18/07/2015
Die Welfen zählen zu den ältesten und einst mächtigsten Adelsgeschlechtern Europas. Ihre Geschichte reicht weit zurück, geprägt von politischen Höhen und Tiefen, kaiserlichen Verbindungen und bedeutenden Territorien. Heute ist Ernst August Prinz von Hannover das Oberhaupt dieses traditionsreichen Hauses. Doch wie reich sind die Welfen heute wirklich, woher stammt ihr Vermögen und welche dunklen Kapitel birgt ihre Vergangenheit, insbesondere im Hinblick auf die Zeit des Nationalsozialismus und den umstrittenen Welfenschatz?
- Die Wurzeln eines alten Geschlechts: Von Franken zu Herzögen
- Aufstieg, Fall und neue Territorien
- Das Kurfürstentum Hannover und die britische Krone
- Das Königreich Hannover und der Verlust der Souveränität
- Die Welfen nach 1918 und während der NS-Zeit
- Das Vermögen der Welfen heute
- Der Welfenschatz: Ein kostbares Erbe und ein Rechtsstreit
- Wo leben die Welfen heute?
- Häufig gestellte Fragen
- Fazit
Die Wurzeln eines alten Geschlechts: Von Franken zu Herzögen
Ursprünglich stammten die Welfen aus dem fränkischen Maas-Mosel-Raum und waren eng mit dem Kaiserhaus der Karolinger verwandt. Bereits im 8. Jahrhundert treten sie urkundlich in Erscheinung. Eine erste bedeutende Linie, die schwäbischen Welfen, begründete ihre Macht auf umfangreichem Besitz in Schwaben, Rätien und Bayern. Ihre Stammburg lag bei Altdorf (heute Weingarten). Mit Welf III. starb diese ältere Linie 1055 im Mannesstamm aus.

Die jüngeren Welfen stammen von Welfs Schwester Kunigunde ab, die in die oberitalienische Familie d’Este einheiratete. Ihr Sohn, Welf IV., wurde 1070 zum Herzog von Bayern ernannt. Diese jüngere Linie spielte eine zentrale Rolle im Kaiserreich, insbesondere im Konflikt mit den Staufern. Durch geschickte Eheschließungen, wie die von Heinrich dem Schwarzen mit Wulfhild (Erbin um Lüneburg) und Heinrich dem Stolzen mit Gertrud von Sachsen (Tochter Kaiser Lothars III.), bauten die Welfen ihre Machtposition in Sachsen und Niedersachsen erheblich aus. Ihre ererbten Hausgüter in Schwaben und Niedersachsen bildeten das eigentliche Vermögen der Familie, während die Herzogtümer Bayern und Sachsen Reichslehen waren, die auch wieder entzogen werden konnten.
Aufstieg, Fall und neue Territorien
Heinrich der Stolze war durch seine Herzogtümer in Bayern und Sachsen sowie den ererbten Besitz der mächtigste Fürst im Reich. Ein Schritt zum Königtum scheiterte jedoch. Nach Konflikten mit Kaiser Friedrich Barbarossa verlor Heinrich der Löwe 1180 seine Herzogtümer, konnte aber seinen ererbten Privatbesitz um Braunschweig und Lüneburg behalten. Er musste ins Exil nach England gehen.
Ein letztes Aufbäumen der welfischen Macht zeigte sich im staufisch-welfischen Thronstreit. Otto IV., Sohn Heinrichs des Löwen, wurde 1198 Gegenkönig und 1209 der einzige welfische Kaiser des Heiligen Römischen Reichs. Er konnte sich jedoch nicht dauerhaft gegen Friedrich II. von Hohenstaufen behaupten.
Aus den Eigengütern der Welfen in Sachsen entstand 1235 das Herzogtum Braunschweig-Lüneburg als Reichslehen. Dieses Herzogtum wurde über die Jahrhunderte mehrfach geteilt, wobei verschiedene Linien (Braunschweig, Lüneburg, Göttingen, Grubenhagen, Calenberg) entstanden. Die verschiedenen Linien konnten sich gegenseitig beerben, was zur Entstehung des alten, mittleren und neuen Hauses Braunschweig sowie des alten, mittleren und neuen Hauses Lüneburg führte. Zuletzt regierten die ältere Linie das Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel und die jüngere das Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg (Kurfürstentum Hannover).
Im Vorfeld des Westfälischen Friedens erhoben die Welfen Ansprüche auf kirchliche Territorien. 1648 sicherten sie sich die temporäre Herrschaft über das Hochstift Osnabrück, wo sich katholische und lutherische Bischöfe abwechselten. Mehrere Welfen aus der hannoversch-calenbergischen Linie bekleideten das Amt des Fürstbischofs, bis das Hochstift 1802 säkularisiert und in das Kurfürstentum Hannover eingegliedert wurde.
Das Kurfürstentum Hannover und die britische Krone
Die hannoversch-calenbergische Linie der Welfen wurde 1692 von Kaiser Leopold I. mit der neunten Kurwürde belohnt. Aus dem Fürstentum Calenberg entstand das Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg, auch Kurfürstentum Hannover genannt. Dieses umfasste später verschiedene Territorien wie Lüneburg, Bremen und Verden.
Ein besonders prägendes Kapitel begann 1714, als das kurfürstliche Haus von Hannover in Personalunion den Thron von Großbritannien und Irland bestieg. Georg I., Georg II., Georg III. und Georg IV. regierten nacheinander. Diese Personalunion endete 1837 nach 123 Jahren mit dem Tod Wilhelms IV., da das Erbfolgerecht in Hannover keine weibliche Thronfolgerin zuließ, solange es männliche Erben gab. In Großbritannien bestieg seine Nichte Victoria, eine Welfin, den Thron.
Das Königreich Hannover und der Verlust der Souveränität
Nach dem Ende des Heiligen Römischen Reiches wurde das ehemalige Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg 1814 auf dem Wiener Kongress zum souveränen Königreich Hannover erhoben. Ernst August I., Herzog von Cumberland, wurde 1837 nach dem Ende der Personalunion mit Großbritannien der erste selbstständig regierende König von Hannover. Sein Sohn Georg V. folgte ihm auf den Thron.

Im Deutschen Krieg von 1866 stellte sich das Königreich Hannover auf die Seite Österreichs und des Deutschen Bundes und verlor den Krieg gegen Preußen. Hannover wurde von Preußen annektiert und zur preußischen Provinz. König Georg V. ging ins Exil nach Österreich. Sein Privatvermögen in Höhe von 16 Millionen Talern wurde von Bismarck 1868 eingezogen und in den sogenannten Welfenfonds überführt, dessen Erträge anfänglich zur Bekämpfung welfischer "Umtriebe" verwendet wurden.
Die ältere Linie des Hauses Braunschweig starb 1884 mit Herzog Wilhelm aus. Das Herzogtum Braunschweig wäre an den Chef der jüngeren Welfenlinie, den im Exil lebenden Kronprinzen Ernst August von Hannover (Herzog von Cumberland), gefallen. Bismarck verhinderte dies. Erst 1913 konnte die jüngere hannoversche Linie durch die Heirat von Prinz Ernst August mit Prinzessin Viktoria Luise, der Tochter Kaiser Wilhelms II., das Herzogtum Braunschweig wieder in Besitz nehmen. Ernst August regierte Braunschweig bis zur Novemberrevolution 1918, die das Ende der Monarchie in Deutschland bedeutete.
Die Welfen nach 1918 und während der NS-Zeit
Mit dem Fall der Monarchien musste auch Herzog Ernst August 1918 abdanken. Er ging mit seiner Familie auf das Schloss Cumberland in Österreich ins Exil. 1925 kehrte die Familie nach Braunschweig zurück und erhielt unter anderem Schloss Blankenburg und die Domäne Hessen zugesprochen. Ernst August, der Schwiegersohn des früheren Kaisers, etablierte sich als Unternehmer.
1931 änderte die Familie den primären Familiennamen wieder in Hannover. Der offizielle Familienname lautet jedoch bis heute Prinz/Prinzessin von Hannover Herzog/Herzogin zu Braunschweig und Lüneburg Königlicher Prinz/Königliche Prinzessin von Großbritannien und Irland. Die Familienmitglieder besitzen die deutsche, britische und österreichische Staatsangehörigkeit. Wegen des Ersten Weltkriegs und des "Titles Deprivation Act" von 1917 wurden dem letzten hannoverschen Kronprinzen Ernst August 1919 seine britischen Titel aberkannt, die theoretische Anwartschaft blieb jedoch erhalten.
Eine NDR Dokumentation im Jahr 2014 thematisierte "dunkle Geschäfte" der Welfen während der Nazi-Diktatur. Daraufhin öffnete Ernst August Prinz von Hannover (der Ältere) das Familienarchiv für Wissenschaftler der Universität Hannover. Ein Zwischenbericht der Historiker im Jahr 2016 belegte Verstrickungen des Hauses in der Nazi-Zeit. Im Verlauf des Zweiten Weltkrieges waren die Welfen, wie der Text ausführt, über Rüstungsgeschäfte auch mittelbar an der Ausbeutung von Zwangsarbeitern beteiligt.
Nach dem Zweiten Weltkrieg besetzte die Sowjetarmee 1945 Besitzungen wie Blankenburg und die Domäne Hessen. Die Familie konnte einen Teil der Mobilien auf die Marienburg bringen, wohin sie sich zurückzog. Schloss Marienburg ist heute als Familienmuseum öffentlich zugänglich. Es wird gemeinsam mit den Ländereien der Domäne Calenberg von Ernst August Prinz von Hannover (* 1983) bewirtschaftet, dem auch das Fürstenhaus Herrenhausen gehört. Sein Vater, Ernst August (der Ältere), lebt auf den österreichischen Besitzungen.
Das Vermögen der Welfen heute
Das Familien-Vermögen der Welfen wurde im Jahr 2016 auf rund 400 Millionen Euro geschätzt. Dieses Vermögen speist sich aus den historischen Besitztümern, die dem Haus nach dem Verlust der Souveränität verblieben sind, sowie aus unternehmerischen Aktivitäten nach dem Ersten Weltkrieg. Ein Teil des Vermögens ist in Immobilien, Ländereien und Forstwirtschaft gebunden. Die Marienburg, das Fürstenhaus Herrenhausen und die Domäne Calenberg sind Beispiele für den Besitz in Deutschland. Hinzu kommen Besitzungen in Österreich.
Die genaue Zusammensetzung des Vermögens ist nicht öffentlich bekannt, aber historische Güter und deren Verwaltung bilden eine wesentliche Grundlage.
Der Welfenschatz: Ein kostbares Erbe und ein Rechtsstreit
Ein besonders berühmter und gleichzeitig umstrittener Besitz ist der sogenannte Welfenschatz. Dabei handelt es sich um eine Sammlung mittelalterlicher Sakralkunst aus dem Braunschweiger Dom, die über Jahrhunderte im Besitz der Welfen war. Die Sammlung wurde 1929 von einem Konsortium jüdischer Kunsthändler für 7,5 Millionen Reichsmark (RM) gekauft.

1935 verkauften die Erben der Kunsthändler 42 Stücke des Schatzes für 4,25 Millionen RM an den preußischen Staat, vertreten durch Hermann Göring. Der Schatz befindet sich heute in der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin.
Der Restitutionsanspruch
Seit 2008 machen die Erben der jüdischen Kunsthändler Ansprüche auf Rückgabe (Restitution) des Welfenschatzes geltend. Sie schätzen den Wert der Sammlung auf 260 Millionen Euro, während die Preußenstiftung von 100 Millionen Euro ausgeht. Die Erben argumentieren, der Verkauf 1935 sei unter dem Druck der nationalsozialistischen Verfolgung erfolgt und der Kaufpreis nicht angemessen gewesen. Sie berufen sich auf internationale Abkommen zum Umgang mit Raubkunst.
Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz verweigert die Herausgabe. Sie argumentiert, der Kaufpreis sei 1935 der Situation auf dem Kunstmarkt angemessen gewesen, der Schatz habe sich im Ausland befunden und die Verkäufer hätten frei über den Erlös verfügen können. Die Stiftung sieht keine Indizien dafür, dass der Verkauf eine Folge nationalsozialistischer Verfolgung war.
Argumente im Vergleich
| Argument der Erben | Argument der Stiftung Preußischer Kulturbesitz |
|---|---|
| Verkauf unter Zwang/Druck der NS-Verfolgung | Keine Indizien für Druck, Verkauf entsprach Marktlage nach Weltwirtschaftskrise |
| Kaufpreis unangemessen niedrig | Kaufpreis angemessen für die Situation 1935 |
| Keine freie Verfügung über den Erlös (z.B. Reichsfluchtsteuer) | Es gibt keine Anhaltspunkte, dass über den Erlös nicht frei verfügt werden konnte |
| Staat nutzte Notlage der Händler aus | Staat war einziger Interessent, Schatz im Ausland zum Zeitpunkt des Verkaufs |
Gerichtsverfahren und Entscheidungen
Die sogenannte Limbach-Kommission, die unverbindliche Empfehlungen abgibt, sprach sich 2014 gegen eine Rückgabe aus, da sie keinen Zusammenhang zwischen Eigentumsverlust und NS-Verfolgung sah. Trotzdem klagten zwei Erben 2015 vor einem US-Bundesbezirksgericht. Sie argumentierten erneut, der Verkauf sei erzwungen gewesen. Neu entdeckte Dokumente, die eine hohe Reichsfluchtsteuer für eine der Miterbinnen belegen, sollten die fehlende freie Verfügung über den Erlös untermauern.
Die Bundesrepublik Deutschland und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz beantragten die Abweisung der Klage, da ein US-Gericht ihrer Ansicht nach aus völkerrechtlichen Gründen (Immunität anderer Staaten) nicht zuständig sei. Das US-Gericht wies den Abweisungsantrag 2017 zunächst zurück.
Die Bundesregierung rief den Supreme Court an, der 2020 entschied, die Beschwerde zur Entscheidung anzunehmen. Im Februar 2021 entschied der Supreme Court einstimmig, dass die US-Gerichte nicht zuständig seien. Die angerufene Ausnahme des "Foreign Sovereign Immunities Act" beziehe sich nicht auf Enteignungen von eigenen Staatsbürgern im Inland.
Im Juli 2023 wies auch das Berufungsgericht in Washington DC die Klage erneut ab. Die Anwälte der Erben kritisieren weiterhin das Vorgehen des deutschen Staates in diesem Fall.
Unabhängig von den Rechtsstreitigkeiten wurde 2015 ein Teil der Berliner Stücke des Welfenschatzes in das Verzeichnis des national wertvollen Kulturguts eingetragen, was eine Ausfuhr nur mit ministerieller Genehmigung erlaubt.

Wo leben die Welfen heute?
Heute ist der Lebensmittelpunkt der Familie auf verschiedene Orte verteilt. Ein Teil der Familie, angeführt vom aktuellen Oberhaupt Ernst August Prinz von Hannover (* 1983), bewirtschaftet Ländereien wie die Domäne Calenberg und das Fürstenhaus Herrenhausen in Niedersachsen. Schloss Marienburg dient als öffentlich zugängliches Familienmuseum.
Der Vater, Ernst August (der Ältere), lebt hauptsächlich auf den österreichischen Besitzungen des Hauses, wie Schloss Cumberland in Gmunden. Die historischen Stätten in Braunschweig, wie die Burg Dankwarderode und der Dom St. Blasii mit der Grablege der Welfen, erinnern an die einstige Bedeutung der Familie in dieser Region.
Häufig gestellte Fragen
Wie reich sind die Welfen heute?
Das Familienvermögen der Welfen wurde im Jahr 2016 auf etwa 400 Millionen Euro geschätzt. Dieses Vermögen stammt aus historischen Besitztümern (Ländereien, Immobilien) und unternehmerischen Aktivitäten.
Woher stammt der Reichtum der Welfen?
Der Reichtum der Welfen basiert auf dem umfangreichen Allodialbesitz, den die Familie über Jahrhunderte angesammelt hat, insbesondere in Niedersachsen (Braunschweig, Lüneburg) und Schwaben. Nach dem Verlust der Herrschaft im 19. und 20. Jahrhundert blieben diese Privatgüter erhalten und bilden die Grundlage des heutigen Vermögens. Die historische Untersuchung deutete auch auf Verstrickungen und Geschäfte während der NS-Zeit hin, die möglicherweise zum Vermögenserhalt oder -aufbau beitrugen.
Wer ist das aktuelle Oberhaupt der Welfen?
Das aktuelle Oberhaupt des Hauses Hannover und der Welfen ist Ernst August Prinz von Hannover (* 1983).
Wem gehört der Welfenschatz heute?
Ein Großteil des ursprünglichen Welfenschatzes befindet sich heute in der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin. Die Erben der jüdischen Kunsthändler, die den Schatz 1929 erwarben, machen jedoch weiterhin Restitutionsansprüche geltend, über die in Deutschland und den USA gerichtlich verhandelt wurde, bisher ohne Erfolg für die Kläger.
Waren die Welfen in der NS-Zeit aktiv?
Historische Untersuchungen, unter anderem basierend auf dem Familienarchiv, belegen Verstrickungen des Hauses in der Nazi-Zeit. Es gab indirekte Beteiligungen an Rüstungsgeschäften und damit verbunden an der Ausbeutung von Zwangsarbeitern.
Fazit
Die Geschichte der Welfen ist eine lange Erzählung von Aufstieg, Macht und dem Wandel von souveränen Herrschern zu einem privaten Adelsgeschlecht. Ihr heutiges Vermögen ist ein Erbe des historischen Besitzes, das durch die Jahrhunderte gerettet werden konnte. Gleichzeitig werfen die Verstrickungen in der NS-Zeit und der ungeklärte Streit um den Welfenschatz Schatten auf diese traditionsreiche Familie.
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