Was passiert mit Karstadt am Hermannplatz?

Karstadt Hermannplatz: Geschichte & Zukunft?

29/12/2024

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Das Karstadt-Kaufhaus am Hermannplatz in Berlin hat eine Geschichte, die so vielschichtig ist wie die Stadt selbst. Einst ein Symbol für Modernität und Glanz, steht das Gebäude heute im Fokus stadtpolitischer Debatten und blickt einer ungewissen Zukunft entgegen. Die Insolvenz des Immobilienkonzerns Signa hat die ambitionierten Pläne für einen großangelegten Umbau jäh gestoppt und wirft die Frage auf: Was wird aus diesem traditionsreichen Standort an der Grenze von Kreuzberg und Neukölln?

Übersicht

Vom Prachtbau zur Ikone der Weimarer Republik

Als Karstadt am Hermannplatz im Jahr 1929 seine Pforten öffnete, war es weit mehr als nur ein Kaufhaus. Entworfen von Philipp Schaefer, vereinte der Bau expressionistische, neugotische und Art-déco-Elemente und galt mit seinen beiden 56 Meter hohen Türmen, der beeindruckenden beleuchteten Fassade und der direkten Anbindung an die U-Bahn als das modernste Warenhaus Europas. Das sechsgeschossige Gebäude bot eine Nutzfläche von beeindruckenden 72.000 Quadratmetern und setzte neue Maßstäbe im Einzelhandel und in der Architektur.

Was passiert mit Karstadt am Hermannplatz?
Die Warenhauskette Galeria, zu der auch das Kaufhaus am Hermannplatz gehört, wurde im August 2024 an neue Eigentümer verkauft. Das Gebäude selbst aber verbleibt in der Insolvenzmasse, was bedeutet: Die Zukunft des Standorts ist völlig unklar. Der Berliner Senat stoppte daraufhin sämtliche Bauplanungen.

Technische Innovationen wie Rolltreppen und 20 Aufzüge trugen zum Ruf des Hauses als Symbol der Modernität bei. Besonders beliebt war die weitläufige Dachterrasse. Mit einem 4.000 Quadratmeter großen Restaurant, das für seine erschwinglichen Preise und vor allem für seine eindrucksvolle Aussicht über die Stadt bekannt war, entwickelte sich das Kaufhaus schnell zu einem gesellschaftlichen Treffpunkt. Menschen kamen nicht nur zum Einkaufen, sondern auch, um sich zu treffen, zu speisen und die Atmosphäre zu genießen. Karstadt am Hermannplatz wurde so zu einer echten Sehenswürdigkeit und einem lebendigen Teil des städtischen Lebens.

Krieg, Zerstörung und ein schmerzhafter Wiederaufbau

Die Blütezeit des prächtigen Kaufhauses endete abrupt mit dem Zweiten Weltkrieg. Im April 1945 trafen erste Artilleriegeschosse das Gebäude und forderten unter den vor dem Haus wartenden Menschen zahlreiche Opfer. Nur wenige Tage später, am 25. April, wurde das Kaufhaus auf Befehl der SS gezielt gesprengt. Die Begründung dafür war angeblich, die im Keller gelagerten Lebensmittelvorräte nicht den vorrückenden sowjetischen Truppen zu überlassen – eine Entscheidung mit verheerenden Folgen für das architektonische Meisterwerk.

Von dem einstigen Monument blieb kaum etwas übrig. Lediglich ein kleiner Gebäudeteil an der Hasenheide überstand die Zerstörung und steht heute unter Denkmalschutz. Die Ruinen des Großteils prägten jahrelang das Bild des Hermannplatzes und erinnerten an die Verluste des Krieges. 1951 erfolgte eine Wiedereröffnung von Karstadt am Hermannplatz, jedoch in stark vereinfachter Form. Der Nachkriegsbau konnte in puncto Größe und Pracht nicht an das Vorkriegsgebäude anknüpfen. Die anfängliche Verkaufsfläche war auf bescheidene 5.000 Quadratmeter beschränkt – ein Bruchteil der ursprünglichen Größe.

Nachkriegszeit: Wandel und Verlust des Glanzes

In den folgenden Jahrzehnten wurde die Verkaufsfläche des Nachkriegsbaus kontinuierlich erweitert, und die Architektur passte sich dem jeweiligen Zeitgeist an. In den 1960er-Jahren prägten Betonfassaden das Bild, 1976 erfolgte eine großflächige Erweiterung, die auch Parkdecks umfasste. Um das Jahr 2000 wurden die oberen Etagen umgestaltet. Trotz dieser Anpassungen und Erweiterungen, die das Haus als wichtigen Handelsstandort sicherten, verblasste sein einstiger architektonischer Glanz zusehends. Es entwickelte sich zu einem funktionalen Kaufhaus ohne die besonderen Merkmale, die es einst zur Ikone machten.

Die wenigen erhaltenen Fensterachsen an der Hasenheide mit der originalen Muschelkalkverkleidung sind heute eines der letzten sichtbaren Zeugnisse des ursprünglichen Kaufhauspalasts und stehen als Mahnmal für die verlorene Pracht unter Denkmalschutz.

Die großen Pläne und die Kontroverse

Im Jahr 2019 sorgte der damalige Eigentümer, die österreichische Signa Holding, mit ambitionierten Wiederaufbauplänen für Aufsehen. Die Vision war, Karstadt am Hermannplatz wieder zu einem städtebaulichen Wahrzeichen zu machen. Geplant war eine Rekonstruktion der historischen Fassade samt Türmen, allerdings in einer modernisierten Form. Die geplante Nutzfläche sollte auf riesige 126.000 Quadratmeter erweitert werden. Das Konzept sah jedoch eine deutliche Verschiebung weg vom reinen Einzelhandel vor. Ein Großteil der Fläche war für Büros, Wohnungen und Gastronomie vorgesehen. Der Einzelhandel sollte nur noch einen kleineren Teil einnehmen.

Diese Pläne stießen auf geteilte Meinungen. Befürworter sahen darin eine große Chance für den Standort und die Wiederbelebung des Platzes mit einem architektonisch ansprechenden Gebäude. Gleichzeitig gab es jedoch auch starke Kritik. Stadtentwicklungspolitische Initiativen und Anwohnende äußerten Bedenken hinsichtlich möglicher steigender Mieten und der Verdrängung lokaler Strukturen und Geschäfte. Ein zentraler Kritikpunkt war auch, dass die äußere Form des Gebäudes zwar die Vergangenheit zitieren sollte, die innere Nutzung aber nicht mehr dem eines traditionellen Kaufhauses entspräche und somit die Funktion als Anlaufpunkt für den alltäglichen Bedarf der Nachbarschaft verlieren könnte.

Die Signa-Insolvenz: Ein jähes Ende der Pläne

Die ambitionierten Pläne der Signa Holding sind inzwischen Makulatur geworden. Im November 2023 meldete das Unternehmen Insolvenz an. Es handelt sich um den größten Unternehmensbankrott in der Geschichte Österreichs. Diese Entwicklung hatte direkte Auswirkungen auf die Zukunft des Standorts am Hermannplatz.

Während die Warenhauskette Galeria Karstadt Kaufhof, zu der die Filiale am Hermannplatz gehört, im August 2024 an neue Eigentümer verkauft wurde, verbleibt das Gebäude selbst in der Insolvenzmasse der Signa. Das bedeutet, dass die Zukunft des Standorts völlig unklar ist. Der Eigentümer ist insolvent, und die Verkaufspläne für das Gebäude sind komplex.

Als Reaktion auf die Insolvenz stoppte der Berliner Senat sämtliche Bauplanungen für das Areal. Bereits im Dezember 2023 wurden alle diesbezüglichen Verfahren ausgesetzt. Das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg forderte sogar die Rückgabe der Planungshoheit an den Bezirk, um alternative Entwicklungskonzepte für den Hermannplatz prüfen und ermöglichen zu können. Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey stellte zudem klar, dass einem insolventen Unternehmen kein Baurecht gewährt werden könne. Die Situation ist festgefahren, und die nächsten Schritte hängen maßgeblich von der Klärung der Eigentumsverhältnisse im Rahmen des Insolvenzverfahrens ab.

Erste Auswirkungen und die soziale Dimension

Auch wenn die langfristige Nutzung des Gebäudes noch in der Schwebe hängt, sind erste Veränderungen bereits spürbar. Im Januar 2025 schloss das traditionsreiche Restaurant im Obergeschoss. Für viele langjährige Stammkundinnen und Stammkunden, die hier seit Jahrzehnten einkehrten, war dies ein schmerzlicher Verlust und ein Zeichen für die Unsicherheit des Standorts.

Auch im Untergeschoss gibt es Umstrukturierungen. Der Discounter Lidl hat eine Fläche im Kaufhaus bezogen, während andere kleinere Händler und gastronomische Angebote vor einer ungewissen Zukunft stehen. Die Schließung von Teilen des Hauses und die Umstrukturierung der Flächen zeigen, dass die Krise nicht nur auf dem Papier stattfindet, sondern konkrete Auswirkungen auf den Betrieb hat.

Für viele Anwohnende und Besucher ist das Kaufhaus am Hermannplatz jedoch mehr als nur ein Ort zum Einkaufen. Es ist ein zentraler sozialer Treffpunkt, ein Ankerpunkt in der Nachbarschaft. Der drohende Verlust oder die grundlegende Veränderung dieser Strukturen berührt die Menschen direkt und zeigt, dass es bei der Zukunft des Kaufhauses um weit mehr geht als nur um Immobilienpolitik. Es geht um den Charakter eines ganzen Stadtviertels und den Erhalt eines wichtigen sozialen Raums.

Welche Karstadt-Filialen schließen in Berlin?
GALERIA KARSTADT KAUFHOF SCHLIESST DREI WEITERE STANDORTE IN...Galeria Berlin Ringcenter (Frankfurter Allee 115-117)Galeria Berlin Spandau (Carl-Schurz-Straße 20)Galeria Berlin Tempelhof (Tempelhofer Damm 191).

Politische Debatten und mögliche Szenarien

Die Insolvenz von Signa hat eine neue stadtpolitische Debatte angestoßen: Sollte das Gebäude am Hermannplatz in die öffentliche Hand überführt werden? Diese Forderung wurde zuletzt von der Partei Die Linke ins Spiel gebracht. Eine Vergesellschaftung oder der Ankauf durch das Land Berlin könnte neue Möglichkeiten für eine stärker gemeinwohlorientierte Entwicklung eröffnen, die sich an den Bedürfnissen der Anwohnenden orientiert und nicht nur an den Profitinteressen privater Investoren.

Auch eine umfassende städtische Machbarkeitsstudie zur Entwicklung des gesamten Hermannplatzes steht zur Diskussion. Ziel wäre es, alternative Konzepte für den Standort zu prüfen, die über die gescheiterten Signa-Pläne hinausgehen und möglicherweise Nutzungen einschließen, die besser zum Charakter des Viertels passen.

Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen hat auf Nachfrage erklärt, dass das Land Berlin erst dann Gespräche mit den neuen Eigentümervertretungen führen und mögliche gemeinsame Entwicklungsziele für das Areal prüfen wird, wenn die Insolvenzverwaltung die Eigentumsfrage geklärt hat. Solange der Eigentümerstatus unklar ist, bleiben die Hände der Politik weitgehend gebunden.

Blick auf Galeria Karstadt Kaufhof im Ganzen

Die Situation am Hermannplatz ist eng verknüpft mit der allgemeinen Lage der Warenhauskette Galeria Karstadt Kaufhof. Das Unternehmen hat im April 2024 zum dritten Mal in seiner jüngeren Geschichte ein Insolvenzverfahren eröffnet. Dieses Verfahren zielt darauf ab, das Unternehmen und möglichst viele Standorte zu erhalten, erfordert aber erneute Einschnitte.

Im Zuge dieses Verfahrens sollen bundesweit 16 von 92 Filialen geschlossen werden. Auch in Berlin sind drei weitere Standorte betroffen, zusätzlich zur Unsicherheit am Hermannplatz, deren Problem ja primär beim Gebäude liegt: Es handelt sich um die Filialen im Ringcenter (Frankfurter Allee), in Spandau (Carl-Schurz-Straße) und in Tempelhof (Tempelhofer Damm). Grund für diese Schließungen sind in erster Linie gescheiterte Verhandlungen über tragfähige Mietkonditionen.

Die Warenhauskette wurde im August 2024 an ein Konsortium aus der US-Investmentgesellschaft NRDC und der Beteiligungsfirma BB Kapital SA des Unternehmers Bernd Beetz verkauft, vorbehaltlich der Zustimmung der Gläubiger im Mai 2024. Die neuen Eigentümer stehen vor der Herausforderung, die verbleibenden Kaufhäuser in eine erfolgreiche Zukunft zu führen. Dies erfordert neue Konzepte und Investitionen. Die generelle Debatte über die Zukunft von Kaufhäusern im Zeitalter des Online-Handels (der Galeria Online-Shop wird übrigens weitergeführt) und sich wandelnder Innenstädte spielt hier eine große Rolle. Experten wie Bernd Ohlmann vom Handelsverband Bayern betonen die Frequenzbringer-Funktion von Kaufhäusern für die Innenstädte, während Kritiker wie Johannes Berentzen von der Handelsberatung BBE das gesamte Konzept infrage stellen und betonen, dass Kaufhäuser mehr bieten müssen als nur Ware.

Was bedeutet das für Karstadt am Hermannplatz?

Die Zukunft des Karstadt-Kaufhauses am Hermannplatz ist komplex. Einerseits ist die Filiale Teil der Galeria-Gruppe, deren Zukunft nach dem Eigentümerwechsel neu gestaltet werden soll. Andererseits gehört das Gebäude selbst zur Insolvenzmasse von Signa, was die Planung blockiert. Die Kombination aus dem historischen Erbe, dem Denkmalschutz für Teile des Gebäudes, den wirtschaftlichen Interessen der Insolvenzverwalter und potenzieller Investoren sowie den sozialen Bedürfnissen der Nachbarschaft macht den Standort zu einem der herausforderndsten Immobilienprojekte in Berlin.

Ob und wann neue Investoren für das Gebäude gefunden werden, bleibt offen. Die Frage, wie der Standort sinnvoll weiterentwickelt werden kann – sei es als Kaufhaus neuen Konzepts, als gemischt genutztes Gebäude oder in anderer Form – ist Gegenstand intensiver Diskussionen. Sicher ist nur, dass die Geschichte des Karstadt am Hermannplatz, die von Aufstieg, Fall und Wiederaufbau geprägt war, noch lange nicht zu Ende geschrieben ist.

Häufig gestellte Fragen (FAQs)

Warum wurden die geplanten Umbaupläne für Karstadt am Hermannplatz gestoppt?

Die ambitionierten Pläne des ehemaligen Eigentümers Signa wurden gestoppt, nachdem das Unternehmen im November 2023 Insolvenz anmelden musste. Das Gebäude verbleibt in der Insolvenzmasse, was die weitere Planung und Umsetzung unmöglich macht.

Was passiert jetzt mit dem Gebäude am Hermannplatz?

Das Gebäude gehört weiterhin zur insolventen Signa-Gruppe. Die Zukunft ist unklar, da die Eigentumsverhältnisse im Rahmen des Insolvenzverfahrens geklärt werden müssen. Die Stadt Berlin hat die Bauplanungen vorerst ausgesetzt.

Schließen noch weitere Galeria-Filialen in Berlin?

Ja, im Zuge des bundesweiten Insolvenzverfahrens der Warenhauskette Galeria Karstadt Kaufhof werden drei weitere Filialen in Berlin geschlossen: im Ringcenter, in Spandau und in Tempelhof. Dies ist unabhängig von der spezifischen Situation des Gebäudes am Hermannplatz, die durch die Signa-Insolvenz verursacht wurde.

Gibt es Hoffnung für die Zukunft des Standorts?

Die Situation ist komplex und unsicher. Es gibt politische Debatten über mögliche Alternativen, wie eine Überführung in öffentliche Hand oder neue Entwicklungskonzepte. Die Klärung der Eigentumsfrage durch die Insolvenzverwaltung ist jedoch der entscheidende nächste Schritt, bevor konkrete Pläne geschmiedet werden können. Der Standort hat eine große Bedeutung für die Nachbarschaft und die Stadt.

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