03/09/2021
Die documenta, eine der weltweit bedeutendsten Ausstellungen für zeitgenössische Kunst, findet seit ihrer Gründung im Jahr 1955 in Kassel statt. Mit der Bekanntgabe von Naomi Beckwith als Künstlerische Leiterin für die documenta 16, die vom 12. Juni bis 19. September 2027 ausgerichtet wird, rückt die Stadt erneut ins internationale Rampenlicht. Doch warum gerade Kassel? Die Antwort liegt tief in der reichen und oft turbulenten Geschichte dieser Stadt an der Fulda, die weit mehr ist als nur der Schauplatz einer globalen Kunstveranstaltung.

- Kassel: Mehr als nur die Documenta-Stadt
- Die Ursprünge: Vom Königshof zur Stadt
- Kassel wird Zentrum Hessens und Handelskreuzung
- Stadt und Landesherrschaft im Mittelalter
- Reformation und kulturelle Blüte unter den Landgrafen
- Der Barock: Glanz, Einwanderung und Wissenschaft
- Aufklärung, Klassizismus und die Brüder Grimm
- Das 19. Jahrhundert: Politische Kämpfe und Industrialisierung
- Das 20. Jahrhundert: Zerstörung und Wiederaufbau
- Warum die documenta in dieser Stadt?
- Fazit
Kassel: Mehr als nur die Documenta-Stadt
Naomi Beckwith selbst würdigte bei ihrer Ernennung die besondere Beziehung der Ausstellung zu ihrem Standort: „Die documenta ist eine Institution, die der ganzen Welt und genauso auch Kassel gehört.“ Diese Verbundenheit zwischen dem globalen Kunstereignis und der lokalen Identität ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer Entwicklung über mehr als tausend Jahre.
Die Ursprünge: Vom Königshof zur Stadt
Die früheste bekannte Erwähnung Kassels findet sich in einer Urkunde König Konrads I. aus dem Jahr 913. Der Ort wird als „Chassalla“ oder „Chassella“ bezeichnet und war zu dieser Zeit ein wichtiger Königshof. Dieser Königshof diente als Verwaltungszentrum und gelegentliche Herberge für den deutschen König. Über zweihundert Jahre später, vor 1148, begannen Fürsten aus dem Thüringer Landgrafenhaus, die durch Erbschaft in den Besitz Hessens gekommen waren, die Entwicklung voranzutreiben. Sie erbauten ein Kloster auf dem Ahnaberg. Zwischen dem Königshof und dem Kloster entstand eine kleine Siedlung, die bald mit turmbewehrten Mauern umgeben und so zur Stadt erhoben wurde.
Kassel wird Zentrum Hessens und Handelskreuzung
Nach dem Aussterben des thüringischen Fürstenhauses im Jahr 1247 kämpfte Heinrich I. aus dem Hause Brabant, ein Enkel der heiligen Elisabeth, erfolgreich um das Land Hessen. 1263 machte er Kassel zum Mittelpunkt seines hessischen Besitzes. Heinrich I. ließ die Stadt ausbauen und erneuerte die Burg im Jahr 1277. Er verband die beiden Ufer der Fulda mit einer Brücke und legte zum Schutz der Brücke vor 1283 eine kleine Neustadt auf dem rechten Fuldaufer an, die spätere Unterneustadt. Kassel entwickelte sich schnell zu einem wichtigen Knotenpunkt im europäischen Handelsnetz, gelegen an den großen Messestraßen von Köln nach Leipzig und von Frankfurt nach den Hansestädten. Nur wenige Jahrzehnte später erweiterte Heinrich II., der Enkel des ersten Brabanters, die Stadt durch eine zweite Neustadt, die „Freiheit“, oberhalb der Altstadt. Zunächst hatten diese drei „Teilstädte“ – Altstadt, Unterneustadt und Freiheit – jeweils eine eigene Verwaltung und ein eigenes Rathaus.
Stadt und Landesherrschaft im Mittelalter
Im 14. Jahrhundert war Kassel Schauplatz eines Konflikts zwischen einem selbstbewussten Stadtrat, der einen Bund niederhessischer Städte anführte, und dem Landgrafen. Nach seinem Sieg im Jahr 1384 brach der Landgraf die Herrschaft der Patrizierfamilien in der Stadt. Obwohl einige Rechte der Bürgerschaft wiederhergestellt wurden, blieb die Stadt fortan stärker vom Landesherrn abhängig. Im 15. Jahrhundert wuchs Kassel schnell. Um 1500 zählte die Stadt schätzungsweise 4000 bis 5000 Einwohner. Kassel übernahm zunehmend die zentrale Funktion, die zuvor beim mainzischen Fritzlar gelegen hatte. Die staatsbildenden Kräfte, die von Kassel ausgingen, setzten sich durch und trugen den Namen „Hessen“ über sein ursprüngliches Gebiet hinaus bis an den Main, Rhein und Neckar.
Reformation und kulturelle Blüte unter den Landgrafen
Die Lehre Luthers fand früh Eingang in Kassel; die Bürger bekannten sich bereits vor Landgraf Philipp der Großmütige zur Reformation (1521). Philipp der Großmütige (1509–1567) spielte eine zentrale Rolle bei der politischen Einigung des deutschen Protestantismus im Schmalkaldischen Bund gegen Kaiser Karl V. Kassel wurde zum politischen Zentrum dieser Bewegung und durch gewaltige Festungswerke geschützt. Nach Philipps Tod zerfiel das Land Hessen jedoch in Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt, die erst 1945 im Bundesland Hessen wiedervereinigt wurden.
Die Jahrzehnte zwischen dem Augsburger Religionsfrieden (1555) und dem Dreißigjährigen Krieg waren eine Zeit des Wohlstands für die Kasseler Bürgerschaft. Viele der schönen Bürgerhäuser, die das Bild der Altstadt prägten, entstanden in dieser Periode. Der Hof in Kassel erreichte unter den Nachfolgern Philipps, Landgraf Wilhelm IV. dem Weisen (1567–1592) und dessen Sohn Moritz dem Gelehrten (1592–1627), ein sehr hohes kulturelles Niveau. Wilhelm IV. war ein bedeutender Mathematiker und Astronom; er empfing Tycho Brahe und arbeitete mit Jost Bürgi zusammen, der in Kassel die Logarithmen ersann. Er gründete auch die spätere Landesbibliothek. Sein Sohn Moritz war zudem künstlerisch begabt. Als Musiker, Komponist und Dichter entdeckte und förderte er Heinrich Schütz und ließ für das Theater, seine Leidenschaft, das Ottoneum errichten, den ersten bedeutenden Steinbau für Theaterzwecke in Deutschland. Die Festung Kassel galt als eine der stärksten ihrer Zeit und wurde im Dreißigjährigen Krieg von keinem feindlichen Feldherrn angegriffen.
Der Barock: Glanz, Einwanderung und Wissenschaft
Vierzig Jahre nach dem Dreißigjährigen Krieg, ab 1688, rief Landgraf Karl (1677–1730) Glaubensflüchtlinge aus Frankreich und Savoyen – Hugenotten und Waldenser – nach Kassel. Für sie ließ er die Oberneustadt erbauen, die das wirtschaftliche und kulturelle Leben der Stadt und des Landes nachhaltig prägte. Landgraf Karl verfolgte auch den Plan, Kassel zu einer Industriestadt zu entwickeln, und legte mit Manufakturgründungen, etwa aus dem landgräflichen Gießhaus, die Grundlage für spätere Unternehmen wie Henschel. Gleichzeitig entstanden in der Fulda-Aue und am Habichtswald Meisterwerke barocker Bau- und Gartenkunst: die Karlsaue und die Anlage um den Herkules mit den Kaskaden. Hier wirkten französisch-niederländische Architekten wie die Familie du Ry neben italienischen Meistern wie Giovanni Francesco Guerniero, der die Herkules-Anlage schuf – ein Hauptwerk des italienischen Barocks nördlich der Alpen.
Landgraf Karl war auch ein Förderer der Naturwissenschaften. Die Erfindungen des Hugenotten Denis Papin, wie Luft- und Wasserpumpen sowie der Dampfzylinder, hatten große wirtschaftliche Bedeutung. Mit dem Collegium Carolinum gründete Karl 1709 eine Institution für die technische Ausbildung der Jugend, die die Hochschultradition in Kassel begründete. Karls Sohn, Landgraf Wilhelm VIII. (1730/1751–1760), bereicherte die Stadt um das Rokoko-Schloss Wilhelmsthal und legte eine berühmte Bildergalerie mit Werken niederländischer Barockmaler an.
Aufklärung, Klassizismus und die Brüder Grimm
Ab 1767 ließ Landgraf Friedrich II. (1760–1785) die Kasseler Festungsanlagen schleifen. Auf dem gewonnenen Raum schuf der Baumeister Simon du Ry mit dem Königsplatz und dem Friedrichsplatz, der Altstadt und Oberneustadt verband, ein großzügiges Stadtbild. Kassel zählte nun zu den schönsten Residenz- und Hauptstädten Europas. Am Friedrichsplatz entstand das Museum Fridericianum, das 1779 als erstes für die allgemeine Öffentlichkeit zugängliches Museum eingeweiht wurde – ein früher klassizistischer Großbau.
Friedrichs Sohn Wilhelm IX. (1785–1821, ab 1803 Kurfürst Wilhelm I.) gestaltete die Parks Karlsaue und am Habichtswald im englischen Stil um. Aus der Sommerresidenz am Habichtswald wurde das Schloss Wilhelmshöhe und der Bergpark Wilhelmshöhe, ein vollendetes Gesamtkunstwerk.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war Kassel so bedeutend, dass Napoleon I. die Stadt zur Hauptstadt des Königreichs Westphalen (1807–1813) machte, regiert von seinem Bruder Jérôme, dem „König Lustik“. In dieser Zeit wurde Kassel auch zu einem Zentrum der deutschen Romantik. Die Brüder Grimm, die ab 1807 in Kassel lebten, trugen hier ihre berühmten „Kinder- und Hausmärchen“ zusammen, deren erster Band 1812 erschien. Kassel war für sie der Ort der längsten und fruchtbarsten Schaffensperiode.
Das 19. Jahrhundert: Politische Kämpfe und Industrialisierung
Nach Napoleons Sturz kehrte Kurfürst Wilhelm I. 1813 aus dem Exil zurück und machte viele Neuerungen rückgängig. Sein Sohn Kurfürst Wilhelm II. (1821–1847) war ein großzügiger Bauherr, der das Hoftheater ausstattete, wo der gefeierte Hofkapellmeister Louis Spohr wirkte. Wirtschaftliche und politische Unruhen führten 1830 und 1848 zu revolutionären Bewegungen in Kassel, die zur Einberufung der Landstände und zur Verabschiedung einer Verfassung (1831) führten. Das Ständehaus wurde Sitz des Parlaments. Im preußisch-österreichischen Krieg von 1866, in dem Kurhessen auf österreichischer Seite stand, marschierten preußische Truppen in Kassel ein. Preußen annektierte Kurhessen und Nassau und vereinigte sie mit Frankfurt zur Provinz Hessen-Nassau. Kassel wurde zur Hauptstadt dieser neuen Provinz.
Nach 1871 wandelte sich Kassel im Zuge des wirtschaftlichen Aufschwungs zur Industriestadt. Großunternehmen im Lokomotiv-, Waggon- und Maschinenbau (Henschel), Textil-, Feinmechanik- und Pharmabranche brachten Reichtum. Die Stadt wuchs schnell, neue Viertel entstanden (z.B. Hohenzollernviertel), und durch Eingemeindungen (z.B. Wehlheiden 1899) überschritt Kassel die mittelalterlichen Grenzen. Anfang des 20. Jahrhunderts hatte Kassel über 100.000 Einwohner und war zur Großstadt geworden.
Das 20. Jahrhundert: Zerstörung und Wiederaufbau
Der Zusammenbruch des Kaiserreichs 1918 brachte auch in Kassel politische Veränderungen. Mit Philipp Scheidemann stellte die Stadt den ersten sozialdemokratischen Oberbürgermeister. Trotz der Schwierigkeiten der Nachkriegszeit gab es Fortschritte im sozialen und kulturellen Bereich (Arbeitersiedlungen, Volkshochschule, Museen, eigener Rundfunksender). Die Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre traf Kassel hart; Arbeitslosigkeit stieg und die Stadt stand am Rand des Bankrotts.
Am 22. März 1933 übernahmen die Nationalsozialisten die Macht. Kassel wurde Gauhauptstadt, das Stadtbild veränderte sich. Militärische Bauten entstanden, und durch weitere Eingemeindungen wuchs das Stadtgebiet auf die Größe des heutigen Stadtkreises. Die Einwohnerzahl stieg auf etwa 226.000. Doch die vermeintliche „Aufwertung“ verdeckte die grausame Verfolgung von Regimegegnern und Juden. Die Synagoge, ein bedeutendes Baudenkmal des 19. Jahrhunderts, wurde 1938 verwüstet und abgerissen.
Der Zweite Weltkrieg brachte für Kassel katastrophale Zerstörung. Bei einem schweren Luftangriff am 22./23. Oktober 1943 wurden 85 Prozent der Wohnungen und die gesamte historische Innenstadt vernichtet. Auch 65 Prozent der Industrieanlagen wurden zerstört. Zuletzt lebten nur noch rund 71.000 Menschen in der zerbombten Stadt.
Der Wiederaufbau nach dem Krieg erfolgte unter enormem Druck und Notwendigkeit, Wohnraum und Infrastruktur schnell wiederherzustellen. Dies geschah vielfach ohne Rücksicht auf historische Strukturen und bauliche Überreste, was das heutige Stadtbild prägt.
Warum die documenta in dieser Stadt?
Die Geschichte Kassels, geprägt von Glanzzeiten, kultureller Blüte, wirtschaftlichem Aufstieg, aber auch von tiefgreifenden politischen Umbrüchen, Verfolgung und einer fast vollständigen Zerstörung, macht die Stadt zu einem besonderen Ort. Die documenta wurde 1955 ins Leben gerufen, um Deutschland nach der nationalsozialistischen Diktatur wieder an die internationale moderne Kunst anzuschließen und die als „entartet“ verfemte Kunst zu rehabilitieren. Eine Stadt wie Kassel, die durch den Krieg schwer gezeichnet war und sich im Wiederaufbau befand, bot einen symbolträchtigen Ort für diesen Neuanfang.
Die Zerstörung der historischen Mitte schuf auch einen Raum für Neues. Die documenta konnte sich in dieser Stadt, die ihre Identität neu finden musste, als ein Motor für kulturelle Erneuerung und internationalen Austausch etablieren. Die Geschichte Kassels, mit ihrer Tradition als Residenzstadt der Landgrafen, Zentrum der Romantik (Brüder Grimm) und Wiege der Industrie (Henschel), bot eine reiche, wenn auch komplexe Kulisse. Die Widerstandsfähigkeit der Stadt nach der Zerstörung spiegelt sich vielleicht auch im Anspruch der documenta wider, sich immer wieder neu zu erfinden und kritische Fragen an die Gesellschaft zu stellen. Kassel ist nicht nur der Austragungsort; die Stadt selbst, ihre Vergangenheit und Gegenwart, wird immer wieder Teil der Ausstellung und ihrer Auseinandersetzung mit Kunst und Weltgeschehen.
Fazit
Die Entscheidung für Kassel als Standort der documenta war und ist eng mit der einzigartigen Geschichte der Stadt verbunden. Von ihren mittelalterlichen Wurzeln über die kulturelle und wissenschaftliche Blüte unter den Landgrafen, die Zeit der Romantik, die Industrialisierung bis hin zur Zerstörung im Krieg und dem nachfolgenden Wiederaufbau – all diese Phasen haben eine Stadt geformt, die eine besondere Beziehung zur Kunst und zur Auseinandersetzung mit der Welt pflegt. Die documenta gehört zu Kassel, und Kassel gehört zur documenta – eine Verbindung, die auch bei der documenta 16 im Jahr 2027 wieder sichtbar werden wird.
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