04/11/2024
Die Kunstwelt ist reich an ikonischen Figuren und Bewegungen, doch nur wenige haben eine so unmittelbare und lebensfrohe Wirkung wie die sogenannten Nanas von Niki de Saint Phalle. Diese farbenprächtigen, voluminösen und unverkennbar weiblichen Plastiken haben sich tief in das kollektive Gedächtnis eingebrannt und stehen für eine kraftvolle Botschaft von Freiheit, Weiblichkeit und Lebensfreude. Doch was genau verbirgt sich hinter diesen fröhlichen Formen, und welche Geschichte erzählen sie?
Was sind die Nanas und wofür stehen sie?
Die Nanas sind Schöpfungen der französischen Künstlerin Niki de Saint Phalle (1930–2002) und gehören stilistisch zur Pop Art. Sie stellen vielfarbig gestaltete, voluminöse weibliche Körper dar, oft mit überdimensionierten Geschlechtsmerkmalen. Der Begriff „Nana“ selbst stammt aus dem Französischen und ist vieldeutig. Er kann eine moderne, selbstbewusste, erotische oder auch „verruchte“ Frau bezeichnen. Niki de Saint Phalle eignete sich diesen Begriff an, um ihre Vision der Frau zu feiern.

Mit ihren Nanas griff die Künstlerin Mitte der 1960er Jahre Ideen der aufkommenden Frauenbewegung auf. Ihr Ausspruch „Alle Macht den Nanas!“ war ein frühes feministisches Statement in der Kunst. Die Skulpturen sind bewusst lebensbejahend, fröhlich und bunt gestaltet. Oft zeigen sie tanzende oder sich frei bewegende Figuren. Viele Nanas sind überlebensgroß und betonen ihre Fülle und Rundheit auf ungenierte Weise.
Die Nanas stehen symbolisch für eine Vielzahl von Konzepten. An erster Stelle repräsentieren sie Lebenskraft, Weiblichkeit und die freie Gestaltung des Körpers und der Existenz ohne Hemmungen und gesellschaftliche Konventionen. Sie sind gedacht als eine Vereinigung aller Frauen in sich, eine umfassende Reflexion der weiblichen Existenz in all ihrer Vielfalt, Stärke und Schönheit.
Die frühen Nanas und das revolutionäre Projekt „Hon – en katedral“
Ihre überdimensionierten Frauenplastiken stellte Niki de Saint Phalle erstmals im Oktober 1965 in Paris aus und sorgte damit für Aufsehen. Doch schon bald wagte sie sich an noch ehrgeizigere und provokativere Projekte, die das Konzept der Nana auf eine völlig neue Ebene hoben.
Ihre größte „Nana“ realisierte sie 1966 zusammen mit ihrem Partner Jean Tinguely vor dem Moderna Museet in Stockholm. Dieses monumentale Werk trug den Namen „Hon – en katedral“, was auf Schwedisch „Sie – eine Kathedrale“ bedeutet. Es handelte sich um eine 29 Meter lange, liegende Plastik eines Frauenkörpers. Das Besondere an diesem Werk war, dass die Besucher es durch die Vagina betreten und erkunden konnten.
Im Inneren dieser begehbaren Nana befanden sich verschiedene Installationen und Räume: ein Kino, eine Liebesnische im Bein, eine Milchbar in der Brust und eine mechanische Gebärmutter im Bauch. Dieses Werk war nicht nur eine physische Erkundung des weiblichen Körpers, sondern auch ein ironischer Kommentar von Niki de Saint Phalle zum traditionellen Idealbild der Frau. „Hon“ war eine bewusste Provokation und eine Feier der weiblichen Anatomie und ihrer Potenziale, die weit über die konventionellen Darstellungen hinausging.

Die Nanas in Hannover: Protest und Wahrzeichenbildung
Ein besonders bekanntes Kapitel in der Geschichte der Nanas ist ihre Aufstellung in Hannover. Am 14. Januar 1974 wurden drei dieser bunten, voluminösen Nanas aus Polyester am Leibnizufer der Leine aufgestellt. Diese drei Skulpturen erhielten Namen, die an bekannte Frauen aus Hannover erinnern: „Sophie“, „Caroline“ und „Charlotte“.
Die Aufstellung der Nanas in Hannover war alles andere als unumstritten. Sie führte zunächst zu heftigen Proteststürmen in der Bevölkerung. Viele Bürger empfanden die Figuren als zu provokant, zu bunt oder einfach als unpassend für den öffentlichen Raum. Es wurden Tausende von Unterschriften gegen die Aufstellung gesammelt. Die Künstlerin selbst war bei der Aufstellung anwesend und erlebte den lautstarken Widerstand mit.
Niki de Saint Phalle erinnerte sich später, dass dies „das größte politische Ereignis über Kunst in Deutschland“ im Jahr 1974 gewesen sei. Es gab einen „Riesenkrach“, und die Debatte spaltete die Gemüter. Für die Künstlerin war diese heftige Reaktion jedoch auch ein Zeichen dafür, dass Kunst lebendig ist und es sich lohnt, dafür zu kämpfen. Trotz des anfänglichen Widerstands bewirkten die Nanas in Hannover etwas Entscheidendes: Sie stießen die erste breite Diskussion über Kunst im öffentlichen Straßenraum in Deutschland an.
Die Auseinandersetzung mit den Nanas entwickelte sich zu einer intensiven Debatte über die Rolle von Kunst als eine Form der Alltagskultur. Was zunächst Ablehnung hervorrief, wurde im Laufe der Zeit akzeptiert und schließlich sogar geliebt. Die Nanas „Sophie“, „Caroline“ und „Charlotte“ wurden zu einem Wahrzeichen der Stadt Hannover und zum Grundstein der sogenannten Skulpturenmeile Hannover. Sie zeigen eindrucksvoll, wie Kunst zunächst schockieren kann, aber über die Zeit hinweg Akzeptanz findet und identitätsstiftend wirken kann.
Die Künstlerin und ihre Inspiration
Um die Nanas und ihre Botschaft vollständig zu verstehen, ist es hilfreich, einen Blick auf das Leben ihrer Schöpferin Niki de Saint Phalle zu werfen. Sie wuchs in einer wohlhabenden Familie auf, erlebte aber eine schwierige und schmerzhafte Kindheit. Schon früh zeigte sie eine rebellische Natur und ein Interesse an der Rolle der Frau. Sie beschrieb sich selbst als Feministin bereits in jungen Jahren.

Nach einem Nervenzusammenbruch fand sie in der Kunst eine Form der Therapie und des Ausdrucks. Ihre frühen Werke waren oft von Schmerz, Wut und Aggressivität geprägt, insbesondere gegen Männer und gesellschaftliche Konventionen. Eine ihrer bekannten frühen Techniken war das Schießen auf Farbbeutel, die auf Leinwände montiert waren – eine symbolische Geste der Befreiung und des Ausdrucks von aufgestauter Wut.
Die Entwicklung hin zu den fröhlichen, lebensbejahenden Nanas markierte eine Veränderung in ihrem Schaffen, nachdem sie begann, ihre schmerzhafte Vergangenheit aufzuarbeiten. Die Nanas wurden zu Figuren der puren Freude, die die befreite Frau feiern. Sie waren nicht mehr Ausdruck von Wut, sondern von Akzeptanz, Stärke und Glück. Dennoch behielten sie eine subversive Qualität bei, indem sie traditionelle Schönheitsideale und Rollenbilder hinterfragten und die Vielfalt und Kraft des weiblichen Körpers zelebrierten.
Vergleich: Frühe Kunst vs. Nanas
Die künstlerische Reise von Niki de Saint Phalle zeigt eine bemerkenswerte Entwicklung, die stark von ihren persönlichen Erfahrungen geprägt war. Ihre frühen Werke und die Nanas repräsentieren unterschiedliche Phasen und Ausdrucksformen, obwohl sie beide tief in ihrem Engagement für weibliche Themen und der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Normen verwurzelt sind.
| Merkmal | Frühe Werke (z.B. Schießbilder) | Die Nanas |
|---|---|---|
| Ausdrucksform | Aggression, Zerstörung (Schießen auf Farbe) | Freude, Bewegung, Fülle, Farbe |
| Emotionale Grundlage | Schmerz, Wut, Rebellion gegen Gesellschaft und Männer | Lebensbejahung, Befreiung, Feier der Weiblichkeit |
| Darstellung des Körpers | Oft fragmentiert, Ziel von Aggression | Voluminös, ganzheitlich, selbstbewusst, gefeiert |
| Wirkung auf den Betrachter | Konfrontativ, schockierend (im Sinne von Wut) | Einladend, fröhlich, provokativ (im Sinne von Normbruch) |
| Botschaft | Kritik, Auflehnung, Verarbeitung von Trauma | Empowerment, Freiheit, Akzeptanz, „Alle Macht den Nanas!“ |
Dieser Vergleich verdeutlicht, wie die Nanas eine Transformation in Niki de Saint Phalles Kunst darstellten – von der Verarbeitung von Schmerz hin zur Feier von Lebenskraft und Befreiung, ohne jedoch ihre kritische Auseinandersetzung mit weiblichen Rollen und der Gesellschaft aufzugeben.
Häufig gestellte Fragen zu den Nanas
Was bedeutet der Begriff „Nana“?
Der Begriff „Nana“ kommt aus dem Französischen und kann verschiedene Bedeutungen haben, darunter eine moderne, selbstbewusste, erotische oder auch „verruchte“ Frau. Niki de Saint Phalle nutzte ihn, um eine starke und freie Weiblichkeit zu beschreiben und zu feiern.

Wofür stehen die Nanas von Niki de Saint Phalle symbolisch?
Die Nanas stehen symbolisch für Lebenskraft, Weiblichkeit, freie Gestaltung ohne Hemmungen und Konventionen. Sie vereinigen alle Frauen in sich und sind eine umfassende Reflexion der weiblichen Existenz. Sie feiern Fülle, Bewegung, Freude und die Befreiung von traditionellen Rollenbildern.
Wie heißen die drei Nanas in Hannover?
Die drei Nanas, die am Leibnizufer in Hannover aufgestellt sind, heißen „Sophie“, „Caroline“ und „Charlotte“. Sie wurden nach bekannten Frauen aus der Geschichte Hannovers benannt.
Warum waren die Nanas in Hannover zunächst umstritten?
Die Aufstellung der Nanas in Hannover im Jahr 1974 führte zu Protesten, weil viele Bürger die voluminösen, bunten Figuren als zu provokant oder unpassend für den öffentlichen Raum empfanden. Die Debatte über ihre Aufstellung war die erste große öffentliche Diskussion über Kunst im deutschen Straßenraum.
Was war das Besondere an der „Hon – en katedral“ in Stockholm?
„Hon – en katedral“ war eine riesige, liegende Nana, die 1966 in Stockholm ausgestellt wurde. Das Besondere war, dass Besucher das Kunstwerk durch die Vagina betreten und im Inneren verschiedene Räume wie ein Kino, eine Bar oder eine mechanische Gebärmutter erkunden konnten. Es war Niki de Saint Phalles größte Nana und ein starkes Statement zur weiblichen Anatomie und Rolle.
Das bleibende Erbe der Nanas
Die Nanas von Niki de Saint Phalle sind weit mehr als nur bunte Skulpturen. Sie sind kraftvolle Symbole für eine befreite Weiblichkeit, für Lebensfreude und für die Überwindung von Konventionen. Sie haben nicht nur das Werk ihrer Schöpferin geprägt, sondern auch die Diskussion über Kunst im öffentlichen Raum nachhaltig beeinflusst, wie das Beispiel Hannover eindrucksvoll zeigt. Ihre positive Ausstrahlung und ihre tiefere Bedeutung machen sie zu unvergesslichen Figuren der modernen Kunstgeschichte, die bis heute Menschen auf der ganzen Welt begeistern.
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