24/01/2013
Thomas Bernhard (1931–1989) zählt zu den bedeutendsten österreichischen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Sein Werk ist geprägt von einer einzigartigen literarischen Stimme, die gleichermaßen fasziniert und provoziert. Bernhard entwickelte einen unverwechselbaren Stil, der sich durch eine intensive Auseinandersetzung mit Themen wie Krankheit, Tod, menschlichem Scheitern sowie einer schonungslosen Kritik an Österreich auszeichnet. Dieser Artikel beleuchtet seine Lebensgeschichte, sein literarisches Schaffen und die charakteristischen Merkmale seines Schreibstils anhand der uns vorliegenden Informationen.

Thomas Bernhard wurde am 9. Februar 1931 in Heerlen, Niederlande, geboren. Er war der Sohn von Herta Fabjan und Alois Zuckerstätter. Seine frühe Kindheit verbrachte er teilweise in Wien bei seinem Großvater, dem Schriftsteller Johannes Freumbichler. Diese Zeit und sein späteres Leben in Seekirchen beschrieb er als die glücklichste seines Lebens. Später lebte er mit seiner Mutter in Traunstein (Oberbayern), eine Periode, die er in seinem autobiografischen Buch „Ein Kind“ (1982) verarbeitete. Seine Schulzeit war von verschiedenen Stationen geprägt, darunter ein Erziehungsheim in Saalfeld und das Gymnasium in Salzburg, wo er im NS-Schülerheim „Johanneum“ untergebracht war. Diese Erlebnisse flossen später in seine autobiografischen Romane ein, wie „Die Ursache“ (1975), „Der Keller“ (1976), „Der Atem“ (1978) und „Die Kälte“ (1981). Nach dem Abbruch der Schulausbildung absolvierte er eine kaufmännische Lehre und verbrachte Zeit in Lungenheilstätten, was auf eine schwere Erkrankung hindeutet, die ihn zeitlebens begleitete.

Seit 1950 veröffentlichte Bernhard erste literarische Arbeiten unter Pseudonym. Er studierte am „Mozarteum“ in Salzburg Musik und darstellende Kunst und arbeitete gleichzeitig als Journalist, schrieb Literatur- und Theaterkritiken sowie Gerichtsreportagen. Sein Studium schloss er 1957 mit der Bühnenreifeprüfung ab. Im selben Jahr erschien sein erster Gedichtband „Auf der Erde und in der Hölle“, gefolgt von weiteren Lyriksammlungen. Thomas Bernhard lebte bis zu seinem Tod als freier Schriftsteller in Österreich.
Literarisches Schaffen und wiederkehrende Themen
Im Mittelpunkt von Bernhards literarischem Schaffen steht der Mensch, oft dargestellt unter dem Gesetz von Krankheit und Tod. Seit seinem Roman „Frost“ (1963) bevölkern seine Werke Figuren von wahnhafter Monomanie, deren Streben nach einem Absoluten – sei es in der Kunst oder der Erkenntnis – häufig im totalen Scheitern endet. Beispiele hierfür sind die Romane „Verstörung“ (1967), „Das Kalkwerk“ (1970) und „Korrektur“ (1975). Die Brüchigkeit des gesellschaftlichen Zustandes wird dabei oft in Symbolen erfasst.
Ein zentrales Thema in Bernhards Werk ist die Österreichschelte. Mit zunehmender Schärfe rechnete er in seinen späteren Werken mit dem österreichischen Kulturbetrieb, der Geschichte und der Vergangenheitsbewältigung seines Heimatlandes ab. Er sah die österreichische Gesellschaft als kulturfeindlich, unmusisch und „katholisch-nationalsozialistisch“ an, die den „Geistesmenschen“ permanent vernichten wolle. Gleichzeitig verband die Figuren – und offenbar auch Bernhard selbst – eine ambivalente Liebe zur Heimat, aus deren Widerstand sie Schaffenskraft zogen.
Weitere wichtige Themen sind der Nationalsozialismus und der Katholizismus, Kindheitsorte wie Salzburg sowie die Auseinandersetzung mit Einzelpersonen aus Politik und Gesellschaft. Seine Protagonisten sind oft gesellschaftliche Außenseiter, Künstler oder Intellektuelle, die im Konflikt mit einer verständnislosen Umwelt stehen.
Der Bernhard'sche Stil
Thomas Bernhard entwickelte einen sehr eigenen und sofort wiedererkennbaren Stil. Dieser arbeitet besonders intensiv mit Wiederholungen von Wörtern, Satzteilen und ganzen Gedankenmustern. Diese Repetitionen erzeugen einen Sog und verstärken die obsessive Natur der Figuren und ihrer Gedankengänge. Ein weiteres prägnantes Merkmal ist die indirekte Wiedergabe der Rede, die meist monologisch ist. Die Figuren verfallen oft in lange, ununterbrochene Redeflüsse, die ihre innere Zerrissenheit und ihre Fixierungen offenbaren. Sätze können sich über mehrere Seiten ziehen, es gibt oft kaum Absätze, was die Atemlosigkeit und die unaufhörliche Gedankenflut der Erzähler oder Figuren widerspiegelt.

Ab 1970 wandte sich Bernhard verstärkt dem Drama zu, wobei er die Themen seiner erzählerischen Werke oft tragikomisch variierte. Die späteren Prosatexte, darunter auch autobiografische Schriften, zeigten mitunter eine stärkere Wendung zum Kommunikativen, auch wenn die Selbstbezogenheit der Hauptfiguren weiterhin präsent blieb.
„Heldenplatz“ und die Kontroverse
Eines der bekanntesten Beispiele für Bernhards schonungslose Kritik und den daraus resultierenden Eklat ist sein Schauspiel „Heldenplatz“. Das Stück wurde anlässlich der Hundertjahrfeier des Wiener Burgtheaters geschrieben und thematisiert die österreichische Vergangenheit und Gegenwart. Der Titel bezieht sich auf den Ort, an dem Adolf Hitler 1938 unter dem Jubel der Massen den „Anschluss“ Österreichs verkündete. Fünfzig Jahre später begeht der jüdische Professor Josef Schuster Selbstmord, traumatisiert von der Vergangenheit und ernüchtert von der Gegenwart, in der er wieder Antisemitismus wähnt.
Passagen wie die Aussage Schusters, dass „Jetzt ist alles noch viel schlimmer / als vor fünfzig Jahren“, oder die Äußerungen seines Bruders Robert über die „sechseinhalb Millionen Debile und Tobsüchtige“ in Österreich und den wiederaufkommenden „Judenhass“ lösten eine landesweite Affäre aus, noch bevor das Stück uraufgeführt wurde. Politiker verschiedenster Lager meldeten sich zu Wort; während einige für die Aufführung plädierten, forderten andere, das Stück abzusetzen. Die Kontroverse führte zu enormer öffentlicher Aufmerksamkeit und machte die Uraufführung am 4. November 1988 zu einem Spektakel und Triumph für Bernhard und den Regisseur Claus Peymann.
„Korrektur“: Ein Roman der obsessiven Gedanken
Ein weiteres wichtiges Werk, das Bernhards Stil und Themen illustriert, ist der Roman „Korrektur“ (1975). Im Zentrum steht der Nachlass des Freundes Roithamer, der Selbstmord begangen hat. Ein namenloser Ich-Erzähler macht sich daran, Roithamers Aufzeichnungen zu sichten und zu ordnen. Roithamer, ein Wissenschaftler aus Altensam, hatte ein großes Werk über seinen Heimatort verfasst und dieses obsessiv „korrigiert“, bis fast nichts mehr übrig war. Er hatte auch einen „Wohnkegel“ für seine geliebte Schwester errichtet, die jedoch beim Einzug starb. Roithamer kam zum Schluss, dass die einzige endgültige Korrektur für ihn der Selbstmord sei.
Der Roman, der in zwei Teile gegliedert ist („Die höllersche Dachkammer“ und „Sichten und ordnen“), besteht fast ausschließlich aus der Wiedergabe der Gedanken und Überlegungen Roithamers durch den Ich-Erzähler. Es gibt kaum äußere Handlung, stattdessen dominieren endlose Gedankenschleifen, Reflexionen über die Familie, die Herkunft, das Bauprojekt und die Natur des Scheiterns. Die Struktur mit langen Sätzen ohne Absätze im Hauptteil verstärkt das Gefühl der unaufhörlichen, kreisenden Gedanken. „Korrektur“ ist ein Paradebeispiel für Bernhards Monologe und seine Art, sich einem Thema – hier der Obsession, dem Scheitern und dem Selbstmord – über die innere Welt einer Figur zu nähern.

Juristische Auseinandersetzungen
Bernhards radikale Offenheit und Kritik führten mehrfach zu juristischen Konsequenzen. So durfte „Die Ursache“ nur in einer zensierten Fassung erscheinen, nachdem ein darin beschriebener katholischer Geistlicher geklagt hatte. Auch der Roman „Holzfällen“ (1984), der sich kritisch mit dem Umfeld des Komponisten Gerhard Lampersberg auseinandersetzte, wurde auf dessen Betreiben hin beschlagnahmt. Bernhard reagierte darauf mit einem zeitweisen Verbot, seine Werke nach Österreich auszuliefern – ein weiteres Beispiel für seine kompromisslose Haltung.
Bernhards Lebensende und Vermächtnis
Thomas Bernhard starb am 12. Februar 1989 in Gmunden, kurz nach seinem 58. Geburtstag. Sein Tod wurde erst am Tag seiner Beerdigung bekannt gegeben. In seinem Testament verfügte er, dass seine Stücke in Österreich nicht aufgeführt und seine Werke nicht veröffentlicht werden dürften – eine letzte, radikale Geste, die als Reaktion auf die „Heldenplatz“-Affäre verstanden wurde. Dieses Verbot wurde später von der von seinem Halbbruder Peter Fabjan gegründeten Thomas-Bernhard-Stiftung aufgehoben.
Bernhard erhielt zahlreiche Literaturpreise, darunter den Österreichischen Staatspreis, den Georg-Büchner-Preis und den Prix Medicis. Sein Werk umfasst Romane, Theaterstücke, Autobiografien und Lyrik.
Einige Werke Thomas Bernhards:
- Frost (1963)
- Amras (1964)
- Verstörung (1967)
- Das Kalkwerk (1970)
- Ein Fest für Boris (1970, Drama)
- Die Ursache (1975)
- Korrektur (1975)
- Der Keller (1976)
- Der Atem (1978)
- Die Kälte (1981)
- Ein Kind (1982)
- Der Untergeher (1983)
- Holzfällen (1984)
- Alte Meister (1985)
- Auslöschung (1986)
- Der Theatermacher (1986/87, Drama)
- Heldenplatz (1988, Drama)
Thomas Bernhard hat mit seinem unverwechselbaren Stil und seiner radikalen Thematik die deutschsprachige Literatur nachhaltig geprägt. Seine Werke fordern heraus, stoßen ab und ziehen gleichzeitig in ihren Bann durch ihre sprachliche Intensität und die schonungslose Auseinandersetzung mit menschlichen und gesellschaftlichen Abgründen.
Häufig gestellte Fragen zu Thomas Bernhard
Hat Thomas Bernhard geraucht?
Nein, die uns vorliegenden Informationen besagen explizit, dass Thomas Bernhard nie geraucht hat, obwohl in seinem Haus eine Stange Dunhill-Zigaretten gefunden wurde. Sein Halbbruder Peter Fabjan kaufte diese nach, damit die Inszenierung des Hauses authentisch wirkte.

Was schrieb Thomas Bernhard?
Thomas Bernhard schrieb Romane, Erzählungen, Autobiografisches, Lyrik und Dramen. Er begann seine Karriere als Journalist und Kritiker. Zu seinen bekanntesten Werken zählen Romane wie „Frost“, „Das Kalkwerk“, „Korrektur“ und „Auslöschung“ sowie Theaterstücke wie „Ein Fest für Boris“ und „Heldenplatz“. Seine autobiografischen Schriften sind ebenfalls sehr bekannt.
Ist Korrektur ein Roman von Thomas Bernhard?
Ja, „Korrektur“ ist ein Roman von Thomas Bernhard, der 1975 erschien. Er handelt vom Nachlass eines Mannes namens Roithamer, der Selbstmord begangen hat, und der obsessiven Arbeit an seinem Werk und einem Bauprojekt.
Wo lebte Thomas Bernhard?
Thomas Bernhard lebte an verschiedenen Orten in Österreich und kurzzeitig in den Niederlanden und Deutschland in seiner Kindheit. Als Erwachsener lebte er als freier Schriftsteller in Österreich, unter anderem in Salzburg, Wien (in der Wohnung von Hedwig Stavianicek) und auf seinen Höfen im Salzkammergut bei Gmunden, wie dem Vierkanthof in Obernathal.
Was war die Heldenplatz-Affäre?
Die Heldenplatz-Affäre war eine große öffentliche Kontroverse, die 1988 in Österreich durch Thomas Bernhards Theaterstück „Heldenplatz“ ausgelöst wurde. Das Stück enthielt scharfe Kritik an Österreich und seinen Bewohnern, was zu heftigen Reaktionen von Politikern und in der Öffentlichkeit führte, noch bevor das Stück am Burgtheater uraufgeführt wurde.
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