monatlich) zu arbeiten. Bei der Ankunft in Amerika wurden sie an den Meistbietenden überlassen. Dies degradierte sie zu einem bloßen Sachgegenstand, der je nach Marktlage verkauft wurde. Besonders grausam war das Schicksal vieler Kulis auf den Chincha-Inseln in Südamerika, wo sie unter extrem harten Bedingungen Guano abbauen mussten. Ein Bericht aus dem Jahr 1860 stellte fest, dass von 4.000 dort gelandeten Chinesen nicht ein einziger überlebte.
Die Methoden des Menschenfanges in Macau wurden immer brutaler. Es entstanden regelrechte Sklaven-Depots, in denen die angeworbenen Kulis unter strenger Bewachung und hinter Gittern auf ihre Verschiffung warteten. Einmal im Depot, war ihre einzige Hoffnung, an Bord des Schiffes gebracht zu werden.
Der Kulihandel war in verschiedene Geschäftszweige aufgeteilt. Agenten verschiedener Nationalitäten erhielten ein Kopfgeld für jedes angeworbene Stück Mensch. Verarmte Chinesen wurden mit Alkohol und Glücksspiel angelockt und unterschrieben unter Zwang Verträge, die ihre Freiheit und ihr Leben kosteten. Handwerker und Bauern wurden betrogen, Kinder entführt. Diese Verbrechen geschahen oft unter dem Deckmantel des englischen Vertragsrechts. Alle Beteiligten, von Agenten über Prokuratoren bis hin zu Kapitänen und Reedereien, verdienten an diesem Handel.
Die Zustände während der Überfahrt waren katastrophal. Berichte sprachen von hoher Sterblichkeit durch schlechte Kost und Misshandlung. Der österreichische Forschungsreisende Karl von Scherzer berichtete, dass viele Kulis erst in abgeriegelten Depots aufwachten, nachdem sie mit Alkohol oder Opium betäubt worden waren. Er sah „abgezehrte, hagere Jammergestalten“, die sich verpflichteten, für nur 4 Dollar im Jahr zu arbeiten. Die Überfahrt dauerte oft vier bis fünf Monate. Die Qualen waren so groß, dass viele Kulis über Bord sprangen, um ihrem Leiden ein Ende zu machen. Kapitäne von Sklavenschiffen berichteten von Fällen, in denen bis zu 38 Prozent der eingeschifften Chinesen vor Erreichen des Zielhafens starben.

Die Geschichten der entführten Kulis sind erschütternd. Ein 23-jähriger Kuli berichtete 1860, wie er von einer Gruppe Kulijäger gefangen, gefesselt und verschleppt wurde. Er wurde mit einem Tau geschlagen, weil er sich weigerte, auszuwandern, und erst als ihm und seiner Familie mit dem Tod gedroht wurde, willigte er ein.
Ein Bericht von Otto Ehrenfried Ehlers aus dem Jahr 1896 beleuchtet die wirtschaftliche Perspektive. Chinesische Kulis galten als fleißige und genügsame Arbeiter, besonders im Akkord. Die Kosten für Anwerbung und Transport waren jedoch hoch, insbesondere nach Afrika. Die Kosten pro Kopf von Macao nach Deutsch-Ostafrika wurden auf 450 Mark geschätzt, im Vergleich zu 240 Mark nach Sumatra. Ein typischer Vertrag sah 3 Jahre Laufzeit, 30 Mark Monatsverdienst, freie Kost und freie Rückfahrt vor. Die Kosten der Rückfahrt beliefen sich auf etwa 150 Mark. Trotz der hohen Gesamtkosten (etwa 2 Mark pro Arbeitstag, inklusive Kost) galten sie potenziell als profitabel für Plantagenbesitzer, wenn sie gerecht behandelt wurden. Die Berichte, die sie in die Heimat schickten, waren entscheidend für weiteren Zuzug.
Statistiken zum Kulihandel (Beispiele)
| Zielgebiet | Zeitraum | Anzahl Kulis verschifft | Todesfälle während der Überfahrt | Prozentuale Todesrate (ca.) |
|---|---|---|---|---|
| Kuba | 1847-1866 | 85.768 | 11.209 | 13% |
| Chincha-Inseln (Guanoabbau) | bis 1860 | 4.000 | Alle gestorben | 100% |
| Diverse Ziele (basierend auf Kapitänsaussagen) | nicht spezifiziert | Eingeschiffte Chinesen | bis zu 38% | bis zu 38% |
Nachwirkungen und das Erbe der Kulis
Die chinesischen Kulis erwarben sich in Übersee schnell den Ruf fleißiger und genügsamer Arbeiter. Mark Twain bemerkte 1872, dass ein fauler Chinese selten sei. Dennoch sahen sie sich fast überall Anfeindungen ausgesetzt, insbesondere von weißen Arbeitern, die sie als Lohndrücker und Streikbrecher betrachteten. Dies führte zu Diskriminierung, rassistischen Übergriffen und manchmal tödlicher Gewalt.
In vielen Ländern, wie Südafrika, organisierten sich weiße Arbeiter und Angestellte in antichinesischen Vereinen, um die weitere Einwanderung zu stoppen. Diskriminierende Gesetze, beispielsweise in den USA, wo unter anderem die Einwanderung chinesischer Ehefrauen nicht erlaubt war, trugen gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu einer Rückkehrwelle bei. Für viele Kulis, deren Familien in der Heimat warteten, war die Rückkehr eine Sehnsucht.
Trotz der sozialen Ausgrenzung blieben Millionen von Kulis im Ausland, oft weil sie sich die Rückfahrt nicht leisten konnten oder weil sie versuchten, ihr Glück durch die Gründung kleiner Geschäfte wie Restaurants, Wäschereien oder Lebensmittelläden zu machen. Die Ausgrenzung führte zur Bildung chinesischer Enklaven, den sogenannten Chinatowns und China Townships. Diese entwickelten sich nicht zu Übergangsstationen, sondern zu dauerhaften sozialen und wirtschaftlichen Zentren. Kantonesisch blieb eine führende Sprache, und Netzwerke (Guanxi) zur alten Heimat wurden gepflegt.
Die Diaspora und die Methoden des Kulihandels haben einen festen Platz in der nationalen Erinnerung Chinas. Menschenhandel wird in China bis heute mit der Todesstrafe geahndet. Die erzwungenen Auswanderungen und das Schicksal der Überseechinesen trugen maßgeblich zur Stärkung des chinesischen Nationalismus bei. Zahlreiche junge Überseechinesen wurden zu wichtigen Aktivisten für die chinesische Wiedervereinigung. Sun Yat-sen bezeichnete die chinesische Gemeinschaft im Ausland sogar als „Mutter der chinesischen Revolution“ von 1911.
Die globale Mobilität der Kulis prägte nicht nur nationale Zugehörigkeit und weltweite Vernetzung, sondern beeinflusste auch nachhaltig die gesellschaftlichen Entwicklungen und Konflikte in südostasiatischen Ländern. Heute leben schätzungsweise 60 Millionen Chinesen im Ausland. Über 75 Prozent der Bevölkerung Singapurs sind Auslandschinesen, was Singapur de facto zu einem chinesischen Staat macht. In Malaysia stellen Chinesen etwa 30 Prozent der Bevölkerung. Obwohl ihr Anteil in Ländern wie Indonesien, Myanmar, Südkorea, Thailand oder Vietnam unter zehn Prozent liegt, dominieren Auslandschinesen dort oft Handel und Industrie.
In einigen Ländern sind die Nachfahren der Kulis weiterhin Ziel von Diskriminierung und Gewalt. In Indonesien, wo die größte chinesische Minderheit (8 Millionen) lebt und etwa 80 Prozent des Privatvermögens kontrolliert, sind sie oft Sündenböcke für wirtschaftliche Probleme und Ziel von Gewaltausbrüchen. Auf den Philippinen, wo Chinesen nur ein Prozent der Bevölkerung ausmachen, aber weite Teile der Wirtschaft kontrollieren, sind 90 Prozent der Entführungsopfer ethnische Chinesen. In Malaysia erschweren Gesetze oft die Geschäfte der chinesischen Bevölkerung. Im Gegensatz dazu werden Chinesen in Thailand und Südkorea weitgehend als Teil der Gesellschaft akzeptiert und als Geschäftsleute geachtet.
Die heutige Verwendung des Begriffs
Obwohl der Begriff „Kuli“ heute in den meisten Teilen der Welt als abwertend und rassistisch gilt, wird er in einigen Regionen wie Südostasien, der Karibik und Südafrika weiterhin verwendet. Dies geschieht manchmal bewusst in einem abfälligen Kontext, oft aber auch unbedacht im allgemeinen Sprachgebrauch, um Personen indischer oder südasiatischer Abstammung zu bezeichnen. Die negative Konnotation ist jedoch international weit verbreitet. In Südafrika und Namibia ist der Gebrauch des Wortes „Kuli“ sogar als Hate Speech gesetzlich verboten.
Häufig gestellte Fragen zum Begriff Kuli
- Was bedeutet der Begriff „Kuli“ historisch?
- Historisch bezeichnete „Kuli“ asiatische Vertragsarbeiter, oft aus China oder Indien, die im 19. Jahrhundert unter Zwang oder Täuschung in andere Länder verschifft wurden, um dort harte Arbeit zu verrichten.
- Woher stammt das Wort „Kuli“?
- Die Etymologie ist nicht eindeutig geklärt. Mögliche Ursprünge liegen im Hindi (Lastträger), Tamil (Lohn, Tagelohn) oder einer Turksprache (Knecht, Sklave). Eine Herkunft aus dem Chinesischen (苦力) wird oft vermutet, gilt aber als unwahrscheinlich, da das Wort wohl erst später in dieser Form ins Chinesische gelangte.
- Was war der Kulihandel?
- Der Kulihandel war ein System des Menschenhandels im 19. Jahrhundert, bei dem asiatische Arbeiter angeworben, oft entführt oder betrogen, in Depots festgehalten und dann zur Arbeit in Kolonien und anderen Ländern verkauft wurden. Es war de facto eine Form der Sklaverei, getarnt als Vertragsarbeit.
- Unter welchen Bedingungen lebten und arbeiteten Kulis?
- Die Bedingungen waren oft extrem schlecht. Sie wurden mit geringem Lohn für lange Zeiträume verpflichtet, an den Meistbietenden verkauft, litten unter schlechter Verpflegung und Misshandlung während der Überfahrt (hohe Sterblichkeit) und verrichteten harte, oft lebensgefährliche Arbeit, wie z.B. Guanoabbau.
- Welche Nachwirkungen hat der Kulihandel heute?
- Das Erbe des Kulihandels zeigt sich in der globalen chinesischen Diaspora, der Entstehung von Chinatowns, und der anhaltenden wirtschaftlichen Dominanz, aber auch Diskriminierung und Gewalt gegen Menschen chinesischer Abstammung in einigen Ländern, insbesondere in Südostasien. Die Erfahrung prägte auch den chinesischen Nationalismus.
- Gilt der Begriff „Kuli“ heute als anstößig?
- Ja, der Begriff „Kuli“ wird heute international weitgehend als abwertend und rassistisch angesehen, da er mit der Geschichte der Ausbeutung und Sklaverei verbunden ist. In einigen Ländern wie Südafrika und Namibia ist er sogar als Hate Speech verboten.
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