03/05/2023
Die Geschichte der Familie Riedel und ihrer tiefen Verbindung zur Glasherstellung ist eine Erzählung von Tradition, Innovation und bemerkenswertem Unternehmergeist, die sich über viele Jahrhunderte erstreckt. Was als bescheidenes Handwerk begann, entwickelte sich im Laufe der Generationen zu einem bedeutenden Industrieunternehmen, das sich einen Namen für Qualität und, wie die Geschichte zeigt, auch für Luxus machte.

Die Wurzeln reichen bis ins Jahr 1673 zurück, als der Glashändler Johann Christoph Riedel den Grundstein legte. Sein Enkel, Johann Leopold Riedel (1726–1800), übernahm 1746 die Leitung einer eigenen Glashütte in Nordböhmen und erweiterte den Familienbetrieb im Laufe der Zeit um mehrere weitere Standorte. Diese frühe Phase war geprägt von der Herstellung verschiedenster Glaswaren, die den Bedarf der damaligen Zeit deckten.
Der Aufstieg unter Josef Riedel d. Ä. – Der „Glaskönig“
Eine Ära des beispiellosen Wachstums begann mit Josef Riedel d. Ä. (1816–1894), der sechsten Generation der Familie. Geboren zur Zeit der Industriellen Revolution, erwies sich Josef als visionärer Unternehmer. Bis 1858 besaß er bereits acht Glashütten, dazu zwei Textilfabriken und Kohlebergwerke. Seine Betriebe stellten zunächst vor allem Glasschmuck, Perlen und Kronleuchterteile her. Doch Josef Riedel d. Ä. hatte größere Ambitionen.
Er war bekannt dafür, stets auf Qualität zu setzen, anstatt die Preise zu unterbieten. Dieser Fokus zahlte sich aus, denn die Kunden schätzten die hochwertigen Produkte. Seine Zeitgenossen nannten ihn den „Glaskönig des Isergebirges“, und seine Mitarbeiter sprachen ihn respektvoll als „Herr Vater“ an. Josef Riedel d. Ä. war nicht nur ein erfolgreicher Industrieller, sondern auch ein bedeutender Bankier und Financier in der Region, der Unternehmen mit Krediten unterstützte und ihnen sogar half, Exportmärkte zu erschließen. Ein Beispiel hierfür ist die finanzielle Unterstützung der Firma Gebrüder Feix im Jahr 1861, die sich zu einem der größten Hersteller von Knöpfen, Modeschmuck und Kristallwaren entwickelte.
Der entscheidende Schritt zum Luxusglas
Ein Wendepunkt in der Geschichte des Unternehmens, der direkt die Frage nach dem Luxusstatus beantwortet, war das Jahr 1873. Unter der Leitung von Josef Riedels ältestem Sohn Hugo Riedel (1848–1883), der die Produktion in Polaun übernommen hatte, begann Riedel mit der Herstellung von dekoriertem Hohlglas. Die Nachfrage nach Glasschmuck ließ nach, während das Interesse an dekoriertem Glas international zunahm. Josef Riedel hatte sich zuvor auf die Basiserzeugnisse konzentriert und das Dekorieren anderen überlassen. Doch ab 1873 begann Riedel selbst, Luxusglasartikel zu produzieren.
Dieser neue Geschäftszweig war sofort erfolgreich. Noch im selben Jahr, 1873, nahm Riedel an der Weltausstellung in Wien teil und gewann eine Goldmedaille für seine Waren, einschließlich des brandneuen Hohlglases mit Dekor. Dies war die erste Auszeichnung bei einem so prestigeträchtigen internationalen Ereignis und unterstreicht die Positionierung im hochwertigen Segment. Das neue Hohlglas wurde über eigene Distributoren und direkt an ausländische Partner in Deutschland, Großbritannien und Frankreich verkauft.
Innovationen und Expansion
Die Familie Riedel war stets bestrebt, technologische Fortschritte zu nutzen und Innovationen voranzutreiben. Hugo Riedel richtete in Polaun ein chemisches Labor ein, in dem neue Glasfarben und Technologien entwickelt und patentiert wurden. Er kreierte unter anderem Rubinglas mit Dukatengold, entwickelte neue Prozesse zur Glasdekoration mit Emaille und entwarf sogar selbst dekorative Glasobjekte.
Auch Wilhelms Riedels (1849–1929) Beitrag war entscheidend. Er leitete nicht nur andere Unternehmensbereiche wie die Spinnerei und die Kohleminen, sondern entwickelte und patentierte auch die Technologie der „Verwendung von Druckluft zur Formgebung von Hohlglas in Metallformen“. Diese Innovation, patentiert im Jahr 1879, ermöglichte die maschinelle Herstellung von Hohlglas mit Mustern, die das Aussehen von geschliffenem Glas imitierten. Diese Technologie trug maßgeblich zum Erfolg des Unternehmens bei und festigte seine Position im Markt für hochwertige Gebrauchsgläser wie Parfümflaschen, Salz- und Pfefferstreuer.
Das Unternehmen expandierte weiter und diversifizierte sein Portfolio. In den 1880er Jahren stellte Riedel optische Kristall-Fresnel-Linsen für Leuchttürme her und trat damit in den Bereich des technischen Glases ein. Josef Riedel Jr. (1862–1924), ein studierter Chemiker, leitete eine neu errichtete Gießerei, in der Metallformen und Werkzeuge für die Glasproduktion, aber auch funktionale und dekorative Metallteile für Glaswaren hergestellt wurden. Dies ermöglichte es Riedel, auch Glas mit Metallverzierungen anzubieten, was international sehr gefragt war.

Die Riedels waren auch frühe Anwender neuer Technologien. Sie installierten 1883 eine private Telefonleitung zwischen ihren Fabriken und führten noch im selben Jahr elektrisches Licht ein, kurz nachdem Thomas Edison die Glühbirne patentiert hatte.
Fokus auf Luxus und Anerkennung
Die Ausrichtung auf das Luxussegment verstärkte sich weiter. Riedel kaufte die Glasmanufaktur von Vincenz Pohl in Neuwelt, einen Dekorationsbetrieb von Weltklasse. Das dort produzierte dekorierte Glas mit farbigen Emaille-Verzierungen erfreute sich großer Beliebtheit, insbesondere in Venedig, Frankreich und Übersee in Südamerika. Die Nachfrage nach diesem Luxusglas überstieg das Angebot, was zur Eröffnung einer zusätzlichen Dekorationswerkstatt in Polaun führte.
1887 stellte das Unternehmen auf der renommierten Leipziger Messe erstmals sein Luxusglaswaren aus. Ein Höhepunkt war die Einladung zur Teilnahme an der Jubiläumsausstellung zum 40. Geburtstag des Kaisers in Wien im Jahr 1888. Riedel war eine von nur sieben Glasfabriken im gesamten österreichisch-ungarischen Kaiserreich, denen diese Ehre zuteilwurde. Für ihre aufwendig dekorierten Gläser und Perlen wurden sie mit Medaillen ausgezeichnet. Eine Wiener Fachzeitschrift nannte die Riedel-Entwürfe „wahrhaft besondere Kunstwerke“.
Diese historischen Belege zeigen deutlich, dass Riedel spätestens ab den 1870er Jahren bewusst das Segment des Luxusglases bediente und dafür international Anerkennung fand.
Herausforderungen und Neuanfang
Wirtschaftliche Krisen, wie die erste globale Krise in den 1870er Jahren, stellten das Unternehmen vor Herausforderungen. Josef Riedel d. Ä. überstand diese Krise durch kluge Investitionen, unter anderem in eigene Kohleminen zur Sicherung der Energieversorgung.
Die Weltkriege und die politischen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts trafen das Unternehmen hart. Walter Riedel (1895–1974), in der achten Generation, erweiterte das Geschäft weiter, stellte aber während des Zweiten Weltkriegs auch Bildröhren für Radar her. Nach dem Krieg wurde er in sowjetischer Kriegsgefangenschaft gehalten und das Unternehmen in der kommunistischen Tschechoslowakei enteignet.
Die Familie gab jedoch nicht auf. 1957 startete Walter Riedel gemeinsam mit seinem Sohn Claus Josef Riedel (1925–2004) einen Neuanfang in Kufstein, Österreich. Mit finanzieller Unterstützung der Familie Swarovski, zu der historische Verbindungen bestanden, übernahm Claus Riedel eine Glashütte und baute sie zur Tiroler Glashütte aus. 1956 wurde die Glasproduktion unter dem Namen Riedel-Glas wieder aufgenommen.
Riedel heute
Heute wird das Unternehmen in der 10. und 11. Generation von Georg Josef Riedel und seinem Sohn Maximilian J. Riedel geführt. Die Riedel Glass Works umfasst heute die Marken Riedel, Nachtmann und Spiegelau, nachdem Riedel 2004 Nachtmann übernommen hatte. Maximilian Riedel hat maßgeblich zum Erfolg des Unternehmens auf dem wichtigen nordamerikanischen Markt beigetragen.

Während die historische Produktion sehr breit gefächert war und von einfachen Perlen bis hin zu komplexen technischen Gläsern reichte, konzentriert sich das moderne Unternehmen Riedel vor allem auf hochwertige Trinkgläser, die für ihre Formgebung und deren Einfluss auf das Aroma von Getränken bekannt sind. Die Übernahme von Nachtmann und Spiegelau erweitert das Portfolio im Bereich Kristallglas.
Kritik
Es gab auch kritische Stimmen bezüglich der wissenschaftlichen Begründung der Riedel-Philosophie, dass die Form eines Glases den Geschmack des Weins beeinflusst. So berichtete das Gourmet Magazine im Jahr 2004, dass Studien darauf hindeuten, dass diese Behauptungen wissenschaftlich nicht haltbar seien. Der Artikel zitierte eine Forscherin, die angab, dass die von Riedel angeführte „Zungenkarte“ (eine Darstellung, welche Bereiche der Zunge für bestimmte Geschmäcker zuständig sein sollen) nicht existiere und dies seit dreißig Jahren bekannt sei.
Häufig gestellte Fragen
Ist Riedel eine Luxusmarke?
Basierend auf der Unternehmensgeschichte, insbesondere der bewussten Ausrichtung auf die Herstellung und den Verkauf von „Luxusglasartikeln“ und „aufwendig dekoriertem Glas“ ab den 1870er Jahren sowie der internationalen Anerkennung und den Auszeichnungen in diesem Segment, kann man sagen, dass Riedel historisch und auch in seiner modernen Positionierung im Bereich hochwertiger Glaswaren eindeutig ein Unternehmen mit starken Bezügen zum Luxussegment ist.
Woher stammt die Familie Riedel?
Die Familie Riedel stammt ursprünglich aus Nordböhmen (heute Tschechien), wo die ersten Glashütten betrieben wurden. Nach der Enteignung nach dem Zweiten Weltkrieg startete die Familie einen Neuanfang in Kufstein, Österreich, wo sich heute der Hauptsitz befindet.
Welche Art von Produkten stellt Riedel her?
Historisch stellte Riedel eine sehr breite Palette von Glasprodukten her, darunter Glasschmuck, Perlen, Kronleuchterteile, technisches Glas, Parfümflaschen und dekoratives Hohlglas. Heute konzentriert sich die Riedel Glass Works Gruppe mit den Marken Riedel, Nachtmann und Spiegelau auf hochwertige Trinkgläser und Kristallglaswaren.
Was ist die Geschichte der Riedel-Glashütten?
Die Geschichte begann im 17. Jahrhundert in Böhmen mit Glashändlern und Glasmalern. Ab dem 18. Jahrhundert wurden eigene Glashütten betrieben. Unter Josef Riedel d. Ä. im 19. Jahrhundert erfolgte eine massive Expansion und die Umstellung zur Industrie. Nach Enteignung und Neuanfang in Österreich im 20. Jahrhundert entwickelte sich Riedel zu einem weltweit bekannten Hersteller von Qualitätsglas.
Fazit
Die Geschichte von Riedel ist die Geschichte einer Familie, die über elf Generationen hinweg das Handwerk der Glasherstellung gemeistert und zu industrieller Größe ausgebaut hat. Von den bescheidenen Anfängen über die Ära des „Glaskönigs“ Josef Riedel d. Ä., der den Grundstein für die Produktion von hochwertigem und luxuriösem Glas legte, bis zum modernen globalen Unternehmen, das für seine spezifischen Trinkgläser bekannt ist. Die Auszeichnungen, die bewusste Ausrichtung auf dekoratives und hochwertiges Glas sowie die internationale Vermarktung der Produkte ab den 1870er Jahren belegen, dass Riedel seit langem im Segment des Luxusglases aktiv ist und sich dort erfolgreich positioniert hat. Die Marke Riedel steht somit für eine lange Tradition, ständige Innovation und eine klare Ausrichtung auf Qualität, die sie in den Bereich der angesehenen und oft als Luxus empfundenen Glaswaren rückt.
Wenn du mehr spannende Artikel wie „Riedel Glas: Mehr als nur Trinkgefäße“ entdecken möchtest, schau doch mal in der Kategorie Bürobedarf vorbei!
