08/05/2024
Die Zeugen Jehovas sind eine Religionsgemeinschaft, die weltweit für ihren Glauben und ihre Praktiken bekannt ist, insbesondere durch ihren Predigtdienst von Tür zu Tür oder an öffentlichen Plätzen. Ihre Lehren basieren ausschließlich auf ihrer Interpretation der Bibel, genauer gesagt, der von ihnen verwendeten „Neue-Welt-Übersetzung“. Dieses Fundament prägt nicht nur ihre Gottesdienste und ihren Glauben an Jehova Gott und Jesus Christus, sondern auch sehr konkret das tägliche Leben ihrer Mitglieder durch eine Reihe von Regeln und Verboten, die weitreichende Auswirkungen auf persönliche Entscheidungen, soziale Beziehungen und die Teilhabe an der Gesellschaft haben können.

Die Geschichte der Zeugen Jehovas begann im späten 19. Jahrhundert mit Charles Taze Russell. Er gründete 1870 eine Bibelstudiengruppe, die sich zunächst „Ernste Bibelforscher“ nannte. Russell widmete sich vollständig seiner religiösen Tätigkeit und nutzte auch finanzielle Mittel aus dem Verkauf seiner Geschäftsanteile, um 1879 die Zeitschrift „Zion's Watch Tower and Herald of Christ's Presence“ zu gründen, den heutigen „Der Wachtturm“. Zur Herstellung und zum Vertrieb dieser Schriften gründete er die Wachtturm-Gesellschaft. Die Umbenennung in „Jehovas Zeugen“ erfolgte 1931, basierend auf den Bibelversen in Jesaja 43, Vers 10 und 11. Das theokratische Prinzip, bei dem Gott Jehova der alleinige Befehlshaber ist, wurde unter Russells Nachfolger Joseph Franklin Rutherford etabliert. Die oberste Leitungsinstanz ist heute die „Leitende Körperschaft“ in New York City, die als „treuer und verständiger Sklave“ die Lehren auslegt, denen sich alle Zeugen Jehovas unterordnen müssen. Diese theokratische Struktur ohne demokratische Elemente bestimmt maßgeblich die Regeln für die Gemeinschaft.
Regeln und Verbote im täglichen Leben
Die Lebens- und Verhaltensregeln der Zeugen Jehovas sind vielfältig und greifen tief in den Alltag der Mitglieder ein. Sie leiten sich aus der Bibelauslegung der Leitenden Körperschaft ab und werden als Gottes Wille betrachtet, dem gefolgt werden muss, um Gottes Gunst zu erhalten und die Hoffnung auf ein Leben im Paradies zu wahren.
Keine Feiertage und Geburtstage
Eine der bekanntesten Regeln ist die Ablehnung vieler traditioneller Feiertage. Zeugen Jehovas feiern weder Weihnachten noch Ostern. Diese Feste werden als heidnischen Ursprungs betrachtet und nicht als biblisch begründet angesehen, da die Bibel beispielsweise keinen Hinweis auf das genaue Geburtsdatum Jesu gibt und nicht dazu auffordert, dieses zu feiern. Auch Geburtstage werden aus ähnlichen Gründen nicht gefeiert. Das wichtigste jährliche Ereignis ist das Abendmahl zum Gedenken an den Tod Jesu Christi.
Haltung zu Gesundheit und Medizin
Im Bereich Gesundheit gibt es ebenfalls strenge Regeln. Am bekanntesten ist die Ablehnung von Bluttransfusionen. Zeugen Jehovas glauben, dass Blut Jehova gehört und daher nicht zu sich genommen werden darf. Dieses Verbot erstreckt sich auch auf den Verzehr von Blut, wie etwa in Blutwurst. Bei medizinischen Notfällen, die eine Bluttransfusion erfordern, suchen Zeugen Jehovas nach alternativen Behandlungsmethoden, die ohne Vollblut auskommen. Im Gegensatz dazu ist die Entscheidung für eine Impfung jedem Zeugen Jehovas selbst überlassen, und viele haben sich impfen lassen, was zeigt, dass sie keine Impfgegner sind.
Der Konsum von Tabak und Drogen, mit Ausnahme von Alkohol in Maßen, ist bei Zeugen Jehovas verboten. Dies wird als schädlich für den Körper und somit als respektlos gegenüber Gott angesehen.
Politische Neutralität und Militärdienst
Zeugen Jehovas legen großen Wert auf politische Neutralität. Sie dulden zwar die Autorität des Staates, beteiligen sich jedoch nicht aktiv an politischen Prozessen. Dies bedeutet, dass sie nicht wählen gehen, kein politisches Amt bekleiden, nicht an Demonstrationen teilnehmen und patriotische Handlungen meiden. Sie entsagen in jeder Hinsicht dem Militärdienst. Ihre Loyalität gilt allein dem Königreich Christi. Diese Haltung hat in der Vergangenheit und Gegenwart zu Verfolgung und Inhaftierung in verschiedenen Ländern geführt, unter anderem während der Zeit des Nationalsozialismus und in der DDR sowie aktuell in Russland, Singapur, Eritrea, Tadschikistan und Turkmenistan.
Regeln für Beziehungen und Moral
Auch für persönliche Beziehungen und Moralvorstellungen gibt es klare Richtlinien. Zeugen Jehovas werden ermuntert, keine Ehe mit „Andersgläubigen“ zu schließen. Die Ehe gilt als heilig, und der einzige schriftgemäße Scheidungsgrund wird als „Hurerei“ (sexuelle Unmoral) betrachtet.

Sex vor der Ehe, einschließlich Petting, gilt als schweres Vergehen vor Gott und ist tabu. Homosexualität wird von Zeugen Jehovas auf Grundlage ihrer Bibelauslegung abgelehnt. Freundschaften mit praktizierenden Homosexuellen können als problematisch angesehen werden, wie in einem persönlichen Bericht beschrieben wird, in dem die Gemeinschaft Druck ausübt, eine solche Freundschaft zu beenden.
Es wird auch geraten, Freundschaften „in der Welt“, also mit Menschen außerhalb der Gemeinschaft, zu überprüfen und gegebenenfalls zu reduzieren. Die Gemeinschaft der Zeugen Jehovas bietet ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl und soll die primäre soziale Familie darstellen.
Verhalten und Unterhaltung
Ein Leitgedanke ist, in allem zu prüfen, ob es Gott gefällt. Dies beeinflusst auch die Wahl der Unterhaltung und kulturellen Aktivitäten. Bestimmte Kunstformen oder Veranstaltungen, die als unmoralisch oder satanisch angesehen werden, können gemieden werden. Ein Beispiel aus dem Text ist die Warnung vor dem Besuch der Oper „Carmen“ wegen angeblicher „satanischer Unzucht“. Dieses ständige Gerede von lauernder Unmoral und süßer Verlockung Satans kann bei Mitgliedern ein Gefühl der ständigen Schuld hervorrufen.
Anforderungen an die Mitgliedschaft
Zeuge Jehovas ist man ganz oder gar nicht. Passive Mitglieder sind nicht geduldet. Jedes Mitglied wird ermuntert, ein aktiver „Verkünder“ zu sein und regelmäßig Zeit für den Predigtdienst aufzuwenden. Im Durchschnitt opfert jeder Gläubige laut Text 17 Stunden im Monat für die Missionierung, sei es von Tür zu Tür oder an öffentlichen Plätzen mit den Zeitschriften „Wachtturm“ und „Erwachet“. Diese Tätigkeit ist ein zentraler Bestandteil des Lebens als Zeuge Jehovas.
Kritik an den Lehren oder Anweisungen der Leitenden Körperschaft wird innerhalb der Gemeinschaft nicht geförd und kann zu Problemen führen. Mitglieder werden ermutigt, die Auslegungen des „treuen und verständigen Sklaven“ anzunehmen, selbst wenn persönliche Bedenken bestehen, wie im Bericht des Aussteigers beschrieben wird, der eine „Kammer des geheimen Denkens“ einrichtete, um widersprüchliche Gedanken zu deponieren.
Die Konsequenzen des Verlassens
Ein Austritt aus der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas hat oft schwerwiegende soziale Folgen. Der soziale Umgang mit ausgetretenen oder ausgeschlossenen Mitgliedern ist anderen Zeugen Jehovas weitgehend untersagt. Dies bedeutet, dass jemand, der die Gemeinschaft verlässt, meist sein gesamtes soziales Umfeld verliert. Ausgenommen von dieser Regel sind in der Regel Familienmitglieder im direkten Haushalt, auch wenn die Beziehung oft angespannt sein kann. Der im Text beschriebene persönliche Bericht zeigt eindrücklich, wie eine Freundschaft mit einer Zeugin Jehovas nach dem Austritt abrupt endete.
Die Gemeinschaft bietet ein starkes Gefühl der Zugehörigkeit und Unterstützung. Für Menschen, die sich einsam fühlen oder nach Halt suchen, kann dies sehr attraktiv sein. Doch der Preis dafür ist die strikte Einhaltung der Regeln und die Akzeptanz der von der Leitenden Körperschaft vorgegebenen Lebensweise, was die persönliche Freiheit stark einschränken kann.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Q: Feiern Zeugen Jehovas Weihnachten oder Ostern?
A: Nein, Zeugen Jehovas feiern weder Weihnachten noch Ostern, da sie diese als heidnische Feste betrachten, die nicht in der Bibel begründet sind. Auch Geburtstage werden nicht gefeiert.
Q: Dürfen Zeugen Jehovas Bluttransfusionen annehmen?
A: Nein, Zeugen Jehovas lehnen Bluttransfusionen ab, da sie glauben, dass Blut Jehova gehört und nicht zu sich genommen werden darf. Sie suchen nach alternativen medizinischen Behandlungen.
Q: Beteiligen sich Zeugen Jehovas politisch?
A: Nein, Zeugen Jehovas sind politisch neutral. Sie wählen nicht, bekleiden keine politischen Ämter und leisten keinen Militärdienst.
Q: Ist Sex vor der Ehe bei Zeugen Jehovas erlaubt?
A: Nein, Sex vor der Ehe, einschließlich Petting, gilt als schweres Vergehen vor Gott und ist verboten.
Q: Dürfen Zeugen Jehovas rauchen oder Drogen konsumieren?
A: Nein, der Konsum von Tabak und Drogen (außer Alkohol in Maßen) ist verboten.
Q: Was passiert, wenn jemand Zeugen Jehovas verlässt?
A: Der soziale Umgang mit ausgetretenen oder ausgeschlossenen Mitgliedern ist anderen Zeugen Jehovas meist untersagt, was oft zum Verlust des sozialen Umfelds innerhalb der Gemeinschaft führt, mit Ausnahme von Familienmitgliedern im direkten Haushalt.
Q: Wie erkennen Zeugen Jehovas andere Zeugen oder machen auf sich aufmerksam?
A: Zeugen Jehovas sind bekannt für ihren Predigtdienst von Tür zu Tür oder an öffentlichen Plätzen, bei dem sie ihre Zeitschriften „Der Wachtturm“ und „Erwachet“ verbreiten.

Q: Wie viele Mitglieder haben Zeugen Jehovas weltweit und in Deutschland?
A: Laut eigenen Angaben gab es 2023 weltweit über 8,5 Millionen „Verkünder“ und rund 170.000 in Deutschland.
Q: Gibt es prominente Zeugen Jehovas?
A: Ja, zu den Prominenten, die als Mitglieder genannt werden, gehören unter anderem Serena Williams, Michael Jackson und Cliff Richard. Oliver Pocher war ebenfalls Mitglied, ist aber ausgetreten.
Struktur und Organisation
Die Organisation der Zeugen Jehovas ist streng hierarchisch aufgebaut. An der Spitze steht Jesus Christus, der die „Leitende Körperschaft“ durch den Heiligen Geist führt. Diese Körperschaft interpretiert die Bibel und gibt die Regeln vor. Die weltweiten Aktivitäten, einschließlich der Produktion und des Vertriebs von Literatur, werden von den Zentralen gesteuert, wie zum Beispiel dem Hauptquartier in New York City. Die „Bethelfamilie“ besteht aus Personen, die Vollzeit in den Produktionsstätten und Büros arbeiten und dafür Unterkunft, Verpflegung und ein kleines Taschengeld erhalten. Vor Ort sind die Mitglieder in Versammlungen organisiert, deren Zusammenkünfte in sogenannten Königreichssälen stattfinden. Funktionäre in den Versammlungen, wie die Ältesten, werden von den Zweigbüros eingesetzt, nicht von den Mitgliedern gewählt.
Die theokratische Ausrichtung bedeutet, dass die Organisation als von Gott regiert betrachtet wird, was wenig Raum für individuelle Abweichungen oder Kritik lässt. Die theokratische Predigtdienstschule dient der Schulung der Mitglieder in der Rhetorik, um sie zu effektiven Predigern zu machen.
Schriften und Lehren
Die Grundlage des Glaubens ist die Bibel in ihrer „Neue-Welt-Übersetzung“, die sie als allein gültige Wahrheit ansehen. Lehren, die ihrer Interpretation widersprechen, wie die Evolutionstheorie, werden abgelehnt. Sie glauben nicht an eine unsterbliche Seele für alle Menschen oder ein ewiges Höllenfeuer. Stattdessen glauben sie, dass 144.000 treue Menschen unsterbliches Leben im Himmel erhalten werden, um nach Armageddon über die treuen Überlebenden auf der Erde zu herrschen. Andere christliche Kirchen bezeichnen sie ihrerseits als „Sekten der Christenheit“.
Die Schriften, insbesondere die Zeitschriften „Der Wachtturm“ und „Erwachet“, spielen eine zentrale Rolle bei der Verbreitung ihrer Lehren und der Festigung des Glaubens innerhalb der Gemeinschaft. „Der Wachtturm“ ist mit einer weltweiten Auflage von 93 Millionen pro Ausgabe in über 400 Sprachen eine der auflagenstärksten Zeitschriften der Welt. Der Online-Auftritt ist in fast 1000 Sprachen verfügbar.
Das Leben als Zeuge Jehovas ist stark durch die Regeln und Erwartungen der Gemeinschaft geprägt. Es bietet ein starkes Gefühl der Zugehörigkeit und einen klaren Lebensweg, erfordert aber auch die Bereitschaft, persönliche Freiheiten einzuschränken und sich den Vorgaben der Leitenden Körperschaft unterzuordnen. Die Entscheidung, Teil dieser Gemeinschaft zu sein, ist eine Entscheidung für ein Leben, das sich deutlich von dem vieler anderer Menschen unterscheidet und sowohl tiefe Gemeinschaft als auch strenge Selbstdisziplin bedeutet.
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