31/08/2023
Die Geschichte des Unternehmens Otto, das heute zu den globalen Schwergewichten im Online-Handel zählt, begann denkbar bescheiden. Es war der 17. August 1949, als der Unternehmer Werner Otto in einer kleinen Baracke in Hamburg-Schnelsen mit einem Startkapital von gerade einmal 6.000 D-Mark seinen Versandhandel ins Leben rief. Damals ahnte wohl niemand, dass dies die Geburtsstunde eines Konzerns war, der das Einkaufen in Deutschland und darüber hinaus maßgeblich prägen sollte. Mit nur vier Mitarbeitern startete das junge Unternehmen in einer Zeit des Wiederaufbaus im Nachkriegsdeutschland.

- Die Anfänge: Schuhe und wegweisende Innovationen
- Vom Schuhhändler zum vielfältigen Versandhaus
- Das Wachstum und der eigene Paketdienst Hermes
- Generationenwechsel und Familienunternehmen
- Flexibilität und Nachhaltigkeit als Erfolgsfaktoren
- Die digitale Revolution: Otto.de
- Otto heute: Ein globaler Handelskonzern
- Zeitleiste wichtiger Ereignisse
- Häufig gestellte Fragen zur Otto-Geschichte
Die Anfänge: Schuhe und wegweisende Innovationen
Werner Otto, ursprünglich aus der Mark Brandenburg stammend und als Flüchtling nach Hamburg gekommen, hatte kurz zuvor eine eigene Schuhproduktion aufgeben müssen, die nach der Einführung der D-Mark und der Normalisierung der Versorgungslage nicht mehr rentabel war. Doch er sah eine neue Chance im Versandhandel. Das Prinzip, bequem von zu Hause aus zu bestellen, war für die damalige Zeit revolutionär. Das erste Sortiment war überschaubar: 28 Paar Schuhe. Eine besonders kuriose, aber clevere Idee zu Beginn war die Lieferung des linken Schuhs zuerst. Erst wenn der Kunde sich zum Kauf entschied, wurde der rechte Schuh nachgeliefert. Dies minimierte das Risiko von Retouren und gebundenem Kapital. Eine weitere bahnbrechende Innovation war die Einführung der Bezahlung per Rechnung anstelle der damals üblichen Nachnahme. Dies schuf Vertrauen bei den Kunden und senkte die Hemmschwelle zur Bestellung erheblich. Diese kundenfreundlichen Ansätze trafen den Nerv der Zeit und trugen maßgeblich zum frühen Erfolg bei. Besonders der Damenschuh „California“ entwickelte sich schnell zum Verkaufsschlager.
Vom Schuhhändler zum vielfältigen Versandhaus
Der gelernte Kaufmann Werner Otto erkannte schnell das Potenzial des Versandhandels und erweiterte das Angebot kontinuierlich. Schon 1951 wurden erstmals Textilien in den Katalog aufgenommen. Ein besonders populäres Stück war die Marineklapphose, die sich zu einem echten Trendsetter entwickelte. Otto begann, nicht nur Ware zu verkaufen, sondern auch Modebewusstsein zu prägen. Der erste handgebundene Katalog aus dem Jahr 1950 umfasste magere 16 Seiten und wurde in einer Auflage von nur 300 Exemplaren verschickt. Doch mit dem wachsenden Erfolg wurden die Kataloge professioneller, umfangreicher und zu einem zentralen Element des Geschäftsmodells. Die Kunden schätzten die Qualität der angebotenen Waren und die Bequemlichkeit der Bestellung. Innovative Angebote wie die Sammelbestellung mit fünf Prozent Rabatt förderten das Geschäft weiter. Das Unternehmen wuchs rasant. Bereits 1953 zählte Otto 150 Mitarbeiter und erzielte einen Umsatz von fünf Millionen DM. Nur zwei Jahre später, 1955, hatte sich der Jahresumsatz auf beeindruckende 28 Millionen DM mehr als verfünffacht. Dieses rasante Wachstum erforderte mehr Platz, und nach einer Zwischenstation zog der Otto-Versand 1960 in das Gebäude in Hamburg-Bramfeld, das bis heute der Stammsitz des Konzerns ist.
Das Wachstum und der eigene Paketdienst Hermes
Innerhalb von nur zehn Jahren nach der Gründung hatte sich Werner Otto zu einem der führenden deutschen Versandhändler entwickelt. Mit 1.000 Mitarbeitern wurde ein Umsatz von über 100 Millionen DM erzielt. Anfang der 1960er-Jahre wurden täglich beeindruckende 10.000 Pakete verschickt. Um den Kunden den Bestellprozess weiter zu erleichtern, führte Otto 1963 Callcenter ein, über die nun auch telefonisch bestellt werden konnte. Diese ständige Suche nach Effizienz und Kundenservice zahlte sich aus. Zwischen 1965 und 1967 konnte der Umsatz allein durch Expansion verdoppelt werden. Ein weiterer strategisch wichtiger Schritt, der das Unternehmen nachhaltig prägte, war die Gründung des eigenen Paketdienstes Hermes im Jahr 1972. Dies ermöglichte es Otto, die Zustellung der Waren selbst zu kontrollieren und den Service für die Kunden weiter zu verbessern. Hermes entwickelte sich zu einem weiteren Standbein des Konzerns und ist heute selbst ein bedeutendes Logistikunternehmen.
Generationenwechsel und Familienunternehmen
Das hohe Arbeitspensum forderte seinen Tribut, und Werner Otto erlitt 1966 einen Herzinfarkt. Er zog sich aus dem operativen Geschäft zurück, übernahm den Vorsitz des Aufsichtsrats und übergab die Leitung an Günter Nawrath. Das Unternehmen blieb jedoch fest in Familienhand und wurde maßgeblich von der nächsten Generation geprägt. Werner Otto hatte fünf Kinder aus drei Ehen. Sein Sohn Michael Otto aus erster Ehe trat 1971 in das Unternehmen ein und wurde mit nur 28 Jahren Deutschlands jüngstes Vorstandsmitglied. Michael Otto, studierter Volkswirt, hatte zuvor bewusst eigene Wege beschritten, bevor er ins väterliche Unternehmen kam. 1981 übernahm er den Vorstandsvorsitz und führte das Unternehmen in neue Dimensionen. 2007 zog er sich von diesem Posten zurück, blieb aber als Inhaber und Aufsichtsratsvorsitzender eng verbunden. Auch andere Kinder von Werner Otto wurden unternehmerisch tätig und blieben der Familiendynastie verbunden. Alexander Otto übernahm und entwickelte den Immobilienkonzern ECE, während Ingvild, Katharina und Frank sich in den Bereichen Kunst, Film und Medien engagierten. Werner Otto selbst bezeichnete seine fünf Kinder als seine größte Lebensleistung. Heute hat die dritte Generation der Familie Otto das Sagen im Konzern.
Flexibilität und Nachhaltigkeit als Erfolgsfaktoren
Die Geschichte von Otto ist auch eine Geschichte der ständigen Anpassung und Innovation. Werner Otto war stets bereit, Neues auszuprobieren, auch wenn nicht jedes Projekt zum Erfolg führte, wie etwa die Versuche mit Warenhäusern oder Autowaschanlagen. Sein unternehmerisches Prinzip „teile und wachse“ ermöglichte es dem Unternehmen, durch die Aufnahme von Partnern zu expandieren, ohne die Führung abzugeben. Seit 2007 gehört der Konzern wieder vollständig der Gründerfamilie. Unter der Führung von Michael Otto rückte ab den 1980er-Jahren das Thema Umweltschutz und Nachhaltigkeit stark in den Fokus. Lange bevor es zum Mainstream wurde, erklärte Otto 1986 Umweltschutz zum offiziellen Unternehmensziel. Mülltrennung wurde eingeführt, schädliche Produkte wie Pelze und bestimmte Lacke aus dem Sortiment gestrichen. Ab 1990 bot Otto schadstoffgeprüfte Textilien an und war fünf Jahre später eines der ersten Unternehmen, das Produkte nach dem Öko-Tex 100 Standard kennzeichnete. Auch die Umstellung des Warentransports von Luft- auf Seeweg war ein früher Beitrag zum Energiesparen. Dieses frühe Engagement für Nachhaltigkeit festigte das positive Image des Unternehmens und erwies sich als strategischer Vorteil.
Die digitale Revolution: Otto.de
Eine der bedeutendsten Weichenstellungen in der jüngeren Unternehmensgeschichte war der Schritt ins digitale Zeitalter. Nachdem 1991 bereits der 24-Stunden-Bestellservice eingeführt worden war, begann 1995 mit dem Start von otto.de eine komplett neue Ära. Otto erkannte früh das Potenzial des Internets und trieb den Aufbau des Online-Handels zügig voran. Damit war das Unternehmen erneut Vorreiter in seiner Branche und positionierte sich erfolgreich für die Zukunft. Während Otto das Online-Geschäft konsequent ausbaute, verpasste ein großer Konkurrent, das Versandhaus Quelle, diesen Trend. Quelle geriet in finanzielle Schwierigkeiten und musste 2009 Insolvenz anmelden. Otto erwarb die Markenrechte an Quelle und baute 2011 auf quelle.de einen Marktplatz auf. Der Erfolg von otto.de wuchs stetig. Im Jahr 2018 bestellten bereits 97 Prozent der Kunden online. Die Nutzung von Fax, Brief oder Telefon für Bestellungen war auf nur noch drei Prozent gesunken. Diese Entwicklung führte zu einer historischen Entscheidung: Im November 2018 wurde der letzte gedruckte Otto-Katalog eingestellt. Wie Marc Opelt, der Chef der Einzelgesellschaft Otto, damals zusammenfasste: „Unsere Kunden haben den Katalog selbst abgeschafft, weil sie ihn immer weniger nutzen und schon längst auf unsere digitalen Angebote zugreifen.“ Die Ära des klassischen Katalogversandhauses war endgültig vorbei.
Otto heute: Ein globaler Handelskonzern
Aus dem kleinen Schuhversand in einer Hamburger Baracke ist heute die Otto Group geworden, ein global agierender und breit aufgestellter Handelskonzern. Die Gruppe umfasst nach eigenen Angaben rund 30 Unternehmensgruppen in mehr als 30 Ländern und beschäftigt etwa 50.000 Mitarbeiter weltweit. Das Kerngeschäft liegt weiterhin auf Mode- und Lifestyle-Produkten, doch das Portfolio wurde erheblich erweitert und umfasst heute auch Finanz- und Service-Dienstleistungen. Innerhalb Deutschlands gehören bekannte Unternehmen wie Baur, Heine, About You und Bonprix zur Otto Group, ebenso wie der Filialist Manufactum. Der Fokus liegt klar auf dem Online-Geschäft, das den Großteil des Umsatzes erwirtschaftet. Im April 2024 bezog die Otto Group ihr neues Hauptquartier in Hamburg-Bramfeld, eine umgebaute ehemalige Lagerhalle, die die Modernität und Transformation des Unternehmens symbolisiert. Die Otto-Familie zählt seit Langem zu den reichsten Familien Deutschlands und engagiert sich vielfältig in Kunst, Sport und karitativen Projekten. Werner Ottos Lebensmotto "Panta rhei" ("Alles fließt") spiegelt die ständige Bereitschaft zur Veränderung wider, die das Unternehmen geprägt hat. Sein Mut zu Neuem, eine enorme Flexibilität und nicht zuletzt der starke Zusammenhalt innerhalb der Unternehmerfamilie sind wohl die wichtigsten Faktoren für den anhaltenden Erfolg. Werner Otto starb am 21. Dezember 2011 im Alter von 102 Jahren.
Zeitleiste wichtiger Ereignisse
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1949 | Gründung des Otto-Versands durch Werner Otto in Hamburg |
| 1950 | Erscheinung des ersten Otto-Katalogs |
| 1963 | Einführung des telefonischen Bestellservices (Callcenter) |
| 1972 | Gründung des eigenen Paketdienstes Hermes |
| 1981 | Michael Otto übernimmt den Vorstandsvorsitz |
| 1995 | Start des Online-Shops otto.de |
| 2009 | Otto erwirbt die Markenrechte an Quelle nach dessen Insolvenz |
| 2018 | Einstellung des gedruckten Otto-Katalogs |
| 2024 | Einzug in das neue Hauptquartier in Hamburg-Bramfeld |
Häufig gestellte Fragen zur Otto-Geschichte
Wann wurde Otto gegründet?
Das Unternehmen Otto wurde am 17. August 1949 von Werner Otto in Hamburg gegründet.
Wie hat Otto angefangen?
Otto startete als kleiner Schuhversandhandel in einer Baracke in Hamburg mit nur 6.000 D-Mark Kapital und vier Mitarbeitern.
Was war die erste Innovation von Otto?
Eine frühe Innovation war die Bezahlung per Rechnung anstelle der Nachnahme, was das Bestellen für die Kunden einfacher machte.
Was ist Hermes und gehört es zu Otto?
Hermes ist der eigene Paketdienst der Otto Group, gegründet im Jahr 1972, um die Zustellung der Waren selbst zu kontrollieren und zu optimieren.
Wann ging Otto online?
Otto startete seinen Online-Shop otto.de im Jahr 1995 und war damit einer der Pioniere im deutschen E-Commerce.
Wann wurde der Otto-Katalog eingestellt?
Der letzte gedruckte Otto-Katalog wurde im November 2018 eingestellt, da die meisten Kunden bereits online bestellten.
Gehört Quelle heute noch zu Otto?
Die Otto Group erwarb 2009 die Markenrechte an Quelle und betreibt unter der Marke quelle.de einen Online-Marktplatz für Technik und Haushalt.
Wer leitet Otto heute?
Die Otto Group ist ein Familienunternehmen, das heute von der dritten Generation der Familie Otto geführt wird, auch wenn Michael Otto als Inhaber und Aufsichtsratsvorsitzender weiterhin eine wichtige Rolle spielt.
Die Geschichte von Otto ist ein beeindruckendes Beispiel für Wandlungsfähigkeit und Unternehmergeist. Von den bescheidenen Anfängen als Schuhversand entwickelte sich das Unternehmen durch ständige Innovation, strategische Entscheidungen wie die Gründung von Hermes und den frühen Schritt ins Online-Geschäft zu einem modernen, global agierenden Handelskonzern. Die Prinzipien des Gründers Werner Otto leben fort und prägen den Erfolg auch in der digitalen Ära.
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