Der Federkielstift: Schreiben wie einst

03/11/2022

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Wenn wir heute an Stifte denken, fallen uns sofort Kugelschreiber, Bleistifte oder vielleicht Füllfederhalter ein. Doch über viele Jahrhunderte hinweg war ein ganz anderes Schreibgerät das Mittel der Wahl: der Federkielstift. Auf die Frage, wie man einen Stift nennt, der aus einer Feder besteht, lautet die Antwort schlicht: Federkielstift oder kurz Federkiel.

Wie nennt man einen Stift, der aus einer Feder besteht?
Eine Schreibfeder ist ein Schreibgerät, das aus einer gemauserten Schwungfeder (vorzugsweise einer Schwungfeder) eines großen Vogels hergestellt wird. Federkiele wurden zum Schreiben mit Tinte verwendet, bevor Federhalter/Metallfederhalter, Füllfederhalter und schließlich Kugelschreiber erfunden wurden.

Diese eleganten Schreibwerkzeuge, die aus den Schwungfedern von Vögeln gefertigt wurden, prägten das Schriftbild ganzer Epochen. Von mittelalterlichen Manuskripten bis hin zu historischen Dokumenten wie der Magna Carta oder der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung – der Federkiel war allgegenwärtig. Er war nicht nur ein Werkzeug, sondern ein Symbol für Bildung und Gelehrsamkeit.

Übersicht

Was ist ein Federkielstift?

Ein Federkielstift ist im Grunde die gereinigte und zugeschnittene Schwungfeder eines großen Vogels. Der hohle Schaft der Feder, der sogenannte Calamus, dient als kleines Reservoir für Tinte. Durch einen feinen Schlitz, der in die Spitze geschnitten wird – die sogenannte Federzunge oder Spitze –, fließt die Tinte durch Kapillarwirkung zur Schreibfläche. Dieser einfache, aber geniale Mechanismus ermöglichte ein kontrolliertes Schreiben, das mit früheren Schreibgeräten wie Schilfrohrfedern nicht in dieser Feinheit möglich war.

Die Herstellung eines Federkiels war ein Handwerk für sich. Zuerst musste die Feder vorbereitet werden. Dies beinhaltete oft das Härten des Schafts, beispielsweise durch Erhitzen in heißer Asche oder Eintauchen in eine Alaunlösung. Dieser Prozess machte den Schaft widerstandsfähiger und weniger anfällig für Verformungen durch die Tinte. Anschließend wurde die Spitze mit einem speziellen Messer, dem Federkielmesser, zugeschnitten und der charakteristische Schlitz eingeschnitten. Dieser Zuschnitt musste präzise erfolgen, um eine gute Tintenführung und die gewünschte Strichstärke zu gewährleisten.

Woher kamen die Federn?

Die Qualität eines Federkiels hing stark von der Art der verwendeten Feder ab. Die besten Federn stammten von großen Vögeln und wurden vorzugsweise während der jährlichen Mauser gesammelt. Die kräftigsten Federn waren die primären Schwungfedern.

Am häufigsten wurden Gänsefedern verwendet. Sie waren relativ leicht erhältlich und boten eine gute Balance zwischen Flexibilität und Haltbarkeit. Für größere Schrift oder spezielle Effekte griffen Schreiber zu Federn von Schwänen, die größer und kräftiger waren, aber auch seltener und teurer.

Neben Gans und Schwan fanden auch Federn anderer Vögel Verwendung, je nach Verfügbarkeit, gewünschter Linienqualität und Stärke der Feder. Dazu gehörten Federn von Krähen (besonders geschätzt für feine Arbeiten wie Buchhaltung), Adlern, Eulen, Truthähnen und Falken. Interessanterweise konnten von einem Vogel in der Regel nur etwa 10 bis 12 Federn von wirklich guter Qualität für die Herstellung von Schreibkielen gewonnen werden.

Entgegen der weit verbreiteten Darstellung, wie man sie oft in Filmen sieht, wurden die Federn für den Schreibgebrauch meist stark bearbeitet. Die seitlichen Fahnen (die Barben) wurden in der Regel vollständig oder größtenteils entfernt. Dies diente nicht nur der Praktikabilität – eine Feder mit voller Fahne wäre beim Schreiben unhandlich und würde die Sichtlinie behindern –, sondern war auch historisch korrekt. Abbildungen von Schreibern aus dem Mittelalter zeigen fast immer Federkiele ohne oder mit nur wenigen Barben. Die dekorativen, voll befiederten Kiele sind eher eine Erfindung späterer Zeiten oder Hollywoods.

Die Geschichte des Federkiels

Der Federkielstift war eine Weiterentwicklung der älteren Schilfrohrfeder, die ihren Ursprung im alten Ägypten hatte. Ab dem 6. Jahrhundert n. Chr. setzte sich der Federkiel in den barbarischen Königreichen Europas als primäres Schreibgerät durch und dominierte die Szene bis ins 19. Jahrhundert.

Einer der Hauptgründe für den Erfolg des Federkiels in Europa war seine hervorragende Kompatibilität mit Pergament und Vellum, den damals gebräuchlichsten Schreibmaterialien. Auf diesen tierischen Häuten ließen sich mit einem gut zugeschnittenen Federkiel feinere und kontrolliertere Linien erzielen als mit einer Schilfrohrfeder.

Während der Federkiel in Europa die Ära des Schreibens prägte, blieb in großen Teilen des Nahen Ostens und der islamischen Welt die Schilfrohrfeder das bevorzugte Werkzeug. Dies zeigt, dass die Wahl des Schreibgeräts auch stark von kulturellen Traditionen und der Verfügbarkeit von Materialien abhängen konnte.

Der Niedergang des Federkiels begann mit der Erfindung und Massenproduktion der Metallfeder. Schon 1822 begann John Mitchell in Birmingham, England, mit der industriellen Fertigung von Stahlfedern, die in spezielle Halter gesteckt wurden. Diese Metallfedern waren langlebiger, mussten seltener gespitzt werden und waren einfacher in der Handhabung als Federkiele. Mit der Zeit verdrängten sie den Federkiel fast vollständig vom Markt.

Verwendung des Federkiels im Wandel der Zeit

Die Hauptaufgabe des Federkiels war natürlich das Schreiben. Von der Erstellung religiöser Texte in Klöstern über die Anfertigung offizieller Dokumente bis hin zur persönlichen Korrespondenz – der Federkiel war das unverzichtbare Werkzeug. Berühmte Dokumente der Weltgeschichte, wie die bereits erwähnte Magna Carta oder die amerikanische Unabhängigkeitserklärung, wurden mit Federkielen verfasst. Der amerikanische Präsident Thomas Jefferson züchtete sogar speziell Gänse auf seinem Anwesen Monticello, um seinen erheblichen Bedarf an Federkielen zu decken.

Neben dem reinen Textschreiben wurden Federkiele auch für andere Zwecke in Manuskripten verwendet, wie z. B. für das Zeichnen von Figuren oder das Anfertigen von Verzierungen. Allerdings zogen viele Illuminatoren und Maler für feinere Arbeiten oft Pinsel vor.

Die Fähigkeit, mit einem Federkiel unterschiedliche Strichstärken und -formen zu erzeugen, hing stark vom Können des Schreibers ab. Anfänglich, in der mittelalterlichen Schrift, war die Spitze eher quadratisch geschnitten und relativ starr, ähnlich wie bei modernen Bandzugfedern. Später, mit der Zunahme der Schreibpraxis und der Entwicklung von Schriften wie der Kupferstecher- oder Schreibschrift im 17. Jahrhundert, wurden die Federspitzen spitzer und flexibler zugeschnitten, um feine Haarlinien und kräftige Abstriche zu ermöglichen. Dies erforderte eine hohe Fertigkeit in der Kalligraphie.

Wie heißen Stifte mit Federn?
Daher werden „ Federhalter “ nicht unbedingt getaucht; viele Illustratoren nennen sie Federhalter. Federhalter mit auswechselbaren Metallfedern kamen im frühen 19. Jahrhundert auf und ersetzten Federkiele und in einigen Teilen der Welt auch Rohrfedern.

Interessanterweise fanden Federkiele auch außerhalb des Schreibens Verwendung. Vom 17. bis 19. Jahrhundert wurden die hohlen Schäfte als Zündröhrchen, gefüllt mit Schwarzpulver, für Kanonen verwendet.

Auch in der Musikwelt spielten Federkiele eine Rolle. Sie wurden, und werden teilweise heute noch, als Plektren für Tasteninstrumente wie das Cembalo verwendet. Dafür wurden vorzugsweise die Schäfte der Schwungfedern von Rabenvögeln genutzt.

Das Federkielmesser

Ein wichtiges Werkzeug im Umgang mit Federkielen war das Federkielmesser. Dieses spezielle Messer wurde zum Zuschneiden und regelmäßigen Nachschärfen der Federzunge verwendet. Da die Spitze beim Schreiben verschleißt, musste sie immer wieder neu geformt und geschärft werden, ein Vorgang, der als „Dressieren“ oder „Richten“ bezeichnet wurde.

Mit dem Aufkommen der Metallfeder ab den 1820er Jahren verloren die Federkielmesser an Bedeutung als reines Schreibwerkzeug. Sie entwickelten sich zu allgemeinen Schreibtischmessern oder Brieföffnern. Später wurde der Begriff „Penknife“ (Stiftmesser) gebräuchlich, auch wenn die ursprünglichen Federkielmesser eine spezielle Klingenform hatten – meist auf einer Seite flach und auf der anderen konvex –, um die runden Schnitte zum Formen der Feder zu erleichtern. Moderne „Penknives“ haben in der Regel zwei flache Klingenseiten, und der historische Unterschied ist heute oft unbekannt.

Der Federkiel heute

Auch wenn der Federkielstift im Alltag kaum noch anzutreffen ist, hat er seine Bedeutung nicht völlig verloren. Er wird heute vor allem von professionellen Schreibern, Kalligraphen und Hobbyisten geschätzt. Für diese Zwecke werden Federkiele weiterhin hergestellt, oft in traditioneller Handarbeit.

Einige moderne Interpretationen des Federkiels integrieren Metallspitzen oder sogar Kugelschreiberminen in den Federschaft, um die Notwendigkeit eines separaten Tintenfasses zu umgehen. Dies sind jedoch eher dekorative oder hybride Formen und keine echten Federkiele im historischen Sinne.

In einigen Bereichen lebt die Tradition des Federkiels fort. So werden beispielsweise im US Supreme Court bei jeder Sitzung 20 Gänsefederkiele an den Anwaltstischen bereitgelegt – eine Tradition, die bis zu den Anfängen des Gerichts zurückreicht. Die meisten Anwälte, die oft nur einmal vor dem Gericht erscheinen, nehmen die Kiele gerne als Souvenir mit nach Hause.

Auch in der jüdischen Tradition werden Federkiele, bekannt als Kulmus, weiterhin von Sofrim (Schreibern) verwendet, um Torarollen, Mesusot und Tefillin zu schreiben.

Vergleich: Federkiel vs. Metallfeder

MerkmalFederkielMetallfeder
MaterialVogelfeder (Schaft)Metall (Stahl, Gold etc.)
TintenreservoirHohler Federschaft (klein)Kein eigenes Reservoir; benötigt Tintenfass oder Patronen/Konverter (bei Füllfederhaltern)
Haltbarkeit der SpitzeBegrenzt, muss regelmäßig nachgespitzt werdenSehr haltbar, kaum Verschleiß
PflegeaufwandMuss geschnitten/gespitzt werden, Tinte kann Schaft angreifenGeringer, muss nur gereinigt werden
FlexibilitätVariabel je nach Feder und SchnittVariabel je nach Material und Form
Historische Periode der Dominanzca. 6. - 19. JahrhundertAb 19. Jahrhundert bis heute (neben Kugelschreiber etc.)
Kompatibilität mit PergamentSehr gutKann kratzen oder Tinte anders aufnehmen

Häufig gestellte Fragen zum Federkielstift

Wie wird ein Federkielstift hergestellt?
Zuerst wird eine geeignete Schwungfeder (meist Gans oder Schwan) gesammelt und der Schaft gehärtet (z.B. durch Erhitzen oder Alaunbad). Dann wird die Spitze mit einem Federkielmesser zugeschnitten und ein feiner Schlitz eingeschnitten, der die Tintenführung ermöglicht.

Welche Federn sind am besten geeignet?
Traditionell gelten die großen Schwungfedern von Gänsen als am besten für den allgemeinen Gebrauch. Schwanenfedern wurden für größere Schriften verwendet, Krähenfedern für sehr feine Arbeiten.

Wie lange hält ein Federkiel?
Die Spitze eines Federkiels nutzt sich beim Schreiben ab und muss regelmäßig nachgespitzt werden. Ein einzelner Federkiel kann je nach Qualität der Feder und Intensität des Gebrauchs über Stunden oder sogar Tage hinweg verwendet werden, muss aber immer wieder mit dem Messer bearbeitet werden, bis er zu kurz geworden ist.

Muss man einen Federkiel nachschärfen?
Ja, das Nachschärfen der Spitze mit einem Federkielmesser ist essenziell, da die Spitze durch den Kontakt mit dem Schreibmaterial verschleißt. Dies unterscheidet ihn stark von modernen Stiften.

Wird der Federkiel heute noch verwendet?
Ja, hauptsächlich in der professionellen Kalligraphie, von einigen Schreibern für historische Zwecke und in bestimmten traditionellen Kontexten (z.B. jüdische Schriftgelehrte, US Supreme Court).

Der Federkielstift mag ein Relikt vergangener Zeiten sein, doch seine Geschichte und seine Eleganz faszinieren bis heute. Er erinnert uns daran, wie sich das Schreiben und die Werkzeuge dafür im Laufe der Jahrhunderte entwickelt haben und welchen Wert präzises Handwerk einst besaß.

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