08/05/2012
Tschechien, ein Land im Herzen Europas, birgt eine reiche Vielfalt an Traditionen, Geschmäckern und Geschichten, die weit über Klischees hinausgehen. Von der herzhaften Küche, die tiefe historische Wurzeln teilt, über ein global agierendes Schuhimperium bis hin zur eigenen stabilen Währung und den sprachlichen Spuren der Vergangenheit – wir tauchen ein in das, was typisch tschechisch ist.

Die Kultur Tschechiens, beeinflusst von seinen Nachbarn und seiner eigenen bewegten Geschichte, zeigt sich in vielen Facetten. Besonders prägnant sind dabei sicherlich die kulinarischen Spezialitäten, aber auch wirtschaftliche Erfolgsgeschichten und die Symbole nationaler Identität wie die eigene Währung.
Kulinarisches Tschechien: Eine Reise für den Gaumen
Die traditionelle Küche in Tschechien, oft auch als Böhmische Küche bezeichnet, teilt aufgrund der gemeinsamen Geschichte viele Ähnlichkeiten mit den Küchen Ungarns, Süddeutschlands und Österreichs. Sie entstand im fruchtbaren Böhmischen Becken, das schon immer ein vielfältiges Angebot an Fleisch, Wild, Fisch, Pilzen, Gemüse, Feldfrüchten, Getreide und Obst bot. Auf dieser Grundlage entwickelte sich eine nahrhafte, aber tendenziell üppige Küche.
Die Grenzen zwischen den Küchen sind fließend. Man kann heute kaum mehr genau sagen, ob das ungarische Gulasch oder das böhmische „guláš“ zuerst da war, der bayerische Schweinebraten mit Knödel und Kraut oder die tschechische Variante „vepřo, knedlo, zelo“, der Wiener Palatschinken oder die böhmischen „palačinky“. Besonders die als „böhmische Mehlspeisen“ bekannten Süßspeisen hatten einen großen Einfluss auf die Küchen der Länder der österreichisch-ungarischen Monarchie und verbreiteten sich so weiter.
Beliebte Hauptgerichte
Ein absoluter Klassiker der böhmischen Küche und das Nationalgericht schlechthin ist „vepřová pečeně“ (dt. Schweinebraten). Traditionell wird er als „vepřo, knedlo, zelo“ serviert, was Schweinefleisch-Knödel-Kraut bedeutet. Dabei wird das eher fettere Fleisch oft mit Knoblauch eingerieben. Die Zubereitung ähnelt der in Österreich. Eine Alternative zur klassischen Variante ist Schweinsbraten mit frisch gekochtem Kraut, verfeinert mit Speckwürfeln und Kümmel.
Eine weitere traditionelle böhmische Spezialität ist „Svíčková na smetaně“, übersetzt „Lendenbraten auf Rahm“. Üblicherweise verwendet man hierfür Rinderfilet, heutzutage oft auch anderes Rinderbratenfleisch. Die Sauce ist besonders: Sie wird aus dem mit dem Fleisch geschmorten Wurzelgemüse wie Karotten, Sellerie, Petersilienwurzel und Zwiebeln zubereitet, passiert und mit Sahne aufgekocht. Das Fleisch wird in dünnen Scheiben oder portionsgerechten Stückchen angerichtet und mit der cremigen Sauce, einem Klecks Schlagsahne, Zitrone und Preiselbeeren serviert. Typische Beilage sind auch hier Böhmische Knödel. Dieses Gericht ist besonders bei Festessen sehr beliebt.
„Pražská šunka“ (dt. „Prager Schinken“) ist der wohl berühmteste Kochschinken der böhmischen Küche. Er wird oft als Aufschnitt kalt gegessen. Als warmes Hauptgericht wird die Schwarte entfernt, der Schinken in Brotteig gehüllt im Ofen gegart und meist mit Bratensauce serviert. Eine andere Zubereitungsart ist das Schmoren mit Burgunderwein und Suppengrün.

„Smažený sýr“ bedeutet übersetzt „geschmolzener Käse“ und ist ein weit verbreitetes Gericht in Tschechien, obwohl es nicht zur ganz klassischen böhmischen Küche zählt. Es handelt sich um panierten Käse, der ungefüllt oder gefüllt mit Prager Schinken angeboten wird. Dazu gibt es meist „tatarka“ (Tartarensauce) und Salzkartoffeln oder Pommes Frites.
Suppen – Die Grundlage jeder Mahlzeit
Suppen haben in der tschechischen Küche einen hohen Stellenwert, belegt durch den Spruch „polívka je grunt, maso je špunt“ („die Suppe ist die Grundlage, Fleisch der Abschluss“). Sie sind oft deftig und können sowohl Vorspeise als auch Hauptmahlzeit sein. Hier eine Auswahl:
- Gulášová polévka: Ähnelt dem ungarischen Gulasch, ist aber flüssiger und wird mit Kartoffeln, Paprika und Kümmel gewürzt.
- Bramborová polévka: Eine sehr sämige Kartoffelsuppe, mit Mehlschwitze angedickt und oft mit Liebstöckel aromatisiert.
- Česnečka: Eine Knoblauchsuppe, meist klare Brühe von gekochten Kartoffeln mit Kümmel, angereichert mit reichlich geriebenem Knoblauch. Geröstete Brotwürfel werden im Teller angerichtet.
- Polévka s krupičkovými knedličky: Eine klare Rindsbrühe mit Grießnockerln und Schnittlauch. Die Nockerln sind hier traditionell etwas fester als in Österreich.
- Kulajda: Eine dickflüssige Suppe mit Kartoffeln, saurer oder süßer Sahne, Waldpilzen und pochierten Eiern. Sie wird stark mit Dill gewürzt und ist typisch für die Regionen am Riesengebirge und Böhmerwald.
- Dršťková polévka: Kuttelsuppe. Die weichgekochten Kutteln werden in Streifen geschnitten, angedünstet und mit Fleischbrühe, Salz, Pfeffer, Lorbeer und Paprika fertig gegart.
Süßes und Gebäck
„Chlebíčky“ sind kleine, belegte Weißbrotscheiben, ähnlich Canapés. Sie werden gerne als Zwischenmahlzeit oder auf Festen serviert. Die dünnen Scheiben werden mit Butter bestrichen und mit vielfältigen Belägen wie Fleischsalat, Salami, Bierschinken, Eiern, Hering oder Gewürzgurken belegt. Es gibt auch Varianten mit Frischkäse, Tatar oder Meeresfrüchten.
„Trdelník“, in Deutschland oft als Baumstriezel bekannt, ist eine populäre Art Baumkuchen, ursprünglich aus der Slowakei. Der Teig wird auf Metallstangen gerollt, über offenem Feuer gebacken und mit Zucker bestreut. Er wird oft an Straßenständen verkauft, besonders in Prag, und wird erst seit wenigen Jahren als traditionell tschechisch vermarktet.
„Žemlovka“ ähnelt dem Scheiterhaufen und ist eine meist süße Mehlspeise. Schichten von älteren Brötchen und Äpfeln (mit Rosinen, Mandeln, Zucker, Zimt) werden in einer Auflaufform mit Milch und Eiern getränkt und gebacken. Oft wird eine Eischneehaube daraufgesetzt und kurz überbacken. Es gibt auch salzige Varianten mit Wurst oder Gemüse statt Obst.
Getränke – Flüssiges Gold und Kräutergeist
Das Tschechisches Bier ist weltbekannt, nicht zuletzt durch Marken wie Budweiser oder Pilsner Urquell. Tschechien hat eine sehr lange Brautradition. Beeindruckend ist der Pro-Kopf-Konsum von über 140 Litern pro Jahr – der höchste weltweit. In den letzten Jahren erlebt das Bierbrauen einen Boom, und viele neue Kleinbrauereien bieten qualitativ hochwertiges Bier mit unterschiedlichen Aromen an.
„Becherovka“ ist ein grün-gelber Kräuterbitterschnaps aus Karlsbad, der seit über 200 Jahren nach geheimer Rezeptur hergestellt wird. Benannt nach seinem Erfinder Josef Vitus Becher, wird er ironisch als dreizehnte Heilquelle Karlsbads bezeichnet. Er wird pur, eisgekühlt oder als Mischgetränk getrunken. Das bekannteste Mischgetränk ist der „Beton“, eine Kombination aus Becherovka und Tonic Water.
Baťa: Ein tschechisches Unternehmen von Weltrang
Die Geschichte des Schuhunternehmens Baťa ist eng mit der tschechischen Geschichte verbunden, auch wenn es heute ein international agierender Konzern ist. Gegründet 1894 als T. & A. Baťa in Zlín (damals Österreich-Ungarn) von Tomáš Baťa und seinen Geschwistern, entwickelte es sich schnell zu einem globalen Player.

Tomáš Baťa revolutionierte die Schuhherstellung in Europa, indem er auf Maschinen umstellte und den Einzelhandel direkt belieferte. Bereits 1909 begann der Export, und innerhalb weniger Jahre expandierte das Unternehmen weltweit. Baťa konnte während des Ersten Weltkriegs den Bedarf an Militärstiefeln decken und organisierte seine Fabriken im Ausland so, dass sie unabhängig vom Mutterhaus agieren konnten.
Nach 1930 stieg der Konzern zum Weltmarktführer auf. Tomáš Baťa starb 1932, sein Halbbruder Jan Antonín Baťa übernahm die Leitung. Baťa war bekannt dafür, eigene Siedlungen und Kaufhäuser für die Arbeiter rund um die Fabriken zu errichten. Diese Siedlungen waren oft stark isoliert, boten aber auch Schulbildung und Wohlfahrtseinrichtungen. Zugleich gab es eine dichte Überwachung der Arbeiter.
Während des Zweiten Weltkriegs profitierten einige Bata-Fabriken von Zwangsarbeit. Nach der Zerschlagung der Tschechoslowakei 1939 floh Jan Antonín Baťa und baute den Konzern aus den ausländischen Teilen neu auf, unter anderem in Brasilien, wo er auch neue Städte gründete.
1945 wurde der tschechoslowakische Konzernteil durch die Nationalisierung enteignet und unter dem Namen Svit weitergeführt. Die kommunistische Regierung unterdrückte die Erinnerung an die Baťas und stellte sie als Ausbeuter dar.
Der Sohn von Tomáš Baťa, Thomas J. Bata, begann während des Krieges in Kanada und baute nach dem Krieg den internationalen Baťa-Konzern wieder auf. Nach der Samtenen Revolution 1989 konnte er einige Reste des ursprünglichen Unternehmens zurückkaufen und gründete Baťa a.s. in Tschechien, die heute primär als Vertriebsorganisation fungiert. Die Produktion erfolgt hauptsächlich in Ostasien und Afrika, mit nur noch einer verbliebenen Fabrik in Europa (Dolní Němčí).
Die Tschechische Krone: Mehr als nur Geld
Die Tschechische Krone (koruna česká) ist seit dem 8. Februar 1993 die offizielle Währung Tschechiens, kurz nach der Teilung der Tschechoslowakei. Eine Krone ist theoretisch in 100 Heller (haléř) unterteilt, doch die Hellermünzen haben seit 2003 keine Bedeutung mehr als Bargeld.
| Hellermünze | Ende der Gültigkeit |
|---|---|
| 10 Heller | 31. Oktober 2003 |
| 20 Heller | 31. Oktober 2003 |
| 50 Heller | 31. August 2008 |
Im Einzelhandel wird zwar weiterhin in 10-Heller-Schritten gerechnet, Barzahlungen werden aber auf volle Kronen kaufmännisch gerundet. Es gibt Münzen zu 1, 2, 5, 10, 20 und 50 Kronen. Die 50-Kronen-Münze von 1993 wurde geprägt, um die währungstechnische Loslösung von der Slowakei zu beschleunigen. Sie wurde später zurück in den Umlauf gebracht, da sie sich als haltbarer erwies als die 50-Kronen-Scheine bei häufigem Gebrauch. Bemerkenswert ist, dass die 50-Kronen-Münze 1994 zur „Münze des Jahres 1993“ (schönste Kursmünze der Welt) gewählt wurde.

Banknoten gibt es zu 100, 200, 500, 1000, 2000 und 5000 Kronen. Ältere Banknoten zu 20 (ungültig seit 2008) und 50 Kronen (ungültig seit 2011) wurden aus dem Verkehr gezogen. Auch ältere Serien der 100- bis 2000-Kronen-Scheine mit schmalem Silberstreifen sind seit 2022 ungültig.
Das Design der Banknoten wurde bereits vor der Teilung der Tschechoslowakei geplant. Nach der Sezession mussten slowakische Porträts ersetzt werden, und neue tschechische Persönlichkeiten wie Agnes von Böhmen, Božena Němcová und Emmy Destinn kamen auf die Scheine. Anfängliche Ausgaben zeigten im Durchsichtsregister noch das Kürzel „Cs“ für Tschechoslowakei, was später auf „ČR“ für Tschechische Republik korrigiert wurde. Die Banknoten wurden über die Jahre mit verbesserten Sicherheitsmerkmalen ausgestattet.
Die Frage der Euro-Einführung in Tschechien ist ein fortwährendes Thema. Mit dem EU-Beitritt ging das Land die Verpflichtung ein, den Euro zu übernehmen, jedoch ohne festen Zeitrahmen. Tschechien ist derzeit kein Mitglied des Wechselkursmechanismus II (WKM II), der eine Voraussetzung für den Euro-Beitritt ist. Trotz Erfüllung einiger Konvergenzkriterien (wie Zinsstabilität) erfüllt Tschechien aktuell andere nicht (z.B. Preisstabilität, Wechselkursstabilität, öffentliche Finanzen). Politische Gründe und eine mehrheitliche Ablehnung in der Bevölkerung haben die Einführung bisher verzögert. Konkrete Schritte zur Einführung wurden mehrfach diskutiert und wieder verworfen.
Deutsche Ortsnamen: Ein sprachliches Erbe
In Böhmen, Mähren und Schlesien gibt es eine Fülle von Deutsche Ortsnamen und Flurnamen. Dieses sprachliche Erbe zeugt von der jahrhundertelangen gemeinsamen Geschichte und der einst mehrheitlich deutschen Besiedlung vieler Gebiete. Nach 1945 und der Vertreibung der meisten Deutschen schwindet das Wissen um diese Namen zunehmend.
Um dieses Wissen zu bewahren, haben Enthusiasten wie Jan Heinzl und Otokar Simm im Isergebirge und im Friedländer Zipfel die Namen gesammelt und in einer Zweisprachige Wanderkarte veröffentlicht. Dies ist die erste aktuelle Karte in Tschechien, die sowohl die tschechischen als auch die alten deutschen Namen aufführt. Sie basiert auf aktuellem Kartenmaterial und ermöglicht es Wanderern, sich zu orientieren und gleichzeitig das historische Namensgut kennenzulernen.
Die Karte zeigt eine reiche Detailfülle, von kleinsten Bächen bis zu Gipfeln, Wegen und Wegkreuzen, oft mit gelb unterlegten deutschen Namen. Manche Namen existieren sogar nur auf Deutsch. Die Erstellung war aufwendig, basierend auf historischen Karten, Ortslexika und den Kenntnissen von Zeitzeugen. Die Herausgabe einer solchen Karte war in der Vergangenheit aufgrund der historischen Sensibilität nicht einfach, ist aber heute dank veränderter Einstellungen möglich geworden.
Häufig gestellte Fragen
- Q: Was sind typische tschechische Gerichte?
- A: Sehr bekannt sind „Vepřo, knedlo, zelo“ (Schweinebraten mit Knödeln und Kraut) und „Svíčková na smetaně“ (Lendenbraten auf Rahmsauce). Auch deftige Suppen und panierten Käse („Smažený sýr“) findet man häufig.
- Q: Welches Getränk ist besonders typisch für Tschechien?
- A: Tschechisches Bier ist international berühmt, und Tschechien hat den höchsten Pro-Kopf-Bierkonsum der Welt. Auch der Kräuterlikör Becherovka aus Karlsbad ist sehr populär.
- Q: Ist Bata noch ein tschechisches Unternehmen?
- A: Baťa wurde in Tschechien (damals Österreich-Ungarn) gegründet und hat eine tiefe historische Verbindung zum Land. Heute ist es jedoch ein international agierender Konzern mit Hauptsitz in der Schweiz, auch wenn es nach 1989 wieder eine Präsenz in Tschechien aufgebaut hat.
- Q: Wie heißt die Währung in Tschechien?
- A: Die Währung ist die Tschechische Krone (koruna česká).
- Q: Wird Tschechien bald den Euro einführen?
- A: Tschechien hat sich zur Euro-Einführung verpflichtet, aber es gibt keinen festen Zeitplan. Aktuell erfüllt das Land nicht alle notwendigen Kriterien, und die politische sowie öffentliche Meinung ist mehrheitlich gegen eine schnelle Einführung.
- Q: Warum gibt es deutsche Ortsnamen in Tschechien?
- A: Dies ist auf die jahrhundertelange gemeinsame Geschichte und die Ansiedlung deutscher Bevölkerungsgruppen in den böhmischen Ländern zurückzuführen. Viele Namen stammen aus der Zeit vor der Vertreibung der Deutschen nach 1945.
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