26/03/2024
Der Begriff "Blue Pencil" oder "blauer Stift" mag auf den ersten Blick einfach erscheinen und an ein alltägliches Schreibwerkzeug denken lassen. Doch hinter diesem Ausdruck verbergen sich, je nach Kontext, sehr unterschiedliche Bedeutungen und Anwendungen. Von der juristischen Prüfung von Vertragsklauseln über spezielle Zeichenwerkzeuge für Künstler bis hin zu professionellen Feedback-Sitzungen für Autoren – der "blaue Stift" spielt in verschiedenen Disziplinen eine wichtige und oft entscheidende Rolle. Lassen Sie uns diese verschiedenen Facetten genauer beleuchten.

Der Blue Pencil Test im deutschen Arbeitsrecht
Eine der bekanntesten Anwendungen des Konzepts des "blauen Stifts" findet sich im deutschen Arbeitsrecht, insbesondere im Zusammenhang mit der Wirksamkeit von Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) in Arbeitsverträgen. Hierbei spricht man vom sogenannten "Blue Pencil Test". Dieser Test ist ein gedankliches Werkzeug, das Gerichte anwenden, um zu prüfen, ob eine teilweise unwirksame Klausel in einem Vertrag, wie einem Arbeitsvertrag, aufrechterhalten werden kann, nachdem der unwirksame Teil herausgenommen wurde.
Ein prominentes Beispiel für die Anwendung dieses Tests lieferte das Bundesarbeitsgericht (BAG) in seinem Urteil vom 12. März 2008 (Az. 10 AZR 152/07). In diesem Fall ging es um die Forderung eines Arbeitnehmers auf Zahlung einer Umsatzprämie. Die Voraussetzungen für den Erhalt der Prämie waren erfüllt. Allerdings hatte der Arbeitnehmer versäumt, seinen Anspruch innerhalb der im Arbeitsvertrag vereinbarten dreimonatigen Frist nach Fälligkeit geltend zu machen. Er machte den Anspruch erst im darauf folgenden Jahr geltend.
Der Arbeitsvertrag enthielt eine zweistufige Ausschlussfrist. Die erste Stufe sah eine dreimonatige Frist für die außergerichtliche Geltendmachung von Ansprüchen vor. Die zweite Stufe enthielt eine einmonatige Frist für die spätere gerichtliche Inanspruchnahme. Es war unstreitig, dass die zweite Stufe dieser Ausschlussklausel unwirksam war. Der Grund dafür war ein Verstoß gegen die im Bürgerlichen Gesetzbuch (§ 307 Abs. 1 S. 1 i. V. m. Abs. 2 Nr. 1 BGB) vorgesehene Mindestfrist von drei Monaten für die gerichtliche Geltendmachung in AGB.
Der Kläger, der Arbeitnehmer, argumentierte, dass die gesamte zweistufige Verfallsklausel unwirksam sei, weil die zweite Stufe auf der ersten aufbaue und die Klausel somit unteilbar sei. Zudem sah er einen Verstoß gegen das Transparenzgebot (§ 307 Abs. 1 S. 2 BGB).
Wie funktioniert der Blue Pencil Test in der Rechtsprechung?
Das Arbeitsgericht und das Landesarbeitsgericht wiesen die Klage des Arbeitnehmers ab. Das Bundesarbeitsgericht bestätigte diese Entscheidungen. Die Begründung des BAG basiert auf dem "Blue-Pencil-Test". Dieser Test dient dazu, die Teilbarkeit einer Klausel zu ermitteln. Dabei wird der unwirksame Teil der Klausel gedanklich so behandelt, als würde er mit einem "blauen Stift" ausgestrichen. Wenn die verbleibende Regelung nach diesem gedanklichen Streichen immer noch verständlich ist und einen eigenständigen, sinnvollen Inhalt hat, dann bleibt sie bestehen. Entscheidend für die Anwendung des Tests ist, ob die Klausel mehrere sachliche Regelungen enthält und ob der unzulässige Teil sprachlich eindeutig vom Rest abtrennbar ist.
Im vorliegenden Fall sah das BAG die zweistufige Verfallsklausel als teilbar an. Die erste Stufe, die die dreimonatige Frist für die außergerichtliche Geltendmachung vorsah, war für sich genommen wirksam und verständlich. Die zweite Stufe, die eine zu kurze Frist für die gerichtliche Geltendmachung enthielt, war zwar unwirksam, konnte aber gedanklich abgetrennt werden, ohne dass die erste Stufe ihren Sinn verlor. Da der Arbeitnehmer die dreimonatige Frist der ersten Stufe versäumt hatte, konnte er seinen Anspruch nicht mehr erfolgreich geltend machen, obwohl die zweite Stufe unwirksam war.
Fazit des BAG-Urteils
Mit diesem Urteil hielt das BAG an seiner Rechtsprechung fest, formularmäßig vereinbarte Verfallsfristen grundsätzlich zuzulassen. Es stellte klar, dass bei einer zweistufigen Ausschlussfrist nicht jeder Verstoß automatisch zur Gesamtunwirksamkeit der gesamten Klausel führt. Ebenso kommt nicht jede teilunwirksame Verfallsklausel automatisch dem Arbeitnehmer zugute. Die Risiken der Unwirksamkeit einer Klausel können demnach beide Vertragsparteien betreffen.

Die Bezeichnung "Blue Pencil Test" leitet sich also aus der bildlichen Vorstellung ab, einen unwirksamen Teil einer Klausel mit einem blauen Stift zu markieren oder durchzustreichen, um zu sehen, ob der verbleibende Text noch Sinn ergibt und rechtlich bestehen kann. Es ist ein Werkzeug zur Prüfung der Teilbarkeit von Vertragsklauseln.
Der Non-Photo Blue Pencil in der Kunst
Neben dem juristischen Kontext gibt es auch in der Welt der Kunst einen "blauen Stift", der eine ganz spezielle Funktion erfüllt: den "Non-Photo Blue Pencil". Dieser Stift unterscheidet sich grundlegend von herkömmlichen Bleistiften oder Farbstiften, da seine Markierungen eine einzigartige Eigenschaft besitzen.
Was ist ein Non-Photo Blue Pencil?
Ein Non-Photo Blue Pencil, oft einfach "Non-Photo Blue" genannt, ist ein Bleistift, der typischerweise eine hellblaue Farbe verwendet. Das Besondere an dieser Farbe ist, dass sie außerhalb des Farbspektrums liegt, das von standardmäßigen Schwarz-Weiß-Kopierern und Scannern erfasst werden kann. Ursprünglich, als diese Technologie noch weniger fortgeschritten war, wurden die Markierungen dieser Stifte beim Scannen oder Fotokopieren mit Standardgeräten einfach nicht reproduziert. Daher der Name "Non-Photo" – nicht fotografierbar.
Warum verwenden Künstler Non-Photo Blue Pencils?
Der Hauptzweck eines Non-Photo Blue Pencils ist es, Künstlern zu ermöglichen, anfängliche Skizzen, Konstruktionslinien oder Unterzeichnungen zu erstellen, ohne dass diese Linien im finalen, gescannten oder kopierten Bild erscheinen. Dies erspart das mühsame Radieren der Vorzeichnungen, bevor die finale Tusche- oder Bleistiftlinie aufgetragen wird.
Illustratoren und Comiczeichner griffen ursprünglich zu diesen Stiften, genau wegen dieser Eigenschaft der Unsichtbarkeit beim Scannen. Obwohl moderne Scanner heutzutage die blaue Farbe oft doch erfassen können, gibt es immer noch viele Gründe, warum Künstler diesen Stift bevorzugen:
- Einfaches Radieren: Non-Photo Blue Pencils lassen sich sehr leicht radieren. Dies ist nützlich für schnelle Änderungen während des Skizzierprozesses.
- Keine Beeinträchtigung der Tusche: Im Gegensatz zu manchen anderen Stiften oder Wachsmalstiften besitzen Non-Photo Blue Pencils genau die richtige Menge an Wachs, sodass sie die darüber aufgetragene Tusche oder Tinte nicht abstoßen oder blockieren. Die Tinte kann sauber über die blauen Linien aufgetragen werden.
- Fokus auf Komposition: Der Künstler kann sich auf Komposition, Proportionen oder Layout konzentrieren, ohne sich Gedanken über sichtbare Bleistiftstriche im Endprodukt machen zu müssen.
- Digitale Bearbeitung: Selbst wenn moderne Scanner die Farbe erfassen, lässt sich die spezielle blaue Farbe digital sehr einfach entfernen oder bearbeiten.
Non-Photo Blue Pencils sind also ein praktisches Werkzeug für die Anfangsphasen des kreativen Prozesses, insbesondere bei Arbeiten, die später gescannt, kopiert oder digital bearbeitet werden sollen. Sie ermöglichen eine freiere und weniger einschränkende Skizzierung.
Häufige Fragen zu Non-Photo Blue Pencils
Basierend auf den Informationen lassen sich einige häufig gestellte Fragen beantworten:
Was sind die Vorteile von blauen Stiften (Non-Photo Blue)?
Non-Photo Blue Pencils bieten Künstlern ein vielseitiges Werkzeug für vorläufige Skizzen, Planungen und Markierungen in Kunstwerken. Der zusätzliche Vorteil ist die einfache Entfernung oder Verdeckung der Linien in den finalen Phasen des kreativen Prozesses.
Wofür wird ein Non-Photo Blue Pencil verwendet?
Non-Photo Blue Pencils werden häufig für Skizzen und Unterzeichnungen in den Anfangsphasen der Kunsterstellung verwendet. Die hellblaue Farbe ermöglicht es Künstlern, Skizzen zu erstellen, ohne sich Sorgen machen zu müssen, dass die Linien im fertigen Werk erscheinen, und sie sind leicht radierbar.

Warum verwenden Künstler Non-Photo Blue Pencils?
Sie sind leicht zu bearbeiten oder mit Tusche zu überarbeiten, da die blauen Linien spätere Schichten von Tusche oder Bleistift nicht beeinträchtigen. Sie sind ideal für Änderungen und das Hinzufügen finaler Linien. Künstler können mit Tusche darüber zeichnen, wissend, dass nur die getuschten Linien in Reproduktionen sichtbar sein werden.
Die Blue Pencil Session für Autoren
Ein dritter, ebenfalls im kreativen Bereich angesiedelter Kontext, ist die "Blue Pencil Session" im Zusammenhang mit dem Schreiben und Lektorieren. Hierbei handelt es sich um eine spezielle Art von Veranstaltung oder Dienstleistung, die Autoren professionelles Feedback zu ihren Texten bietet.
Was ist eine Blue Pencil Session?
Eine Blue Pencil Session gibt lokalen Autoren die Möglichkeit, professionellen Rat zu ihrem Schreibprojekt zu erhalten. Autoren können ein Schreibprojekt von bis zu 2500 Wörtern einreichen und werden dann einem professionellen Lektor oder Editor zugeteilt, oft von Organisationen wie "Editors BC" (ein Verband von Lektoren und Editoren in British Columbia, Kanada).
Der Lektor oder Editor erstellt einen Bericht über die eingereichte Arbeit und trifft sich dann mit dem Autor, um diesen Bericht und das Manuskript zu besprechen. Der Name "Blue Pencil" spielt hier auf die traditionelle Arbeit des Lektors an, der früher oft mit einem blauen Stift Korrekturen und Anmerkungen auf Manuskripten vornahm. Es symbolisiert das professionelle Lektorat und die Überarbeitung.
Details und Voraussetzungen einer Blue Pencil Session
Solche Sitzungen sind oft als einmaliger Service für Autoren gedacht. Es gibt spezifische Kriterien für die Teilnahme:
- Berechtigung: Oft prioritär für Autoren aus einer bestimmten Region (z.B. Surrey-basierte Autoren im genannten Beispiel), wobei bei Verfügbarkeit auch Autoren aus anderen Gemeinden zugelassen werden können.
- Alter: Teilnehmer müssen in der Regel 18 Jahre oder älter sein.
- Einreichung: Die Länge des eingereichten Textes ist begrenzt (z.B. bis zu 2500 Wörter).
- Textarten: Bestimmte Textarten werden möglicherweise nicht akzeptiert, wie z.B. Gedichte, Drehbücher oder akademische Arbeiten.
- Inhaltliche Kriterien: Veranstalter behalten sich das Recht vor, Einreichungen abzulehnen, wenn sie Hass oder Vorurteile enthalten.
- Teilnahmehistorie: Oft sind ehemalige Teilnehmer nicht erneut teilnahmeberechtigt, um möglichst vielen Autoren die Chance zu geben.
- Anmeldung und Einreichung: Es gibt klare Anweisungen für die Registrierung und die rechtzeitige Einreichung des Schreibprojekts, oft mehrere Wochen vor der Sitzung.
Die Sitzungen selbst können online stattfinden, beispielsweise über Plattformen wie Microsoft Teams. Dafür benötigen die Teilnehmer die entsprechende technische Ausstattung (Computer mit Mikrofon/Webcam oder Smartphone/Tablet) und eine E-Mail-Adresse für die Registrierung und Kommunikation. Es ist ein wertvolles Angebot für Autoren, die konstruktives Feedback von erfahrenen Fachleuten suchen.
Zusammenfassung der Blue Pencil Konzepte
Wie wir gesehen haben, verbindet der Begriff "Blue Pencil" drei sehr unterschiedliche Konzepte:
- Der Blue Pencil Test im Recht: Eine gedankliche Methode zur Prüfung der Teilbarkeit und Teilwirksamkeit von Vertragsklauseln, insbesondere in AGB.
- Der Non-Photo Blue Pencil in der Kunst: Ein spezieller Stift, dessen Markierungen beim Scannen oder Kopieren (früher) nicht erschienen und der heute wegen seiner leichten Radierbarkeit und Tusche-Kompatibilität geschätzt wird.
- Die Blue Pencil Session im Schreiben: Eine professionelle Feedback-Sitzung, bei der Autoren von Lektoren Ratschläge zu ihrem Manuskript erhalten.
Alle drei Konzepte nutzen die Idee des "blauen Stifts" als Symbol – sei es für das gedankliche Streichen unwirksamer Teile, für Linien, die unsichtbar bleiben, oder für die traditionelle Arbeit des Lektors. Es zeigt, wie ein einfacher Gegenstand oder eine Farbe zu einem vielfältigen Symbol in ganz unterschiedlichen Bereichen werden kann.
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